{"id":2256,"date":"2021-02-08T17:07:03","date_gmt":"2021-02-08T15:07:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=2256"},"modified":"2022-12-19T16:57:23","modified_gmt":"2022-12-19T14:57:23","slug":"einstellungen-zur-geschlechtergleichstellung-in-der-schweiz-2000-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=2256","title":{"rendered":"Einstellungen zur Geschlechtergleichstellung in der Schweiz, 2000-2017"},"content":{"rendered":"<h2>Einleitung<\/h2>\n<p>In der Schweiz, wie auch anderenorts, hat das b\u00fcrgerliche Familienmodell die Differenzierung der sozialen Rollen von Frauen und M\u00e4nnern beg\u00fcnstigt. Gem\u00e4ss diesem Modell sind Frauen auf h\u00e4usliche Aufgaben und die Erziehung der Kinder im privaten Bereich beschr\u00e4nkt, w\u00e4hrend M\u00e4nner in der Rolle des Ern\u00e4hrers eine berufliche oder gar politische Karriere im \u00f6ffentlichen Bereich verfolgen. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich jedoch einiges ver\u00e4ndert. Inzwischen erlangen ebenso viele Frauen wie M\u00e4nner einen Hochschulabschluss. Frauen nehmen st\u00e4rker am Arbeitsmarkt teil und bleiben immer h\u00e4ufiger berufst\u00e4tig, wenn sie Mutter geworden sind, w\u00e4hrend M\u00e4nner sich verst\u00e4rkt um Hausarbeit und Kindererziehung k\u00fcmmern (BFS, 2019a). Dennoch bestehen zahlreiche Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern fort, sowohl bei der Arbeitsteilung im privaten Bereich als auch bei der beruflichen Stellung und der politischen Vertretung im \u00f6ffentlichen Raum (BFS, 2019a).<\/p>\n<p>Die Einstellungen in Bezug auf die Rollen von Frauen und M\u00e4nnern haben sich gleichwohl allgemein hin zu mehr Gleichberechtigung entwickelt (siehe Knight &amp; Brinton, 2017 f\u00fcr Europa). W\u00e4hrend in einigen Arbeiten (zum Beispiel Inglehart &amp; Norris, 2003) davon ausgegangen wird, dass sich die Einstellungen und die Gleichstellungspraktiken weiter verbessern werden, wird in anderen Studien darauf hingewiesen, dass seit Mitte der 1990er Jahre die egalit\u00e4ren Einstellungen in den USA (Pepin &amp; Cotter, 2018) oder in Australien (van Egmond et al., 2010) stagnieren oder sogar r\u00fcckl\u00e4ufig sind. Wie sieht die Situation in der Schweiz aus? Glauben die Schweizerinnen und Schweizer, dass es zwischen Frauen und M\u00e4nnern eine echte Gleichstellung gibt? Wie ist ihre Einstellung gegen\u00fcber erwerbst\u00e4tigen M\u00fcttern? Wie haben sich diese Einstellungen in den letzten zwanzig Jahren ver\u00e4ndert? Sind diese Trends abh\u00e4ngig von der jeweiligen Generation, der wir angeh\u00f6ren, oder von unseren pers\u00f6nlichen Erfahrungen? In diesem Artikel werden durch Analyse der Daten des Schweizer Haushalt-Panels (SHP, 2019) Antworten auf diese Fragen gegeben.<\/p>\n<h2>Die Einstellungen zur Geschlechtergleichstellung<\/h2>\n<p>Eine Einstellung kann definiert werden als die Disposition, positiv oder negativ auf eine Vorstellung, einen Gegenstand, eine Person oder eine Situation zu reagieren (Ajzen &amp; Fishbein, 1980). Die Einstellungen zur Geschlechtergleichstellung spiegeln somit wider, inwieweit der Grundsatz der Gleichstellung von Frauen und M\u00e4nnern unterst\u00fctzt wird. Die Einstellungen reichen von traditionellen (oder konservativen) bis hin zu egalit\u00e4ren Einstellungen. Menschen mit traditionellen Einstellungen unterst\u00fctzen die geschlechtsspezifische