{"id":1096,"date":"2017-04-11T07:53:41","date_gmt":"2017-04-11T05:53:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=1096"},"modified":"2024-08-27T14:51:37","modified_gmt":"2024-08-27T12:51:37","slug":"schulische-ungleichheit-in-der-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=1096","title":{"rendered":"Schulische Ungleichheit in der Schweiz"},"content":{"rendered":"<h2>Einleitung<\/h2>\n<p>In demokratischen Gesellschaften hat die Frage nach schulischen Ungleichheiten einen besonderen Stellenwert. Diese Gesellschaften legitimieren sich bekanntlich mit der Idee, dass die soziale Lage jedes Gesellschaftsmitglieds von seinen Kompetenzen, seinem Talent und seinen Verdiensten abh\u00e4ngig ist \u2013 und nicht etwa von seiner Geburt oder Herkunft. Diese Vorstellung nennt man gemeinhin Meritokratie oder Leistungsgesellschaft. Aus dieser Sicht kommt der Schule eine Schl\u00fcsselrolle zu, da sie die Aufgabe hat, die junge Generation auszubilden und die erworbenen F\u00e4higkeiten \u00fcber von ihr ausgestellte Diplome zu bescheinigen. Um ihren Auftrag voll ausf\u00fchren zu k\u00f6nnen und faire Spielregeln zu garantieren, hat sie die Pflicht, allen dieselben Chancen zu geben: Erfolg soll dadurch in erster Linie vom Talent und der Anstrengung jedes Einzeln abh\u00e4ngen \u2013 und nicht von ererbten Faktoren wie den wirtschaftlichen M\u00f6glichkeiten oder dem Bildungsniveau der Herkunftsfamilie (Becker, 2013).<\/p>\n<p>Eine konkrete Auswirkung der Beziehung von Individuen, Schule und Gesellschaft zeigt sich darin, dass heute der Bildungsabschluss in der Schweiz (Korber und Oesch, 2016; Falcon, 2016; Levy et al., 1997), aber auch in den meisten anderen entwickelten L\u00e4ndern (OECD, 2016), ganz wesentlich \u00fcber die soziale Lage und das Lohnniveau bestimmt. Die Frage, nach welchen Bedingungen Schulwissen und Diplome verteilt werden, ist deshalb hochrelevant: R\u00e4umt die Schule allen gleiche Chancen ein? Funktioniert sie gerecht? Erm\u00f6glicht sie es, mit der Geburt verbundene ungleiche Ausgangsbedingungen auszugleichen oder tr\u00e4gt sie umgekehrt dazu bei, diese zu versch\u00e4rfen?<\/p>\n<p>Die Sozialwissenschaften haben diese Fragen aufgegriffen, um die meritokratische Idealvorstellung einem Realit\u00e4tstest zu unterziehen. Dies geschieht \u00fcber eine Analyse der schulischen Ungleichheiten, wobei sie diese als Ungleichheiten zwischen Gruppen und nicht nur zwischen Individuen verstehen (Felouzis, 2014). Im Rahmen dieses Beitrags beschr\u00e4nken wir uns darauf, sozio\u00f6konomische Ungleichheiten zu behandeln. Dabei geht es darum, die Auswirkungen unterschiedlicher Schulsysteme auf diese Chancen zu vergleichen. Aus dieser Sicht ist die Schweiz ein besonders relevanter Fall, weil jeder Kanton sein eigenes Bildungssystem hat. Es ist somit m\u00f6glich zu untersuchen, bis zu welchem Grad der Erwerb eines schulischen Titels von dieser kantonalen Dimension abh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Wir bauen unsere Argumentation in drei Schritten auf. Wir beginnen damit, die Mittel zu definieren, die uns f\u00fcr eine Untersuchung der schulischen Ungleichheiten in der Schweiz zur Verf\u00fcgung stehen. In einem zweiten Schritt verwenden wir Daten aus der zur Schweiz erhobenen \u00aberweiterten Stichprobe\u00bb der PISA-Studie, um die Kantone auf zwei Ebenen zu vergleichen: dem durchschnittlichen schulischen Niveau, das ihre Sch\u00fcler am Ende ihrer obligatorischen Schulzeit erreichen \u2013 und dem Ausmass der je nach der sozio\u00f6konomischen Lage der Herkunftsfamilie bestehenden Ungleichheiten im Bildungserwerb. Danach versuchen wir, das Ausmass der schulischen Ungleichheiten in den Kantonen aus den Merkmalen ihrer Bildungssysteme zu erkl\u00e4ren. Abschliessend stellen wir einige allgemeinere \u00dcberlegungen zur Rolle der Bildungspolitik beim Entstehen schulischer Ungleichheiten an.