{"id":1514,"date":"2018-09-11T09:03:50","date_gmt":"2018-09-11T07:03:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=1514"},"modified":"2022-12-23T12:08:52","modified_gmt":"2022-12-23T10:08:52","slug":"working-poor-in-der-schweiz-ausmass-und-mechanismen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=1514","title":{"rendered":"Working Poor in der Schweiz: Ausmass und Mechanismen"},"content":{"rendered":"<h2>Einleitung<\/h2>\n<p>Seit mehreren Jahren vollzieht sich ein Wandel in der Sozialpolitik, der den Schwerpunkt zunehmend auf Aktivierungsmassnahmen und die R\u00fcckkehr an den Arbeitsplatz von Personen legt, die arbeitslos sind oder anderweitig nicht am Arbeitsmarkt teilnehmen. Es ist daher von Bedeutung nachzuvollziehen, inwiefern die Erwerbsbev\u00f6lkerung in unserem Land vor Armut gesch\u00fctzt ist und welche Gruppen von Erwerbst\u00e4tigen einem erh\u00f6hten Armutsrisiko ausgesetzt sind.<\/p>\n<p>Ziel dieses Beitrags ist es, Antworten auf folgende Fragen zu geben: Worauf bezieht man sich, wenn von Erwerbsarmut (\u201eWorking Poor\u201c) in der Schweiz gesprochen wird, und wie kann dieses Ph\u00e4nomen gemessen werden? Welche Personengruppen sind am st\u00e4rksten betroffen und welche Mechanismen haben dazu gef\u00fchrt, dass sie sich in dieser Situation befinden? Die Armut von Erwerbst\u00e4tigen unterscheidet sich von der Armut nicht-erwerbst\u00e4tiger Personen, weil sie verschiedene Herausforderungen an die Sozialpolitik stellen. Zudem wird dieses Thema wesentlich weniger von den europ\u00e4ischen Sozialwissenschaften behandelt als andere vergleichbare soziale Problematiken (Lohmann und Marx 2018), wie beispielsweise Arbeitslosigkeit oder Inaktivit\u00e4t von Personen im Erwerbsalter.<\/p>\n<p>In der Schweiz wurden erste Arbeiten zum Thema \u201eWorking Poor\u201c Ende der 1990er Jahre durchgef\u00fchrt (Liechti und Kn\u00f6pfel 1998, Fluder und al. 1999). Dabei konzentrierten sich die Untersuchungen vornehmlich auf Haushalte, in denen das Gesamtarbeitsvolumen mindestens einer Vollzeitbesch\u00e4ftigung entsprach. Gem\u00e4ss dieser Studien belief sich die Anzahl der <em>Working Poor<\/em> Ende der 1990er Jahre auf 250&#8217;000 Personen, wenn sich die Armutsgrenze an den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz f\u00fcr Sozialhilfe (SKOS) orientierte, und auf 410&#8217;000 Personen unter Anwendung der Armutsgrenze gem\u00e4ss den Erg\u00e4nzungsleistungen zur AHV (Liechti und Kn\u00f6pfel 1998). In seinem ersten Bericht verwendet das Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) einen Indikator, der sehr nahe an der von Liechti und Kn\u00f6pfel (1998) verwendeten Kennzahl liegt. Demgem\u00e4ss wird die Anzahl der <em>Working Poor<\/em> 1999 auf 250&#8217;000 Personen gesch\u00e4tzt, von denen 186&#8217;000 in einem Haushalt mit mindestens einer Vollzeitbesch\u00e4ftigung leben (Streuli und Bauer 2001). Eine vergleichbare Zahl von 284&#8217;000 armutsbetroffenen Erwerbst\u00e4tigen wird von Gerfin und al. (2002) eruiert. Unter Ber\u00fccksichtigung der Anzahl ArbeitnehmerInnen, deren j\u00e4hrliches Nettosal\u00e4r 50&nbsp;% unter dem Medianeinkommen liegt und mehr als die H\u00e4lfte des Jahreseinkommens des Haushalts darstellt, sch\u00e4tzen Deutsch, Fl\u00fcckiger und Silber (1999) die armutsbetroffenen Erwerbst\u00e4tigen auf 228&#8217;000 im Jahr 1997.