{"id":2335,"date":"2021-07-05T15:41:57","date_gmt":"2021-07-05T13:41:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=2335"},"modified":"2022-12-19T16:54:43","modified_gmt":"2022-12-19T14:54:43","slug":"die-entwicklung-von-stress-in-der-schweiz-die-erste-welle-der-pandemie-verschafft-gestressten-menschen-eine-pause","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=2335","title":{"rendered":"Die Entwicklung von Stress in der Schweiz \u2013 die erste Welle der Pandemie verschafft gestressten Menschen eine Pause"},"content":{"rendered":"<h2>Einleitung<\/h2>\n<p>Im letzten Jahrzehnt ist der Anstieg von Stress in der Schweiz immer mehr zu einem Thema f\u00fcr das Gesundheitssystem und die Wirtschaft geworden. Erh\u00f6hter Stress beg\u00fcnstigt viele k\u00f6rperliche chronische Gesundheitsprobleme, wie kardiovaskul\u00e4re Erkrankungen und \u00dcbergewicht, sowie psychische Erkrankungen wie Depression und Burnout (Thoits, 2010). Ausserdem entwickeln Menschen, die sich oft gestresst f\u00fchlen, eher Verhaltensweisen, die ihrer Gesundheit schaden k\u00f6nnen: Sie ern\u00e4hren sich eher ungesund und nehmen \u00f6fter Alkohol oder Drogen zu sich. Neben den negativen Auswirkungen von Stress auf das Wohlbefinden der Menschen und den damit verbundenen Kosten f\u00fcr das Gesundheitssystem senkt ein erh\u00f6hter Stresspegel die Produktivit\u00e4t am Arbeitsplatz. Stressbedingte Krankheiten wirken sich in vielerlei Hinsicht negativ aus: Sie f\u00fchren zu Fehltagen, einer geringeren Arbeitsquote, vorzeitigem Ruhestand oder \u00abPr\u00e4sentismus\u00bb, das heisst, es wird zwar gearbeitet, aber mit geringerer Produktivit\u00e4t (BAG, 2020).<\/p>\n<p>Was ist Stress und ab wann wird er gef\u00e4hrlich? Menschen f\u00fchlen sich in der Regel gestresst, wenn sie den Eindruck haben, nicht \u00fcber ausreichend Ressourcen zu verf\u00fcgen, um die Anforderungen ihres Umfelds zu erf\u00fcllen. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn sie M\u00fche haben, den beruflichen oder famili\u00e4ren Erwartungen gerecht zu werden, oder in Phasen von Ver\u00e4nderungen oder Ungewissheit (Bruchon-Schweitzer &amp; Boujut, 2014). Grunds\u00e4tzlich kann das Gef\u00fchl von Stress einen stimulierenden Effekt auf den Organismus haben und ist f\u00fcr diesen kurzfristig auch erforderlich, zum Beispiel um das Immunsystem zu aktivieren, bei sportlicher Bet\u00e4tigung oder beim Lernen. Stress kann also als etwas Normales und Positives wahrgenommen werden. Kommt der Stress hingegen h\u00e4ufig vor und dauert \u00fcber l\u00e4ngere Zeit an, f\u00fchrt er zu Ersch\u00f6pfung und ist problematisch.<\/p>\n<p>Um dieses Ph\u00e4nomen besser verstehen zu k\u00f6nnen, haben wir zun\u00e4chst die Entwicklung des Stresspegels in der Schweiz \u00fcber mehrere Jahre hinweg untersucht und ebenso die Faktoren analysiert, die einen Anstieg oder eine Abnahme von Stress beg\u00fcnstigen. In einem zweiten Schritt haben wir uns mit den Auswirkungen der Pandemie auf den Stresspegel besch\u00e4ftigt. In diesem Artikel werden die folgenden drei Fragen behandelt: Nimmt der Stress zu? Welche Faktoren beeinflussen den Stresspegel? Wie hat die erste Pandemiewelle den erlebten Stress beeinflusst und handelt es sich dabei um einen vor\u00fcbergehenden Effekt?<\/p>\n<h2>Faktoren die Stress beeinflussen<\/h2>\n<p>Diverse Schweizer Erhebungen haben gezeigt, dass der arbeitsbedingte Stress in den letzten zwei Jahrzehnten gestiegen ist (SECO, 2020; Gesundheitsf\u00f6rderung Schweiz, 2020). Laut dem Job-Stress-Index, f\u00fcr den seit 2014 Erwerbst\u00e4tige befragt werden, geben ein Drittel der Befragten an, dass sie nicht \u00fcber ausreichend Ressourcen f\u00fcr ihre beruflichen Anforderungen verf\u00fcgen, mit steigender Tendenz. Eine erhebliche Einschr\u00e4nkung bei dieser Art von Erhebungen besteht darin, dass sie sich im Wesentlichen auf den Arbeitsstress konzentrieren und andere Stressquellen, z. B. im Zusammenhang mit Bildung, der finanziellen oder famili\u00e4ren Situation oder anderen pers\u00f6nlichen Beziehungen, vernachl\u00e4ssigen. Hinzu kommt, dass in diesen Erhebungen nicht dieselben Personen \u00fcber l\u00e4ngere Zeit hinweg befragt werden, um die Faktoren zu ermitteln, die zu einem Anstieg oder einer Abnahme von Stress beitragen. Um diese L\u00fccke zu f\u00fcllen, ziehen wir zur Analyse die Daten des Schweizer Haushalt-Panels heran, bei dem regelm\u00e4ssig dieselben Personen befragt und seit 2016 Informationen zum erlebten Stress erhoben werden.