{"id":1029,"date":"2016-11-24T08:56:35","date_gmt":"2016-11-24T06:56:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=1029"},"modified":"2022-12-23T12:25:26","modified_gmt":"2022-12-23T10:25:26","slug":"frauen-an-der-spitze-schweizerischer-grossunternehmen-eine-historische-analyse-der-geschlechterungleichheiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=1029","title":{"rendered":"Frauen an der Spitze schweizerischer Grossunternehmen: Eine historische Analyse der Geschlechterungleichheiten"},"content":{"rendered":"<h2>Einleitung<\/h2>\n<p>Im Dezember 2015 stellte der Bundesrat ein Projekt vor, dass eine Frauenquote in schweizerischen Unternehmen einf\u00fchren soll [1]. Angestrebt wird ein Frauenanteil von 30% in den Verwaltungsr\u00e4ten und von 20% in den Generaldirektionen. Bereits zwei Jahre zuvor hatte der Bundesrat beschlossen, dass der Frauenanteil in den Verwaltungsr\u00e4ten der bundesnahen Betrieben und Anstalten auf 30% zu erh\u00f6hen sei [2]. Diese unterschiedlichen Vorst\u00f6sse, die sich aus dem betr\u00e4chtlichen R\u00fcckstand der Schweiz bei der Vertretung von Frauen in den h\u00f6chsten Firmenfunktionen erkl\u00e4ren, stiessen auf heftigen Widerstand privatwirtschaftlicher Kreise, die kaum geneigt waren, sich ihr Verhalten von \u00f6ffentlichen Beh\u00f6rden diktieren zu lassen. Auch unter Frauen herrscht in dieser Frage keine Einigkeit: Einige bef\u00fcrchten, dass Quoten ihre Kompetenzen diskreditieren k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Dennoch sprechen sich viele Stimmen f\u00fcr Quoten aus. Entsprechende Normen bestehen bereits in einer Mehrheit der europ\u00e4ischen L\u00e4nder. Sie folgen darin dem Beispiel von Norwegen, das in dieser Frage eine Pionierrolle innehat. H\u00e4ufig wird dabei argumentiert, dass eine gr\u00f6ssere Vielfalt im Verwaltungsrat einer Firma helfen k\u00f6nne, die Leistungsf\u00e4higkeit zu verbessern und damit die Gewinne zu steigern. Das Geschlecht ist dabei nur ein Aspekt einer Problematik, die auch die ethnische Dimension betrifft. Dies ist vor allem in den USA der Fall, wo die Herrschaft einer fast ausschliesslich weissen, m\u00e4nnlichen und protestantischen Wirtschaftselite zunehmend unter Beschuss kommt. Die Problematik der \u00abDiversit\u00e4t\u00bb nimmt zudem einen wichtigen Platz in der akademischen Forschung ein, dies vor allem im Bereich der Betriebswirtschaft (z.B. Campbell &amp; Minguez-Vera 2008; zur Schweiz Ruigrok et al. 2007).<\/p>\n<p>Sowohl die \u00f6ffentlichen als auch die akademischen Debatten \u00fcber die \u00abDiversit\u00e4t\u00bb werfen zwei Hauptprobleme auf. Zun\u00e4chst tragen sie h\u00e4ufig dazu bei, gewisse Stereotypen \u00fcber die Geschlechterunterschiede zu reproduzieren (Due Billing &amp; Alvesson 2000; Landrieux-Kartochian 2005). Dabei handelt es sich um dieselben Stereotypen, welche lange daf\u00fcr verwendet wurden, Frauen von Machtpositionen fernzuhalten. Bezeichnenderweise spricht etwa die Vorstellung, wonach Frauen weniger dazu neigten, Risiken einzugehen oder weniger kompetitiv als M\u00e4nner seien, nun pl\u00f6tzlich f\u00fcr sie. Die Finanzkrise von 2008, die vielfach als die Folge des Verhaltens einer unverantwortlichen und unvorsichtigen m\u00e4nnlichen Elite interpretiert wurde (Pr\u00fcgl 2012), beg\u00fcnstigte diese Kehrtwende. \u00dcberdies beschr\u00e4nkt sich diese Debatte auf den aktuellen Zeitabschnitt und umgeht damit die politischen und historischen Faktoren, welche dazu beigetragen haben, Frauen dauerhaft von Machtpositionen auszuschliessen und dazu gef\u00fchrt haben, Eigenschaften, die als typisch weiblich oder m\u00e4nnlich gelten, sozial zu konstruieren.