{"id":1323,"date":"2017-11-07T09:48:21","date_gmt":"2017-11-07T07:48:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=1323"},"modified":"2022-12-23T12:17:39","modified_gmt":"2022-12-23T10:17:39","slug":"die-topeinkommen-in-der-schweiz-seit-1980-verteilung-und-mobilitat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=1323","title":{"rendered":"Die Topeinkommen in der Schweiz seit 1980: Verteilung und Mobilit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<h2>Einleitung<\/h2>\n<p>Verteilungsfragen haben weiterhin Hochkonjunktur. Seit der Jahrtausendwende haben sich \u00d6konomen vermehrt mit Fragen zur Einkommens- und Verm\u00f6gensungleichheit befasst, am prominentesten Thomas Piketty (2001, 2014). Sp\u00e4testens seit der Finanzkrise 2008 ist das Thema auch vom politischen Diskurs nicht mehr wegzudenken. Sonst marktliberal gepr\u00e4gte Organisationen wie der IMF oder die OECD haben die wachsende Ungleichheit als Problem f\u00fcr die Gesellschaft und f\u00fcr ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum erkannt (vgl. OECD, 2008, 2012, 2015, Ostry et al. 2014). Die Topverdienenden sind dabei vermehrt in den Fokus ger\u00fcckt. In der Schweiz zeigte sich dies an Volksbegehren wie der Abzocker-Initiative oder der 1:12 Initiative, welche beide auf eine Eind\u00e4mmung der Top-Sal\u00e4re abzielten. In Grossbritannien griff man zu einer Boni-Steuer von 50%, und in Frankreich wurde der Steuersatz f\u00fcr Einkommen \u00fcber 1 Million Euro auf 75% erh\u00f6ht. Gleichzeitig hat sich in der \u00f6konomischen Forschung eine breite Literatur zur langfristigen Entwicklung der Topeinkommen in verschiedenen L\u00e4ndern \u00fcber das letzte Jahrhundert entwickelt (siehe Sammelb\u00e4nde Atkinson und Piketty 2007, 2010, sowie Alvaredo et al. 2017). Darin ist ein Trend hin zu steigender Ungleichheit festzumachen, wenngleich grosse Unterschiede in der Einkommenskonzentration am oberen Ende der Verteilung bestehen bleiben. Absoluter Spitzenreiter unter den entwickelten Volkswirtschaften ist in Punkto Topeinkommen die USA, gefolgt von Grossbritannien und Kanada.<\/p>\n<p>Bisher wenig erforscht ist die Einkommensmobilit\u00e4t der Topverdienenden. Wir wissen, dass die Topeinkommen steigen, aber wie lange kann sich jemand an der Spitze der Einkommenspyramide halten? Hat mit dem Anstieg der Topeinkommen auch die Einkommensmobilit\u00e4t in den Topgruppen zugenommen? Falls dem so ist, hat die Ungleichheit der \u201eLebenseinkommen\u201c nicht zwingend zugenommen und Bef\u00fcrchtungen, dass die Reichsten immer weiter abdriften, w\u00e4ren zu relativieren. Mein Beitrag geht dieser Frage auf den Grund. Die Auswertungen basieren auf Daten der AHV-Statistik von 1981 bis 2010 und erlauben erstmals eine gesamtschweizerische Betrachtung der Einkommensmobilit\u00e4t \u00fcber einen Zeitraum von 30 Jahren. Die Zahlen zeigen, dass die Mobilit\u00e4t in den 1980er Jahren etwas zugenommen hat, seit Mitte der 1990er Jahre jedoch stabil geblieben ist. Einkommensmobilit\u00e4t hat die gestiegene Ungleichheit insbesondere der Topeinkommen also nicht kompensiert. Dar\u00fcber hinaus l\u00e4sst sich anhand der AHV-Daten erstmals auch der Frauen- und Ausl\u00e4nderanteil sowie die Bedeutung der Selbst\u00e4ndigen unter den Bestverdienenden untersuchen. Frauen sind noch immer stark untervertreten \u2013 im Gegensatz zu den im Ausland geborenen Personen. Deren Anteil hat sich seit Ende der 1990er Jahre fast verdoppelt und liegt deutlich \u00fcber dem Schnitt in der Gesamtbev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Es folgt zun\u00e4chst eine \u00dcbersicht zur Entwicklung der Topeinkommen in der Schweiz. Kernst\u00fcck bilden die Ergebnisse zur Einkommensmobilit\u00e4t in der Schweiz von 1981 bis 2010. Abschliessend wird die Zusammensetzung der Bestverdienenden genauer beleuchtet.