Die Entwicklung der Einkommensungleichheit in der Schweiz

N°2, Oktober 2015
Ursina Kuhn & Christian Suter. FORS und Universität Neuchâtel

October 7, 2015
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U. Kuhn & Ch. Suter (2015), Die Entwicklung der Einkommensungleichheit in der Schweiz. Social Change in Switzerland N° 2. Retrieved from http://socialchangeswitzerland.ch

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Zusammenfassung

In den letzten Jahren untersuchten mehrere Studien die Einkommensungleichheit in der Schweiz. Diese Studien kamen jeweils zu widersprüchlichen Ergebnissen, da sie sich auf unterschiedliche und meist kurze Zeitspannen bezogen und auf unterschiedlichen Datenquellen beruhten. Dieser Beitrag beschreibt die Entwicklung der Einkommensungleichheit in der Schweiz während einer Zeitspanne von über zwanzig Jahren und verwendet alle repräsentativen Datenquellen in der Schweiz, welche Informationen über das Einkommen enthalten: sieben nationale Studien sowie die Steuerdaten. Es handelt sich folglich um die bisher umfassendste Analyse der Einkommensungleichheit seit 1990
Die Studie zeigt, dass im Jahre 2012 das Ausmass der Ungleichheit auf einem ähnlichen Niveau wie zu Beginn der 1990er Jahre lag. Zwischen diesen zwei Zeitpunkten verlief die Einkommensungleichheit parallel zur wirtschaftlichen Konjunktur. In Zeiten der Hochkonjunktur stieg die Ungleichheit an; der Graben zwischen den hohen und den niedrigen Einkommen wurde immer grösser. Dies ist dadurch zu erklären, dass die Topverdiener von Kapitaleinkommen und Boni profitierten. Andererseits wurden die Einkommen der ärmeren Haushalte in den Krisenjahren von der Sozialpolitik gestützt, vor allem durch die Arbeitslosenversicherung, die Sozialhilfe sowie durch Altersrenten.
Die Gegenüberstellung der Verteilung der Löhne und des Haushaltseinkommens bringt eine interessante Erkenntnis: Die Einkommensungleichheit steigt durch die starke Zunahme der hohen Löhne und der Teilzeitstellen an. Zugleich reduziert jedoch die gestiegene Erwerbstätigkeit der Frauen die Einkommensungleichheit. Vergleicht man jedoch die Löhne der Top 10% mit dem Durchschnittslohn, erkennt man, dass sich die Unterschiede zwischen 1994 und 2012 verschärft haben. Während die tiefen und mittleren Reallöhne im Schnitt um 18% angestiegen sind, hat bei den Top 10% der Reallohn um 41% zugenommen.


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Einleitung

Die Analyse der Einkommensungleichheit ist ein zentrales Forschungsthema der Soziologie und Ökonomie. In den meisten Ländern hat die Schere zwischen Arm und Reich seit 1970 zugenommen (vgl. insbesondere Salverda et al. 2014, Nolan et al. 2014). Dies führte zu kontroversen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Debatten. Überraschenderweise ist über die Einkommensungleichheit in der Schweiz vergleichsweise wenig bekannt.

In diesem Beitrag betrachten wir die Entwicklung der Einkommensungleichheit in der Schweiz von 1990 bis 2012. Wir fokussieren erstens auf das verfügbare Haushaltseinkommen, das den materiellen Lebensstandard misst. Zweitens betrachten wir die individuellen Erwerbseinkommen, da die Löhne die wichtigste Einkommensquelle darstellen. In vielen Ländern hat die Lohnungleichheit in den letzten Jahren zugenommen. Erklärt wird dies u.a. mit der Auslagerung und dem Abbau von Stellen für wenig Qualifizierte im Gefolge der Globalisierung oder wegen des technologischen Fortschritts. Dies habe zu einem Druck auf die Entlohnung von unqualifizierter Arbeit geführt, während gleichzeitig die hohen Einkommen überdurchschnittlich gewachsen sind. Weniger klar ist in der Forschung hingegen der Einfluss der (De-) Regulierung des Arbeitsmarktes auf die Lohnungleichheit.