<\/p>\n<p>Unser Beitrag versucht, diesen Schw\u00e4chen zu begegnen, indem er die Pr\u00e4senz von Frauen in den F\u00fchrungspositionen der 110 gr\u00f6ssten schweizerischen Unternehmen zwischen 1910 und 2010 analysiert. Damit soll die erst in letzter Zeit erfolgte, bescheidene Integration von Frauen in Unternehmensf\u00fchrungen besser verstanden werden. Im Anschluss an die Studien von Eelke Heemskerk und Meindert Fennema (2014) \u00fcber den niederl\u00e4ndischen Fall bezeichne ich diese Integration als eine Form der Demokratisierung der Elite.<\/p>\n<h2>Quellen und Methode<\/h2>\n<p>Diese Studie entstand im Anschluss an ein vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanziertes, vor 10 Jahren begonnenes Forschungsprojekt mit dem Titel \u00abDie schweizerischen Eliten im 20. Jahrhundert \u2013 ein nicht abgeschlossener Differenzierungsprozess?\u00bb.[3] In diesem Rahmen entstand eine Datenbank, welche die wirtschaftlichen, politischen, administrativen und akademischen Eliten w\u00e4hrend sechs Stichjahren im 20. Jahrhundert und zu Beginn des 21. Jahrhunderts erfasst: 1910, 1937, 1957, 1980, 2000 und 2010. Die in diesem Beitrag pr\u00e4sentierten Daten und Analysen st\u00fctzen sich auf diese Datenbank, welche momentan Angaben zu rund 23&#8217;000 Personen enth\u00e4lt und durch verschiedene laufende Forschungsprojekte weiter erg\u00e4nzt wird. [4]<\/p>\n<p>Im Anschluss an die Arbeiten von C. Wright Mills (1969) definieren wir Eliten als die Gesamtheit der Personen, welche dank ihrer Stellung und ihrer Entscheidungsmacht die Entwicklung der Gesellschaft zu beeinflussen verm\u00f6gen. Die Wirtschaftseliten umfassen die Leitungen der 110 gr\u00f6ssten schweizerischen Unternehmen [5] in den sechs ausgew\u00e4hlten Jahren \u2013 bestimmt aufgrund von Umsatz, B\u00f6rsenkapitalisierung und Anzahl der Besch\u00e4ftigten. F\u00fcr jedes Unternehmen und jedes Datum identifizierten wir die Hauptakteure, welche die strategische und operative F\u00fchrung des Unternehmens beeinflussen, das heisst die Mitglieder des Verwaltungsrats und dieGesch\u00e4ftsf\u00fchrer (Generaldirektor und Delegierter des Verwaltungsrats). Schliesslich beruht diese Studie auf der in der Tabelle 1 pr\u00e4sentierten Stichprobe.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Tabelle-1_FINAL.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1034\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Tabelle-1_FINAL.png\" alt=\"tabelle-1_final\" width=\"705\" height=\"186\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Tabelle-1_FINAL.png 705w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Tabelle-1_FINAL-300x79.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 705px) 100vw, 705px\" \/><\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr alle in der oben erw\u00e4hnten Stichprobe erfassten Personen wurden Angaben zum Geschlecht und zur Nationalit\u00e4t in die Datenbank eingegeben. Im \u00dcbrigen wurden vertiefte Forschungen zu den Frauen durchgef\u00fchrt, wobei unterschiedliche Quellen wie das <em>Historische Lexikon der Schweiz<\/em>, die <em>Schweizerischen Geschlechterb\u00fccher<\/em>, Zeitungsartikel und \u2013 f\u00fcr den j\u00fcngsten Zeitabschnitt \u2013 die Webseiten der Unternehmen ausgewertet wurden.<\/p>\n<h2>Ein Jahrhundert des Ausschlusses<\/h2>\n<p>Der Ausschluss der Frauen aus den verschiedenen Sph\u00e4ren der Macht wurde in vielen Studien belegt (f\u00fcr das 20. Jahrhundert, siehe z.B. Duby &amp; Perrot 1992). Im Bereich der Wirtschaft bleibt dieser Ausschluss auch heute noch sehr stark. So ermittelte eine k\u00fcrzlich von der Wirtschaftsberatungsfirma Egon Zehnder (2014) durchgef\u00fchrte Studie den Frauenanteil in den F\u00fchrungsorganen der gr\u00f6ssten Unternehmen in 17 europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Sie sch\u00e4tzt den Durchschnitt auf 20.3%, wobei grosse Unterschieden zwischen den L\u00e4ndern bestehen (vgl. Grafik 1).