<\/p>\n<p>Dabei handelt es sich h\u00e4ufig um die gleichen Personengruppen: Personen, die gering qualifiziert sind, in einem Einelternhaushalt leben oder als Paar mit drei Kindern und mehr leben, die eine ausl\u00e4ndische Staatsangeh\u00f6rigkeit haben, in Sektoren mit geringer Produktivit\u00e4t oder Niedrigl\u00f6hnen besch\u00e4ftigt sind, die atypische Besch\u00e4ftigungsbedingungen haben (zeitlich begrenzt, auf Abruf usw.) oder selbstst\u00e4ndig erwerbend sind (insbesondere Selbstst\u00e4ndige ohne Angestellte).<\/p>\n<p>Einige Autoren besch\u00e4ftigen sich insbesondere mit dem Zusammenhang zwischen den Ph\u00e4nomenen der Tieflohnarbeit und Erwerbsarmut (Oesch und Rieger 2006, Falter und Fl\u00fcckiger 2004, Crettaz und Farine 2008), wobei sich diese Ph\u00e4nomene nicht vollst\u00e4ndig \u00fcberschneiden, da die Einkommen innerhalb desselben Haushalts in der Regel geteilt werden. Durch die Festlegung der Niedriglohnschwelle auf 50&nbsp;% des j\u00e4hrlichen Nettoerwerbseinkommens und unter Verwendung einer Armutsgrenze, die der zu dieser Zeit geltenden Armutsschwelle des BFS entsprach (Streuli und Bauer 2001), kommen Fl\u00fcckiger und Falter (2004) zu dem Schluss, dass 13,3&nbsp;% der ArbeitnehmerInnen mit tiefen Einkommen \u201eWorking Poor\u201c sind und dass 42,9&nbsp;% der Erwerbst\u00e4tigen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, einen Niedriglohn beziehen. Crettaz und Farine (2008) kommen zu sehr \u00e4hnlichen Ergebnissen.<\/p>\n<p>Andere Analysen besch\u00e4ftigten sich vornehmlich mit Sozialhilfeempf\u00e4ngern, die einer Erwerbst\u00e4tigkeit nachgehen (Kutzner und al. 2004): Der Anteil von armutsbetroffenen Erwerbst\u00e4tigen, welcher s\u00e4mtliche Personen umfasst, die mindestens eine Stunde pro Woche erwerbst\u00e4tig sind, belief sich in den Jahren 2000\/2001 auf 18,5&nbsp;% der Sozialhilfeempf\u00e4nger im Kanton Freiburg und auf 18,2&nbsp;% jener im Kanton Basel-Stadt. Weitere Studien erm\u00f6glichen ein besseres Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, welche Auswirkungen mit dem Status des \u201eWorking Poor\u201c in der Schweiz verbunden sind, insbesondere f\u00fcr Personen, die an Aktivierungsprogrammen teilnehmen (Kuehni 2018).<\/p>\n<p>Die Entwicklung der Anzahl armutsbetroffener Erwerbst\u00e4tiger kann aufgrund von Br\u00fcchen in den Zeitreihen des BFS nur schwer nachvollzogen werden. Es kann jedoch aufgezeigt werden, dass der prozentuale Anteil der \u201eWorking Poor\u201c seit der Rezession in der ersten H\u00e4lfte der 1990er Jahre deutlich angestiegen ist (Streuli und Bauer 2001). Anfang der Nullerjahre folgte dann ein r\u00fcckl\u00e4ufiger Trend, der bis zur Mitte des gleichen Jahrzehnts wieder aufw\u00e4rts tendierte (Crettaz und Farine 2008). Aufgrund einer neuen Operationalisierung der SKOS-Richtlinien und einer neuen, zuverl\u00e4ssigeren Datenbasis zur Einkommensmessung (die im Folgenden beschriebene SILC-Erhebung) lassen sich folgende Schl\u00fcsse ziehen: Seit 2007 ist die Armutsquote der Erwerbst\u00e4tigen bis zum Jahr 2013 zur\u00fcckgegangen. Einem erneuten Bruch in der Zeitreihe folgte 2014 ein Anstieg bis ins Jahr 2016 (Quelle: BFS).<\/p>\n<h2>Daten und Kennzahlen<\/h2>\n<p>Die Ergebnisse unseres Artikels beruhen auf der vom Bundesamt f\u00fcr Statistik, aber auch in allen Mitgliedstaaten der Europ\u00e4ischen Union durchgef\u00fchrten Erhebung zu Einkommen und Lebensbedingungen SILC (Survey on Income and Living Conditions), die sich auf Informationen von 14&#8217;262 in der Schweiz lebenden Personen st\u00fctzt. In der Forschung zu den Working Poor gilt diese Erhebung als vorrangige Referenz (Lohmann und Marx 2018).