{"id":1875,"date":"2019-09-26T08:52:56","date_gmt":"2019-09-26T06:52:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=1875"},"modified":"2024-08-27T14:47:44","modified_gmt":"2024-08-27T12:47:44","slug":"beziehungen-im-lauf-der-zeit-kartografie-der-personlichen-netzwerke-in-der-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=1875","title":{"rendered":"Beziehungen im Lauf der Zeit: Kartografie der pers\u00f6nlichen Netzwerke in der Schweiz"},"content":{"rendered":"<h2>Einleitung<\/h2>\n<p>Wir leben in einer Zeit, in der die Lebensverl\u00e4ufe immer vielf\u00e4ltiger werden. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, inwieweit sich dieses Ph\u00e4nomen auch in einer Ausdifferenzierung der pers\u00f6nlichen Beziehungsnetze niederschl\u00e4gt. Nehmen die famili\u00e4ren Bande auch k\u00fcnftig noch eine zentrale Rolle ein? Oder verlieren sie angesichts individueller Lebensereignisse und -\u00fcberg\u00e4nge zugunsten anderer Verbindungen an Bedeutung? Diese Frage ist von zentraler Bedeutung, st\u00fctzt sich die staatliche Politik (etwa bei der Kinderbetreuung, der Studienfinanzierung und der Unterst\u00fctzung von Senioren) doch nach wie vor prim\u00e4r auf die innerfamili\u00e4re Solidarit\u00e4t. Gleichzeitig werden die famili\u00e4ren Lebensl\u00e4ufe komplexer, unter anderem durch r\u00fcckl\u00e4ufige Geburtenraten, Scheidungen, die Bildung von Patchwork-Familien sowie die Vereinbarung von Arbeit und Familie. Daher kann anderen sozialen Akteuren wie Freundinnen und Freunden bzw. Kolleginnen und Kollegen bei der Bereitstellung emotionaler und materieller Unterst\u00fctzung eine Schl\u00fcsselrolle zukommen.<\/p>\n<p>Im vorliegenden Artikel beleuchten wir auf Grundlage der Erhebung <em>Family tiMes<\/em>, wie die famili\u00e4ren und ausserfamili\u00e4ren Beziehungen der befragten Personen aussehen. Die Studie identifiziert f\u00fcr jede Teilnehmerin und jeden Teilnehmer diejenigen Personen, die f\u00fcr sie bzw. ihn wichtig sind. Auf dieser Grundlage zeigen wir auf, welche Personen sich vom Modell der sogenannten Kernfamilie distanzieren und wodurch sich ihre famili\u00e4ren Lebensl\u00e4ufe auszeichnen. Indem wir die Beziehung zwischen dem jeweiligen Lebensverlauf und der Zusammensetzung der pers\u00f6nlichen Netzwerke detailliert beschreiben, tragen wir zur Dokumentation der Verteilung der sozialen Ressourcen in der Schweiz bei. Die dadurch gewonnenen Erkenntnisse k\u00f6nnen dabei helfen, Risikogruppen besser zu identifizieren sowie eine Sozial- und Familienpolitik zu entwickeln, die den Unw\u00e4gbarkeiten moderner famili\u00e4rer Biographien und ihren Konsequenzen Rechnung tr\u00e4gt.<\/p>\n<h2>Privilegierte Beziehungen im Lebenslauf<\/h2>\n<p>Ein Individuum geht w\u00e4hrend seines Lebensverlaufs mit zahlreichen Menschen Beziehungen ein \u2013 prim\u00e4r nat\u00fcrlich mit seinen Familienmitgliedern, aber auch mit Nachbarn, Schulkameraden, Arbeitskollegen und sonstigen Personen, die dieselben Interessen haben oder an denselben Orten verkehren. Die Kernfamilie spielt dabei eine entscheidende Rolle \u2013 also zum einen die Orientierungsfamilie, in die das Individuum von seinen Eltern hineingeboren wird, und zum anderen die Fortpflanzungsfamilie, die es im Erwachsenenalter m\u00f6glicherweise selbst gr\u00fcndet. Die Kernfamilie schafft zwischen Eltern und Kindern einerseits sowie zwischen Ehepartnern andererseits vielf\u00e4ltige, dauerhafte Interdependenzen, die funktioneller, rechtlicher oder emotionaler Natur sein k\u00f6nnen (De Singly, 1996; Kellerhals &amp; Widmer, 2012). Die Bedeutung der ausserfamili\u00e4ren Verbindungen sollte dabei jedoch nicht untersch\u00e4tzt werden \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob sie gegen\u00fcber den Familienbanden als zweitrangig, subsidi\u00e4r oder gleichwertig empfunden werden bzw. sogar einen h\u00f6heren Wert f\u00fcr das Individuum besitzen (Allan, 2008; Pahl &amp; Spencer, 2004).