{"id":1180,"date":"2017-06-29T09:59:34","date_gmt":"2017-06-29T07:59:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=1180"},"modified":"2022-12-23T12:19:53","modified_gmt":"2022-12-23T10:19:53","slug":"vom-nachkriegsboom-zum-jobwunder-der-starke-ruckgang-der-arbeitszeit-in-der-schweiz-seit-1950","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=1180","title":{"rendered":"Vom Nachkriegsboom zum Jobwunder \u2013 der starke R\u00fcckgang der Arbeitszeit in der Schweiz seit 1950"},"content":{"rendered":"<h2>Einleitung<\/h2>\n<p>Es geh\u00f6rt zum Selbstverst\u00e4ndnis der Schweizerinnen und Schweizer, dass in der Schweiz viel gearbeitet wird. Oft geht dabei vergessen, dass Arbeitskr\u00e4fte in der Schweiz vor 60 Jahren noch deutlich l\u00e4nger arbeiteten. 1955 waren in der Industrie Wochenarbeitszeiten von 48 Stunden die Norm. Im Gastgewerbe arbeitete mehr als die H\u00e4lfte aller Arbeitskr\u00e4fte normalerweise 58 Stunden pro Woche oder mehr. Tats\u00e4chlich hat die durchschnittliche Arbeitszeit der Erwerbst\u00e4tigen in der Schweiz seit jener Zeit markant abgenommen. W\u00e4hrend ein Erwerbst\u00e4tiger 1950 im Durchschnitt knapp 2400 Stunden pro Jahr arbeitete, waren es 2015 nur noch 1500 Stunden. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr den Arbeitszeitr\u00fcckgang sind vielf\u00e4ltig: Die Wochenarbeitszeit ging zur\u00fcck, die Teilzeitarbeit breitete sich stark aus, und die durchschnittliche Zahl der Ferienwochen stieg. In der Tat arbeiteten die 3,05 Millionen Erwerbst\u00e4tigen im Jahr 1964 zusammen ungef\u00e4hr gleich viele Stunden wie die 4,22 Millionen Erwerbst\u00e4tigen im Jahr 2007.<\/p>\n<p>Dies sind einige Resultate neuer Zeitreihen zur langfristigen Arbeitszeitentwicklung in der Schweiz, die im Rahmen eines vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Forschungsprojekts an der Konjunkturforschungsstelle (KOF) zusammengestellt wurden. Die historischen Arbeitszeitdaten f\u00fcllen dabei eine L\u00fccke in der offiziellen Statistik: Eine gesamtwirtschaftliche Arbeitszeitstatistik existiert in der Schweiz erst ab 1991. Hier beginnen die Zahlen der Arbeitsvolumenstatistik (AVOL) des Bundesamts f\u00fcr Statistik (BFS). Die neu berechneten Daten reichen hingegen bis in die 1950er-Jahre zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Im Folgenden werden zun\u00e4chst die neuen Daten vorgestellt und die Arbeitszeitentwicklung beschrieben. Danach werden zwei ausgew\u00e4hlte Resultate beleuchtet, die sich aus den neuen Arbeitszeitreihen ergeben. Erstens wird auf das Ausmass des Schweizer \u201eJobwunders\u201c der letzten gut 10 Jahre hingewiesen. Denn das Wachstum der insgesamt geleisteten Arbeitsstunden in der Schweiz war in den Jahren nach 2005 im historischen Vergleich ausserordentlich hoch. Zudem werfen die Reihen auch ein neues Licht auf eine alte Debatte: jene um das schwache Produktivit\u00e4tswachstum in der Schweiz in den 1980er- und insbesondere den 1990er-Jahren. Die neue Reihe zeigt, dass das Produktivit\u00e4tsdefizit der Schweiz in jener Periode \u00fcberzeichnet wurde.<\/p>\n<h2>Die Entwicklung der Arbeitszeit seit den 1950er-Jahren<\/h2>\n<p>Das zentrale Vorhaben des Forschungsprojekts bestand darin, eine langfristig konsistente Reihe der Arbeitszeitentwicklung in der Schweiz zu erstellen. Dies erforderte, s\u00e4mtliche Komponenten der Arbeitszeit zu sch\u00e4tzen. Dazu wurden Zahlen zur vollzeit\u00e4quivalenten Erwerbst\u00e4tigkeit, zur j\u00e4hrlichen Normalarbeitszeit und zum \u00dcberstundenvolumen sowie Reihen zum Ausmass an Arbeitsabsenzen erstellt. Schliesslich wurden auch die Ver\u00e4nderungen beim Ferienanspruch und bei der Zahl der gesetzlich anerkannten Feiertage einbezogen. Zur Konstruktion dieser Arbeitszeitreihen wurde die historische Datenbasis systematisch analysiert, bislang unverwendete Reihen und Erhebungen zur Auswertung beigezogen, und die so erhaltene Datenbasis systematisch harmonisiert (vgl. Siegenthaler, 2014).