<\/p>\n<p>Der Indikator, der in der europ\u00e4ischen Fachliteratur zu den \u201eWorking Poor\u201c vornehmlich herangezogen wird, ist die auf 60&nbsp;% des Median\u00e4quivalenzeinkommens festgelegte Armutsgrenze. Dazu werden die Einkommen aller Haushaltsmitglieder (Erwerbseinkommen, Sozialtransfers, Verm\u00f6genseinkommen usw.) addiert und die Sozialabgaben (AHV, IV, EO usw.) sowie Steuern und Krankenkassenbeitr\u00e4ge in Abzug gebracht. In einem weiteren Schritt wird dieses Einkommen standardisiert, um einen Vergleich zwischen Haushalten von unterschiedlicher Gr\u00f6sse anstellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein Working Poor ist eine <em>Person<\/em>, die einer Erwerbst\u00e4tigkeit nachgeht und in einem einkommens\u00adschwachen <em>Haushalt<\/em> lebt. Entgegen den offiziellen Statistiken, denen zufolge eine Person im vergangenen Jahr mindestens sechs Monate gearbeitet haben muss, um als erwerbst\u00e4tig erachtet zu werden (was in den Arbeitsmarkt eintretende oder zur\u00fcckkehrende Personen ausschliesst), besch\u00e4ftigt sich dieser Artikel mit allen Personen, die zum Zeitpunkt der Befragung erwerbst\u00e4tig sind und mindestens das 20. Lebensjahr erreicht haben.<\/p>\n<p>Der vorliegende Artikel verwendet zudem einen Indikator zur materiellen Entbehrung, der zuverl\u00e4ssigere Untersuchungen f\u00fcr Erwerbst\u00e4tige erm\u00f6glicht, deren Einkommen schwierig zu bemessen ist (in der Regel Selbstst\u00e4ndigerwerbende). Dieser Indikator findet in der wissenschaftlichen Forschung seltener Verwendung, f\u00fchrt jedoch zu interessanten Ergebnissen (Crettaz 2015). Es werden neun Fragen gestellt, ob die Antwortenden \u00fcber folgende M\u00f6glichkeiten verf\u00fcgen beziehungsweise finanziell dazu in der Lage w\u00e4ren:<\/p>\n<ul>\n<li>innerhalb eines Monats unerwartete Ausgaben in H\u00f6he von 2&#8217;500 Franken zu t\u00e4tigen<\/li>\n<li>sich jedes Jahr eine Woche Ferien ausserhalb des Wohnsitzes zu leisten<\/li>\n<li>Zahlungsr\u00fcckst\u00e4nde zu vermeiden<\/li>\n<li>sich alle zwei Tage eine Mahlzeit mit Fleisch oder Fisch (oder eine vergleichbare vegetarische Mahlzeit) zu leisten<\/li>\n<li>ihre Wohnung angemessen zu heizen<\/li>\n<li>eine Waschmaschine<\/li>\n<li>ein Farbfernsehger\u00e4t<\/li>\n<li>ein Telefon<\/li>\n<li>ein Auto<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Falls ein Haushalt nicht \u00fcber eine dieser M\u00f6glichkeiten verf\u00fcgt, wird der Antwortende gebeten anzugeben, ob dies auf finanzielle oder andere Gr\u00fcnde zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Von materieller Entbehrung wird gesprochen, wenn mindestens drei der neun erhobenen Indikatoren aus finanziellen Gr\u00fcnden fehlen.<\/p>\n<p>Die Quote der Erwerbsarmut f\u00e4llt unterschiedlich aus, je nachdem, welcher Indikator angewendet wurde. Grund daf\u00fcr ist, dass sich die Indikatoren f\u00fcr die materielle Entbehrung auf ausgepr\u00e4gtere Formen von Entbehrung beziehen (Crettaz 2015): Bei einer in der Schweiz lebenden Person, die auf drei der vorstehend aufgef\u00fchrten M\u00f6glichkeiten verzichten muss, wird davon ausgegangen, dass sie sich langfristig in einer schwierigen finanziellen Lage befindet. Demzufolge sind 3,1&nbsp;% der erwerbst\u00e4tigen Personen von materieller Entbehrung betroffen, wobei dieser Anteil deutlich unter dem der Einkommensarmut (8,6&nbsp;%) liegt.