<\/p>\n<p>Dies f\u00fchrt uns zu der Frage, welche Bedeutung der Familie in der Schweiz beigemessen wird. Laut einer internationalen Studie \u00fcber die Praktiken im gesellschaftlichen Umgang und \u00fcber die Normen der Solidarit\u00e4t legen liberale Sozialstaatssysteme wie das der Schweiz ihren Fokus stark auf die famili\u00e4re Solidarit\u00e4t sowie die individuelle Autonomie (Ganjour &amp; Widmer, 2016). Im Rahmen einer Untersuchung \u00fcber die Familien im Kanton Genf erw\u00e4hnen jedoch knapp ein Drittel der Befragten Freundinnen bzw. Freunden, die sie wie vollwertige Familienmitglieder behandeln. Das veranschaulicht eine gewisse Durchl\u00e4ssigkeit der famili\u00e4ren Grenzen (Widmer et al., 2012). Eine andere Schweizer Studie konzentrierte sich schliesslich auf die Frage, mit welchen Personen wichtige Themen besprochen werden. Rund zwei F\u00fcnftel der Befragten gaben Personen aus ihrem Freundeskreis als Gespr\u00e4chspartner an, rund ein Drittel nannte Personen aus ihrem beruflichen Umfeld (Viry, 2012).<\/p>\n<p>Parallel zur Zusammensetzung der pers\u00f6nlichen Netzwerke stellt sich die Frage, welche Unterst\u00fctzung die Mitglieder dieser Netzwerke dem Individuum geben k\u00f6nnen. Dieses Kriterium l\u00e4sst sich als wesentliche Dimension der Integration verstehen. Dabei wird Integration hier anhand der emotionalen Unterst\u00fctzung gemessen, die zwischen den Mitgliedern eines Netzwerks ausgetauscht wird. Wenn dieser Austausch sehr intensiv und das Netzwerk eng verkn\u00fcpft ist, wird von <em>bindendem<\/em> Sozialkapital (bonding social capital) gesprochen. Ist der Austausch hingegen weniger intensiv und das Netzwerk eher um eine zentrale Schl\u00fcsselperson herum organisiert, ist von <em>\u00fcberbr\u00fcckendem<\/em> Sozialkapital (bridging social capital) die Rede (Burt, 2002; Coleman, 1988; Widmer, 2010). Das bindende Sozialkapital bietet dem Individuum im Vergleich mehr Schutz, engt aber auch st\u00e4rker ein. Das \u00fcberbr\u00fcckende Sozialkapital r\u00e4umt den Mitgliedern des Netzwerks mehr Freir\u00e4ume ein, bietet ihnen aber auch weniger Sicherheit.<\/p>\n<p>Die Lebensverl\u00e4ufe der Menschen lassen sich als eine Abfolge separater Phasen beschreiben. Voneinander getrennt werden diese durch \u00dcberg\u00e4nge, die sich in den verschiedenen Lebensbereichen \u2013 z.\u00a0B. in der Familie oder im Beruf \u2013 vollziehen. Jede Phase ist mit einer oder mehreren gesellschaftlichen Rollen und einem bestimmten Status verbunden und er\u00f6ffnet somit die M\u00f6glichkeit, neue bedeutsame Beziehungen zu kn\u00fcpfen. Die Art und Weise, wie die verschiedenen Phasen und \u00dcberg\u00e4nge innerhalb der Lebensverl\u00e4ufe aufeinanderfolgen, hat sich im Lauf der Zeit erheblich ver\u00e4ndert. Diese Ver\u00e4nderung l\u00e4sst sich grob wie folgt beschreiben: Angesichts der tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen des 20.\u00a0Jahrhunderts kam es in einer ersten Phase zun\u00e4chst zu einer \u00abStandardisierung\u00bb der Lebensverl\u00e4ufe. Sie resultierte aus der Institutionalisierung der Lebensabschnitte und der daraus folgenden Unterteilung in drei stark miteinander verkn\u00fcpfte, \u00fcbergeordnete Etappen: Ausbildung, produktive Phase und Ruhestand.