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Grafik-1_FINAL.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1036\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Grafik-1_FINAL.png\" alt=\"grafik-1_final\" width=\"689\" height=\"535\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Grafik-1_FINAL.png 689w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Grafik-1_FINAL-300x232.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 689px) 100vw, 689px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Um die heutige Lage zu verstehen, ist es notwendig, die historische Entstehung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilungzu untersuchen. Die Industrialisierung begann Mitte des 18. Jahrhunderts in England und dehnte sich ab dem folgenden Jahrhundert auf die sogenannten \u00abentwickelten\u00bb L\u00e4nder aus. Damals entstand eine Trennung von Haushalt und Arbeitsplatz und eine geschlechtsspezifische Rollentrennung. Die bezahlte Arbeit wurde zunehmend zu einer M\u00e4nnerangelegenheit, w\u00e4hrend Frauen auf den Haushalt, auf die unbezahlte Hausarbeit oder auf \u00abzweitrangige\u00bb Anstellungen (Scott 1991: 492) verwiesen wurden. Die Rolle der Hausfrau kristallisierte sich in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts heraus: Die b\u00fcrgerlichen Eliten trugen dazu bei, dass die T\u00e4tigkeiten von Frauen zunehmend auf die Privatsph\u00e4re beschr\u00e4nkt und mit dem weiblichen Geschlecht gewisse Eigenschaften auf Kosten anderer assoziiert wurden. So galt etwa die Sensibilit\u00e4t st\u00e4rker als eine weibliche Qualit\u00e4t als die Intelligenz (Sohn 1992). Selbst wenn die Pr\u00e4senz von Frauen auf dem Arbeitsmarkt nach dem Zweiten Weltkrieg kontinuierlich zunahm, bestand die im vorherigen Jahrhundert errichtete geschlechtsspezifische Arbeitsteilung weiter. Die Frauen fanden sich in erster Linie in gewissen als \u00abweiblich\u00bb angesehen Wirtschaftszweigen oder auf den unteren Hierarchiestufen wieder.<\/p>\n<p>Diesen generellen Tendenzen entging auch die Schweiz nicht: Bis in die 1980er Jahre waren weniger als 2% der Angeh\u00f6rigen der Wirtschaftseliten Frauen (vgl. Tabelle 2). Seit der Jahrhundertwende steigt ihre Pr\u00e4senz in den Verwaltungsr\u00e4ten der Grossunternehmen zwar sichtbar an, bleibt aber nach wie vor schwach. Von den operativen F\u00fchrungspositionen blieben die Frauen \u00fcber den ganzen hier betrachten Zeitraum weitgehend ausgeschlossen. Ihre Lage verbesserte sich im Verlauf des letzten Jahrzehnts nur sehr leicht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Tabelle-2_FINAL.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1037\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Tabelle-2_FINAL.png\" alt=\"tabelle-2_final\" width=\"708\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Tabelle-2_FINAL.png 708w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Tabelle-2_FINAL-300x73.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 708px) 100vw, 708px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Einige besondere Merkmale der Schweiz trugen zu diesem starken Ausschluss von Frauen bei (siehe Mach et al. 2016, Kap. 2). Einmal beruhte die Rekrutierung der Wirtschaftsf\u00fchrer auf einem System der Kooptation, die sich auf eine Logik des \u00abunter-sich\u00bb st\u00fctzt: die bisherigen Mitglieder w\u00e4hlen Personen aus, die denselben sozialen Kategorien angeh\u00f6ren wie sie selbst. Dies geht somit auf Kosten der Frauen, aber auch von Personen mit tieferer sozialer Herkunft. Die Bedeutung des milit\u00e4rischen Rangs in diesem Prozess \u2013 so l\u00e4sst sich eine \u00dcbervertretung von Offizieren in den Wirtschaftseliten beobachten \u2013 stellt ebenfalls ein Hindernis f\u00fcr Frauen dar, da der Milit\u00e4rdienst nur f\u00fcr M\u00e4nner obligatorisch ist. Schliesslich f\u00fchrte die Tatsache, dass die Frauen bis anfangs der 1970er Jahre auf Bundesebene vom aktiven und passiven Wahlrecht ausgeschlossen waren, dazu bei, diese auf die Privatsph\u00e4re einzuschr\u00e4nken.