<\/p>\n<h2>Entwicklung der Top-Einkommen in der Schweiz<\/h2>\n<p>In der Schweiz sind die Top-Einkommen in den letzten Jahren weiter angestiegen. F\u00f6llmi und Martinez (2016, 2017) zeichnen diese Entwicklung f\u00fcr die Schweiz in der langen Frist nach. Zwar nimmt die Einkommenskonzentration nicht U.S.-amerikanische Ausmasse an, aber der Aufw\u00e4rtstrend ist auch hierzulande erkennbar. Wissenschaftliche Studien dokumentieren f\u00fcr verschiedene L\u00e4nder die Entwicklung der Topeinkommen, was Vergleiche m\u00f6glich macht. Als g\u00e4ngiges Mass wird dabei der Anteil am Gesamteinkommen verwendet, welcher das reichste Prozent der Steuerzahler auf sich vereint. Abbildung 1 zeigt wie diese Gruppe in der Schweiz im internationalen Vergleich in der langen Frist eine erstaunlich stabile Entwicklung aufweist. Das reichste Prozent der Steuerzahler verf\u00fcgte \u00fcber die gesamte Zeitspanne durchschnittlich \u00fcber 9.8% des Gesamteinkommens. Umso interessanter ist, dass sich auch die Schweiz dem j\u00fcngsten Aufw\u00e4rtstrend nicht entziehen konnte. Dieser Aufw\u00e4rtstrend ist besonders ausgepr\u00e4gt unter den Superreichen, dem Top 0.01% oder den 450 reichsten Steuerzahlern (Abbildung 2). W\u00e4hrend die Top 10% und auch das Top 1% in der Langfristbetrachtung noch eine relativ stabile Entwicklung aufzeigen, zieht das Top 0.01% der Reichsten eindeutig davon. Dasselbe Ph\u00e4nomen l\u00e4sst sich auch in den USA und sogar in Frankreich beobachten (vgl. Godechot 2012).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig1_d.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1325\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig1_d.png\" alt=\"Fig1_d\" width=\"691\" height=\"448\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig1_d.png 691w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig1_d-300x194.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig1_d-600x389.png 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 691px) 100vw, 691px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Neben der Entwicklung der Gesamteinkommen aus Steuerdaten, welche auch Kapitaleinkommen aus Dividenden oder bewirtschafteten Immobilien enthalten, interessiert insbesondere auch die Entwicklung der Arbeitseinkommen. Letztere bilden f\u00fcr die grosse Mehrheit der Bev\u00f6lkerung die Haupteinnahmequelle. In den USA haben Einkommen aus Arbeit unter den Top-Einkommensbez\u00fcgern an Bedeutung gewonnen. Wie Abbildung 3 zeigt, sind auch in der Schweiz die Einkommen des Top 1% und Top 0.1% der aller Arbeitnehmenden und Selbst\u00e4ndigen seit den 1990er Jahren angestiegen. Das bestbezahlte Prozent der Arbeitskr\u00e4fte bezog 2010 8% aller AHV-pflichtigen Arbeitseinkommen. Der Anstieg der Topeinkommen zeigt sich auch an der Schwelle, welche man \u00fcberschreiten muss, um zum Top 1% zu geh\u00f6ren. 2010 brauchte man dazu ein Bruttoeinkommen von 315&#8217;000 CHF. 1981 waren es erst 123&#8217;000 CHF, was im Jahr 2010 inflationsbereinigt 214&#8217;000 CHF entsprochen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Als Gr\u00fcnde f\u00fcr den Anstieg der Topeinkommen werden in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur verschiedene Faktoren diskutiert, beispielsweise tiefere Steuern auf hohe Einkommen (Piketty, Saez, Stantcheva, 2014), technologischer Wandel und der damit verbundene Anstieg der durchschnittlichen Firmengr\u00f6sse, was Spitzentalente und Topverdienende besonders bevorteilt (Gabaix und Landier, 2008), gr\u00f6ssere M\u00e4rkte dank der zunehmenden Globalisierung (Mankiw 2013), oder der Einfluss der Verg\u00fctungspraktiken einzelner Branchen wie dem Finanzsektor (Godechot 2012). \u00dcber den einen, ausschlaggebenden Faktor sind sich \u00d6konomen uneinig, und wahrscheinlich spielen alle diese Einfl\u00fcsse gemeinsam eine Rolle.