<\/p>\n<p>Mit dem Ende des 20.\u00a0Jahrhunderts wurde jedoch eine Phase der \u00abEntstandardisierung\u00bb eingel\u00e4utet, die mit einer zunehmenden Unsicherheit in der Entwicklung der individuellen Lebensverl\u00e4ufe sowohl auf beruflicher als auch auf famili\u00e4rer Ebene einhergeht (Levy &amp; Widmer, 2013). Dieser Umstand hat zu einer beschr\u00e4nkten Pluralisierung und Geschlechterspezifizierung der Lebensverl\u00e4ufe insbesondere im beruflichen Bereich gef\u00fchrt. Beruflich herrscht in der Schweiz bei M\u00e4nnern das Vollzeitmodell vor, w\u00e4hrend bei den Frauen verschiedene Modelle koexistieren. Diese Modelle zeichnen sich durch einen mehr oder weniger ausgepr\u00e4gten R\u00fcckzug der Frauen vom Arbeitsmarkt aus und unterstreichen die Tatsache, dass Frauen nach wie vor den Grossteil der Hausarbeit \u00fcbernehmen (Le Goff &amp; Levy, 2016). Generell sind die meisten \u00dcberg\u00e4nge (wie Eheschliessungen und Scheidungen) reversibel und somit potenziell mit Rollenwechseln verbunden, welche die Zusammensetzung und Struktur der pers\u00f6nlichen Beziehungsnetze bis zu einem gewissen Grad ver\u00e4ndern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>F\u00fchrt diese Pluralisierung der Lebensverl\u00e4ufe in einem Land wie der Schweiz nun auch zu einer Diversifikation der pers\u00f6nlichen Beziehungsnetze, oder geniessen die Familienbande weiterhin Priorit\u00e4t? Ziel des vorliegenden Artikels ist es, auf der Basis von Umfragedaten einige Antworten auf diese Frage zu liefern.<\/p>\n<h2>Die Studie Family tiMes<\/h2>\n<p>Im Rahmen der Studie <em>Family tiMes<\/em> \u00abFamily trajectories and social networks\u00bb<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> (Famili\u00e4re Verl\u00e4ufe und soziale Beziehungsnetze: eine konfigurative Untersuchung der Lebensl\u00e4ufe) wurden im Jahr\u00a02011 803 in der Schweiz ans\u00e4ssige Personen befragt. Diese verteilten sich auf zwei Geburtskohorten (die Jahrg\u00e4nge 1950-1955 und 1970-1975), wobei 51% der Befragten Frauen waren und 82% die Schweizer Nationalit\u00e4t besassen. Zwei Drittel der Befragten hatten eine Berufsausbildung abgeschlossen, und ein F\u00fcnftel von ihnen war im Besitz eines terti\u00e4ren Bildungsabschlusses. 11% der Befragten hatten nur die obligatorische Schule absolviert, w\u00e4hrend 7% ihren Bildungsweg nach Ablegung der eidgen\u00f6ssischen Maturit\u00e4t bzw. eines Fachmittelschulabschlusses beendet hatten. Das Studiendesign ist insofern originell, als es Instrumente wie den Lebenskalender mit einem soziometrischen Ansatz zur Beschreibung von pers\u00f6nlichen Beziehungsnetzen verbindet (Widmer, Aeby, &amp; Sapin, 2013). Lebenskalender erm\u00f6glichen es, die famili\u00e4ren Lebensl\u00e4ufe der Befragten im Nachhinein zu rekonstruieren. Auf dieser Grundlage haben wir eine Typologie der Lebensverl\u00e4ufe erstellt (Gauthier, 2013). Die Ermittlung der pers\u00f6nlichen Beziehungsnetze erfolgt dagegen auf Grundlage der folgenden Standardfrage: \u00abWelche Menschen waren im vergangenen Jahr sehr wichtig f\u00fcr Sie, auch wenn Sie sich nicht gut mit ihnen verstanden haben?