Unterscheidung von Frauen- und M\u00e4nnerrollen im Sinne des b\u00fcrgerlichen Familienmodells bzw. die m\u00e4nnliche Vormachtstellung, die sie auf nat\u00fcrliche und angeborene Unterschiede zur\u00fcckf\u00fchren. Menschen mit egalit\u00e4ren Einstellungen sind dagegen der Auffassung, dass Frauen und M\u00e4nner grunds\u00e4tzlich gleich sind und dass biologische Unterschiede nicht als Rechtfertigung f\u00fcr die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Ungleichheiten herangezogen werden k\u00f6nnen (Delphy, 2001). Es sollte daher selbstverst\u00e4ndlich sein, dass Frauen und M\u00e4nner die gleichen Rechte und Chancen haben und dieselben sozialen Rollen \u00fcbernehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Einstellungen zur Gleichstellung der Geschlechter beeinflussen unser Verh\u00e4ltnis zum anderen Geschlecht, die schulische und berufliche Orientierung junger Menschen (Gianettoni, 2019) und die Gestaltung des Berufs- und Familienlebens von Paaren (Levy, 2018). Im weiteren Sinne pr\u00e4gen die individuellen Einstellungen die Normen und das vorherrschende Kulturmodell. Das vorherrschende Kulturmodell wirkt sich wiederum auf das Spektrum gesellschaftlich akzeptierter Einstellungen und Verhaltensweisen aus (Pfau\u2010Effinger, 1998) und beeinflusst den Kontext, in dem Sozial- und Familienpolitik betrieben wird. (Martin &amp; Modak, 2015)<\/p>\n<p>Den in der Schweiz durchgef\u00fchrten Studien zufolge sind die Faktoren, welche die Einstellungen zu den Geschlechterrollen in der Schweiz beeinflussen, mit denen anderer L\u00e4nder vergleichbar. M\u00e4nner und Personen mit geringer Bildung vertreten traditionellere Einstellungen im Vergleich zu Frauen und Personen mit hohen Bildungsabschl\u00fcssen (zum Beispiel BFS, 2017). Berufst\u00e4tige Frauen und M\u00fctter, die unverheiratet mit ihrem Partner zusammenleben, haben ein egalit\u00e4reres Rollenverst\u00e4ndnis als nicht berufst\u00e4tige Frauen bzw. verheiratete M\u00fctter (Kuhn &amp; Ravazzini, 2018; Ryser &amp; Le Goff, 2015). Die meisten Paare behalten egalit\u00e4re Einstellungen bei, nachdem sie Eltern geworden sind, w\u00e4hrend die famili\u00e4ren und beruflichen Aufgaben ungleich verteilt sind (B\u00fchlmann et al., 2016). Den Umfragen des Bundesamtes f\u00fcr Statistik (BFS) zu Familien und Generationen zufolge zeichnet sich seit 1995 ein Trend hin zu positiveren Einstellungen zur Erwerbsarbeit von M\u00fcttern mit Kindern im Vorschulalter ab, obgleich im Jahr 2018 ein \u00abnicht zu vernachl\u00e4ssigender\u00bb Anteil von Frauen (27&nbsp;%) und M\u00e4nnern (36&nbsp;%) diesbez\u00fcglich weiterhin \u00abskeptisch\u00bb eingestellt ist (BFS, 2019b, S. 28). Bez\u00fcglich der Wahrnehmung der Gleichberechtigung von Frauen und M\u00e4nnern in der Schweiz war die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung 2018 der Ansicht, dass die Gleichstellung noch nicht oder nur teilweise erreicht wurde (Fuchs et al., 2018).<\/p>\n<h2>Daten und Kennzahlen<\/h2>\n<p>Unsere Studie basiert auf den Daten des Schweizer Haushalt-Panels (SHP, 2019), welche seit 1999 j\u00e4hrlich erhoben werden. Durch die Nachverfolgung derselben Individuen \u00fcber viele Jahre hinweg erm\u00f6glicht das SHP, Ver\u00e4nderungen von Einstellungen im Lebenslauf ebenso zu beobachten wie historische Variationen. Die Fragen zu den Einstellungen zur Geschlechtergleichstellung wurden zwischen 2000 und 2011 jedes Jahr und danach in den Jahren 2014 und 2017 gestellt.