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig2_d.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1326\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig2_d.png\" alt=\"Fig2_d\" width=\"697\" height=\"449\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig2_d.png 697w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig2_d-300x193.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig2_d-600x386.png 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 697px) 100vw, 697px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig3_d.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1327\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig3_d.png\" alt=\"Fig3_d\" width=\"691\" height=\"468\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig3_d.png 691w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig3_d-300x203.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig3_d-600x406.png 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 691px) 100vw, 691px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Einkommensmobilit\u00e4t: Wie lange halten sich Topverdienende an der Spitze?<\/h2>\n<p>Die beschriebene Entwicklung der Topeinkommen in der Schweiz bietet jeweils eine Momentaufnahme der Ungleichheit. Topeinkommensanteile und auch andere Ungleichheitsmasse, wie der h\u00e4ufig verwendete Gini-Index messen jeweils die Verteilung zu einem bestimmten Zeitpunkt. Werden sie j\u00e4hrlich gemessen, sagen sie zwar etwas dar\u00fcber aus, wie sich die h\u00f6chsten Einkommen im Verh\u00e4ltnis zu allen Einkommen im Laufe der Zeit entwickelt haben. Wie sich aber die Einkommen einzelner Individuen \u00fcber die Zeit entwickeln, verraten diese Zahlen nicht. So bleibt unklar, ob es jedes Jahr dieselben Personen unter das Top 1% schaffen, oder ob sich diese Gruppe von Spitzenverdienenden jedes Jahr neu zusammensetzt \u2013 wie die wechselnde Kundschaft in einem Luxushotel.<\/p>\n<p>Eine Analyse der Entwicklung der Ungleichheit in der Schweiz sollte deshalb auch diese Entwicklungen auf der individuellen Ebene, die Einkommensmobilit\u00e4t, messen. Wenn in der gleichen Zeit, in welcher die j\u00e4hrliche Einkommenskonzentration zugenommen hat, auch die Wahrscheinlichkeit, es einmal unter die Top 1% zu schaffen, gestiegen ist, bleibt die Verteilung der \u201eLebenseinkommen\u201c unter Umst\u00e4nden unver\u00e4ndert. Die gestiegenen j\u00e4hrlichen Topeinkommen w\u00e4ren in diesem Falle Ausdruck eines h\u00f6heren Einkommensrisikos f\u00fcr Topverdienende. Vielleicht haben sich Wirtschaft und Arbeitsmarkt so ver\u00e4ndert und beschleunigt, dass Spitzenverdienende in ihren Positionen auf dem Schleudersitz und nicht im bequemen Chefsessel sitzen. Die extrem hohen Einkommen w\u00e4ren ihnen im Gegenzug nur noch \u00fcber einen begrenzten Zeitraum sicher.