\u00bb<\/p>\n<h2>Vielf\u00e4ltige pers\u00f6nliche Netzwerke<\/h2>\n<p><em>Im Durchschnitt umfasst das Netzwerk der aus Sicht der Befragten sehr wichtigen Personen 3,9 Mitglieder<\/em><a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><em>. Es lassen sich drei verschiedene Netzwerkgr\u00f6ssen voneinander unterscheiden: kleine Netzwerke (bestehend aus einem oder zwei Mitgliedern, 23,4%), mittlere Netzwerke (drei oder vier Mitglieder, 47,5%) und grosse Netzwerke (f\u00fcnf oder mehr Mitglieder, 29%). Betrachtet man die am h\u00e4ufigsten genannten Beziehungstypen etwas n\u00e4her, ergibt sich folgende Reihenfolge: Platz eins belegt \u2013 unabh\u00e4ngig vom Familienstand \u2013 der Partner bzw. die Partnerin (73%). Dann folgen Freundinnen bzw. Freunde (45,3%) und die Kinder (44,6%). Als N\u00e4chstes werden Mitglieder der Orientierungsfamilie genannt, und zwar die Eltern (32,8%) sowie Br\u00fcder und Schwestern (29,8%). Somit schlagen sich die<\/em> famili\u00e4ren Verbindungen in aufsteigender (Eltern), absteigender (Kinder) und seitlicher Linie (Geschwister) in den pers\u00f6nlichen Beziehungsnetzen nieder.<\/p>\n<p>Um diese Informationen zu reduzieren, ohne ihre Mehrdimensionalit\u00e4t zu verlieren, haben wir eine Hauptkomponentenanalyse in Verbindung mit einem hierarchischen, auf den genannten Beziehungstypen beruhenden Klassifikationsverfahren durchgef\u00fchrt. Dies erlaubt es uns, eine Typologie der pers\u00f6nlichen Beziehungsnetze aufstellen. Sie umfasst sieben Beziehungstypen, die wir nachfolgend kurz beschreiben (siehe Tabelle 1). Ein Typus konzentriert sich auf die Partnerin bzw. den Partner sowie die Kinder und damit auf die Fortpflanzungsfamilie (Netzwerk <em>Fortpflanzung<\/em>, 23,0%), ein zweiter auf die Eltern, das heisst die Orientierungsfamilie (Netzwerk <em>Orientierung<\/em>, 13,0%), und ein dritter auf die Geschwister (Netzwerk <em>Geschwister<\/em>, 12,3%), derweil ein weiterer Typus die weitere Verwandtschaft abdeckt (Netzwerk <em>Verwandtschaft<\/em>, 8,6%). Ein Typus ist auf die Partnerin und m\u00e4nnliche Freunde fokussiert (Netzwerk <em>m\u00e4nnlicher Freundeskreis<\/em>, 10,9%), w\u00e4hrend ein weiterer Typus auf die Kinder und Freundinnen ausgerichtet ist (Netzwerk <em>weiblicher Freundeskreis<\/em>, 24,9%)<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>. Und schliesslich gibt es noch den Typus, der sich auf ausserfamili\u00e4re Verbindungen etwa zu Arbeitskolleginnen und -kollegen konzentriert (Netzwerk <em>Beruf<\/em>, 7,3%). Die Verteilung der verschiedenen Typen stellt sich in den beiden Geburtskohorten recht ausgewogen dar. Das Netzwerk <em>Orientierung<\/em> ist in der j\u00fcngeren Kohorte indes st\u00e4rker vertreten, w\u00e4hrend das Netzwerk <em>Beruf<\/em> in der \u00e4lteren Kohorte etwas mehr Gewicht hat.<\/p>\n<p>Es gibt verschiedene Indikatoren zur Messung von bindendem und \u00fcberbr\u00fcckendem Sozialkapital. An dieser Stelle betrachten wir aber ausschliesslich die Dichte der gegenseitigen emotionalen Unterst\u00fctzung und die Zentralit\u00e4t des\/der Befragten (die Ich-Zentralit\u00e4t) in diesem Austausch<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>. Wir stellen fest, dass die Netzwerke <em>m\u00e4nnlicher Freundeskreis<\/em> und <em>Fortpflanzung<\/em> sehr dicht sind. Ausserdem steht in allen Netzwerken, die prim\u00e4r auf Wahlbeziehungen beruhen (<em>m\u00e4nnlicher Freundeskreis, weiblicher Freundeskreis, Beruf<\/em>), das Ich sehr stark im Zentrum. Des Weiteren variiert die Netzwerkgr\u00f6sse von Typus zu Typus. Im Durchschnitt ist das Netzwerk <em>m\u00e4nnlicher Freundeskreis<\/em> am kleinsten (2,7) und das Netzwerk <em>Verwandtschaft<\/em> am gr\u00f6ssten (5,1).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Fig1_d.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1879 size-full\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Fig1_d.png\" alt=\"\" width=\"721\" height=\"461\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Fig1_d.png 721w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Fig1_d-300x192.