Für die Verteilung der Haushaltseinkommen spielen neben den Lohnunterschieden viele weitere Faktoren eine Rolle. Deshalb kann die Ungleichheit der verfügbaren Haushaltseinkommen einer anderen Entwicklung folgen als die individuelle Lohnungleichheit. Insbesondere spielt eine grosse Rolle, wer wie lange arbeitet. So hat zum Beispiel die zunehmende Arbeitstätigkeit der Frauen meist einen ausgleichenden Effekt auf die Verteilung der Haushaltseinkommen (Harkness 2013). Daneben beeinflussen auch die Alterung der Bevölkerung, die Haushaltsstruktur (z.B. mehr Einpersonenhaushalte und Alleinerziehende), sowie die Umverteilung durch Steuern, Renten und Sozialversicherungen die Verteilung der Haushaltseinkommen. Bisher wurde der Einfluss dieser Faktoren in der Schweiz kaum untersucht.

Trotz des weltweiten Trends zu einer höheren Einkommensungleichheit gibt es grosse Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern. In der Schweiz ist die Ungleichheit sowohl beim Arbeitseinkommen als auch beim Haushaltseinkommen leicht unterdurchschnittlich (OECD 2008 und 2011). Die grossen länderübergreifenden Studien enthalten aber keine Angaben zur Ungleichheitsentwicklung in der Schweiz (z.B. OECD 2008 und 2011, Salverda et al. 2014, Nolan et al. 2014). Zwar betrachten verschiedene Beiträge die Veränderungen in der Schweiz, sie beziehen sich aber meist auf kurze Zeitspannen und unterschiedliche Datenquellen, was zu teilweise widersprüchlichen Aussagen führt und einen Überblick erschwert.

Die längste verfügbare Zeitreihe zur Einkommensungleichheit in der Schweiz bezieht sich auf den Einkommensanteil der Reichsten 0.1 bis 10 Prozent seit 1933 anhand von Steuerdaten (Dell et al. 2007 und Föllmi und Martinez 2013). In dieser historischen Perspektive zeigt sich für die Schweiz insgesamt eine hohe und stabile Ungleichheit, da der 2. Weltkrieg die Einkommens- und Vermögenstruktur relativ wenig verändert hat, die Steuern wenig progressiv und Erbschaftssteuern von geringer Bedeutung sind. In den 1970er Jahren hat die Einkommenskonzentration leicht abgenommen, aber in den 1980er Jahren wieder leicht zugenommen und im Jahr 2007 den höchsten Stand seit 1920 erreicht.

Die meisten Studien zur Einkommensungleichheit in der Schweiz stützen sich auf Steuerdaten (z.B. Buchman und Sacchi 1995, Gorgas und Schaltegger 2014), die auf Steuereinheiten und nicht auf Haushalten basieren, was eine Interpretation schwierig macht. Zudem geben die Steuerdaten keinen Aufschluss zum verfügbaren Haushaltseinkommen. Seit den 1990er Jahren wird für die Messung des Haushaltseinkommens deshalb vermehrt auf Befragungsdaten zurückgegriffen. Während aber Steuerdaten beinahe die ganze Schweizer Bevölkerung abdecken, beruhen Befragungen auf einer Stichprobe von einigen Tausend Haushalten. Insbesondere die sehr hohen Einkommen sind darin ungenügend abgebildet. Die wohl ausführlichste Analyse zur Verteilung der Haushaltseinkommen findet sich in der nationalen Armutsstudie von Leu et al. (1997), die eine Zunahme der Ungleichheit zwischen 1982 und 1992 zeigt (ähnlich auch bei Hischier und Zwicky 1992, Ernst et al. 2000, Zürcher 2004). Während es für die 1990er Jahre kaum Studien gibt (Ausnahme ist Ecoplan 2004), zeigen verschiedene neuere Beiträge eine relativ stabile Einkommensverteilung seit 1998 bzw. 2000 (Ecoplan 2004, Grabka und Kuhn 2012, Bundesamt für Statistik 2014 und2015a).