<\/p>\n<p>Da Einstellungen nicht unmittelbar beobachtbar sind, erfolgt ihre Beurteilung auf der Grundlage von Antworten auf von Sexismus-Skalen abgeleitete Indikatoren, welche im Laufe der Zeit entsprechend den \u00c4nderungen der Gleichstellungsstandards entwickelt wurden. Das SHP verwendet vier Indikatoren zur Beurteilung der Einstellungen zur Geschlechtergleichstellung (siehe Tabelle 1): die Einstellungen zur Erwerbsarbeit von Frauen (1) und M\u00fcttern (2), die Einstellung zur Diskriminierung von Frauen (3) und die Einstellung zu den Massnahmen zur Frauenf\u00f6rderung (4). Die Indikatoren lassen sich zwei Ebenen zuordnen: Einstellungen zu den Geschlechterrollen (1-2) und Einstellungen zur Erreichung der Gleichstellung (3-4).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_tableau1_vf_DE.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2238\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_tableau1_vf_DE-300x154.png\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_tableau1_vf_DE-300x154.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_tableau1_vf_DE-1024x527.png 1024w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_tableau1_vf_DE-768x395.png 768w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_tableau1_vf_DE.png 1114w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Diese Indikatoren stammen aus Skalen des allgemeinen und modernen Sexismus (Swim et al., 1995). Die Indikatoren f\u00fcr allgemeinen Sexismus messen die Bef\u00fcrwortung von traditionellen Rollen und Stereotypen in Bezug auf die unterschiedlichen Eigenschaften und F\u00e4higkeiten von Frauen und M\u00e4nnern. In einem Umfeld der F\u00f6rderung der Gleichstellung ist eine offene sexistische Haltung gesellschaftlich ge\u00e4chtet. Die Befragten k\u00f6nnen demnach versucht sein, ihre Einstellungen zu verbergen und sozial w\u00fcnschenswerter zu antworten. Es wurden daher die modernen Sexismus-Indikatoren entwickelt, um eine subtilere Form von Sexismus indirekt zu messen, im Rahmen derer der Fortbestand der Diskriminierung von Frauen bestritten und die Forderungen von Frauen und die Massnahmen zur Frauenf\u00f6rderung abgelehnt werden. Der moderne Sexismus beg\u00fcnstigt somit die Beibehaltung des Status quo in Bezug auf die Ungleichheit von Frauen und M\u00e4nnern.<\/p>\n<p>Jeder Indikator entspricht einer Aussage, zu der die Teilnehmenden den Grad ihrer Zustimmung auf einer Skala von 0 bis 10 angeben. Die Antworten, welche egalit\u00e4re Geschlechterrollen bef\u00fcrworten, die bestehende Diskriminierung von Frauen anerkennen und Massnahmen zur F\u00f6rderung der Gleichstellung unterst\u00fctzen, weisen auf egalit\u00e4re und nicht sexistische Einstellungen hin. In den folgenden Analysen wurden die Indikatoren so codiert, dass ein hoher Wert auf egalit\u00e4re Einstellungen und folglich auf eine Bef\u00fcrwortung der Geschlechtergleichstellung hinweist, w\u00e4hrend ein niedriger Wert traditionelle Einstellungen anzeigt, die die Ungleichstellung der Geschlechter unterst\u00fctzen.<\/p>\n<h2>Widerstand gegen die Teilhabe von M\u00fcttern an der Arbeitswelt<\/h2>\n<p>In Abbildung 1 wird der Mittelwert der Antworten von erwachsenen Teilnehmenden f\u00fcr jeden Indikator und jedes Umfragejahr dargestellt.