Die Topeinkommen in der Schweiz seit 1980: Verteilung und Mobilität

N°11, November 2017
Isabel Martinez, Universität St. Gallen

November 7, 2017
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I. Martinez (2017), Die Topeinkommen in der Schweiz seit 1980: Verteilung und Mobilität. Social Change in Switzerland N° 11. Retrieved from http://socialchangeswitzerland.ch

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Zusammenfassung

Seit 20 Jahren steigen die Topeinkommen in der Schweiz. Das Top 1% Prozent der Steurzahlenden verfügt inzwischen über mehr als 10% der gesamteinkommen. Auch die globale Finanzkrise 2008-2009 hat dem weltweiten Aufwärtstrend bei den Topeinkommen keinen Abbruch getan. Besonders ausgeprägt ist der Anstieg unter den Superreichen, dem Top 0.01% oder den 450 reichsten Steuerzahlenden in der Schweiz. Während der Einkommensanteil der Top 10% und auch das Top 1% in der Langfristbetrachtung relativ stabil blieb, zieht das Top 0.01% der Reichsten eindeutig davon. Wenig untersucht ist, wie lange Topverdienende an der Spitze bleiben. Hat die Einkommensmobilität zugenommen, wäre der Anstieg der Ungleichheit zu relativieren. Dieser Beitrag zeigt anhand von AHV-Daten, dass die Einkommensmobilität in den 1980er Jahren zugenommen hat, seit Mitte der 1990er aber stabil geblieben ist. Der beobachtete Anstieg der Ungleichheit wurde also nicht durch grössere Einkommensmobilität kompensiert. Im Ausland geborene Personen machen rund einen Drittel des Top 1% aus. Frauen sind dagegen mit weniger als zehn Prozent im Top 1% stark untervertreten.


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Einleitung

Verteilungsfragen haben weiterhin Hochkonjunktur. Seit der Jahrtausendwende haben sich Ökonomen vermehrt mit Fragen zur Einkommens- und Vermögensungleichheit befasst, am prominentesten Thomas Piketty (2001, 2014). Spätestens seit der Finanzkrise 2008 ist das Thema auch vom politischen Diskurs nicht mehr wegzudenken. Sonst marktliberal geprägte Organisationen wie der IMF oder die OECD haben die wachsende Ungleichheit als Problem für die Gesellschaft und für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum erkannt (vgl. OECD, 2008, 2012, 2015, Ostry et al. 2014). Die Topverdienenden sind dabei vermehrt in den Fokus gerückt. In der Schweiz zeigte sich dies an Volksbegehren wie der Abzocker-Initiative oder der 1:12 Initiative, welche beide auf eine Eindämmung der Top-Saläre abzielten. In Grossbritannien griff man zu einer Boni-Steuer von 50%, und in Frankreich wurde der Steuersatz für Einkommen über 1 Million Euro auf 75% erhöht. Gleichzeitig hat sich in der ökonomischen Forschung eine breite Literatur zur langfristigen Entwicklung der Topeinkommen in verschiedenen Ländern über das letzte Jahrhundert entwickelt (siehe Sammelbände Atkinson und Piketty 2007, 2010, sowie Alvaredo et al. 2017). Darin ist ein Trend hin zu steigender Ungleichheit festzumachen, wenngleich grosse Unterschiede in der Einkommenskonzentration am oberen Ende der Verteilung bestehen bleiben. Absoluter Spitzenreiter unter den entwickelten Volkswirtschaften ist in Punkto Topeinkommen die USA, gefolgt von Grossbritannien und Kanada.