<\/p>\n<h2>Wie untersucht\/studiert\/erforscht man schulische Ungleichheiten&nbsp;?<\/h2>\n<p>Die Bildungssoziologie machte die Frage nach sozialen Ungleichheiten bereits fr\u00fch zu einem ihrer zentralen Forschungsobjekte. Von den ersten Arbeiten von Coleman (1966) und Jencks (1979) in den USA, \u00fcber diejenigen von Bourdieu und Passeron (1964, 1970) in Frankreich, bis zu den heutigen internationalen PISA-Untersuchungen (OECD, 2014), hat die Besch\u00e4ftigung mit Ungleichheiten die Entwicklung der Theorien und Methoden dieser Disziplin gepr\u00e4gt. Im Lauf der Zeit wurde der \u00abWerkzeugkasten\u00bb f\u00fcr die Analyse von Ungleichheiten umfangreicher: Heute gibt es verfeinerte statistische Methoden, viele umfassende Untersuchungen und den Forschern zug\u00e4ngliche Daten.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen interkantonalen Vergleich der von Sch\u00fclern im Unterricht erworbenen Kompetenzen ist die PISA-Studie (Programme for International Student Assessment) die zuverl\u00e4ssigste Quelle, weil sie internationalen Vergleichskriterien entspricht. Daneben gibt es mit der sogenanntem \u00aberweiterte PISA-Stichprobe\u00bb eine schweizerische Ausgabe der Studie, welche es erlaubt, Vergleiche zwischen den Kantonen anzustellen (IRDP\/SRED, 2014). Anzumerken ist noch ein Unterschied zwischen den beiden Studien: Im Rahmen von PISA Schweiz wurden Sch\u00fcler im letzten Jahr ihrer obligatorischen Schulzeit befragt, bei der internationalen PISA-Studie war dagegen das Alter (15 Jahre) das Auswahlkriterium.<\/p>\n<p>In den Analysen definieren wir die sozialen Gruppen auf der Basis des sozio\u00f6konomischen Status der Eltern. Wir verwenden dabei den \u00abPISA-Index des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Status\u00bb, welcher auf drei unterschiedlichen Informationen zum famili\u00e4ren Umfeld beruht: dem h\u00f6chsten Berufsstatus beider Elternteile, deren h\u00f6chsten Bildungsabschluss und der Ausstattung des Haushalts mit materiellen, kulturellen und bildungsm\u00e4ssigen G\u00fctern (z.B. der Anzahl im Haushalt vorhandenen B\u00fccher).<\/p>\n<h2>Die schulische Vielfalt der Schweiz<\/h2>\n<p>In den internationalen PISA-Vergleichen geh\u00f6rt die Schweiz zu den gleichzeitig leistungsf\u00e4higen und eher sozial ausgleichenden Bildungssystemen (OECD, 2014). Allerdings weist die Schweiz in Schulfragen wie in vielen anderen Bereichen unterschiedliche Facetten auf. Da die Schulpolitik in kantonaler Kompetenz liegt, gibt es im Land 26 Bildungssysteme, von denen man an annehmen kann, dass sie unterschiedliche Auswirkungen auf den Bildungsweg und die erworbenen F\u00e4higkeiten der Sch\u00fcler haben. Daher untersuchen wir mithilfe der erweiterten Stichproben der PISA Schweiz von 2003 und 2012, wie in jedem Kanton Kompetenzen erworben und verteilt werden. Wir konzentrieren uns dabei auf die Mathematik als zentralen Bereich der beiden Umfragen.