<\/p>\n<h2>Der Familienkapitalismus und die unsichtbare Rolle der Frauen<\/h2>\n<p>Die wenigen Frauen, welche in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhundert Zugang zu den Verwaltungsr\u00e4ten der grossen Schweizer Unternehmen fanden, verf\u00fcgen \u00fcber ein gemeinsames Merkmal: Sie waren alle mit der Familie&nbsp; verbunden, welche die Firma kontrollierte. So geh\u00f6rte beispielsweise 1910 Elise Hoffmann dem Verwaltungsrat der Basler Chemieunternehmung Roche an, die von ihrem Sohn und ihrem Mann gegr\u00fcndet wurde. Als seltenerer Fall leitete Else Selve-Wieland anfangs der 1930er Jahre die Metallfabrik Selve in Thun, dies nach dem Tod ihres Mannes Walther, der das Unternehmen von seinem Vater Gustav Selve (1842-1908) geerbt hatte. Im Allgemeinen geh\u00f6rten aber selbst Frauen, die Anteile der Gesellschaft geerbt hatten, nicht den Entscheidungsorganen der Familienunternehmung an.<\/p>\n<p>Trotz dieser Abwesenheit spielten Frauen eine sehr wichtige Rolle in der Reproduktion des Familienkapitalismus. Diese war aber informeller Natur und ist damit schwierig zu fassen (vgl. zu dieser Frage Nordlund Edvinsson 2016). Einerseits pflegten und entwickelten Frauen aus Unternehmerfamilien die gesellschaftlichen Netzwerke der Familie \u00fcber die Organisation grosser Empf\u00e4nge und philanthropische T\u00e4tigkeiten. Andrerseits trugen sie dazu bei, Allianzen zwischen den Unternehmerdynastien zu schliessen und zu verst\u00e4rken. So heirateten M\u00e4nner aus einflussreichen Familien meistens Frauen desselben sozialen Rangs. Diese \u00abgezielte Heiratspolitik\u00bb (Sarasin 1998, 103) erm\u00f6glichte ihnen gleichzeitig das Familienverm\u00f6gen zu erhalten oder zu vergr\u00f6ssern und den Zusammenhalt ihrer sozialen Gruppe zu bewahren. Veranschaulichen l\u00e4sst sich dies etwa am Beispiel der Heirat von Louis von Planta (1917-2003) und Anne-Marie Ehinger: der Br\u00e4utigam wirkte als Pr\u00e4sident und Delegierter des Verwaltungsrats bei Ciba-Geigy, die Braut war die Tochter von Mathias Ehinger, dem ehemaligen Pr\u00e4sidenten des Verwaltungsrats der Basler Privatbank Ehinger. Diese B\u00fcndnisstrategien spielen eine entscheidende Rolle in der Reproduktion der herrschenden Klasse und erlaubten es auch, im Fall des Fehlens eines m\u00e4nnlichen Erbens die Unternehmung einem Schwiegersohn zu \u00fcbertragen und damit ihren famili\u00e4ren Charakter fortzuf\u00fchren.<\/p>\n<h2>Das Frauenstimmrecht als Wendepunkt<\/h2>\n<p>1971 \u2013 und somit mehr als 120 Jahre nach den M\u00e4nnern \u2013 erhielten die Frauen das aktive und passive Wahlrecht auf Bundesebene (vgl. Studer 1996). Die sp\u00e4te Einf\u00fchrung dieses Grundrechts, namentlich im Vergleich mit den anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, hatte Auswirkungen \u00fcber den politischen Bereich hinaus. So konzentrierten sich die Forderungen der Frauenbewegung bis anfangs der 1970er Jahr auf das Frauenstimmenrecht und vernachl\u00e4ssigten dabei beispielsweise die Sozialgesetzgebung (Schulz 1994). Dies verst\u00e4rkte die Hindernisse, auf welche Frauen auf dem Arbeitsmarkt stiessen. Bekanntlich war die schweizerische Gesetzgebung besonders bei der Unterst\u00fctzung der M\u00fctter im R\u00fcckstand. Die Mutterschaftsversicherung trat erst 2005 in Kraft.