Bisher wenig erforscht ist die Einkommensmobilität der Topverdienenden. Wir wissen, dass die Topeinkommen steigen, aber wie lange kann sich jemand an der Spitze der Einkommenspyramide halten? Hat mit dem Anstieg der Topeinkommen auch die Einkommensmobilität in den Topgruppen zugenommen? Falls dem so ist, hat die Ungleichheit der „Lebenseinkommen“ nicht zwingend zugenommen und Befürchtungen, dass die Reichsten immer weiter abdriften, wären zu relativieren. Mein Beitrag geht dieser Frage auf den Grund. Die Auswertungen basieren auf Daten der AHV-Statistik von 1981 bis 2010 und erlauben erstmals eine gesamtschweizerische Betrachtung der Einkommensmobilität über einen Zeitraum von 30 Jahren. Die Zahlen zeigen, dass die Mobilität in den 1980er Jahren etwas zugenommen hat, seit Mitte der 1990er Jahre jedoch stabil geblieben ist. Einkommensmobilität hat die gestiegene Ungleichheit insbesondere der Topeinkommen also nicht kompensiert. Darüber hinaus lässt sich anhand der AHV-Daten erstmals auch der Frauen- und Ausländeranteil sowie die Bedeutung der Selbständigen unter den Bestverdienenden untersuchen. Frauen sind noch immer stark untervertreten – im Gegensatz zu den im Ausland geborenen Personen. Deren Anteil hat sich seit Ende der 1990er Jahre fast verdoppelt und liegt deutlich über dem Schnitt in der Gesamtbevölkerung.

Es folgt zunächst eine Übersicht zur Entwicklung der Topeinkommen in der Schweiz. Kernstück bilden die Ergebnisse zur Einkommensmobilität in der Schweiz von 1981 bis 2010. Abschliessend wird die Zusammensetzung der Bestverdienenden genauer beleuchtet.

Entwicklung der Top-Einkommen in der Schweiz

In der Schweiz sind die Top-Einkommen in den letzten Jahren weiter angestiegen. Föllmi und Martinez (2016, 2017) zeichnen diese Entwicklung für die Schweiz in der langen Frist nach. Zwar nimmt die Einkommenskonzentration nicht U.S.-amerikanische Ausmasse an, aber der Aufwärtstrend ist auch hierzulande erkennbar. Wissenschaftliche Studien dokumentieren für verschiedene Länder die Entwicklung der Topeinkommen, was Vergleiche möglich macht. Als gängiges Mass wird dabei der Anteil am Gesamteinkommen verwendet, welcher das reichste Prozent der Steuerzahler auf sich vereint. Abbildung 1 zeigt wie diese Gruppe in der Schweiz im internationalen Vergleich in der langen Frist eine erstaunlich stabile Entwicklung aufweist. Das reichste Prozent der Steuerzahler verfügte über die gesamte Zeitspanne durchschnittlich über 9.8% des Gesamteinkommens. Umso interessanter ist, dass sich auch die Schweiz dem jüngsten Aufwärtstrend nicht entziehen konnte. Dieser Aufwärtstrend ist besonders ausgeprägt unter den Superreichen, dem Top 0.01% oder den 450 reichsten Steuerzahlern (Abbildung 2). Während die Top 10% und auch das Top 1% in der Langfristbetrachtung noch eine relativ stabile Entwicklung aufzeigen, zieht das Top 0.01% der Reichsten eindeutig davon. Dasselbe Phänomen lässt sich auch in den USA und sogar in Frankreich beobachten (vgl. Godechot 2012).

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Neben der Entwicklung der Gesamteinkommen aus Steuerdaten, welche auch Kapitaleinkommen aus Dividenden oder bewirtschafteten Immobilien enthalten, interessiert insbesondere auch die Entwicklung der Arbeitseinkommen. Letztere bilden für die grosse Mehrheit der Bevölkerung die Haupteinnahmequelle. In den USA haben Einkommen aus Arbeit unter den Top-Einkommensbezügern an Bedeutung gewonnen. Wie Abbildung 3 zeigt, sind auch in der Schweiz die Einkommen des Top 1% und Top 0.1% der aller Arbeitnehmenden und Selbständigen seit den 1990er Jahren angestiegen. Das bestbezahlte Prozent der Arbeitskräfte bezog 2010 8% aller AHV-pflichtigen Arbeitseinkommen. Der Anstieg der Topeinkommen zeigt sich auch an der Schwelle, welche man überschreiten muss, um zum Top 1% zu gehören. 2010 brauchte man dazu ein Bruttoeinkommen von 315’000 CHF. 1981 waren es erst 123’000 CHF, was im Jahr 2010 inflationsbereinigt 214’000 CHF entsprochen hätte.