<\/p>\n<p>Eine der historischen Datenquellen, die in die neuen Arbeitszeitdaten einfliesst, ist die Betriebsz\u00e4hlung 1955. Im Rahmen dieser Erhebung wurde die betriebs\u00fcbliche Arbeitszeit aller Betriebe in der Schweiz systematisch erfasst. Die Daten illustrieren, wie stark die betriebs\u00fcbliche Wochenarbeitszeit von Vollzeiterwerbst\u00e4tigen seit Mitte der 1950er-Jahre abgenommen hat. Gem\u00e4ss den Daten arbeiteten die Besch\u00e4ftigten im Schnitt 48.4 Stunden pro Woche. Wochenarbeitszeiten \u00fcber 50 Stunden waren weit verbreitet, gerade unter Arbeitskr\u00e4ften, die nicht der klassischen B\u00fcroarbeit nachgingen. Dies illustriert Abbildung 1, welche die \u00fcbliche Wochenarbeitszeit 1955 f\u00fcr die Gesamtwirtschaft&nbsp; und f\u00fcr ausgew\u00e4hlte Branchen mit den heute \u00fcblichen Wochenarbeitszeiten in diesen Branchen vergleicht. In Branchen mit einer grossen Zahl an B\u00fcroarbeitskr\u00e4ften wie dem Bank- und Versicherungsgewerbe wurde bereits 1955 im Schnitt nur 44 Stunden pro Woche gearbeitet. Heute sind die Arbeitszeiten in diesen Branchen nicht wesentlich tiefer. In der Landwirtschaft sowie im Bau- und Gastgewerbe lag die durchschnittliche Arbeitszeit hingegen klar \u00fcber 50 Stunden \u2013 und auch Wochenpensen von \u00fcber 55 Stunden waren in diesen Branchen nicht un\u00fcblich. Wie die Abbildung illustriert, sind die Wochenarbeitszeiten in diesen Branchen heute deutlich geringer. Eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr die langen Arbeitswochen Mitte der 1950er-Jahre ist, dass damals auch samstags gearbeitet wurde. Gem\u00e4ss Betriebsz\u00e4hlung kam 1955 nur jede siebte Arbeitskraft in den Genuss der F\u00fcnftagewoche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Abb1b_d.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1212\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Abb1b_d.png\" alt=\"Abb1b_d\" width=\"733\" height=\"637\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Abb1b_d.png 733w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Abb1b_d-300x260.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 733px) 100vw, 733px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Insgesamt hat sich die Jahresarbeitszeit der Erwerbst\u00e4tigen von rund 2400 Stunden pro Jahr im Jahr 1950 um \u00fcber 900 Stunden auf heute rund 1500 Stunden verringert. Daf\u00fcr waren verschiedene Faktoren verantwortlich. So genoss ein durchschnittlicher Erwerbst\u00e4tiger im Jahr 1950 nur eineinhalb Wochen Ferien. Heute beziehen Arbeitskr\u00e4fte in der Schweiz im Schnitt gut 5 Wochen bezahlten Urlaub. Gleichzeitig erh\u00f6hte sich auch die Zahl der gesetzlich anerkannten Feiertage von f\u00fcnf im Jahr 1950 auf heute rund 9.5. Wie bereits in Abbildung 1 ersichtlich wurde, reduzierte sich auch die Wochenarbeitszeit der Vollzeiterwerbst\u00e4tigen. Gesamtwirtschaftlich ging die betriebs\u00fcbliche Normalarbeitszeit von 49 Stunden Mitte der 1950er-Jahre auf 42.5 Stunden zu Beginn der 1990er-Jahre zur\u00fcck. Wie Abbildung 2 zeigt, kam es insbesondere in den sp\u00e4ten 1950er-Jahren zu einer deutlichen Reduktion der Wochenarbeitszeit, was vor allem an der Einf\u00fchrung der F\u00fcnftagewoche lag. Nach einem kurzen Zwischenhalt in der Boomphase der fr\u00fchen 1960er-Jahre nahm die Wochenarbeitszeit ab Ende der 1960er-Jahre wieder verst\u00e4rkt ab. Die Reduktion der Normalarbeitszeit kam anfangs der 1990er-Jahre zu einem Ende. Seither blieb die Wochenarbeitszeit von Vollzeiterwerbst\u00e4tigen praktisch konstant bei rund 42 Stunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Abb2b_d.