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>\u00dcber den gesamten Untersuchungszeitraum betrachtet, sind die Einstellungen von M\u00e4nnern weniger egalit\u00e4r als die der Frauen, was die Ergebnisse fr\u00fcherer Studien best\u00e4tigt. Die Einstellungen von Frauen und M\u00e4nnern ver\u00e4ndern sich jedoch gleichermassen. So sind Frauen und M\u00e4nner zwischen 2000 und 2017 gegen\u00fcber den Geschlechterrollen etwas egalit\u00e4rer geworden, w\u00e4hrend ihre Einstellungen zur Erreichung der Gleichstellung stabil geblieben sind.<\/p>\n<p>Neben diesen allgemeinen Trends besteht eine erhebliche Diskrepanz zwischen der Bef\u00fcrwortung der Erwerbsarbeit von Frauen und jener von M\u00fcttern mit Kindern im Vorschulalter. Es besteht ein gr\u00f6sserer Konsens \u00fcber die Legitimit\u00e4t der Berufst\u00e4tigkeit von Frauen (mit einem globalen Mittelwert von 8,3 bei den Frauen und 8,0 bei den M\u00e4nnern) im Vergleich zur Erwerbst\u00e4tigkeit von M\u00fcttern (Frauen: 4,8; M\u00e4nner: 3,8). Die Einstellungen zur Diskriminierung von Frauen (Frauen: 5,5; M\u00e4nner: 5,1) und zu den Massnahmen zur Frauenf\u00f6rderung (Frauen: 6,0; M\u00e4nner: 5,4) befinden sich dazwischen. Insgesamt sind die Einstellungen gegen\u00fcber der Erwerbsarbeit von M\u00fcttern am traditionellsten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_figure1_vf_DE.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2232\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_figure1_vf_DE-300x283.png\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"519\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_figure1_vf_DE-300x283.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_figure1_vf_DE-768x725.png 768w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_figure1_vf_DE.png 842w\" sizes=\"auto, (max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><\/a><\/p>\n<h2>Weniger egalit\u00e4re Einstellungen bei j\u00fcngeren Menschen<\/h2>\n<p>Bei der Analyse generationsbedingter Differenzen unterscheiden wir vier typische Generationen: die stille Generation (Personen, die bis 1949 geboren wurden), die Baby-Boomer (Personen, die zwischen 1950 und 1964 geboren wurden), die Generation X (Personen, die zwischen 1965 und 1979 geboren wurden) und die Millennials (oder Generation Y, der seit 1980 geborene Personen angeh\u00f6ren). In Abbildung 2 wird der Mittelwert der Antworten f\u00fcr jedes Umfragejahr und jeden Indikator nach der Generation der Teilnehmenden dargestellt.<\/p>\n<p>Wir waren davon ausgegangen, dass j\u00fcngere Generationen, die in einem egalit\u00e4ren Kontext sozialisiert sind, im Vergleich zu \u00e4lteren Generationen weniger traditionell eingestellt sind. Dies ist aber nicht der Fall. Vielmehr vertreten die Millennials \u2013 die J\u00fcngsten \u2013 bei drei der vier Indikatoren traditionellere Einstellungen als fr\u00fchere Generationen. So sind im Vergleich zur \u00e4lteren Bev\u00f6lkerung weniger Millennials der Ansicht, dass Frauen in bestimmten Bereichen weiterhin diskriminiert werden und dass mehr Massnahmen zur F\u00f6rderung der Gleichberechtigung erforderlich w\u00e4ren. Die Millennials stehen auch der Erwerbsarbeit von Frauen weniger positiv gegen\u00fcber. Bei den Einstellungen zur Erwerbsarbeit von M\u00fcttern konnten keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den Generationen festgestellt werden. Allerdings gilt es darauf hinzuweisen, dass der Trend hin zu egalit\u00e4reren Einstellungen unter den Millennials st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_figure2_vf_DE.