<\/p>\n<h2>Die in der Schweiz von Erwerbsarmut betroffenen Personen<\/h2>\n<p>Wir wollen zun\u00e4chst die soziodemografischen Profile identifizieren, die durch dieses Ph\u00e4nomen am meisten gef\u00e4hrdet sind. In Tabelle 1 liegt der Schwerpunkt auf den in der Literatur identifizierten Risikofaktoren Geschlecht, Alter und Staatsangeh\u00f6rigkeit (Lohmann und Marx 2018):<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Fig1_d.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1516 size-full\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Fig1_d.png\" alt=\"\" width=\"719\" height=\"379\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Fig1_d.png 719w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Fig1_d-300x158.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 719px) 100vw, 719px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Einige Schlussfolgerungen sind unabh\u00e4ngig davon, welcher der beiden Armutsindikatoren betrachtet wird. Insbesondere erwerbst\u00e4tige Personen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren sowie \u201eNicht-Europ\u00e4er\u201c sind einem h\u00f6heren Armutsrisiko ausgesetzt als Personen, die aus einem Land der Europ\u00e4ischen Union stammen, welche ihrerseits wiederum st\u00e4rker gef\u00e4hrdet sind als SchweizerInnen. Hingegen liegen keine geschlechtsspezifischen Unterschiede in Bezug auf die Einkommensarmut vor. Dieses weitl\u00e4ufig bekannte Ergebnis wird zuweilen als \u201eGeschlechtsparadox der Erwerbsarmut\u201c (Lohmann und Marx 2018) bezeichnet, da Frauen st\u00e4rker von allgemeiner Armut und Tieflohnstellen betroffen sind. Das Paradox ist auf den Effekt der Zusammenlegung von Einkommen und Ausgaben innerhalb des Haushalts zur\u00fcckzuf\u00fchren. Berufst\u00e4tige Frauen sind der materiellen Entbehrung jedoch st\u00e4rker als M\u00e4nner ausgesetzt, was zum Teil auf ihre Situation nach einer Trennung und\/oder Scheidung, und insbesondere auf Einelternschaft, zur\u00fcckzuf\u00fchren ist.<\/p>\n<p>Im Weiteren werden die Hauptmerkmale eines Haushalts und die Kategorien von Erwerbst\u00e4tigkeit untersucht. Dabei ist festzustellen, dass die Haushalte von Alleinerziehenden diesen Schwierigkeiten am st\u00e4rksten ausgesetzt sind und dass ein noch markanterer Unterschied in Bezug auf materielle Entbehrung besteht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Fig2_d.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1517 size-full\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Fig2_d.png\" alt=\"\" width=\"722\" height=\"474\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Fig2_d.png 722w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Fig2_d-300x197.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 722px) 100vw, 722px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Des Weiteren kann durchg\u00e4ngig aufgezeigt werden, dass Paare ohne Kinder am wenigsten von Einkommensarmut und materieller Entbehrung betroffen sind, gefolgt von Paaren mit einem oder zwei Kindern.<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich ArbeitnehmerInnen, die als Paar zusammenleben und drei oder mehr Kinder haben, sind die Ergebnisse jedoch unterschiedlich. Diese Paare scheinen von Einkommensarmut fast in gleichem Masse wie Haushalte von Alleinerziehenden betroffen zu sein, w\u00e4hrend sie jedoch weniger als Haushalte von Alleinerziehenden und Alleinlebenden der Gefahr der materiellen Entbehrung ausgesetzt sind. Diese Tendenz veranlasst zu der Annahme, dass die gr\u00f6sseren Haushalte h\u00f6here