<\/p>\n<p>Die Kompetenzen der Sch\u00fcler k\u00f6nnen von einem Kanton zum anderen stark variieren. Die durchschnittliche Punktzahl in Mathematik erreicht 550 oder mehr Punkte in den Kantonen Schaffhausen[1] (558), St. Gallen (550) und im franz\u00f6sischsprachigen Teil des Kantons Freiburg (550). Im franz\u00f6sischsprachigen Teil des Kantons Bern (515), im Tessin (514), sowie in den Kantonen Neuenburg (508) und Genf (502) liegt er unter 520 Punkten.<\/p>\n<p>Auch der Anteil der Sch\u00fcler, deren Leistungen als sehr schwach oder sehr stark angesehen wird, variiert deutlich zwischen den Kantonen. So z\u00e4hlt man in den franz\u00f6sischsprachigen Teilen der Kantone Freiburg und Wallis nur 5% der Sch\u00fcler, welche die Stufe der Grundkompetenzen in Mathematik nicht erreichen, w\u00e4hrend es in Genf 16% und in Z\u00fcrich 19% sind. Der Anteil von sehr leistungsstarken Sch\u00fcler betr\u00e4gt 32% in Kanton Schaffhausen und 28% im Kanton St. Gallen, liegt aber in den Kantonen Genf (10.6%), Neuenburg (12,1%), Tessin (12,9%) und im franz\u00f6sischsprachigen Teil des Kantons Bern (14,3%) unter 15%.<\/p>\n<p>Markante interkantonale Unterschiede zeigen sich auch bei den sozialen Ungleichheiten.[2] So erkl\u00e4rt im Kanton Z\u00fcrich der sozio\u00f6konomische Status die Unterschiede in den mathematischen Leistungen am st\u00e4rksten (19% &#8211; allerdings ist dieses Resultat mit Vorsicht zu interpretieren, da die Daten daf\u00fcr aus der PISA-Umfrage von 2009 stammen). Danach folgen der Aargau und die Waadt, wo der Index des sozio\u00f6konomischen Status 14% der Punktzahlunterschiede zwischen den Sch\u00fclern erkl\u00e4rt. Am anderen Ende der Skala scheinen die sozialen Ungleichheiten im Kanton Jura, im Tessin und im franz\u00f6sischsprachigen Teil des Wallis weniger ausgepr\u00e4gt zu sein. Dort erkl\u00e4rt der sozio\u00f6konomische Status jeweils nur ungef\u00e4hr 5% der Unterschiede in der Punktzahl in Mathematik.<\/p>\n<h4><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Tabelle_1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1117\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Tabelle_1.png\" alt=\"Tabelle_1\" width=\"691\" height=\"559\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Tabelle_1.png 691w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Tabelle_1-300x242.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 691px) 100vw, 691px\" \/><\/a><\/h4>\n<p>Lesehilfe: Im Kanton Aargau betr\u00e4gt der Durchschnittswert 523 Punkte, im schweizerischen Durchschnitt 531. 14,2% der Sch\u00fcler liegen im Kanton Aargau unter der Grundkompetenzstufe gegen\u00fcber 11,3% im schweizerischen Durchschnitt. Der Index zum sozio\u00f6konomischen Status erkl\u00e4rt 14% der Unterschiede der Punktzahl in der Mathematik im Kanton Aargau gegen\u00fcber 11% im schweizerischen Durchschnitt.<\/p>\n<p>Grafik 1 vergleicht die unterschiedlichen Kantone bez\u00fcglich ihrer Wirksamkeit \u2013 hier gemessen mit der durchschnittlich von den Sch\u00fclern erreichten Mathematikpunktzahl \u2013 und ihrer Chancengerechtigkeit \u2013 gemessen mit der Korrelation zwischen der sozio\u00f6konomischen Lage der Familie und der Punktzahl der Sch\u00fcler.<\/p>\n<p>Drei deutschsprachige Kantone und ein franz\u00f6sischsprachiger Kanton fallen durch eine unterdurchschnittliche Wirksamkeit und Chancengleichheit auf. Dabei handelt es sich um die Kantone Aargau, Solothurn und Z\u00fcrich einerseits und die Waadt andrerseits. Umgekehrt erscheint das Wallis als wirksamer und sozial ausgleichender als der Mittelwert. Die Kantone Freiburg (franz\u00f6sischsprachiger Teil), Schaffhausen und St. Gallen unterscheiden sich von den anderen ebenfalls durch deutlich \u00fcberdurchschnittliche