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2234\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_figure2_vf_DE-300x280.png\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"671\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_figure2_vf_DE-300x280.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_figure2_vf_DE-1024x955.png 1024w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_figure2_vf_DE-768x716.png 768w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_figure2_vf_DE.png 1035w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><\/a><\/p>\n<h2>Einfluss der beruflichen T\u00e4tigkeit<\/h2>\n<p>F\u00fcr die Untersuchung der Beziehung zwischen beruflicher T\u00e4tigkeit und den Einstellungen zur Geschlechtergleichstellung beschr\u00e4nken wir unsere Analysen auf Personen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren. In Abbildung 3 werden die unterschiedlichen Einstellungen nach Besch\u00e4ftigungsgrad aufgezeigt.<\/p>\n<p>Im Hinblick auf die Einstellungen zu den Geschlechtsrollen vertreten Frauen, die keiner Erwerbsarbeit nachgehen, die traditionellsten Einstellungen, gefolgt von Frauen mit geringem Besch\u00e4ftigungsgrad.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> Frauen mit einem hohen Besch\u00e4ftigungsgrad (50-100&nbsp;%) bef\u00fcrworten am st\u00e4rksten die Teilhabe von Frauen am Arbeitsmarkt. Sie erkennen auch st\u00e4rker an, dass Frauen in bestimmten Bereichen diskriminiert werden. Allerdings bestehen Unterschiede in Bezug auf ihre Einstellungen zur Erwerbsarbeit von M\u00fcttern. Frauen, die in Vollzeit arbeiten, stehen der Erwerbsarbeit von M\u00fcttern deutlich weniger positiv gegen\u00fcber als solche, die einer Teilzeitarbeit mit einem Besch\u00e4ftigungsgrad von 50-90&nbsp;% nachgehen.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber bef\u00fcrworten M\u00e4nner, die nicht erwerbst\u00e4tig sind oder in Teilzeit arbeiten, verst\u00e4rkt die Erwerbsarbeit von M\u00fcttern und sind sich der Diskriminierung von Frauen st\u00e4rker bewusst als M\u00e4nner mit Vollzeitstellen.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> Im Vergleich zu Letzteren stehen erwerbslose M\u00e4nner der Teilnahme von Frauen am Arbeitsmarkt jedoch weniger positiv gegen\u00fcber. Insgesamt konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen den Einstellungen von erwerbslosen M\u00e4nnern und in Teilzeit t\u00e4tigen M\u00e4nnern (mit niedrigerem oder h\u00f6herem Besch\u00e4ftigungsgrad) festgestellt werden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_figure3_vf_DE.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2236\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_figure3_vf_DE-300x210.png\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"631\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_figure3_vf_DE-300x210.