Einsparungen als Haushalte mittlerer Gr\u00f6sse machen, beispielsweise durch Grosseink\u00e4ufe oder zus\u00e4tzlichen Wohnraumbedarf, der weniger zu Buche schl\u00e4gt, als der zus\u00e4tzliche Raum, der nach der Geburt eines ersten oder zweiten Kindes erforderlich wird. Ein weiterer Punkt ist die hier angewendete Standardisierung der Einkommen, die allgemein in Forschungsarbeiten verwendet wird \u2013 der erste Erwachsene z\u00e4hlt als eine Einheit, weitere Personen ab dem 14. Lebensjahr z\u00e4hlen als 0,5 Einheiten und Kinder unter 14 Jahren werden mit 0,3 ber\u00fccksichtigt. Dadurch wird angenommen, dass der durch die Geburt eines Kindes entstehende zus\u00e4tzliche Bedarf stets identisch und von der Anzahl der Kinder unabh\u00e4ngig ist.<\/p>\n<p>Ausserdem besteht eine hohe Korrelation zwischen der Gefahr der Erwerbsarmut und dem Ausbildungsstand, wobei das Risiko der Einkommensarmut sowie der materiellen Entbehrung f\u00fcr Personen ohne nachobligatorische Ausbildung jeweils fast viermal bzw. sechsmal so hoch ist wie f\u00fcr Personen mit terti\u00e4rer Ausbildung.<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich der beruflichen Situation weichen die Ergebnisse jedoch deutlich voneinander ab. Selbstst\u00e4ndigerwerbende sind in einem viel h\u00f6heren Masse von Einkommensarmut betroffen als ArbeitnehmerInnen, w\u00e4hrend die materielle Entbehrung am st\u00e4rksten Selbstst\u00e4ndigerwebende ohne Angestellte und ArbeitnehmerInnen in geringerem Ausmass betrifft. Selbstst\u00e4ndigerwerbende jedoch, die Angestellte haben, sind der materiellen Entbehrung deutlich weniger ausgesetzt. Dies ist ein Indiz daf\u00fcr, dass die Zuverl\u00e4ssigkeit der Einkommensindikatoren f\u00fcr LeiterInnen von Unternehmen mit mehreren Angestellten sowie f\u00fcr die erwerbst\u00e4tigen Mitglieder ihrer Familie begrenzt ist.<\/p>\n<p>Nachdem nun die wichtigsten Risikogruppen identifiziert wurden, sollen die festgestellten Unterschiede erl\u00e4utert werden, wobei der Schwerpunkt auf die der Erwerbsarmut zugrunde liegenden Mechanismen gelegt wird.<\/p>\n<h2>Mechanismen, die zu Erwerbsarmut f\u00fchren<\/h2>\n<p>Es wurde ein theoretisches Modell entwickelt, das auf den Mechanismen beruht, die erwerbst\u00e4tige Haushalte in eine finanziell schwierige Lage f\u00fchren (Crettaz und Bonoli 2011, Crettaz 2011, Lohmann und Crettaz 2018). Es wurden hierbei vier unterschiedliche Mechanismen identifiziert.<\/p>\n<p>Der erste besteht in einem geringen Lohn pro Arbeitsstunde. Von einem niedrigen Stundenlohn spricht man, wenn dieser weniger als zwei Drittel des medianen \u00c4quivalenzeinkommens betr\u00e4gt (d.&nbsp;h. das mittlere Einkommen, von dem die H\u00e4lfte der Erwerbsbev\u00f6lkerung mehr und die andere H\u00e4lfte weniger verdient; dieses entspricht im Jahr 2015 einem Betrag von 38,80 Franken, was ungef\u00e4hr einem monatlichen Bruttosal\u00e4r f\u00fcr eine Vollzeitbesch\u00e4ftigung von 6\u2018363 Franken f\u00fcr 41 Wochenarbeitsstunden entspricht). Es handelt sich hierbei um den in diesem Bereich am h\u00e4ufigsten verwendeten Indikator (Crettaz und Farine 2008).<\/p>\n<p>Der zweite Mechanismus ist mit dem Arbeitsvolumen des Haushalts verkn\u00fcpft, das aufgrund des Vorhandenseins von kleinen Kindern unter dem Mittelwert liegen kann (die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der M\u00fctter arbeitet in Teilzeit, h\u00e4ufig mit einer prozentual geringeren Arbeitszeit, wenn die Kinder klein sind, Bonoli und al. 2016) oder aufgrund von Arbeitslosigkeit anderer Erwachsener im Haushalt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Fig3_d.