Mathematikleistungen und durch ein durchschnittliches Ausmass sozialer Ungleichheit. Schliesslich sind die Kantone Jura und Tessin weniger wirksam als der Durchschnitt,[3] aber produzieren auch weniger soziale Ungleichheiten. Eine allgemeinere Lesart der Grafik 1 erm\u00f6glicht es, den Zusammenhang zwischen Wirksamkeit und sozialem Ausgleich zu betonen: Kein Kanton ist gleichzeitig wirksamer und sozial ungleicher als der Durchschnitt (Quadrant oben rechts). Dies zeigt, dass sich leistungsf\u00e4higes Lernen schlecht mit ungleichen Systemen verbinden l\u00e4sst, die eine zu grosse Anzahl Sch\u00fcler links liegen lassen.<\/p>\n<h4><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Grafik_1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1119\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Grafik_1.png\" alt=\"Grafik_1\" width=\"690\" height=\"578\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Grafik_1.png 690w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Grafik_1-300x251.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 690px) 100vw, 690px\" \/><\/a><\/h4>\n<p>Lesehilfe: Im Kanton Aargau liegt der Durchschnittswert der Mathematikleistungen (523) unter dem schweizerischen Durchschnitt (531): Die St\u00e4rke des Zusammenhangs zwischen dem Index der sozialen Lage und der Mathematikleistungen ist h\u00f6her (14%) als im nationalen Durchschnitt (11%). Der Index zum sozio\u00f6konomischen Status erkl\u00e4rt 14% der Unterschiede der Punktzahl in der Mathematik gegen\u00fcber 11% im schweizerischen Durchschnitt. Aargauer Schulen sind daher weniger wirksam und sozial ungleicher als der Mittelwert.<\/p>\n<h2>Ungleichheiten, schulische Segregation und Merkmale der Bildungssysteme<\/h2>\n<p>Diese deutlichen Unterschiede zwischen Kantonen werfen die Frage nach ihren Ursachen auf. Wie lassen sich derart grosse Abst\u00e4nde in den schulischen Ungleichheiten zwischen Z\u00fcrich und der Waadt einerseits, dem Jura und Tessin andrerseits erkl\u00e4ren? Wir untersuchen verschiedene Hypothesen, um dieser Frage auf den Grund zu gehen. Eine erste Hypothese besch\u00e4ftigt sich mit der sozialen Zusammensetzung der Sch\u00fclerschaft in jedem Kanton. Ber\u00fccksichtigt werden dabei namentlich der Anteil von Sch\u00fclern mit Migrationshintergrund sowie die durchschnittliche sozi\u00f6konomische Lage der Sch\u00fcler. Untersucht man diese beiden Dimensionen genauer, zeigt sich allerdings, dass diese zwei Indikatoren die in der Tabelle 1 und der Grafik 1 pr\u00e4sentierten Ungleichheiten im Kompetenzerwerb nicht erkl\u00e4ren k\u00f6nnen (Felouzis et al., 2011). Eine andere Hypothese bezieht sich auf die Organisation des kantonalen Schulwesens. Daf\u00fcr unterscheiden wir die kantonalen Bildungsysteme in drei Modelle, je nachdem wie Sch\u00fcler der Sekundarstufe I in unterschiedlichen Schultypen und -klassen zugeteilt werden:<\/p>\n<p>-Getrenntes System: Hierbei handelt es sich um kantonale Bildungsysteme mit hierarchisierten Schultypen. Die Sch\u00fcler werden gem\u00e4ss ihrem Leistungsniveau drei unterschiedlichen Schultypen zugeteilt (z.B. Realschule, Sekundarschule, Gymnasium).<\/p>\n<p>-Integriertes System: In diesen kantonalen Bildungssystemen werden Sch\u00fcler mit unterschiedlichem schulischem Niveau in denselben Klassen unterrichtet. Allerdings gibt es in den Hauptf\u00e4chern (Mathematik, Deutsch, Franz\u00f6sisch oder Italienisch) Niveaugruppen.<\/p>\n<p>-Gemischtes System: Dazu geh\u00f6ren kantonale Schulysteme, in denen man gleichzeitig getrennte und integrierte Modelle findet.