<\/p>\n<p>Ein gebr\u00e4uchliches Mass f\u00fcr die Einkommensmobilit\u00e4t an der Spitze der Verteilung ist die Verbleiberate in einer bestimmten Einkommensgruppe nach beispielsweise 5 Jahren. Je geringer die Persistenz in einer Gruppe ausf\u00e4llt, umso h\u00f6her ist die Mobilit\u00e4t. Abbildung 4 zeigt den Anteil der Topverdienenden, die sich auch nach mehreren Jahren erneut unter den Top 1% befinden<sup><sup>[1]<\/sup><\/sup>. Rund 80% der Topverdienenden eines Jahres finden sich auch im Folgejahr wieder unter den Top 1%. Bei den Top 10% sind es gar 90%. \u00dcber die Zeit nimmt die Wahrscheinlichkeit, wieder an der Spitze der Verteilung aufzutauchen, ab. Von jenen, die im Jahr 2000 unter den Top 1% waren, finden sich 10 Jahre sp\u00e4ter 37% in dieser Einkommensgruppe wieder (dabei muss eine Person nicht durchgehend unter den Top 1% gewesen sein). In den 1980er Jahren lag dieser Wert noch \u00fcber 40%. Die Einkommensmobilit\u00e4t hat im Verlauf der 1980er Jahre also zugenommen, insbesondre in der langen Frist \u00fcber 10 oder 15 Jahre. Seit Ende der 1990er Jahre, also seit dem beobachteten Anstieg der Topeinkommen, ist sie jedoch stabil geblieben.<\/p>\n<p>F\u00fcr Frauen war die Verbleibedauer unter den Top 1% stets unterdurchschnittlich. Dieselben Gr\u00fcnde, die dazu f\u00fchren, dass der Frauenanteil unter den Top 1% tief ist,&nbsp; verringern auch die Wahrscheinlichkeit, l\u00e4nger im Top 1% zu bleiben: Teilzeitpensen, Familienarbeit und Erwerbsunterbr\u00fcche sowie die Wahl bestimmter Berufsfelder. Durch den Anstieg der Mobilit\u00e4t insbesondere in den 1980er Jahren ist dieser Geschlechterunterschied zwar zur\u00fcckgegangen, g\u00e4nzlich verschwunden ist er jedoch nicht.<\/p>\n<p>Aufgrund unterschiedlicher Datengrundlagen und Einkommenskonzepte sind Mobilit\u00e4tsmasse nur bedingt \u00fcber L\u00e4nder hinweg vergleichbar. Typisch sind jedoch folgende Merkmale: Die Mobilit\u00e4t ist am oberen und unteren Ende der Verteilung am geringsten. Dabei ist sie in der Regel am unteren Ende der Verteilung h\u00f6her als bei den Topeinkommen. Der Aufstieg von ganz unten ist also wahrscheinlicher als der Fall von ganz oben. Und: Ein wesentlicher Anstieg der Mobilit\u00e4t in j\u00fcngerer Zeit konnte bisher in keiner der langfristig angelegten Studien festgestellt werden (vgl. J\u00e4ntti und Jenkins, 2015; Garnero et al., 2016).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig4_d.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1328\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig4_d.png\" alt=\"Fig4_d\" width=\"691\" height=\"509\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig4_d.png 691w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig4_d-300x220.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig4_d-600x441.png 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 691px) 100vw, 691px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die hier betrachteten Mobilit\u00e4tsmasse beschr\u00e4nken sich auf die Arbeitseinkommen einzelner Personen. Das Haushaltseinkommen, wie wir es beispielsweise mit Steuerdaten messen, umfasst daneben auch Kapitaleink\u00fcnfte und Sozialtransfers sowie das Einkommen des Ehepartners.&nbsp; Haushalte mit hohen Arbeitseinkommen erzielen in der Regel auch h\u00f6here Kapitaleink\u00fcnfte, und auch das Einkommen der Ehepartner ist positiv korreliert. In einer Untersuchung mit Steuerdaten des Kantons Z\u00fcrich findet Moser (2013), dass 47% des&nbsp; Top 1% aller Steuerpflichtigen von 2001 auch 2010 in derselben Gruppe auftauchen (ohne Ber\u00fccksichtigung von Verm\u00f6gen). Dieser Wert liegt 10 Prozentpunkte h\u00f6her als der mit AHV-Daten gemessene Wert f\u00fcr denselben Zeitraum. Die Literatur deutet darauf hin, dass die Schweiz im internationalen Vergleich keine h\u00f6heren Mobilit\u00e4tsraten aufweist.