Als Gründe für den Anstieg der Topeinkommen werden in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur verschiedene Faktoren diskutiert, beispielsweise tiefere Steuern auf hohe Einkommen (Piketty, Saez, Stantcheva, 2014), technologischer Wandel und der damit verbundene Anstieg der durchschnittlichen Firmengrösse, was Spitzentalente und Topverdienende besonders bevorteilt (Gabaix und Landier, 2008), grössere Märkte dank der zunehmenden Globalisierung (Mankiw 2013), oder der Einfluss der Vergütungspraktiken einzelner Branchen wie dem Finanzsektor (Godechot 2012). Über den einen, ausschlaggebenden Faktor sind sich Ökonomen uneinig, und wahrscheinlich spielen alle diese Einflüsse gemeinsam eine Rolle.

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Einkommensmobilität: Wie lange halten sich Topverdienende an der Spitze?

Die beschriebene Entwicklung der Topeinkommen in der Schweiz bietet jeweils eine Momentaufnahme der Ungleichheit. Topeinkommensanteile und auch andere Ungleichheitsmasse, wie der häufig verwendete Gini-Index messen jeweils die Verteilung zu einem bestimmten Zeitpunkt. Werden sie jährlich gemessen, sagen sie zwar etwas darüber aus, wie sich die höchsten Einkommen im Verhältnis zu allen Einkommen im Laufe der Zeit entwickelt haben. Wie sich aber die Einkommen einzelner Individuen über die Zeit entwickeln, verraten diese Zahlen nicht. So bleibt unklar, ob es jedes Jahr dieselben Personen unter das Top 1% schaffen, oder ob sich diese Gruppe von Spitzenverdienenden jedes Jahr neu zusammensetzt – wie die wechselnde Kundschaft in einem Luxushotel.

Eine Analyse der Entwicklung der Ungleichheit in der Schweiz sollte deshalb auch diese Entwicklungen auf der individuellen Ebene, die Einkommensmobilität, messen. Wenn in der gleichen Zeit, in welcher die jährliche Einkommenskonzentration zugenommen hat, auch die Wahrscheinlichkeit, es einmal unter die Top 1% zu schaffen, gestiegen ist, bleibt die Verteilung der „Lebenseinkommen“ unter Umständen unverändert. Die gestiegenen jährlichen Topeinkommen wären in diesem Falle Ausdruck eines höheren Einkommensrisikos für Topverdienende. Vielleicht haben sich Wirtschaft und Arbeitsmarkt so verändert und beschleunigt, dass Spitzenverdienende in ihren Positionen auf dem Schleudersitz und nicht im bequemen Chefsessel sitzen. Die extrem hohen Einkommen wären ihnen im Gegenzug nur noch über einen begrenzten Zeitraum sicher.

Ein gebräuchliches Mass für die Einkommensmobilität an der Spitze der Verteilung ist die Verbleiberate in einer bestimmten Einkommensgruppe nach beispielsweise 5 Jahren. Je geringer die Persistenz in einer Gruppe ausfällt, umso höher ist die Mobilität. Abbildung 4 zeigt den Anteil der Topverdienenden, die sich auch nach mehreren Jahren erneut unter den Top 1% befinden[1]. Rund 80% der Topverdienenden eines Jahres finden sich auch im Folgejahr wieder unter den Top 1%. Bei den Top 10% sind es gar 90%. Über die Zeit nimmt die Wahrscheinlichkeit, wieder an der Spitze der Verteilung aufzutauchen, ab. Von jenen, die im Jahr 2000 unter den Top 1% waren, finden sich 10 Jahre später 37% in dieser Einkommensgruppe wieder (dabei muss eine Person nicht durchgehend unter den Top 1% gewesen sein). In den 1980er Jahren lag dieser Wert noch über 40%. Die Einkommensmobilität hat im Verlauf der 1980er Jahre also zugenommen, insbesondre in der langen Frist über 10 oder 15 Jahre. Seit Ende der 1990er Jahre, also seit dem beobachteten Anstieg der Topeinkommen, ist sie jedoch stabil geblieben.