[4]<\/p>\n<h4><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Grafik_2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1120\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Grafik_2.png\" alt=\"Grafik_2\" width=\"695\" height=\"829\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Grafik_2.png 695w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Grafik_2-251x300.png 251w\" sizes=\"auto, (max-width: 695px) 100vw, 695px\" \/><\/a><\/h4>\n<p>In einem weiteren Schritt untersuchen wir, inwiefern die soziale Ungleichheit im Kompetenzerwerb von diesen unterschiedlichen Schulmodellen auf Sekundarstufe I abh\u00e4ngt. Die Graphik 2 zeigt dies auf der Basis der PISA Schweiz Studien von 2003 und 2012 [5].<\/p>\n<p>Grafik 2 zeigt mehrere Ergebnisse und Entwicklungen. 2003 bestanden innerhalb der Gruppe der Kantone mit getrennten Schulmodellen sehr unterschiedliche Grade von sozialer Ungleichheit. Allerdings hatten die Kantone mit der st\u00e4rksten Ungleichheit (Z\u00fcrich, St. Gallen, Neuenburg) alle ein getrenntes Schulsystem. 2012 tritt dies noch st\u00e4rker in Erscheinung: Die sozialen Ungleichheiten im Kompetenzerwerb haben sich in den Kantonen mit auf Sekundarstufe I getrennt organisiertem Unterricht weiter verst\u00e4rkt. So erkl\u00e4rt der sozio\u00f6konomische Status im Kanton Z\u00fcrich 19% der Leistungsunterschiede der Sch\u00fcler, in der Waadt 14% und zwischen 10% und 13% in den \u00fcbrigen Kantonen mit einem getrennten Schulsystem.<\/p>\n<p>In den Kantonen mit integrierten oder \u00abgemischten\u00bb Schulmodellen sind diese Ungleichheiten weit weniger ausgepr\u00e4gt. Dort erkl\u00e4rt der sozio\u00f6konomische Status nie mehr als 10% der Varianz in der Punktzahl der Sch\u00fcler. Bei den gemischten Systemen zeigen sich im Wallis (beide Sprachgebiete) weniger starke soziale Ungleichheiten als im Kanton Genf oder im franz\u00f6sischsprachigen Teil des Kantons Bern. In diesem Zusammenhang ist der Hinweis interessant, dass im Wallis die Unterteilung erst sp\u00e4t erfolgt: W\u00e4hrend der ersten beiden Jahren der Sekundarstufe I besteht ein integratives Schulsystem f\u00fcr alle Sch\u00fcler. Erst im letzten Jahr der obligatorischen Schulzeit wechselt ein Teil der Sch\u00fcler in einen auf den Gymnasialunterricht vorbereitenden Schultyp.<\/p>\n<p>Alles weist somit darauf hin, dass die getrennten Schulsysteme dazu tendieren, die Ungleichheiten im Kompetenzerwerb zwischen Sch\u00fclern am Ende der obligatorischen Schulzeit zu verst\u00e4rken. Umgekehrt erzeugen die integrierten und gemischten Systeme weniger Lernungleichheiten. Es stellt sich somit die Frage, welche Mechanismen derartige Ungleichheiten im Kompetenzerwerb verursachen. Die internationale Forschungsliteratur betont, dass getrennte Schulsysteme ein wichtiger Faktor bei der Entstehung von Ungleichheiten zwischen Sch\u00fclern und Sch\u00fclergruppen sind (Gamoran et al., 1995; Buchmann et al., 2016). Systeme, die Sch\u00fcler am Ende der Primarstufe aufgrund ihres schulischen Niveaus trennen, segregieren sie damit auch nach ihren sozialen und kulturellen Merkmalen und nach ihrem Migrationshintergrund. Deshalb unterscheidet sich die Sch\u00fclern aus unterschiedlichen sozialen Milieus angebotene Bildung qualitativ und quantitativ umso mehr, je st\u00e4rker der Unterricht getrennt ist. Wir pr\u00fcfen diese Hypothese mit unseren Daten und untersuchen das Ausmass der sozialen Segregation in Abh\u00e4ngigkeit von den in einem Kanton jeweils pr\u00e4senten Schulsystem. Die Graphik 3 zeigt die Korrelation zwischen dem Grad der sozialen Ungleichheit im Kompetenzerwerb und der mit den Schulmodellen verbunden sozialen Segregation f\u00fcr die Jahre 2003 und 2012[6].