<\/p>\n<h2>Einkommensmobilit\u00e4t und Ungleichheit<\/h2>\n<p>Wie stark Einkommensmobilit\u00e4t die Ungleichheit in der Schweiz reduziert, kann mit Hilfe des Gini-Index gemessen werden. Ein (hypothetischer) Gini-Index von 1 bedeutet maximale Ungleichheit: eine Person in der Gesellschaft verf\u00fcgt \u00fcber das gesamte Einkommen, alle anderen haben ein Einkommen von Null. Haben alle dasselbe Einkommen, existiert dagegen keine Einkommensungleichheit und der Gini-Index betr\u00e4gt 0. Werden statt des j\u00e4hrlichen Einkommens die Durchschnittseinkommen derselben Person gemittelt \u00fcber 3 oder 5 Jahre als Grundlage f\u00fcr die Berechnung des Gini-Index verwendet, fallen ausserordentlich hohe oder ausserordentlich geringe Einkommen eines Jahres weniger ins Gewicht. Einkommensschwankungen, welche aufgrund eines einmaligen Bonus oder wegen Erwerbsausf\u00e4llen w\u00e4hrend einer Weiterbildung entstehen, werden so gegl\u00e4ttet und \u00fcber mehrere Jahre verteilt. Abbildung 5 zeigt Gini-Indizes basierend auf j\u00e4hrlichen, 3- und 5-j\u00e4hrigen Durchschnittseinkommen. Wie erwartet f\u00e4llt der Gini-Index der Bruttol\u00f6hne so um etwa 8% respektive 12%. \u00dcber mehrere Jahre gemessen, f\u00e4llt die Ungleichheit also tiefer aus. Dem Anstieg der Ungleichheit konnte die Einkommensmobilit\u00e4t allerdings nicht entgegenwirken. So stieg der Gini-Index der \u00fcber 5 Jahre gemittelten AHV-L\u00f6hne von 1981 bis 2010 um 9% an<sup><sup>[2]<\/sup><\/sup>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig5_d.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1329\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig5_d.png\" alt=\"Fig5_d\" width=\"699\" height=\"537\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig5_d.png 699w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig5_d-300x230.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig5_d-600x460.png 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 699px) 100vw, 699px\" \/><\/a><\/p>\n<h2>Wer sind die Topverdienenden in der Schweiz?<\/h2>\n<p>Ins Top 1% schaffte es 2010, wer ein Bruttoeinkommen von 315&#8217;000 CHF erzielte, f\u00fcrs Top 10% reichten 126&#8217;000 CHF. Bisher war wenig bekannt dar\u00fcber, wer diese Topverdienenden in Bezug auf pers\u00f6nliche Merkmale wie Geschlecht oder Nationalit\u00e4t sind. Da in den Steuerstatistiken ein Steuerzahler nicht zwingend eine Einzelperson ist, sondern dahinter auch ein gemeinsam besteuertes Ehepaar stehen kann, sind Steuerdaten nicht geeignet, um beispielsweise Geschlechterunterschiede zu untersuchen. Anhand von Daten aus der AHV-Statistik ist es erstmals m\u00f6glich aufzuzeigen, wie sich die Gruppe der Topverdienenden zusammensetzt.<\/p>\n<p>Das augenf\u00e4lligste Resultat ist, dass Frauen unter den Bestbezahlten 10% und mehr noch unter den Top 1% stark untervertreten sind. Obwohl Frauen 2010 insgesamt rund 46% der aktiven Besch\u00e4ftigten in der AHV-Statistik ausmachten, lag ihr Anteil unter den Top 10% gerade einmal bei 14% (Abbildung 6). Zwar ist der Frauenanteil unter den Top 10% \u00fcber die Zeit gestiegen, lag er in den 1980er Jahren noch bei mageren 8%. In h\u00f6heren R\u00e4ngen der Einkommensverteilung sind Frauen jedoch noch st\u00e4rker untervertreten und konnten auch kaum an Terrain gewinnen. So waren 2010 unter den Top 0.1% (das entspricht den bestbezahlten 4\u2019300 Besch\u00e4ftigten) nur gerade 4.2% Frauen. In anderen Worten kommen auf jede weibliche Topverdienerin 24 m\u00e4nnliche Topverdiener. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr die geringe Anzahl Frauen im Topeinkommenssegment sind vielseitig und werden in der Literatur breit diskutiert<sup><sup>[3]<\/sup><\/sup>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig6_d.