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 721px) 100vw, 721px\" \/><\/a><\/p>\n<h2>Entwicklung pers\u00f6nlicher Netzwerke auf Grundlage der famili\u00e4ren Lebensl\u00e4ufe<\/h2>\n<p>In einem zweiten Schritt versuchen wir, die Logik hinter der Entwicklung dieser Netzwerktypen zu erkl\u00e4ren \u2013 und zwar unter Ber\u00fccksichtigung der famili\u00e4ren Lebensl\u00e4ufe der Befragten sowie ihrer soziodemografischen Merkmale<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>. Dabei stellen wir Folgendes fest: Im famili\u00e4ren Lebenslauf der Personen mit Netzwerken, die auf ihre Partnerin bzw. ihren Partner und ihr(e) Kind(er) ausgerichtet sind (Netzwerk <em>Fortpflanzung<\/em>), sticht der meist im dritten Lebensjahrzehnt erfolgte \u00dcbergang in die Elternschaft heraus. Auf diesen \u00dcbergang folgt eine lange Lebensphase, die in der Familie verbracht wird. Das verdeutlicht, dass hier der \u00dcbergang alleine zur Herausbildung des Beziehungsnetzwerks nicht ausreicht. Vielmehr ist in diesem Fall die langfristige Elternschaft entscheidend. Netzwerke dieses Typus sind meist sehr dicht und verzweigt. Somit sind sie durch bindendes Sozialkapital gepr\u00e4gt. Anhand des Profils von Petra<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> (Abbildung 1A) l\u00e4sst sich dieser Typ von pers\u00f6nlichem Beziehungsnetzwerk veranschaulichen. Petra, die wir im Rahmen unserer Studie befragt haben, geh\u00f6rt der Geburtskohorte 1950-1955 an. Petra bekam ihr erstes Kind im Alter von 26\u00a0Jahren. Danach arbeitete sie meist als Hausfrau im eigenen Haushalt, in dem neben ihrem Ehepartner schliesslich auch insgesamt drei Kinder lebten. Nur ab und zu war sie in Teilzeit berufst\u00e4tig. Ihr pers\u00f6nliches Beziehungsnetz konzentriert sich auf eine ihrer T\u00f6chter, auf ihren Ehemann und auf ihre j\u00fcngere Schwester. Sie alle unterst\u00fctzen sich gegenseitig emotional.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Fig2_d.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1880 size-full\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Fig2_d.png\" alt=\"\" width=\"709\" height=\"292\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Fig2_d.png 709w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Fig2_d-300x124.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 100vw, 709px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Personen, die ein auf die Eltern fokussiertes Netzwerk vom Typ <em>Orientierung<\/em> entwickelt haben, geh\u00f6ren h\u00e4ufiger der j\u00fcngeren Kohorte an. Interessanterweise sind einige von ihnen bereits Eltern. Die Elternschaft besteht in diesen F\u00e4llen aber noch nicht lange. Menschen mit einem auf Br\u00fcder und Schwestern ausgerichteten <em>Geschwister<\/em>-Netzwerk leben h\u00e4ufiger alleine, sind tendenziell keine Partnerschaft eingegangen und haben auch keine Kinder. Und wie steht es mit Personen, die neben ihrer Familienfokussierung auch Personen von ausserhalb der Kernfamilie in ihr Netzwerk integrieren (Netzwerk vom Typ <em>Verwandtschaft<\/em>)? Bei ihnen steht die Partnerschaft h\u00e4ufiger im Zentrum des famili\u00e4ren Lebenslaufs.