<\/p>\n<p>Die Ausdehnung des \u00aballgemeinen\u00bb Stimmrechts auf die Frauen 1971 beg\u00fcnstigte einen Demokratisierungsprozess im Wirtschaftsbereich. Anfangs der 1980er pr\u00e4gen zwei im Vergleich zu den vorherigen Jahrzehnten gewichtige Ver\u00e4nderungen die Pr\u00e4senz von Frauen in den F\u00fchrungsorganen der gr\u00f6ssten Unternehmen: Sie sind zahlreicher und haben ein neues Profil. Namentlich erhielten mehrere aus der politischen Sph\u00e4re stammende und h\u00e4ufig f\u00fcr feministische Anliegen engagierte Frauen Zugang zu Machtpositionen in Unternehmen, die sich nicht im Besitz einer Familie befanden. Dies war etwa bei Annie Dutoit (1909-1999) der Fall, einer Rechtsanw\u00e4ltin, die selbst ihr Studium finanziert hatte. 1968 wurde sie als Mitglied der Liberalen Partei zur ersten weiblichen Pr\u00e4sidentin des Gemeinderats von Lausanne gew\u00e4hlt. 1972 trat sie in den Verwaltungsrat des Warenhauses &#8220;Innovation&#8221; ein und \u00fcbernahm 1979 dessen Pr\u00e4sidium.<\/p>\n<p>Zwar \u00f6ffnete sich die Welt der Grossunternehmen somit langsam f\u00fcr Frauen, doch blieb diese \u00d6ffnung auf einen besonderen Wirtschaftssektor beschr\u00e4nkt: auf Grossverteiler im Detailhandel. In der Tat waren 1980 von den 17 erfassten Frauen 13 wie Annie Dutoit in dieser Branche zu finden. So traten Frauen bei Coop und Jelmoli (damals das gr\u00f6sste Schweizer Unternehmen im Kleiderversandhandel), bei der Union Schweizerische Einkaufsgesellschaft Olten (USEGO \u2013 einer von gewerblichen Detailhandelsfirmen getragene Genossenschaft) in die Verwaltungsr\u00e4te ein. Bei der Migros fanden sich 1980 nicht weniger als f\u00fcnf Frauen im Verwaltungsrat. Die Leitungen dieser Betriebe, deren Zielgruppe ein vorwiegend weibliches Publikum \u2013 die Hausfrauen \u2013 waren, erhofften sich wahrscheinlich, mit der Nomination von Frauen in den Verwaltungsrat ihre Kundinnen besser zu verstehen und so die Profite zu verbessern.<\/p>\n<h2>Die wirtschaftliche Globalisierung und die Erh\u00f6hung der Frauenpr\u00e4senz<\/h2>\n<p>In den 1990er Jahren wurde das schweizerische System der <em>Corporate Governance<\/em> von tiefgreifenden Ver\u00e4nderungen gepr\u00e4gt, die zu einer wachsenden Pr\u00e4senz von Frauen in den Wirtschaftseliten beitrugen. Die Schweiz, die bisher zu den koordinierten Marktwirtschaften geh\u00f6rte, n\u00e4herte sich im Zug der beschleunigten wirtschaftlichen Globalisierung dem liberalen Modell an (David et al. 2015). Der Familienkapitalismus erlebte mit dem Entstehen des Finanzkapitalismus einen gewissen Niedergang (Ginalski 2015). Das Profil der Eliten ver\u00e4nderte sich und nationale Ressourcen, wie ein Offiziersrang, verloren gegen\u00fcber den \u201einternationalen Kompetenzen\u201c an Bedeutung (B\u00fchlmann et al. 2013).<\/p>\n<p>Diese unterschiedlichen Ver\u00e4nderungen trugen dazu bei, den Zusammenhalt der alten Wirtschaftseliten zu schw\u00e4chen und erm\u00f6glichten den Aufstieg neuer, bisher ausgeschlossener Gruppen von Akteuren. In erster Linie profitieren von diesem Prozess die Ausl\u00e4nder: Nachdem diese seit dem Ersten Weltkrieg und bis in die 1980er Jahre jeweils nur 5% der F\u00fchrungspersonen der 110 gr\u00f6ssten schweizerischen Firmen ausmachten, betrug deren Anteil 2010 35.5%. Dennoch gelang es im Zuge dieser Entwicklung auch Frauen, die in den 1970er Jahren geschlagene Bresche zu verbreitern. Es l\u00e4sst sich in den folgenden Jahrzehnten eine kontinuierliche Zunahme von Frauen in den Entscheidungsorganen der gr\u00f6ssten Unternehmen feststellen. Ihr Anteil stieg von 1,9% im Jahr 1980 auf 8,9% im Jahr 2010 (siehe Tabelle 2 weiter oben). Somit hatten 33,6% dieser Firmen mindestens eine Frau im Verwaltungsrat. Zudem blieben die Frauen nun nicht mehr auf den Detailhandelssektor beschr\u00e4nkt (Grafik 2).