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_figure3_vf_DE-1024x718.png 1024w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_figure3_vf_DE-768x538.png 768w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_figure3_vf_DE.png 1303w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Diese Ergebnisse k\u00f6nnen auf einen Auswahleffekt (zum Beispiel, dass sich Frauen mit egalit\u00e4ren Einstellungen entscheiden, mehr zu arbeiten) und\/oder einen Anpassungseffekt (zum Beispiel, dass berufst\u00e4tige Frauen egalit\u00e4rere Einstellungen entwickeln) zur\u00fcckzuf\u00fchren sein. Da es sich beim SHP um eine L\u00e4ngsschnittstudie handelt, im Rahmen derer Jahr f\u00fcr Jahr dieselben Personen befragt werden, kann ein allf\u00e4lliger Anpassungseffekt ermittelt werden.<\/p>\n<p>Unsere Analyse zeigt, dass Frauen, die in den Arbeitsmarkt eintreten, unabh\u00e4ngig von ihrem Besch\u00e4ftigungsgrad egalit\u00e4rere Einstellungen zur Erwerbsarbeit von Frauen und M\u00fcttern entwickeln, was einem Anpassungseffekt gleichkommt (siehe Tabelle 2). Das Gegenteil trifft aber ebenfalls zu: Frauen, die aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, vertreten in der Folge traditionellere Einstellungen. F\u00fcr M\u00e4nner scheinen sich nur die Einstellungen zur Erwerbsarbeit von M\u00fcttern je nach Besch\u00e4ftigungsgrad zu ver\u00e4ndern. Diejenigen, die in Teilzeit mit einem Besch\u00e4ftigungsgrad von 50-90&nbsp;% zu arbeiten beginnen oder aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, entwickeln egalit\u00e4rere Einstellungen gegen\u00fcber berufst\u00e4tigen M\u00fcttern.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_tableau2_vf_DE.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2240\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_tableau2_vf_DE-300x195.png\" alt=\"\" width=\"680\" height=\"443\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_tableau2_vf_DE-300x195.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_tableau2_vf_DE-1024x667.png 1024w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_tableau2_vf_DE-768x500.png 768w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Vulg_tableau2_vf_DE.png 1035w\" sizes=\"auto, (max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Schlussfolgerung<\/h2>\n<p>Aus unserer Studie lassen sich vier zentrale Schlussfolgerungen ableiten. Erstens beobachten wir auf Ebene der Schweizer Bev\u00f6lkerung unterschiedliche Trends in Bezug auf die Entwicklung der Einstellungen zur Geschlechtergleichstellung in den letzten zwanzig Jahren: Die Einstellungen zu den sozialen Rollen, die Frauen generell zugeschrieben werden (allgemeiner Sexismus), bewegen sich hin zu mehr Egalitarismus, w\u00e4hrend die Einstellungen zur Erreichung der Gleichstellung (moderner Sexismus) stabil bleiben. Teilweise l\u00e4sst sich dieser Unterschied dadurch erkl\u00e4ren, dass Frauen vermehrt auf dem Arbeitsmarkt pr\u00e4sent sind (BFS, 2019a) \u2013 was zu einer gr\u00f6sseren Akzeptanz der Erwerbsarbeit von Frauen und M\u00fcttern f\u00fchrt \u2013, w\u00e4hrend sich gleichzeitig der politische Diskurs \u00fcber die Gleichstellung der Geschlechter gewandelt hat. Der in den Jahren 1996 bis 2001 vorherrschende Diskurs erkannte die Diskriminierung von Frauen an und zielte darauf ab, durch staatliche Massnahmen Abhilfe zu schaffen. Gem\u00e4ss den im Zeitraum 2001 bis 2011 vorherrschenden Ansichten wurde die Geschlechtergleichstellung indessen nicht als Sache des Staates erachtet, was sich haupts\u00e4chlich in flexiblen und freiwilligen Massnahmen f\u00fcr Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sowie in begrenzten Fortschritten bei der Verringerung der Ungleichheiten niederschlug (Lanfranconi &amp; Valarino, 2014).