<\/p>\n<p>Wenden wir uns nun den Netzwerken zu, in denen freundschaftliche Bande und andere ausserfamili\u00e4re Verbindungen dominieren. Bei ihnen f\u00fchren Gendereffekte dazu, dass M\u00e4nner ihre Netzwerke um ihre m\u00e4nnlichen Freunde herum kn\u00fcpfen und Frauen um ihre Freundinnen. Die Bildung von Beziehungs\u00adnetzwerken mit Freunden bzw. Freundinnen ist zum einen vergleichsweise h\u00e4ufig bei M\u00e4nnern zu beobachten, die in einer kinderlosen Partnerschaft (oder in einer Partnerschaft mit Kleinkindern) leben, und zum anderen bei alleinerziehenden Frauen. Diese zwei Gruppen stehen f\u00fcr zwei separate Etappen im Lebensverlauf. Und schliesslich sind in Netzwerken vom Typ <em>Beruf<\/em> Personen \u00fcberrepr\u00e4sentiert, die einen terti\u00e4ren Bildungsabschluss absolviert haben. Bei dieser Art von Netzwerken hat also das Bildungsniveau einen massgeblichen Einfluss.<\/p>\n<p>Zur Veranschaulichung von Netzwerken, die um ausserfamili\u00e4re Verbindungen herum gekn\u00fcpft werden, m\u00f6chten wir das Beispiel von Carl<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> anf\u00fchren (Abbildung 1B, Kohorte 1970-75). Sein Netzwerk f\u00e4llt unter die Kategorie <em>m\u00e4nnlicher Freundeskreis<\/em>. Carl lebt mit seiner Partnerin zusammen, hat zwei kleine Kinder und arbeitet Vollzeit. Als zentrale Personen seines pers\u00f6nlichen Beziehungsnetzes f\u00fchrt er seine Partnerin und seine Eltern sowie ausserdem insgesamt f\u00fcnf Freunde an, ohne seine Kinder zu nennen. Das zeigt, dass der \u00dcbergang in die Elternschaft nicht lange zur\u00fcckliegt. Auf der Beziehungsebene ist die Elternschaft noch weniger relevant als die k\u00fcrzlich beendete Lebensphase, die auf seine Partnerschaft und die Bindung zu seinen Freunden ausgerichtet war. Im \u00dcbrigen ist sein Netzwerk sternf\u00f6rmig um ihn als zentrales Element herum organisiert (Kategorie des <em>\u00fcberbr\u00fcckenden<\/em> Sozialkapitals). Zudem ist Carls Netzwerk gr\u00f6sser als durchschnittliche Netzwerke vom Typ <em>m\u00e4nnlicher Freundeskreis.<\/em><\/p>\n<h2>Schlussfolgerung<\/h2>\n<p>Unser Ziel bestand darin, die Vielfalt der pers\u00f6nlichen Beziehungsnetze vor dem Hintergrund der Pluralisierung der Lebensverl\u00e4ufe zu beleuchten. Dabei legten wir unser Augenmerk auf die Personen, die f\u00fcr die Befragten wichtig sind. Es hat sich gezeigt, dass die Partnerin bzw. der Partner im Beziehungsnetz eine zentrale Position einnimmt. Gleiches gilt \u2013 in abgeschw\u00e4chter Form \u2013 f\u00fcr die Kinder. Allerdings gibt es auch abweichende Konstellationen. Diese sind vor allem bei Personen zu finden, welche eine Elternschaft zugunsten eines Lebens zu zweit oder als Single aufgeschoben oder verworfen haben. Des Weiteren k\u00f6nnen Scheidungen bzw. Trennungen dem famili\u00e4ren Lebenslauf eine neue Richtung geben. Von den Besonderheiten des jeweiligen famili\u00e4ren Lebenslaufs h\u00e4ngt es ab, ob sich die Befragten mehr oder weniger am Referenzmodell der Fortpflanzungs-Kernfamilie orientieren.<\/p>\n<p>Bei unserer Studie verfolgten wir einen ganzheitlichen Ansatz. Das heisst, dass wir zur Ermittlung der pers\u00f6nlichen Beziehungsnetze den gesamten Lebensverlauf ber\u00fccksichtigt und uns nicht auf einen Einzelmoment \u2013 wie z.\u00a0B. den \u00dcbergang in die Elternschaft \u2013 konzentriert haben. Mit dieser beschr\u00e4nkten Pluralisierung der Lebensverl\u00e4ufe l\u00e4sst sich auch erkl\u00e4ren, weshalb wir mehrere Netzwerktypen vorgefunden haben. Schliesslich erm\u00f6glicht der internationale Vergleich, die Ergebnisse in einem gr\u00f6sseren Kontext zu betrachten. So hat sich gezeigt, dass der Partnerin bzw. dem Partner und den Freundinnen bzw. Freunden in der Schweiz eine zentralere Rolle einger\u00e4umt wird als etwa in Portugal oder Litauen (Wall et al., 2018).