Für Frauen war die Verbleibedauer unter den Top 1% stets unterdurchschnittlich. Dieselben Gründe, die dazu führen, dass der Frauenanteil unter den Top 1% tief ist,  verringern auch die Wahrscheinlichkeit, länger im Top 1% zu bleiben: Teilzeitpensen, Familienarbeit und Erwerbsunterbrüche sowie die Wahl bestimmter Berufsfelder. Durch den Anstieg der Mobilität insbesondere in den 1980er Jahren ist dieser Geschlechterunterschied zwar zurückgegangen, gänzlich verschwunden ist er jedoch nicht.

Aufgrund unterschiedlicher Datengrundlagen und Einkommenskonzepte sind Mobilitätsmasse nur bedingt über Länder hinweg vergleichbar. Typisch sind jedoch folgende Merkmale: Die Mobilität ist am oberen und unteren Ende der Verteilung am geringsten. Dabei ist sie in der Regel am unteren Ende der Verteilung höher als bei den Topeinkommen. Der Aufstieg von ganz unten ist also wahrscheinlicher als der Fall von ganz oben. Und: Ein wesentlicher Anstieg der Mobilität in jüngerer Zeit konnte bisher in keiner der langfristig angelegten Studien festgestellt werden (vgl. Jäntti und Jenkins, 2015; Garnero et al., 2016).

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Die hier betrachteten Mobilitätsmasse beschränken sich auf die Arbeitseinkommen einzelner Personen. Das Haushaltseinkommen, wie wir es beispielsweise mit Steuerdaten messen, umfasst daneben auch Kapitaleinkünfte und Sozialtransfers sowie das Einkommen des Ehepartners.  Haushalte mit hohen Arbeitseinkommen erzielen in der Regel auch höhere Kapitaleinkünfte, und auch das Einkommen der Ehepartner ist positiv korreliert. In einer Untersuchung mit Steuerdaten des Kantons Zürich findet Moser (2013), dass 47% des  Top 1% aller Steuerpflichtigen von 2001 auch 2010 in derselben Gruppe auftauchen (ohne Berücksichtigung von Vermögen). Dieser Wert liegt 10 Prozentpunkte höher als der mit AHV-Daten gemessene Wert für denselben Zeitraum. Die Literatur deutet darauf hin, dass die Schweiz im internationalen Vergleich keine höheren Mobilitätsraten aufweist.

Einkommensmobilität und Ungleichheit

Wie stark Einkommensmobilität die Ungleichheit in der Schweiz reduziert, kann mit Hilfe des Gini-Index gemessen werden. Ein (hypothetischer) Gini-Index von 1 bedeutet maximale Ungleichheit: eine Person in der Gesellschaft verfügt über das gesamte Einkommen, alle anderen haben ein Einkommen von Null. Haben alle dasselbe Einkommen, existiert dagegen keine Einkommensungleichheit und der Gini-Index beträgt 0. Werden statt des jährlichen Einkommens die Durchschnittseinkommen derselben Person gemittelt über 3 oder 5 Jahre als Grundlage für die Berechnung des Gini-Index verwendet, fallen ausserordentlich hohe oder ausserordentlich geringe Einkommen eines Jahres weniger ins Gewicht. Einkommensschwankungen, welche aufgrund eines einmaligen Bonus oder wegen Erwerbsausfällen während einer Weiterbildung entstehen, werden so geglättet und über mehrere Jahre verteilt. Abbildung 5 zeigt Gini-Indizes basierend auf jährlichen, 3- und 5-jährigen Durchschnittseinkommen. Wie erwartet fällt der Gini-Index der Bruttolöhne so um etwa 8% respektive 12%. Über mehrere Jahre gemessen, fällt die Ungleichheit also tiefer aus. Dem Anstieg der Ungleichheit konnte die Einkommensmobilität allerdings nicht entgegenwirken. So stieg der Gini-Index der über 5 Jahre gemittelten AHV-Löhne von 1981 bis 2010 um 9% an[2].