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Grafik-2_FINAL.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1039\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Grafik-2_FINAL.png\" alt=\"grafik-2_final\" width=\"686\" height=\"424\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Grafik-2_FINAL.png 686w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Grafik-2_FINAL-300x185.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 686px) 100vw, 686px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Generell sind Frauen in den bundesnahen Betrieben des Dienstleistungssektors besser vertreten, da diese Betriebe eher dazu neigen, eine Gleichstellungspolitik einzuf\u00fchren. Der Anteil der Frauen im Verwaltungsrat der Post betr\u00e4gt so heute 33%. Zudem f\u00fchrten einige multinationale Konzerne der Maschinenindustrie, der Chemie oder des Finanzwesens (Banken und Versicherungen) Strategien des <em>Diversity Managements<\/em> ein, welche ebenfalls zu einer Feminisierung der Verwaltungsr\u00e4te beitrugen. \u00c4usserst selten \u00fcbernahmen Frauen sogar den Spitzenposten einer Konzernleitung, so etwa Magdalena Martullo-Blocher (geboren 1969). Sie wurde 2004, nachdem ihr Vater Christoph Blocher anl\u00e4sslich seiner Wahl in den Bundesrat seine Anteile an der Firma seinen vier Kindern verkauft hatte, Generaldirektorin der Ems Chemie. 2016 wurde Monika Ribar (geboren 1951) als erste Frau zur Pr\u00e4sidentin des Verwaltungsrats der SBB gew\u00e4hlt, wo sie Ulrich Gygi folgte. Ihre Nomination stiess intern auf viel Kritik: Trotz ihrer ausgewiesenen Berufserfahrung als Generaldirektorin der Logistik- und Transportgruppe Panalpina gab es Stimmen, die versuchten, Monika Ribar als \u00abQuotenfrau\u00bb zu diskreditieren. Beide Beispiele stellen allerdings Ausnahmen dar, welche die Regel best\u00e4tigen, wonach Frauen im Allgemeinen von solchen Funktionen ausgeschlossen bleiben.<\/p>\n<h2>Schlussfolgerungen<\/h2>\n<p>Auch heute noch stellen die schweizerischen Wirtschaftseliten eine M\u00e4nnerbastion dar, in welcher der Ausschluss von Frauen stark verwurzelt bleibt. Sicher l\u00e4sst sich die Untervertretung von Frauen in den h\u00f6chsten F\u00fchrungsposten des Privatsektors auch jenseits der Schweizer Grenze beobachten (vgl. Blanchard et al. 2009). Doch die Schweiz bleibt besonders stark im R\u00fcckstand. Das anhaltende Fehlen von Frauen an der Spitze der Grossunternehmen erkl\u00e4rt sich teilweise durch historische Faktoren. So spielten die Bedeutung der Armee im Rekrutierungsprozess der Wirtschaftseliten, der auf einem Kooptationssystem beruht und die Tatsache, dass bis anfangs der 1970er Jahre nur die M\u00e4nner das aktive und passive Wahlrecht auf Bundesebene genossen, eine entscheidende Rolle.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des gr\u00f6ssten Teils des 20. Jahrhunderts geh\u00f6rten die wenigen in Verwaltungsr\u00e4ten sitzenden Frauen zu den Besitzerfamilien des Unternehmens. In dieser vom Familienkapitalismus gepr\u00e4gten Periode blieb die wichtigste Rolle der Frauen allerdings auf die Privatsph\u00e4re beschr\u00e4nkt, wo sie als M\u00fctter und Ehefrauen die \u00dcbertragung der Machtfunktionen innerhalb der Firmen sicherstellten. Die Ausdehnung des \u00aballgemeinen\u00bb Stimmrechts auf die Frauen bildete einen Wendepunkt und trug zur Demokratisierung des Machtzugangs in der wirtschaftlichen Sph\u00e4re bei. Seit den 1970er Jahren stiegen mehrere Frauen, die zuvor eine politische Karriere absolviert hatten und f\u00fcr die Sache der Frauen engagiert waren, in die Verwaltungsr\u00e4te von Betrieben ein, die nicht im