Verschiedene Forscher haben zudem die Lohnungleichheit in der Schweiz untersucht (z.B. Atkinson 2008, Küng Gugler und Blank 2000, Zürcher 2007). Gemäss diesen Studien hat die Lohnungleichheit in der ersten Hälfte der 1990er Jahre leicht abgenommen, ist in der zweiten Hälfte aber wieder gestiegen. Seit 2000 sind die Löhne zunehmend ungleicher verteilt, wofür vor allem die hohen Einkommen verantwortlich sind (Föllmi und Martinez 2013).

Daten und Methode

In diesem Beitrag beschränken wir uns im Unterschied zu bisherigen Studien nicht auf eine einzige Datenquelle, sondern vergleichen verschiedene grosse Datensätze systematisch und über 20 Jahre hinweg. Die acht verwendeten Datensätze werden im Anhang kurz beschrieben und verglichen.

Die Datenquellen unterscheiden sich zum Teil stark bezüglich der Art der Befragung, Zeitspanne, Stichprobengrösse, Detaillierungsgrad für Einkommen, Datenaufbereitung und vielem mehr. Deswegen variiert Niveau der Einkommensungleichheit zwischen den Datenquellen kaum verglichen werden. Wenn sich die Einkommensungleichheit in der Schweiz aber verstärkt hat, sollte sich dies in den verschiedenen Datenquellen entsprechend niederschlagen.

Bei den Arbeitseinkommen sind seit den 1990er Jahren mit der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) und der Lohnstrukturerhebung (LSE) relativ konsistente Datenreihen vorhanden. Für die verfügbaren Haushaltseinkommen gibt es hingegen erst ab Ende der 1990 Jahre verlässliche Längsschnittdaten. Die Haushalt Budget Erhebung (HABE) wird seit 1998 regelmässig erhoben, das Schweizer Haushalt-Panel (SHP) seit 1999 und SILC (Statistics on Income and Living Conditions) seit 2007. Um auch die Entwicklung während der 1990er Jahre abzudecken, berücksichtigen wir deshalb neben der einmaligen nationalen Armutsstudie (1992), den Steuerdaten und der Verbrauchserhebung 1990 auch die Angaben der SAKE und der Schweizerischen Gesundheitsbefragung, die allerdings beide auf einer einzige Frage zum Netto-Haushaltseinkommen beruhen.

Neben der Datengrundlage spielt auch die Messung der Einkommensungleichheit eine zentrale Rolle. Zum Beispiel kann sich die Ungleichheit vergrössern, wenn das Einkommen von ärmeren Haushalten sinkt oder von Reichen überdurchschnittlich steigt. Die verschiedenen Ungleichheitsindikatoren tragen solchen Veränderungen unterschiedlich Rechnung. Hier verwenden wir erstens den Gini-Koeffizienten, der das wohl bekannteste Mass für Ungleichheit darstellt. Der Gini-Koeffizient kann zwischen 0 und 1 variieren, wobei 0 eine Gesellschaft mit einer perfekt egalitären Verteilung beschreibt, in der alle über das gleiche Einkommen verfügen und 1 die maximale Ungleichheit angibt. Der Gini-Index ist besonders sensitiv für Veränderungen in der Mitte der Einkommensverteilung. Wenn hingegen die höchsten Einkommen besonders stark ansteigen – was in den letzten Jahren der Fall war –, reagiert der Gini-Index relativ schwach. Zweitens zeigen wir die Einkommensentwicklung für tiefe (niedrigste 10%), mittlere (Median) und hohe Einkommen (top 1%, top 10%), um die Veränderungen besser interpretieren zu können.