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1214\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Abb2b_d.png\" alt=\"Abb2b_d\" width=\"714\" height=\"519\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Abb2b_d.png 714w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Abb2b_d-300x218.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 714px) 100vw, 714px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Trotzdem nahm die durchschnittliche Arbeitszeit von Erwerbst\u00e4tigen in der Schweiz auch seither weiter ab. Das lag vor allem an der Verbreitung der Teilzeiterwerbst\u00e4tigkeit. Dieser Trend hatte in der Schweiz in den 60er-Jahren eingesetzt und sich Mitte der 80er-Jahre verst\u00e4rkt. Er ist nicht zuletzt mit einer zunehmenden Erwerbsbeteiligung von Frauen verbunden. Heute sind rund 60% aller erwerbst\u00e4tigen Frauen teilzeit erwerbst\u00e4tig.<\/p>\n<h2>Die Arbeitszeitentwicklung der Schweiz im internationalen Vergleich<\/h2>\n<p>Betrachtet man die Entwicklung der Jahresarbeitszeit von Erwerbst\u00e4tigen in der Schweiz im internationalen Vergleich, f\u00e4llt auf, dass diese \u00e4hnlich verlief wie in Deutschland und vor allem Frankreich (vgl. Abbildung 3). In \u00d6sterreich und den USA reduzierte sich die j\u00e4hrliche Arbeitszeit in deutlich geringerem Ausmass und ist heute h\u00f6her als in der Schweiz, obwohl sie in den 1950er-Jahren in beiden L\u00e4ndern noch tiefer war.<\/p>\n<p>Es mag auf den ersten Blick \u00fcberraschen, dass die Entwicklung der Jahresarbeitszeit pro Erwerbst\u00e4tigen und die heutige Jahresarbeitszeit in der Schweiz und in Frankreich \u00e4hnlich sind, gilt in Frankreich doch seit 2002 eine gesetzliche 35-Stunden-Woche. Zwar arbeiteten 2015 Vollzeitbesch\u00e4ftigte in der Schweiz inklusive \u00dcberzeit knapp 43 Stunden pro Woche. In Frankreich waren es nur deren 40.4. Zudem geniessen Vollzeitbesch\u00e4ftigte in Frankreich ungef\u00e4hr 10 bezahlte Ferientage mehr als Arbeitskr\u00e4fte in der Schweiz. Der Grund, wieso sich die j\u00e4hrliche Arbeitszeit pro Erwerbst\u00e4tigen in Frankreich 2015 trotzdem kaum von jener in der Schweiz unterscheidet, ist die gr\u00f6ssere Bedeutung der Teilzeitarbeit in der Schweiz: Der Anteil der Erwerbst\u00e4tigen, die Teilzeit arbeiten, ist in der Schweiz rund doppelt so gross wie in Frankreich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Abb3b_d.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1216\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Abb3b_d.png\" alt=\"Abb3b_d\" width=\"732\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Abb3b_d.png 732w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Abb3b_d-300x266.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 732px) 100vw, 732px\" \/><\/a><\/p>\n<h2><\/h2>\n<h2>Das Besch\u00e4ftigungswunder seit 2005<\/h2>\n<p>Multipliziert man die Jahresarbeitszeit der Erwerbst\u00e4tigen mit der Anzahl Erwerbst\u00e4tigen, erh\u00e4lt man das Arbeitsvolumen \u2013 das Total der geleisteten Arbeitsstunden aller Erwerbst\u00e4tigen in einem Jahr. Abbildung 4 zeigt die Entwicklung des Arbeitsvolumens der Schweiz seit 1950. Ein erstaunliches Resultat, das in der Abbildung ersichtlich wird, ist das geringe Wachstum des&nbsp; Arbeitsvolumens&nbsp; zwischen 1960 und 2005. In der Tat suggerieren die neuen Arbeitszeitdaten, dass die 3.05 Mio. Erwerbst\u00e4tigen 1964 gleich viele Arbeitsstunden geleistet haben, wie die 4.22 Mio. Erwerbst\u00e4tigen in 2007. Der totale Arbeitseinsatz hat sich in der Schweiz gem\u00e4ss den neuen Daten also w\u00e4hrend gut 40 Jahren nicht erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Betrachtet man die Entwicklung des Arbeitsvolumens in Abbildung 4 genauer, f\u00e4llt