<\/p>\n<p>F\u00fcr 2003 und 2012 zeigt sich, dass eine gr\u00f6ssere soziale Segregation in einem kantonalen Schulsystem auch mit einer ausgepr\u00e4gteren sozialen Ungleichheit im Kompetenzerwerb einhergeht. Wenn wir die Kantone einzeln betrachten, werden die relevanten Entwicklungen deutlich. In den Kantonen Z\u00fcrich, Aargau und St. Gallen vollzogen sich sehr \u00e4hnliche Entwicklungen: Zwischen den beiden Stichdaten nahmen dort sowohl die Segregation als auch die Lernungleichheiten ab. Obschon sich die Kantone Jura und Genf beim Grad der Segregation und der Ungleichheit stark unterscheiden, zeigt dort die Entwicklung in dieselbe Richtung. Eine Verringerung der sozialen Segregation zwischen den verschiedenen Niveaugruppen und Schultypen f\u00fchrt in der Tendenz dazu, dass sich auch die Ungleichheiten im Kompetenzerwerb verringern. Allerdings zeigen sich in einigen Kantonen auch Entwicklungen in eine andere Richtung. So hat sich in der Waadt die soziale Segregation zwar leicht verringert, die Lernungleichheiten haben jedoch trotzdem deutlich zugenommen. Schliesslich ist der Fall des franz\u00f6sischsprachigen Teils des Kantons Freiburg interessant, da dort die soziale Segregation und die Ungleichheiten in den Schulkompetenzen zwischen 2003 und 2012 zugenommen haben.<\/p>\n<h4><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Grafik_3.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1121\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Grafik_3.png\" alt=\"Grafik_3\" width=\"674\" height=\"898\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Grafik_3.png 674w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Grafik_3-225x300.png 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 674px) 100vw, 674px\" \/><\/a><\/h4>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<h2>Schlussfolgerungen<\/h2>\n<p>Ausgehend von den PISA-Erhebungen zur Schweiz haben wir untersucht, wie stark sich kantonalen Schulsysteme in Bezug auf soziale Ungleichheiten unterscheiden. Trotz ihrer Unvollst\u00e4ndigkeit \u2013 sie deckt nicht alle 26 Kantone der Eidgenossenschaft ab \u2013 ist diese Umfrage die bisher einzige Untersuchung, die interkantonal vergleichbare Daten erhebt. Diese Daten erm\u00f6glichen es, die Entwicklungen in den schweizerischen Schulsystemen zu beschreiben und ihre Logik zu verstehen. Damit k\u00f6nnen jene Eigenschaften des Schulwesens identifiziert werden, welche die Lernungleichheiten zwischen Sch\u00fclern aus unterschiedlichen sozialen Milieus beeinflussen. Daf\u00fcr haben wir die von den Umfragen von 2003 und 2012 erfassten Kantone untereinander verglichen. Daraus ergibt sich, dass in Kantonen, welche sich f\u00fcr eine getrennte Organisation des Unterrichts auf Sekundarstuft I entscheiden, die in der Schule erworbenen F\u00e4higkeiten am st\u00e4rksten von der sozialen Herkunft der Sch\u00fcler abh\u00e4ngen. Der Entscheid f\u00fcr eine durchl\u00e4ssigere Organisation \u2013 gem\u00e4ss einem \u00abintegrierten\u00bb oder \u00abgemischten\u00bb Modell \u2013 erm\u00f6glicht es umgekehrt besser, das Prinzip der Chancengerechtigkeit beim Kompetenzerwerb am Ende der obligatorischen Schulzeit zu verwirklichen. Heute entscheiden sich eine wachsende Anzahl Kantone f\u00fcr weniger segmentierte oder sogar g\u00e4nzlich integrierte Schulsysteme. Die geschieht auch unter dem Druck der Bildungsnachfrage der Familien und den Erwartungen der schweizerischen Wirtschaft, deren Bed\u00fcrfnis nach qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften stark zunimmt (SECO, 2016).