Entwicklung der Haushaltseinkommen

Zuerst betrachten wir die Ungleichheit der verfügbaren Haushaltseinkommen. Dafür werden zuerst alle Einkommen aller Haushaltsmitglieder (Arbeitseinkommen, Kapitaleinkommen, Renten, Sozialhilfe, Stipendien und private Transfers) addiert, und Steuern, Beiträge für die Sozialversicherungen und obligatorischen Krankenkassenprämien abgezogen. Um die Einkommen unterschiedlich grosser Haushalte besser vergleichen zu können, analysieren wir Äquivalenzeinkommen gemäss der modifizierten OECD Skala, wie dies in der Ungleichheitsforschung üblich ist.[1] Abbildung 1 zeigt den Gini-Index der verschiedenen Datenquellen. Dabei fallen zuerst die grossen Unterschiede zwischen den Erhebungen auf. Insbesondere zeigen die SAKE und die Steuerdaten systematisch eine grössere Ungleichheit als die anderen Datenquellen, was auf verschiedene Gründe zurückzuführen ist. Beide Erhebungen erfassen die Umverteilungseffekte von Steuern und (subventionierten) Krankenkassenprämien nicht, da sie sich auf das Nettoeinkommen beziehen. Bei der SAKE wurden Messfehler nicht korrigiert und fehlende Werte nicht geschätzt. Die Steuerdaten unterschätzen vor allem tiefe und mittlere Einkommen (z.B. das Medianeinkommen in Tabelle 1). Zudem basieren sie auf Steuereinheiten (Ledige oder Verheiratete), die oft nicht Haushalten entsprechen. Die Einkommensteilung innerhalb der Haushalte wird darum in den Steuerdaten nur beschränkt berücksichtigt (z.B. bei Konkubinatspaaren oder erwachsenen Kindern).

Abb _1

Für die Entwicklung der Einkommensungleichheit sind aber die Unterschiede zwischen den Datenquellen weniger relevant. Interessanterweise verläuft der Gini-Koeffizient parallel zum Wirtschaftszyklus: Die Ungleichheit der verfügbaren Haushaltseinkommen steigt Ende der 1990er Jahre an, geht anfangs des neuen Jahrtausends zurück, nimmt in der zweiten Hälfte der 2000er Jahren bis 2007 wieder zu und verläuft seit der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 relativ stabil oder leicht rückläufig.

Mit Ausnahme der Steuerdaten, zeigt die längerfristige Entwicklung eine relativ stabile Verteilung des verfügbaren Haushaltseinkommens. Das Ausmass der Ungleichheit ist 2012 auf einem ähnlichen Niveau wie zu Beginn der 1990er Jahre. Demgegenüber steigt die Einkommensungleichheit in den Steuerdaten klar an und hat seit 2009 sogar weiter zugenommen. Teilweise liegt dies am überdurchschnittlichen Anstieg extrem hoher Einkommen, die in anderen Datenquellen weniger gut abgebildet sind. Wie Tabelle 1 illustriert, ist das durchschnittliche reale Einkommen (d. h. bereinigt um die Teuerung) des obersten Einkommensdezils (Top 10%) in den Steuerdaten zwischen 1998-2011 um 20% gewachsen, während das Medianeinkommen in der gleichen Zeitperiode nur um 4.4% zugenommen hat. Im Vergleich dazu ist der Median bei der HABE im gleichen Zeitraum um 14.1% angestiegen. Auch seit 2006 wächst das Medianeinkommen in den Befragungsdaten stärker als in den Steuerdaten.[2] Somit tragen nicht nur die Top-Einkommen, sondern auch die Unterschätzung der tiefen Einkommen zur höheren Ungleichheit in den Steuerdaten bei. Da das durchschnittliche Einkommen des obersten Dezils stark von einzelnen hohen Beträgen beeinflusst wird, entwickelt es sich in den verschiedenen Befragungen unterschiedlich. Auch bei den untersten Einkommen gibt es keinen einheitlichen Verlauf.[3] Bedeutend ist aber, dass insgesamt alle Einkommensklassen ein steigendes Einkommen ausweisen. Weder bei den Ärmsten noch bei der Mittelklasse sind sinkende Einkommen zu beobachten.[4] Auch weitere detaillierte Analysen weisen auf eine stabile Einkommensverteilung am unteren Ende der Einkommensverteilung hin (Suter et al, im Erscheinen).