zudem der starke Einbruch des Arbeitsvolumens in den Jahren 1973 bis 1976 auf. In diesen Jahren schlitterte die Schweiz in der Folge der ersten \u00d6lkrise in eine tiefe Rezession. Viele (s\u00fcdeurop\u00e4ische) Saisonarbeiter verliessen daraufhin die Schweiz und erwerbst\u00e4tige Frauen zogen sich aus dem Arbeitsmarkt zur\u00fcck. Die Zahl der Erwerbst\u00e4tigen brach in dieser Zeit regelrecht ein (\u20139.5%). Es dauerte bis zum Ende der Boomphase in der zweiten H\u00e4lfte der 1980er-Jahre, bis das Arbeitsvolumen in der Schweiz wieder das Vorkrisenniveau erreichte. Wenige Jahre sp\u00e4ter kam es aber zu einem neuerlichen R\u00fcckschlag f\u00fcr das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen, als anfangs der 1990er-Jahre eine Immobilienblase platzte, wodurch die Schweizer Volkswirtschaft in eine weitere Rezession schlitterte. Die Zahl der registrierten Arbeitslosen erreichte Mitte der 1990er-Jahre ein Niveau, das seit der Grossen Rezession 1933 nicht mehr verzeichnet worden war. Die Zahl der Erwerbst\u00e4tigen blieb jahrelang praktisch konstant. Erst Ende der 1990er-Jahre erholte sich die Schweizer Wirtschaft von dieser langanhaltenden Stagnationsphase.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund dieses jahrelangen Auf und Ab war der H\u00f6henflug, zu dem das Arbeitsvolumen in der Schweiz in der Mitte der 2000er-Jahre ansetzte, nicht zu erwarten. Wie Abbildung 4 illustriert, erreicht das Wachstum des Arbeitstotals in der Periode 2005 bis 2015 das Wachstum der Boomjahre der Nachkriegszeit \u2013 und dies obwohl die Wachstumsraten des realen BIP 2005 bis 2015 deutlich unter jenen lagen, die in den Nachkriegsjahren verzeichnet wurden. In den zw\u00f6lf Jahren zwischen 2003 und 2015 wuchs die Zahl der Erwerbst\u00e4tigen in der Schweiz trotz Weltwirtschaftskrise 2008 von 4.16 Millionen auf fast 5 Millionen \u2013 eine Zunahme um das doppelte der Bev\u00f6lkerungszahl der Stadt Z\u00fcrich. Selbstredend konnte dieses Wachstum nicht durch das vorhandene Arbeitskr\u00e4ftepotential bedient werden. Zwar stieg aufgrund der grossen Arbeitsnachfrage die Erwerbsbeteiligung der Ans\u00e4ssigen. Doch der gr\u00f6sste Teil des Besch\u00e4ftigungsanstiegs ging auf eine neuartige, substanzielle Zuwanderung qualifizierter Erwerbst\u00e4tiger aus den EU-Staaten zur\u00fcck. Es l\u00e4sst sich festhalten, dass die Ursachen des schweizerischen \u201eJobwunders\u201c dieser Periode, das selbst jenes in Deutschland&nbsp; in den Schatten stellt, noch nicht ausreichend erforscht sind (vgl. Siegenthaler et al., 2016).<\/p>\n<h2><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Abb4b_d.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1218\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Abb4b_d.png\" alt=\"Abb4b_d\" width=\"733\" height=\"488\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Abb4b_d.png 733w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Abb4b_d-300x199.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 733px) 100vw, 733px\" \/><\/a><\/h2>\n<h2><\/h2>\n<h2>Eine Neubeurteilung der gesamtschweizerischen Arbeitsproduktivit\u00e4tsentwicklung<\/h2>\n<p>Das Fehlen einer langfristig konsistenten Arbeitszeitreihe beeinflusste auch die Debatte \u00fcber das Schweizer Produktivit\u00e4tswachstum. Verschiedene fr\u00fchere Studien bescheinigten der Schweiz ein Produktivit\u00e4tsdefizit aufgrund einer im internationalen Vergleich tiefen gesamtwirtschaftlichen Wachstumsrate der Arbeitsproduktivit\u00e4t. Die Debatte erreichte ihren H\u00f6hepunkt, als Bodmer und Borner (2004) der Schweiz eine Wachstumsschw\u00e4che diagnostizierten, die mit gezielten Reformen zu bek\u00e4mpfen sei.