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] Da Schaffhausen und Z\u00fcrich an der schweizerischen PISA Studie 2012 nicht teilnahmen, verwenden wir hier die Ergebnisse von 2009.<\/p>\n<p>[2] Das Ausmass der sozialen Ungleichheit wird mit der Intensit\u00e4t der Korrelation zwischen dem Index zum sozio\u00f6konomischen Status und der Punktzahl in Mathematik gemessen. Wir haben daf\u00fcr den Determinationskoeffizienten () berechnet. Dieser misst denjenigen Prozentsatz in der Varianz der Punktzahl in Mathematik, welcher auf den sozio\u00f6konomischen Status der Sch\u00fcler zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann. Je mehr sich der Determinationskoeffizient einem Wert von 100% ann\u00e4hert, desto gr\u00f6sser sind die sozialen Ungleichheiten.<\/p>\n<p>[3] Der Vergleich der Kantone nach ihrer Wirksamkeit wurde in Felouzis et al. (2011) weiter ausgef\u00fchrt. Wir zeigen dort auf Grundlage der erg\u00e4nzenden PISA-Studie zur Schweiz 2003, dass das Durchschnittsalter der befragten Sch\u00fcler teilweise die Lernunterschiede zwischen den Kantonen erkl\u00e4rt. So lag das Durchschnittsalter der damals befragten Sch\u00fcler in Genf, im Tessin und im Jura im Durchschnitt nahe bei 15 Jahren, in den Kantonen Z\u00fcrich und Aargau dagegen n\u00e4her bei 16 Jahren.<\/p>\n<p>[4] In den vier Kantonen mit einem \u00ab&nbsp;gemischten&nbsp;\u00bb System werden mindestens ein Drittel aller Sch\u00fcler in integrierten Modellen unterrichtet (BE(d)=47%, VS(d)=37%, VS(f)=71%, GE=37%). Andere Kantone (SO, SG, ZH, SH) kennen zwar auch zugleich getrennte und integrierte Modelle, hier wird aber nur eine Minderheit von Sch\u00fclern in integrierten Schulen unterrichtet. (SO=3%, SG=2%, SH=7%, ZH=16%). Die Bildungssysteme dieser Kantone werden daher hier als getrennt betrachtet.<\/p>\n<p>[5] 2012, wurde die Berechnung des Index des sozio\u00f6konomischen Status im Rahmen von PISA verbessert, um der ver\u00e4nderten sozioprofessionellen Realit\u00e4t Rechnung zu tragen. Es k\u00f6nnte sein, dass ein Teil der Ver\u00e4nderungen der Ungleichheiten zwischen 2003 und 2012 damit zusammenh\u00e4ngen. Deshalb beschr\u00e4nken wir uns hier auf jeweils einen interkantonalen Vergleich f\u00fcr entweder das Jahr 2003 oder das Jahr 2012.<\/p>\n<p>[6] Es handelt sich hier um das Eta-Quadrat zwischen dem Schulmodell (Schultyp mit erh\u00f6hten, mittleren und elementaren Anforderungen. Niveaugruppe mit erh\u00f6hten, mittleren und elementaren Anforderungen in integrierten System) und dem Index des sozio\u00f6konomischen Status. Das Eta-Quadrat variiert zwischen 0 und 1. Je n\u00e4her der Wert bei 1 liegt, je st\u00e4rker ist die vom Schulmodell verursachte soziale Segregation.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung In demokratischen Gesellschaften hat die Frage nach schulischen Ungleichheiten einen besonderen Stellenwert. Diese Gesellschaften legitimieren sich bekanntlich mit der Idee, dass die soziale Lage jedes Gesellschaftsmitglieds von seinen Kompetenzen, seinem Talent und seinen Verdiensten abh\u00e4ngig ist \u2013 und nicht etwa von seiner Geburt oder Herkunft. Diese Vorstellung nennt man gemeinhin Meritokratie oder Leistungsgesellschaft. 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