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1330\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig6_d.png\" alt=\"Fig6_d\" width=\"694\" height=\"453\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig6_d.png 694w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig6_d-300x195.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig6_d-600x391.png 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 694px) 100vw, 694px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ein anderes Bild zeigt sich beim Anteil der im Ausland geborenen Besch\u00e4ftigten an der Spitze der Einkommenspyramide. Diese waren im Vergleich zu Ihrem Anteil in der Grundgesamtheit der AHV-Pflichtigen stets gut vertreten. Seit Ende der 1990er Jahre ist jedoch ein klarer Anstieg zu beobachten. Im Gegensatz zu den Frauen, ist der Anstieg bei den h\u00f6chsten Einkommensklassen mit Abstand am st\u00e4rksten. So waren 2010 40% der Bestverdienenden 0.1% Personen, welche im Ausland geboren sind (Abbildung 7). Insgesamt waren im selben Jahr nur 26% der Besch\u00e4ftigten im Ausland geboren. In diesen Zahlen spiegelt sich die starke internationale Ausrichtung der Schweizer Wirtschaft in den letzten 20 Jahren. Die Schweiz beheimatet 36 multinationale Unternehmen. Gemessen an der Bev\u00f6lkerung und damit an der Gr\u00f6sse der Volkswirtschaft, erreichen nur die Niederlande eine \u00e4hnlich hohe Zahl. Hinzu kommt eine grosse Anzahl ausl\u00e4ndischer Unternehmen und Statusgesellschaften (Holding-, Domizil- und gemischte&nbsp; Gesellschaften) mit Sitz in der Schweiz. Diese erh\u00f6hen die Nachfrage nach ausl\u00e4ndischen Fachkr\u00e4ften. Gleichzeitig macht das traditionell g\u00fcnstige Steuerklima die Schweiz zu einem attraktiven Standort f\u00fcr gutqualifizierte ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte<sup><sup>[4]<\/sup><\/sup>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig7_d1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1332\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig7_d1.png\" alt=\"Fig7_d\" width=\"700\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig7_d1.png 700w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig7_d1-300x192.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Fig7_d1-600x385.png 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<h2>Schlussfolgerungen<\/h2>\n<p>Der j\u00fcngste Anstieg der Einkommensungleichheit geht vor allem auf den Anstieg der L\u00f6hne bei den Bestbezahlten zur\u00fcck. Dieser Anstieg wurde nicht durch eine erh\u00f6hte Einkommensmobilit\u00e4t kompensiert. Rund 80% der Top 1% sind auch nach einem Jahr noch in dieser Gruppe. Nach 10 Jahren finden sich 37% unter den Top 1% wieder. So ist denn auch die Ungleichheit der \u00fcber mehrere Jahre gemittelten Einkommen gestiegen. Weiter zeigt die Auswertung der AHV-Statistik, dass Frauen in den Topgruppen stark untervertreten sind. Obwohl 46% der aktiven Besch\u00e4ftigten weiblich sind, lag 2010 der Frauenanteil im Top 1% unter 10%. \u00dcberproportional vertreten sind im Ausland geborene Personen: Sie stellen einen Drittel aller Top 1% dar.