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Wer sind die Topverdienenden in der Schweiz?

Ins Top 1% schaffte es 2010, wer ein Bruttoeinkommen von 315’000 CHF erzielte, fürs Top 10% reichten 126’000 CHF. Bisher war wenig bekannt darüber, wer diese Topverdienenden in Bezug auf persönliche Merkmale wie Geschlecht oder Nationalität sind. Da in den Steuerstatistiken ein Steuerzahler nicht zwingend eine Einzelperson ist, sondern dahinter auch ein gemeinsam besteuertes Ehepaar stehen kann, sind Steuerdaten nicht geeignet, um beispielsweise Geschlechterunterschiede zu untersuchen. Anhand von Daten aus der AHV-Statistik ist es erstmals möglich aufzuzeigen, wie sich die Gruppe der Topverdienenden zusammensetzt.

Das augenfälligste Resultat ist, dass Frauen unter den Bestbezahlten 10% und mehr noch unter den Top 1% stark untervertreten sind. Obwohl Frauen 2010 insgesamt rund 46% der aktiven Beschäftigten in der AHV-Statistik ausmachten, lag ihr Anteil unter den Top 10% gerade einmal bei 14% (Abbildung 6). Zwar ist der Frauenanteil unter den Top 10% über die Zeit gestiegen, lag er in den 1980er Jahren noch bei mageren 8%. In höheren Rängen der Einkommensverteilung sind Frauen jedoch noch stärker untervertreten und konnten auch kaum an Terrain gewinnen. So waren 2010 unter den Top 0.1% (das entspricht den bestbezahlten 4’300 Beschäftigten) nur gerade 4.2% Frauen. In anderen Worten kommen auf jede weibliche Topverdienerin 24 männliche Topverdiener. Die Gründe für die geringe Anzahl Frauen im Topeinkommenssegment sind vielseitig und werden in der Literatur breit diskutiert[3].

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Ein anderes Bild zeigt sich beim Anteil der im Ausland geborenen Beschäftigten an der Spitze der Einkommenspyramide. Diese waren im Vergleich zu Ihrem Anteil in der Grundgesamtheit der AHV-Pflichtigen stets gut vertreten. Seit Ende der 1990er Jahre ist jedoch ein klarer Anstieg zu beobachten. Im Gegensatz zu den Frauen, ist der Anstieg bei den höchsten Einkommensklassen mit Abstand am stärksten. So waren 2010 40% der Bestverdienenden 0.1% Personen, welche im Ausland geboren sind (Abbildung 7). Insgesamt waren im selben Jahr nur 26% der Beschäftigten im Ausland geboren. In diesen Zahlen spiegelt sich die starke internationale Ausrichtung der Schweizer Wirtschaft in den letzten 20 Jahren. Die Schweiz beheimatet 36 multinationale Unternehmen. Gemessen an der Bevölkerung und damit an der Grösse der Volkswirtschaft, erreichen nur die Niederlande eine ähnlich hohe Zahl. Hinzu kommt eine grosse Anzahl ausländischer Unternehmen und Statusgesellschaften (Holding-, Domizil- und gemischte  Gesellschaften) mit Sitz in der Schweiz. Diese erhöhen die Nachfrage nach ausländischen Fachkräften. Gleichzeitig macht das traditionell günstige Steuerklima die Schweiz zu einem attraktiven Standort für gutqualifizierte ausländische Arbeitskräfte[4].