Familienbesitz waren. Die 1990er Jahren stellten einen weiteren Wendepunkt dar: Der Druck der Globalisierung und Internationalisierung der Wirtschaft stellte das ehemalige Modell der schweizerischen <em>Corporate Governance<\/em> in Frage und erlaubte es den Frauen, die von ihren Vorl\u00e4uferinnen in den 1970er Jahren geschlagene Bresche etwas breiter zu machen. Obschon der Frauenanteil in den Verwaltungsr\u00e4ten Ende des 20.Jahrhunderts bedeutend gestiegen war, blieben Frauen von der Spitze der Konzernleitungen, wo sich die Macht konzentriert, weitgehend ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Im Vergleich zu anderen westlichen L\u00e4ndern, bleibt die Feminisierung der Verwaltungsr\u00e4te in der Schweiz schwach. Die schweizerischen Beh\u00f6rden, der Tradition der staatlichen Nichteinmischung treu bleibend, schlugen erst sp\u00e4t die Einf\u00fchrung von Quoten vor. Die Frage, ob das aktuelle, in diese Richtung gehende Projekt gegen die heftigen Widerst\u00e4nde aus der Privatwirtschaft bestehen kann, bleibt offen. Das Risiko ist hoch, dass die Gleichstellung von M\u00e4nnern und Frauen noch lange nicht erreicht wird.<\/p>\n<p>[1] <a href=\"http:\/\/www.ejpd.admin.ch\/ejpd\/de\/home\/aktuell\/news\/2015\/2015-12-04.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.ejpd.admin.ch\/ejpd\/de\/home\/aktuell\/news\/2015\/2015-12-04.html<\/a><\/p>\n<p>[2] <a href=\"https:\/\/www.admin.ch\/gov\/de\/start\/dokumentation\/medienmitteilungen.msg-id-50856.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.admin.ch\/gov\/de\/start\/dokumentation\/medienmitteilungen.msg-id-50856.html<\/a><\/p>\n<p>[3] Ich danke allen meinen Kollegen, die an diesem Projekt beteiligt waren und besonders Felix B\u00fchlmann, Thomas David, Andr\u00e9 Mach und Pierre Eichenberger f\u00fcr ihre Kommentare zu diesem Beitrag. Mein Dank geht auch an Patricia Pacheco Delacoste f\u00fcr ihre Durchsicht des Beitrags.<\/p>\n<p>[4] F\u00fcr weitere Informationen vgl. die Website des \u00ab&nbsp;Observatoire des \u00e9lites suisses&nbsp;\u00bb (Obelis), zu dem die verschiedenen, in den abgeschlossenen und laufenden Projekten involvierten ForscherInnen zu den schweizerischen Eliten geh\u00f6ren: <a href=\"http:\/\/www.unil.ch\/obelis\/home.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.unil.ch\/obelis\/home<\/a>. Ein Teil der in diesem Beitrag verwendeten Datenbank kann dort abgerufen werden.<\/p>\n<p>[5] F\u00fcr weitere Angaben siehe David et al. (2015: 477-501), wo sich f\u00fcr jedes Jahr eine detaillierte Liste der Unternehmen findet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung Im Dezember 2015 stellte der Bundesrat ein Projekt vor, dass eine Frauenquote in schweizerischen Unternehmen einf\u00fchren soll [1]. Angestrebt wird ein Frauenanteil von 30% in den Verwaltungsr\u00e4ten und von 20% in den Generaldirektionen. Bereits zwei Jahre zuvor hatte der Bundesrat beschlossen, dass der Frauenanteil in den Verwaltungsr\u00e4ten der bundesnahen Betrieben und Anstalten auf 30% [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[19,21],"tags":[],"class_list":["post-1029","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-travail","category-genre"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1029","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1029"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1029\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3404,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1029\/revisions\/3404"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1029"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1029"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1029"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}