<\/p>\n<p>Lange Zeit sahen \u00d6konomen Einkommensungleichheit als notwendiges \u00dcbel, um die Wirtschaft in Schwung zu halten. Ungleichheit schaffte in ihren Augen die n\u00f6tigen Anreize, sich durch harte Arbeit selber einmal vom sprichw\u00f6rtlichen Tellerw\u00e4scher zum Million\u00e4r hochzuarbeiten. Einkommensungleichheit geht in dieser Sicht jedoch Hand in Hand mit der Einkommensmobilit\u00e4t (Garnero et al. 2016). Inzwischen hat die Ungleichheit \u2013 und insbesondere die Konzentration der Topeinkommen \u2013 Ausmasse erreicht, welche auch unter \u00d6konomen die Debatte um Effizienz und Verteilung neu belebt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><sup><sup>[1]<\/sup><\/sup> Bedingung ist nicht, dass sie sich in jedem dazwischenliegenden Jahr auch unter den Top 1% befinden. Diese Konvention hat sich in der Literatur verbreitet, weil in anderen L\u00e4ndern nicht immer f\u00fcr jedes Jahr Daten zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<p><sup><sup>[2]<\/sup><\/sup> In der AHV-Statistik ist es nicht m\u00f6glich, f\u00fcr Teilzeitpensen zu korrigieren. Ein Teil des Anstiegs im Gini-Index der Bruttol\u00f6hne d\u00fcrfte deshalb auch auf die Zunahme der Teilzeitarbeit zur\u00fcckzuf\u00fchren sein.<\/p>\n<p><sup><sup>[3]<\/sup><\/sup> In der Literatur werden verschiedene Gr\u00fcnde f\u00fcr die Untervertretung von Frauen in Top-Positionen diskutiert: Karriere-Unterbr\u00fcche wegen Familiengr\u00fcndung, vermehrte Teilzeitarbeit, die Wahl bestimmter Berufe oder Branchen, geschlechterspezifische Einstellungen gegen\u00fcber Wettbewerb am Arbeitsplatz (Niederle und Vesterlund, 2007) und die Gestaltung des Auswahlverfahrens, soziale Netzwerkeffekte (Ginalski, 2016; Ioannides und Datcher Loury, 2004), sowie (unterbewusste) Voreingenommenheit, welche bei Einstellungsverfahren M\u00e4nner bevorzugt (Goldin und Rouse, 2000).<\/p>\n<p><sup><sup>[4]<\/sup><\/sup>Auch Selbst\u00e4ndige sind unter den Topeinkommensbeziehenden sehr gut vertreten. \u00dcber den gesamten Zeitraum hinweg lag ihr Anteil unter den bestverdienenden 5% bei 20%, und damit doppelt so hoch wie in der Grundgesamtheit der Besch\u00e4ftigten. Beim Top 1% und Top 0.1% liegen die Anteile noch h\u00f6her, allerdings ist dort ein Abw\u00e4rtstrend zu beobachten. Dieser begann 1997, just dem Jahr, in welchem die Unternehmenssteuerreform I angenommen wurde. Die Vermutung liegt nahe, dass ein Teil der sehr erfolgreichen ehemals Selbst\u00e4ndigen durch eine \u00c4nderung der Rechtsform, z.B. zu einer AG, zumindest formell in die abh\u00e4ngige Besch\u00e4ftigung \u00fcbergegangen ist. F\u00fcr Berufsgruppen wie \u00c4rzte und Rechtsanw\u00e4lte scheint es daf\u00fcr zumindest anekdotische Evidenz zu geben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung Verteilungsfragen haben weiterhin Hochkonjunktur. Seit der Jahrtausendwende haben sich \u00d6konomen vermehrt mit Fragen zur Einkommens- und Verm\u00f6gensungleichheit befasst, am prominentesten Thomas Piketty (2001, 2014). Sp\u00e4testens seit der Finanzkrise 2008 ist das Thema auch vom politischen Diskurs nicht mehr wegzudenken. Sonst marktliberal gepr\u00e4gte Organisationen wie der IMF oder die OECD haben die wachsende Ungleichheit als [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[19,18],"tags":[],"class_list":["post-1323","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-travail","category-inegalite"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1323","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1323"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1323\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3387,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1323\/revisions\/3387"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1323"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1323"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1323"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}