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1518 size-full\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Fig3_d.png\" alt=\"\" width=\"713\" height=\"391\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Fig3_d.png 713w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Fig3_d-300x165.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 713px) 100vw, 713px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der dritte Mechanismus steht mit dem \u00fcberdurchschnittlichen Bedarf eines Haushalts in Zusammenhang. Auch hierbei spielt das Vorhandensein von Kindern eine wichtige Rolle. Ein Paar mit zwei Kindern hat zus\u00e4tzliche Kosten zu tragen, die sich am Ende der Jahre 2000 im nationalen Durchschnitt auf 1\u2018310 Franken pro Monat beliefen (Gerfin und al. 2008). Als weiterer Faktor gilt eine Scheidung: Beispielsweise entsteht aus einem Paar, das zwei Kinder hat und sich trennt, ein Haushalt mit einer Person und ein Einelternhaushalt mit zwei Kindern, wobei der Bedarf der beiden neu entstandenen Haushalte rund 33 Prozent \u00fcber dem Ursprungshaushalt liegt (Schweizerische Konferenz f\u00fcr Sozialhilfe, 2017).<\/p>\n<p>Der vierte Mechanismus ist schliesslich mit den Sozialtransfers verkn\u00fcpft, die entweder f\u00fcr die erwachsenen Haushaltsmitglieder bezogen werden, die nicht oder nicht mehr erwerbst\u00e4tig sind (Arbeitslosen-, Invalidit\u00e4ts-, Unfalls-, Alters- und Hinterbliebenenversicherungen, Sozialhilfe usw.) oder f\u00fcr die Kinder. Der Umstand, dass eine Person unzureichende oder keine Sozialtransfers bezieht, obwohl aufgrund ihres geringen Einkommens ein Anspruch darauf besteht, stellt einen besonderen Mechanismus dar. Die betreffenden Mechanismen werden zusammenfassend in Grafik 1 dargestellt.<\/p>\n<p>Unser Ziel ist, die Auswirkungen der verschiedenen Mechanismen in der Schweiz zu untersuchen. Wir wenden diesbez\u00fcglich statistische Modelle an, so genannte \u201eRegressionsmodelle\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, mittels derer der Einfluss eines einzelnen Mechanismus eingesch\u00e4tzt werden kann, w\u00e4hrend die Auswirkungen der jeweils anderen Mechanismen kontrolliert werden. Des Weiteren erm\u00f6glichen diese Modelle eine Bewertung der wichtigsten demografischen und sozio\u00f6konomischen Faktoren, die in der Fachliteratur identifiziert werden und insbesondere Geschlecht, Alter, Ausbildungsstand, Zivilstand, und Staatsangeh\u00f6rigkeit betreffen. Die genannten Ph\u00e4nomene stellen die <em>Wahrscheinlichkeiten <\/em>dar, von Einkommensarmut und materieller Entbehrung betroffen zu sein.<\/p>\n<p>Wir stellen die wichtigsten Ergebnisse der drei ersten Mechanismen in grafischer Form dar, und zwar ein tiefer Stundenlohn, ein unter dem Durchschnitt liegendes Arbeitsvolumen des Haushalts und eine \u00fcberdurchschnittliche Anzahl von Kindern pro Erwachsenem. Den Einfluss von Sozialtransfers zu bewerten ist im Rahmen eines solchen Modells (vierter Mechanismus) schwierig, da diese Leistungen einen Posten des Haushaltseinkommens und somit des untersuchten Ph\u00e4nomens darstellen. Um diesem Mechanismus Rechnung zu tragen, wird die Quote der Einkommensarmut mit und ohne Sozialtransfers am Haushaltseinkommen berechnet, so dass in der Folge der \u201earmutsbek\u00e4mpfende Effekt\u201c dieser Leistungen bemessen werden kann.