<\/p>\n<p>Die neu gesch\u00e4tzten Arbeitszeitreihen sind hierbei von Bedeutung, denn die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivit\u00e4t wird \u00fcblicherweise gemessen, indem die reale Wertsch\u00f6pfung \u2013 das reale BIP \u2013 ins Verh\u00e4ltnis zur Zahl der geleisteten Arbeitsstunden gesetzt wird. Weil keine langfristig konsistenten Daten zum Stundentotal der Schweiz existierten, behalfen sich die Autoren jeweils mit teils gesch\u00e4tzten Hilfsreihen zur Arbeitszeitentwicklung. In den Wachstumsberichten des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (SECO 2002, 2008) wird aus diesen Daten unter anderem der Schluss gezogen, dass das Wachstum der Arbeitsproduktivit\u00e4t in der Schweiz seit 1960 kontinuierlich abgenommen hat.[1]<\/p>\n<p>Unsere neuen Daten zeigen jedoch, dass die Arbeitsproduktivit\u00e4t in der Schweiz in den 1980er- und insbesondere den 1990er-Jahren um einiges mehr wuchs, als auf Basis dieser alternativen Datens\u00e4tze zu vermuten ist (vgl. Tabelle A.1 im Anhang). Sie legen zudem den Schluss nahe, dass das Produktivit\u00e4tswachstum nicht etwa seit Mitte der 1970er-Jahre kontinuierlich abnahm, sondern dass es in der ganzen Periode nach 1973 bis etwa 2000 relativ konstant bei rund 1.3% blieb. Genauere Analysen zeigen, dass die Unterschiede auf Inkonsistenzen und Fehler in den anderen verf\u00fcgbaren Datenreihen zur\u00fcckzuf\u00fchren sind. Aufgrund dieser inkonsistenten Arbeitszeitreihen wurde das Arbeitsvolumen \u00fcbersch\u00e4tzt und in der Folge das Schweizer Produktivit\u00e4tswachstum untersch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Diese Ausf\u00fchrungen zeigen, dass die Diskussionen um den Verlauf der schweizerischen Arbeitsproduktivit\u00e4t bislang grundlegende Probleme aufwiesen, weil keine widerspruchsfreie, langfristig angelegte Reihe zur Arbeitszeitentwicklung in der Schweiz existierte. Ber\u00fccksichtigt man die neuen Arbeitszeitreihen und andere Probleme bei der Messung der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivit\u00e4t in der Schweiz (vgl. Kaiser und Siegenthaler, 2015, und Siegenthaler, 2014), kann festgehalten werden: Die Schweiz hatte insbesondere im Vergleich mit Deutschland, Frankreich, Italien und Japan kein Produktivit\u00e4tsdefizit in den 1990er- und 2000er-Jahren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] Besonders bedeutsam war eine Reihe der Total Economy Database des Groningen Growth and Development Centre (GGDC), die in verschiedenen Studien zur langfristigen Arbeitszeitentwicklung in vergleichender Perspektive (z. B. Rogerson 2006), aber auch in Fallstudien zur schweizerischen Arbeitsproduktivit\u00e4t (Abrahamsen et al. 2005, Dreher und Sturm 2005, Z\u00fcrcher 2008) verwendet wird. Die zweite einflussreiche Reihe wurde von Christoffel (1995) in einem Beitrag f\u00fcr die \u201eVolkswirtschaft\u201c errechnet. Bei der dritten Reihe handelt es sich um eine Reihe zur Arbeitsproduktivit\u00e4tsentwicklung, die auf der OECD-Datenbank zur Verf\u00fcgung steht. Diese Daten flossen beispielsweise in die erw\u00e4hnte Studie von Borner und Bodmer (2004) ein.<\/p>\n<h2 class=\"Titrebibliographie\"><span lang=\"DE\">Anhang<\/span><\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Tab1a.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1194\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Tab1a.png\" alt=\"Tab1a\" width=\"675\" height=\"277\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Tab1a.png 675w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Tab1a-300x123.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 675px) 100vw, 675px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung Es geh\u00f6rt zum Selbstverst\u00e4ndnis der Schweizerinnen und Schweizer, dass in der Schweiz viel gearbeitet wird. 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