Tabelle _1

Entwicklung der Erwerbseinkommen

Nach dem verfügbaren Haushaltseinkommen betrachten wir die Ungleichheit von individuellen Arbeitseinkommen. Wir vergleichen in Abbildung 2 die Gini-Koeffizienten der Monatslöhne von vier Befragungen: der SAKE, der Lohnstrukturerhebung (LSE), dem SHP und SILC. Bei der LSE zeigen wir zusätzlich die Verteilung der Stundenlöhne.

Auch die Lohnungleichheit wird von der wirtschaftlichen Entwicklung beeinflusst, allerdings ist der Effekt schwächer als bei den Haushaltseinkommen. Im Unterschied zu den Haushaltseinkommen zeigen die Datenquellen aber einen unterschiedlichen zeitlichen Verlauf der Ungleichheit. Während die Personenbefragungen (SAKE, SHP, SILC) eine stabile Entwicklung zeigen, weisen die Daten der LSE eine Zunahme der Lohnungleichheit auf, wie sie auch in vielen anderen Ländern beobachtet wurde.

Abb_2

Wir betrachten zuerst die Lohnverteilung in der LSE genauer. Die LSE ist besonders geeignet um auch die Entwicklung der Stundenlöhne aufzuzeigen, weil sie auf einer viel grösseren Stichprobe beruht und weniger durch Messfehler beeinflusst wird als die Personenbefragungen. Da die Lohnverteilung sowohl von den Stundenlöhnen als auch von der Anzahl Stunden beeinflusst wird, fällt die Ungleichheit der Stundenlöhne tiefer aus als die Ungleichheit der ausbezahlten Monatslöhne. Zwischen 1994 und 2012 ist die Ungleichheit der Stundenlöhne fast so stark angestiegen (um 0.03 Punkte des Gini-Indexes oder 16%) wie die Ungleichheit der Monatslöhne (um 0.05 Punkte des Gini-Indexes oder um 19%). Während der Anstieg der Lohnungleichheit zwischen 2000 und 2006 vor allem mit der vermehrten Teilzeit-Arbeit erklärt werden kann, hat zwischen 2010 und 2012 die Varianz der gearbeiteten Stunden zum ersten Mal abgenommen und so zu einer leicht tieferen Ungleichheit bei den Monatslöhnen geführt. Demgegenüber ist die Ungleichheit bei den Stundenlöhnen vor allem zwischen 2006 und 2008, sowie zwischen 2010 und 2012 stark angestiegen. Da aber die LSE 2012 revidiert wurde, können wir methodische Effekte beim Anstieg zwischen 2010 und 2012 nicht ausschliessen. Um die Zunahme der Lohnungleichheit besser interpretieren zu können, vergleichen wir wieder die Einkommensentwicklung unten, in der Mitte und oben in der Einkommensverteilung. Dabei wurden die Löhne auf ein Vollzeitpensum umgerechnet. Tabelle 2 zeigt, dass erstens die höchsten Löhne überdurchschnittlich gewachsen sind. Zweitens stagnieren die tiefen Löhne real seit 2004. Somit sind sowohl Veränderungen unten als auch oben in der Lohnverteilung für den Anstieg in der Ungleichheit der Stundenlöhne verantwortlich.

Im Gegensatz zu den Daten der LSE, ist die Lohnungleichheit in den Personenbefragungen (SAKE, SHP, SILC) seit Mitte der 1990er Jahre relativ stabil.Seit 2007 sind die Lohnunterschiede sogar leicht rückläufig. Auch die Stundenlöhne sind in den Personenbefragungen relativ stabil. Eine Zunahme der Lohnungleichheit zwischen 2010 und 2012 wie in der LSE ist nicht festzustellen.