<\/p>\n<p>Die Ergebnisse f\u00fcr die ersten drei Mechanismen sind in Grafik 2 dargestellt. F\u00fcr jeden Mechanismus wurde der niedrigste Wert als Referenzkategorie verwendet (weniger als 25 Franken pro Stunden, weniger als 20 Arbeitswochenstunden pro Erwachsener, ohne Kinder).<\/p>\n<p>Die in Grafik 2 pr\u00e4sentierten Ergebnisse stellen den Einfluss dieser Variablen <em>unter ansonsten gleichen Bedingungen <\/em>dar, da der Einfluss anderer Mechanismen kontrolliert wird. Wir stellen fest, dass das Risiko, zum \u201eWorking Poor\u201c zu werden, durch eigene Kinder und zwar ab einem Kind pro Erwachsenen steigt. In diesem Fall erh\u00f6ht sich die Wahrscheinlichkeit der Einkommensarmut um rund einen Prozentpunkt (wobei die Referenzarmutsquote 4&nbsp;% betr\u00e4gt) und steigt um fast 2 Punkte f\u00fcr materielle Entbehrung, was einem markanten Anstieg entspricht, da sich die Referenzquote der materiellen Entbehrung auf 1,4&nbsp;% bel\u00e4uft. F\u00fcr Haushalte mit drei und mehr Kindern (anstelle von keinen Kindern) steigt das Risiko der Einkommensarmut um 6 Prozentpunkte, w\u00e4hrend sich auch die materielle Entbehrung ziemlich stark erh\u00f6ht (+1 Prozentpunkt). Die Auswirkungen sind sehr gering im Fall eines halben Kindes pro erwachsene Person (Paare mit einem Kind).<\/p>\n<p>Des Weiteren wird festgestellt, dass das Arbeitsvolumen des Haushalts einen entscheidenden Faktor darstellt: Bei einer Wochenarbeitszeit von 20 bis 29 Stunden (pro Erwachsener im Haushalt), anstatt weniger als 20 Stunden, sinkt die Wahrscheinlichkeit der Einkommensarmut um 7 Prozentpunkte (Referenzquote: 15,9&nbsp;%) und die Wahrscheinlichkeit der materiellen Entbehrung um fast zwei Punkte (Basis: 3,7&nbsp;%). Ab 30 Arbeitsstunden pro Erwachsener geht die Wahrscheinlichkeit massgeblich um 12 bis 14 Punkte f\u00fcr die Einkommensarmut und um 2 bis 3 Punkte f\u00fcr die materielle Entbehrung zur\u00fcck.<\/p>\n<p>In Bezug auf den Stundenlohn zeigt sich, dass ein Wert von \u00fcber 35 Franken (d.&nbsp;h. mehr als 5\u2018740 Franken f\u00fcr eine Vollzeitstelle mit 41 Stunden pro Woche) anstatt von unter 25 Franken (weniger als 4\u2018100 Franken pro Monat in Vollzeit) die Wahrscheinlichkeit der Einkommensarmut um \u00fcber 10 Punkte senkt (Referenzquote: 12,5&nbsp;%) und die der materiellen Entbehrung um 1,5 Punkte (Referenz: 2,8&nbsp;%). Bei einem Stundenlohn zwischen 25 und 35 Franken anstatt von weniger als 25 Franken ist der Einfluss jedoch deutlich geringer: W\u00e4hrend die Gefahr der Einkommensarmut um 6,6 Punkte abnimmt, kann praktisch kein Einfluss auf das Risiko der materiellen Entbehrung nachgewiesen werden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Fig4_d.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1519 size-full\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Fig4_d.png\" alt=\"\" width=\"725\" height=\"804\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Fig4_d.png 725w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Fig4_d-271x300.png 271w\" sizes=\"auto, (max-width: 725px) 100vw, 725px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Im Folgenden untersuchen wir den vierten und letzten Mechanismus, in dem wir die Armutsquoten vergleichen, wenn einerseits die Sozialtransfers einbezogen und andererseits aus dem Haushaltseinkommen ausgeschlossen werden.