<\/p>\n<p>Zweitens zeigen unsere Ergebnisse, dass trotz zunehmender Unterst\u00fctzung die Besch\u00e4ftigung von Frauen bef\u00fcrwortet wird, solange kein Kind (im Vorschulalter) im Haushalt lebt. Dies zeigt auf, dass in der Schweizer Gesellschaft ein traditionelles Rollenbild der Frau fortbesteht, sobald sie Mutter geworden ist, und dass Frauen vorrangig dem privaten Bereich zugeordnet werden (Kr\u00fcger &amp; Levy, 2001). Unseren Ergebnissen zufolge entspricht das in der Schweiz vorherrschende Kulturmodell jenem der \u00abFamiliengleichheit\u00bb (Knight &amp; Brinton, 2017) und folglich ein Modell, das den Grundsatz der Gleichstellung von Frauen und M\u00e4nnern unterst\u00fctzt und gleichzeitig f\u00fcr die traditionelle Mutterrolle in der Familie eintritt. Die Laufbahnunterbrechung von Frauen steht nicht mehr explizit im Dienste der m\u00e4nnlichen Karriere, sondern wird als Notwendigkeit f\u00fcr das Wohlbefinden der Kinder erachtet (Cotter et al., 2011). Allgemein d\u00fcrfte diesbez\u00fcglich die Aussage bekannt sein: \u00abWer Kinder in die Welt setzt, sollte sich auch um sie k\u00fcmmern!\u00bb Die Kindererziehung bleibt aber vor allem Frauensache. Welche Rolle sollte der Vater f\u00fcr das Wohl der Kinder \u00fcbernehmen? Welche Einstellungen herrschen zu den sozialen Rollen von M\u00e4nnern und V\u00e4tern&nbsp;vor? Diese Fragen lassen sich anhand des Schweizer Haushalts-Panels nicht beantworten. Die Abstimmung zum Vaterschaftsurlaub im Jahr 2020 deutet jedoch darauf hin, dass ein starkes Engagement der V\u00e4ter im privaten Bereich gesellschaftlich akzeptiert wird.<\/p>\n<p>Drittens weisen unsere Ergebnisse auf die unterschiedlichen Einstellungen der Millennials und der fr\u00fcheren Generationen zur Erreichung der Gleichstellung hin: J\u00fcngere Menschen vertreten zunehmend die Meinung, dass die Diskriminierung von Frauen in der Schweiz kein Problem mehr darstelle. Daher stossen die Massnahmen zur Frauenf\u00f6rderung in dieser Generation auf weniger Gegenliebe. Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung w\u00e4re, dass die Millennials der Ansicht sind, dass die Gleichberechtigung bereits erreicht ist. De facto wurden schliesslich einige symbolische Aspekte der Gleichberechtigung verwirklicht, wie das Wahlrecht und der Zugang zu Bildung und Berufswelt. Diese sichtbaren Verbesserungen k\u00f6nnen die Illusion von Wahlfreiheit, Chancengleichheit und Gleichbehandlung vermitteln. Zudem nehmen Millennials, die im Jahr 2000 zwischen 18 und 20 Jahre und im Jahr 2017 zwischen 18 und 37 Jahre alt waren, die Diskriminierung unter Umst\u00e4nden weniger wahr, da noch nicht alle in den Arbeitsmarkt eingetreten sind und, noch wichtiger, noch nicht Eltern geworden sind \u2013 eine Phase, in der sich weibliche und m\u00e4nnliche Lebensl\u00e4ufe tendenziell differenzieren (Levy &amp; Le Goff, 2016). Millennials k\u00f6nnten auch der Ansicht sein, dass die verbleibenden Ungleichheiten auf die Frauen und nicht etwa auf das System zur\u00fcckzuf\u00fchren sind oder dass diese Ungleichheiten aufgrund nat\u00fcrlicher Unterschiede gerechtfertigt sind, was sexistischeren Positionen gleichkommt. Im Rahmen des egalit\u00e4ren Familienmodells werden bestimmte Ungleichheiten gegebenenfalls auch als normale Folge der traditionellen Mutterrolle gesehen. In jedem Fall wirft es Fragen auf, dass j\u00fcngere Menschen weniger geneigt sind, auf bestehende Ungleichheiten hinzuweisen. Dies k\u00f6nnte zu einem Desinteresse an Gleichstellungsfragen und damit zur Aufrechterhaltung des Status quo f\u00fchren (Ellemers &amp; Barreto, 2009).