<\/p>\n<p>Generell sind unsere Resultate als dynamisch zu verstehen. Denn sie zeigen, dass die sozialen Beziehungen massgeblich von den Ereignissen und \u00dcberg\u00e4ngen abh\u00e4ngen, die den jeweiligen Lebensverlauf pr\u00e4gen. Insofern fordern sie uns dazu auf, politische Massnahmen zu entwickeln und zu f\u00f6rdern, die sich an die Bed\u00fcrfnisse jedes und jeder Einzelnen anpassen lassen und die an kritischen Lebensereignissen und -\u00fcberg\u00e4ngen ansetzen. Die Geburt eines Kindes, eine Scheidung, eine Phase der Arbeitslosigkeit oder ein Unfall sind m\u00f6gliche Beispiele f\u00fcr derartige Vorkommnisse, welche die Beziehungsgleichgewichte ver\u00e4ndern und die Betroffenen und die ihnen nahestehenden Personen in Schwierigkeiten bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>Finanziert durch den Schweizerischen Nationalfonds zur F\u00f6rderung der wissenschaftlichen Forschung (Nr.\u00a0100017_130343\/1, 2011-2013). Diese Vero\u0308ffentlichung erhielt auch die Unterstu\u0308tzung des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES \u2013 U\u0308berwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens (NFS LIVES). Dieser wird vom Schweizer Nationalfonds zur Fo\u0308rderung der wissenschaftlichen Fo\u0308rderung finanziert (Zuschuss-Nummer 51NF40-160590). Die Autoren danken dem Schweizer Nationalfonds zur Fo\u0308rderung der wissenschaftlichen Forschung fu\u0308r die finanzielle Unterstu\u0308tzung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Von der 803 Personen umfassenden Gesamtstichprobe liegen aufgrund eines praktischen Problems nur 786 Antworten zum Teilthema Beziehungsnetze vor. 31 dieser 786 Personen verf\u00fcgen \u00fcber \u00ableere Netzwerke\u00bb, haben also in der Befragung keine bedeutsame Person angegeben. Letztere wurden bei der Berechnung der durchschnittlichen Netzwerkgr\u00f6sse und des Verbindungstypus nicht ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Die Bezeichnungen <em>m\u00e4nnlicher Freundeskreis<\/em> und <em>weiblicher Freundeskreis <\/em>wurden auf Grundlage unserer Ergebnisse definiert. Bei den Personen mit einem Netzwerk, das sich aus der Partnerin bzw. dem Partner und m\u00e4nnlichen Freunden zusammensetzt, handelt es sich im Wesentlichen um M\u00e4nner. Hingegen entf\u00e4llt die Mehrzahl der Netzwerke, die sich aus den eigenen Kindern und Freundinnen zusammensetzen, auf Frauen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Bei der Ermittlung der Dichte wird die Zahl der vorhandenen Verbindungen zur Anzahl der m\u00f6glichen Verbindungen zwischen den Netzwerkmitgliedern ins Verh\u00e4ltnis gesetzt. Die Ich-Zentralit\u00e4t gibt Auskunft \u00fcber den Anteil der Verbindungen, die das Ich einschliessen. S\u00e4mtliche Skalen sind bezogen auf die Netzwerkgr\u00f6sse standardisiert und bewegen sich zwischen 0 und 1.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Eine genaue Beschreibung der verwendeten Statistikmethoden findet sich in Aeby, Gauthier &amp; Widmer (2019).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Fiktiver Vorname<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Fiktiver Vorname<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung Wir leben in einer Zeit, in der die Lebensverl\u00e4ufe immer vielf\u00e4ltiger werden. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, inwieweit sich dieses Ph\u00e4nomen auch in einer Ausdifferenzierung der pers\u00f6nlichen Beziehungsnetze niederschl\u00e4gt. Nehmen die famili\u00e4ren Bande auch k\u00fcnftig noch eine zentrale Rolle ein? 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