<\/p>\n<p>Ohne Sozialtransfers g\u00e4be es doppelt so viele armutsbetroffene Erwerbst\u00e4tige (15,4&nbsp;%), als wenn die Transfers ber\u00fccksichtigt werden (8,1&nbsp;%). Die europ\u00e4ischen Sozialhilfesysteme erm\u00f6glichen im Allgemeinen nicht, das Einkommen von Bezugsberechtigten auf 60&nbsp;% des Medianeinkommens zu erh\u00f6hen (Nelson 2013). Dies wird von den politischen Entscheidungstr\u00e4gerInnen in diesen Bereichen in der Regel auch nicht angestrebt, da Bedenken um Fehlanreize in Bezug auf eine Wiederaufnahme der Besch\u00e4ftigung bestehen. Dies gilt auch f\u00fcr die Schweiz. Die Sozialversicherungen zielen zudem nicht in erster Linie auf eine Verringerung der Armut ab (obwohl sie in vielen F\u00e4llen dies bewirken), sondern haben vielmehr zum Ziel, einen bestimmten prozentualen Anteil des vorhergehenden Einkommens zu gew\u00e4hrleisten. Es \u00fcberrascht daher nicht, dass die Armut von erwerbst\u00e4tigen Personen durch Sozialtransfers nicht vollst\u00e4ndig ausgemerzt wird.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Fig5_d.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1520 size-full\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Fig5_d.png\" alt=\"\" width=\"719\" height=\"190\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Fig5_d.png 719w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Fig5_d-300x79.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 719px) 100vw, 719px\" \/><\/a><\/p>\n<h2>Schlussfolgerungen<\/h2>\n<p>In der Erwerbsbev\u00f6lkerung sind bestimmte Gruppen viel st\u00e4rker als andere von Einkommensarmut und materieller Entbehrung betroffen, wobei die Betrachtung der beiden Indikatoren in den meisten F\u00e4llen zum selben Resultat f\u00fchrt. Bei diesen Gruppen handelt es sich um Geringqualifizierte, Nicht-Europ\u00e4er, Selbstst\u00e4ndigerwerbende ohne Angestellte, Personen unter 40 Jahren und Einelternhaushalte.<\/p>\n<p>Um nachvollziehen zu k\u00f6nnen, warum bestimmte Besch\u00e4ftigungsgruppen st\u00e4rker dem Armutsrisiko ausgesetzt sind, wurden die Mechanismen untersucht, die Erwerbsarmut in der Schweiz bedingen. Den gr\u00f6ssten Einfluss scheint dabei der Mechanismus zu haben, der sich auf ein unterdurchschnittliches Arbeitsvolumen bezieht. Dieser Effekt ist in den meisten F\u00e4llen mit im Haushalt vorhandenen Kindern verbunden, wobei dieser Faktor ab einem Kind pro erwachsene Person zu einer zus\u00e4tzlichen Benachteiligung f\u00fchrt. Das Risiko der Erwerbsarmut wird zudem durch einen geringen Stundenlohn versch\u00e4rft. Letztlich ist rund die H\u00e4lfte der vor Sozialtransfers armutsbetroffenen ArbeitnehmerInnen nicht mehr von Armut betroffen, wenn Transfers und Besteuerung ber\u00fccksichtigt werden. Je nach Perspektive des halbvollen oder des halbleeren Glases kann festgestellt werden, dass das Arbeitseinkommen in der Schweiz einen grossen Anteil der Bev\u00f6lkerung vor Armut sch\u00fctzt und dass die Sozial- und Steuerpolitik in Bezug auf Erwerbsarmut verbesserungsf\u00e4hig ist.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Hinweis f\u00fcr Statistikinteressierte: Wir haben ein Probitmodell verwendet, und die vorgestellten Ergebnisse entsprechen den sogenannten \u201eaverage marginal effects\u201c, wobei die Daten nicht gewichtet sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung Seit mehreren Jahren vollzieht sich ein Wandel in der Sozialpolitik, der den Schwerpunkt zunehmend auf Aktivierungsmassnahmen und die R\u00fcckkehr an den Arbeitsplatz von Personen legt, die arbeitslos sind oder anderweitig nicht am Arbeitsmarkt teilnehmen. 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