Es gibt verschiedene mögliche Erklärungen für die unterschiedlichen Muster in der LSE einerseits und den Personenbefragungen andererseits, und es ist a priori schwierig zu sagen, welche Datenquelle genauer bzw. weniger fehlerbehaftet ist. Erstens sind Personen, die in der Landwirtschaft, inPrivathaushalten oder in Unternehmen mit weniger als drei Beschäftigten arbeiten, nicht in der LSE enthalten. Zweitens wird der Lohn einer Person mit zwei (Teilzeit-) Jobs als zwei unabhängige Löhne behandelt, was beim Monatslohn zu einer Überschätzung der Lohnungleichheit führt. Durch die Zunahme von Teilzeitarbeit und temporären Beschäftigungen könnte sich dieser Effekt verstärkt haben. Drittens sind in der LSE die extrem hohen Löhne besser abgebildet (grosse Stichprobe, weniger Messfehler, Erfassung von Boni und nicht-monetären Lohnkomponenten).

Tabelle 2 zeigt, dass die steigende Lohnungleichheit in der LSE in der Tat zu einem grossen Teil auf die Entwicklung der Top-Saläre zurückzuführen ist. Zwar sind auch die tiefen und mittleren Reallöhne zwischen 1994 und 2012 um 14-18% angestiegen, bei den Top 10% hat der Reallohn aber um 41% zugenommen und sich für das höchste Prozent sogar mehr als verdoppelt.[5] Zugleich stagnieren die tiefsten Löhne seit 2006.

Tab_2

Schlussfolgerung

Dieser Beitrag vergleicht die Entwicklung der Einkommensungleichheit in der Schweiz von 1990 bis 2012 anhand acht unterschiedlicher Datenquellen. Beim verfügbaren Haushaltsäquivalenzeinkommen zeigen die verschiedenen Befragungen grosse Unterschiede in der Höhe der Einkommensungleichheit. Die Entwicklung über 20 Jahre ergibt hingegen ein kohärentes Bild. Insgesamt ist die Haushaltseinkommensungleichheit aktuell etwa gleich hoch wie Anfang der 1990er Jahre. Allerdings steigt die Einkommensungleichheit in Boomjahren (1998-2001, 2004-2007) an und bleibt in ökonomischen Rezessionen stabil oder geht leicht zurück (Anfangs der 1990er Jahre, 2002-2003, 2008-2009). Dieser Einfluss der Wirtschaftsentwicklung liegt einerseits am ausgleichenden Effekt der Sozialpolitik, die die Einkommen der ärmeren Haushalte in Krisenjahren stabilisiert (durch Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe, aber auch durch Altersrenten, deren Höhe weitgehend unabhängig vom Wirtschaftswachstum ist). Andererseits reagieren sehr hohe Einkommen sensibler auf das Wirtschaftswachstum als tiefe und mittlere Einkommen, da sie stärker von Kapitaleinkommen und Boni bestimmt sind, die direkt mit den Einbrüchen der Aktienmärkte (2002 und 2008) zurückgehen. Zudem gleichen staatliche Sozialleistungen (Sozialhilfe, Arbeitslosenversicherung) Einbussen bei hohen Einkommen nur beschränkt aus.

Anhand der Lohnstrukturerhebung zeigt sich ein klarer Anstieg der Lohnungleichheit von 1994 bis 2008, wozu sowohl mehr Teilzeitarbeit als auch eine grössere Ungleichheit bei den Stundenlöhnen beigetragen haben.

Eine detailliertere Betrachtung zeigt, dass die Verteilung der Löhne und des Haushaltseinkommens am unteren Rand und in der Mitte der Einkommensverteilung relativ stabil geblieben ist. Alle Einkommensklassen konnten ihr Einkommensniveau seit Ende der 1990er Jahren erhöhen. Die Steuerdaten und die Lohnstrukturerhebung illustrieren aber, dass vor allem die hohen Einkommen vom Wirtschaftswachstum profitiert haben und überdurchschnittlich gewachsen sind. Die LSE deutet zudem auf eine Stagnation bei den tiefsten Löhnen seit 2006 hin.