<\/p>\n<p>Viertens zeigen unsere Ergebnisse einen Kreislaufeffekt, der zwischen Einstellungen und Erwerbsarbeit existiert: Die Einstellungen spielen bei der Wahl des Besch\u00e4ftigungsgrads von Frauen und M\u00e4nnern eine Rolle (Selektionseffekt) und entwickeln sich entsprechend diesem Grad unterschiedlich (Anpassungseffekt). Unsere Ergebnisse best\u00e4tigen, dass Frauen mit einem hohen Besch\u00e4ftigungsgrad egalit\u00e4rer eingestellt sind. Allerdings stehen Frauen, die Vollzeit arbeiten, der Erwerbsarbeit von M\u00fcttern weniger positiv gegen\u00fcber als Frauen, die einer Teilzeitarbeit mit hohem Besch\u00e4ftigungsgrad nachgehen. An diesem Ergebnis l\u00e4sst sich der starke Einfluss des egalit\u00e4ren Familienmodells ablesen: Obwohl diese Frauen das empfohlene Modell ablehnen, haben sie sich daran angepasst.<\/p>\n<p>Um eine egalit\u00e4rere Gesellschaft zu schaffen, die gr\u00f6ssere Wahlfreiheit frei von Geschlechterstereotypen bietet, erscheint es wichtig, die Bev\u00f6lkerung \u2013 insbesondere die J\u00fcngeren \u2013 f\u00fcr die in der Schweiz bestehenden Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zu sensibilisieren. Dies k\u00f6nnte den modernen Sexismus reduzieren und eine R\u00fcckkehr zu sexistischeren Einstellungen, wie sie in anderen L\u00e4ndern zu beobachten ist, verhindern. Eine Informationskampagne zu den verschiedenen Formen von Sexismus und Diskriminierung k\u00f6nnte ein Anfang sein. Auch Massnahmen, die Frauen und M\u00fcttern einen hohen Besch\u00e4ftigungsgrad und M\u00e4nnern und V\u00e4tern eine Teilzeitarbeit erm\u00f6glichen, sind zu st\u00e4rken, um somit nicht nur die Akzeptanz nicht-geschlechtsbezogener sozialer Rollen zu f\u00f6rdern und damit den allgemeinen Sexismus abzubauen, sondern auch, um Ungleichheiten zu reduzieren. Zwei Massnahmen, die vorrangig unterst\u00fctzt werden sollten, sind ein Elternurlaub, der von beiden Elternteilen gleichermassen in Anspruch genommen werden kann, und der garantierte Zugang zu erschwinglicher Kinderbetreuung f\u00fcr alle, sobald dieser Elternurlaub endet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Alle unsere Ergebnisse werden durch weitere statistische Analysen best\u00e4tigt (siehe Bornatici et al., 2020). In Robustheitstests wurde nachgewiesen, dass die Attrition im Panel \u2013 ein kontinuierlicher und selektiver Verlust von Umfrageteilnehmenden \u00fcber die Jahre hinweg \u2013 unsere Ergebnisse nicht beeintr\u00e4chtigt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> Frauen sind in jeder der vier Kategorien gleichm\u00e4ssig vertreten (ca. 25&nbsp;%).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> In unserer Stichprobe sind 75&nbsp;% der M\u00e4nner in Vollzeit t\u00e4tig, 12&nbsp;% sind ohne Erwerbsarbeit, 8&nbsp;% arbeiten in Teilzeit mit einem Besch\u00e4ftigungsgrad von 50-90&nbsp;% und 4&nbsp;Prozent arbeiten in Teilzeit mit einem Besch\u00e4ftigungsgrad von unter 50&nbsp;%.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung In der Schweiz, wie auch anderenorts, hat das b\u00fcrgerliche Familienmodell die Differenzierung der sozialen Rollen von Frauen und M\u00e4nnern beg\u00fcnstigt. 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