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Schlussfolgerungen

Der jüngste Anstieg der Einkommensungleichheit geht vor allem auf den Anstieg der Löhne bei den Bestbezahlten zurück. Dieser Anstieg wurde nicht durch eine erhöhte Einkommensmobilität kompensiert. Rund 80% der Top 1% sind auch nach einem Jahr noch in dieser Gruppe. Nach 10 Jahren finden sich 37% unter den Top 1% wieder. So ist denn auch die Ungleichheit der über mehrere Jahre gemittelten Einkommen gestiegen. Weiter zeigt die Auswertung der AHV-Statistik, dass Frauen in den Topgruppen stark untervertreten sind. Obwohl 46% der aktiven Beschäftigten weiblich sind, lag 2010 der Frauenanteil im Top 1% unter 10%. Überproportional vertreten sind im Ausland geborene Personen: Sie stellen einen Drittel aller Top 1% dar.

Lange Zeit sahen Ökonomen Einkommensungleichheit als notwendiges Übel, um die Wirtschaft in Schwung zu halten. Ungleichheit schaffte in ihren Augen die nötigen Anreize, sich durch harte Arbeit selber einmal vom sprichwörtlichen Tellerwäscher zum Millionär hochzuarbeiten. Einkommensungleichheit geht in dieser Sicht jedoch Hand in Hand mit der Einkommensmobilität (Garnero et al. 2016). Inzwischen hat die Ungleichheit – und insbesondere die Konzentration der Topeinkommen – Ausmasse erreicht, welche auch unter Ökonomen die Debatte um Effizienz und Verteilung neu belebt hat.

 

[1] Bedingung ist nicht, dass sie sich in jedem dazwischenliegenden Jahr auch unter den Top 1% befinden. Diese Konvention hat sich in der Literatur verbreitet, weil in anderen Ländern nicht immer für jedes Jahr Daten zur Verfügung stehen.

[2] In der AHV-Statistik ist es nicht möglich, für Teilzeitpensen zu korrigieren. Ein Teil des Anstiegs im Gini-Index der Bruttolöhne dürfte deshalb auch auf die Zunahme der Teilzeitarbeit zurückzuführen sein.

[3] In der Literatur werden verschiedene Gründe für die Untervertretung von Frauen in Top-Positionen diskutiert: Karriere-Unterbrüche wegen Familiengründung, vermehrte Teilzeitarbeit, die Wahl bestimmter Berufe oder Branchen, geschlechterspezifische Einstellungen gegenüber Wettbewerb am Arbeitsplatz (Niederle und Vesterlund, 2007) und die Gestaltung des Auswahlverfahrens, soziale Netzwerkeffekte (Ginalski, 2016; Ioannides und Datcher Loury, 2004), sowie (unterbewusste) Voreingenommenheit, welche bei Einstellungsverfahren Männer bevorzugt (Goldin und Rouse, 2000).

[4]Auch Selbständige sind unter den Topeinkommensbeziehenden sehr gut vertreten. Über den gesamten Zeitraum hinweg lag ihr Anteil unter den bestverdienenden 5% bei 20%, und damit doppelt so hoch wie in der Grundgesamtheit der Beschäftigten. Beim Top 1% und Top 0.1% liegen die Anteile noch höher, allerdings ist dort ein Abwärtstrend zu beobachten. Dieser begann 1997, just dem Jahr, in welchem die Unternehmenssteuerreform I angenommen wurde. Die Vermutung liegt nahe, dass ein Teil der sehr erfolgreichen ehemals Selbständigen durch eine Änderung der Rechtsform, z.B. zu einer AG, zumindest formell in die abhängige Beschäftigung übergegangen ist. Für Berufsgruppen wie Ärzte und Rechtsanwälte scheint es dafür zumindest anekdotische Evidenz zu geben.

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