Zugleich zeigen weitere Untersuchungen, dass in den vergangenen Jahren verschiedene Kräfte der steigenden Ungleichheit bei Löhnen und Kapitaleinkommen entgegengewirkt haben. Erstens reduziert die gestiegene Erwerbstätigkeit der Frauen leicht die Ungleichheit der Haushaltseinkommen in der Schweiz (Kuhn et al. 2015). Da zudem Frauen mit gutverdienenden Partnern durchschnittlich ein geringeres Arbeitsvolumen aufweisen als andere Frauen, wird die Ungleichheit der Haushaltseinkommen weiter gedämpft. Zweitens ist die durchschnittliche Haushaltsgrösse in der Schweiz seit 2000 stabil geblieben, während in anderen Ländern (z.B. in Deutschland oder in den USA) Einpersonen- und Alleinerziehendenhaushalte zahlreicher geworden sind (z.B. Daly und Valletta 2006, Peichl et al. 2010). Kleinere Haushalte verstärken die Ungleichheit zwischen den Haushalten, da Einkommen weniger stark zwischen Haushaltsmitgliedern umverteilt werden. Drittens hat die Umverteilung durch Renten, öffentliche Transfers und Steuern über die Zeit leicht zugenommen (BFS 2015, Grabka und Kuhn 2011). Insgesamt führen diese Faktoren zu einer relativ stabilen Ungleichheit der verfügbaren Haushaltseinkommen in der Schweiz und zu einer leicht unterdurchschnittlichen Einkommensungleichheit im internationalen Vergleich. Trotzdem ist zu beachten, dass dieses Urteil anders ausfällt, wenn sehr hohe Einkommen oder Vermögen betrachtet werden, da hier die Schweiz eine hohe Ungleichheit aufweist, die sich im letzten Jahrzehnt weiter verstärkt hat.

 

[1]Die erste erwachsene Person erhält ein Gewicht von 1, Kinder bis 14 Jahre ein Gewicht von 0.3 und alle weiteren erwachsenen Haushaltsmitglieder ein Gewicht von 0.5.

[2] Bei den Steuerdaten wurden die Daten inklusive Einheiten ohne steuerbares Einkommen verwendet, da der Median durch die Unterschätzung der tiefsten Einkommen nicht beeinflusst wird. Bei Ausschluss der Einheiten ohne steuerbares Einkommen, steigt der Median von 1998 bis 2012 um 11.3%.

[3] Das unterste Einkommensdezil ist in der Tabelle 1 aus Platzgründen und aufgrund der teilweise unplausiblen Einkommensentwicklung nicht abgebildet.

[4]Eine Ausnahme sind die Ärmsten 10% in der HABE, deren Einkommen zwischen 2000 und 2006 rückläufig waren (nach einem starken Anstieg zwischen 1998 und 2000).

[5] Die LSE 2012 erfasst die Lohnzusätze detaillierter als in vorhergehenden Jahren, was einen Teil des Anstiegs bei den Top-Löhnen zwischen 2010 und 2012 erklären kann.

*Dieser Beitrag wurde im Rahmen des Nationalfonds-Projekts “Income and wealth inequality, deprivation and wellbeing in Switzerland, 1990-2013” erarbeitet (Projekt 100017_143320). Wir möchten dem Bundesamt für Statistik (BFS) für die Bereitstellung der Daten danken. Diese Studie wurde auch mit den Daten des Schweizer Haushalt-Panels (SHP), das vom Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften FORS geleitet wird, durchgeführt. Zu einem grossen Teil basiert dieser Beitrag auf der umfassenderen Publikation „Considering the various data sources, survey types and indicators: To what extent do conclusions regarding the evolution of income inequality in Switzerland since the early 1990s converge?“, die wir zusammen mit unseren KollegInnen Pascale Gazareth, Eric Crettaz und Laura Ravazzini verfasst haben (Suter et al., im Erscheinen). Wir danken Ihnen sowie Jehane Simona und Gian-Andrea Monsch herzlich für ihre Unterstützung und hilfreichen Kommentare.

Anhang
Übersicht untersuchter Befragungen und Datensätze

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