<\/p>\n<p>Der Stress und seine Folgen verteilen sich entlang eines <em>sozialen Gradienten<\/em>, was bedeutet, dass die Bev\u00f6lkerungsgruppen Stress unterschiedlich intensiv ausgesetzt sind (Thoits, 2010). Der Zusammenhang zwischen Stress und sozialem Status weist jedoch in zwei Richtungen. Einerseits gibt es die Tendenz, dass Menschen mit h\u00f6herer wirtschaftlicher Unsicherheit, zum Beispiel durch ein prek\u00e4res Arbeitsverh\u00e4ltnis oder finanzielle Probleme, mehr unter Stress leiden. Aus diesem Grund ist zu erwarten, dass Personen, deren Bildung nicht \u00fcber die obligatorische Schule hinausgeht oder die einkommensschwach sind, vermehrt von Stress betroffen sind. Andererseits besteht ein Zusammenhang zwischen Stress und der Arbeitsbelastung, die oft f\u00fcr Stellen mit mehr Verantwortung h\u00f6her ausf\u00e4llt und lange Arbeitstage impliziert (SECO, 2010). Das w\u00fcrde bedeuten, dass Menschen mit Hochschulstudium, h\u00f6herem Einkommen oder in F\u00fchrungspositionen gestresster sind. Stress und Burnout wurden als \u00abtypische\u00bb Erkrankungen von Menschen mit hohem Bildungsniveau festgestellt, w\u00e4hrend Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau und Berufsstatus h\u00e4ufiger \u00fcber Gesundheitsprobleme und k\u00f6rperliche Beschwerden klagen (H\u00e4mmig &amp; Bauer, 2013).<\/p>\n<p>Fr\u00fchere Studien haben zudem die Auswirkungen von Geschlecht und Alter deutlich gemacht. Frauen berichten von einem h\u00f6heren Stresspegel als M\u00e4nner. F\u00fcr sie ist es schwieriger, bezahlte und unbezahlte Arbeit miteinander in Einklang zu bringen, da sie zum grossen Teil die Verantwortung f\u00fcr die Hausarbeit und die Organisation des Familienlebens tragen. Aus diesem Grund verrichten sie letztlich mehr Arbeitsstunden als M\u00e4nner (Ruppaner, Perarles &amp; Baxter, 2019). Ein weiteres oft beobachtetes Ph\u00e4nomen ist der R\u00fcckgang des Stresses mit zunehmendem Alter. Mit erh\u00f6htem Stress werden typischerweise bestimmte Phasen im Lebensverlauf verkn\u00fcpft: Einstieg in das Berufsleben, Anh\u00e4ufung beruflicher und famili\u00e4rer Belastungen in der Mitte des Lebens und der \u00dcbergang in den Ruhestand (Pearlin &amp; Skaff, 1996).<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich ist mit unterschiedlichen Auswirkungen der Pandemie auf den Stresspegel zu rechnen. Einerseits k\u00f6nnte eine Verringerung des Einkommens, eine gr\u00f6ssere Unsicherheit in Bezug auf den Arbeitsplatz, die Schliessung von Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen oder \u00c4ngste im Zusammenhang mit dem Ansteckungsrisiko den Stress erh\u00f6hen. Andererseits k\u00f6nnte die Verlangsamung des \u00f6ffentlichen und wirtschaftlichen Lebens zu einer Reduktion von Stress f\u00fchren, da sich die Arbeitsstunden verringern oder die Arbeit flexibler wird oder auch weil der Ausfall zahlreicher Aktivit\u00e4ten den Zeitdruck verringert und die f\u00fcr Angeh\u00f6rige, Freunde oder Freizeit zur Verf\u00fcgung stehende Zeit zugenommen hat.<\/p>\n<h2>Entwicklung des Stresspegels zwischen 2016 und 2020<\/h2>\n<p>Unsere Analyse basiert auf den Daten des Schweizer Haushalt-Panels (SHP) (Tillmann et al. 2016). In dieser Studie werden seit 1999 aus einer Stichprobe von privaten Haushalten in der Schweiz alle Haushaltsmitglieder im Alter von mindestens 14 Jahren regelm\u00e4ssig befragt. Eine zus\u00e4tzliche Erhebung wurde zwischen Mai und Juni 2020, nach der ersten COVID-19-Welle, durchgef\u00fchrt (f\u00fcr eine detaillierte Beschreibung siehe Refle et al., 2020 sowie Kuhn et al., 2020).<\/p>\n<p>In diesem Artikel ber\u00fccksichtigen wir ausschliesslich Personen, die mindestens 18 Jahre alt sind. Der Stress wird seit 2016 anhand der Frage gemessen, wie h\u00e4ufig in den vier Wochen vor der Befragung ein Gef\u00fchl von Stress erlebt wurde. Die Skala geht dabei von 1 \u00abnie\u00bb bis 5 \u00absehr oft\u00bb. Die Analysen f\u00fcr die Jahre 2016-2019 st\u00fctzen sich auf die Antworten von 11500 Personen. Die COVID-19-Befragung im Mai\/Juni 2020 st\u00fctzt sich auf eine Stichprobe von 5598 Personen, von denen 5462 auch an der j\u00e4hrlichen Befragung Ende 2020\/Anfang 2021 teilgenommen haben. Die Analyse der Einflussfaktoren auf Stress basieren auf dem Modell einer multiplen linearen Regression, bei dem unterschiedliche soziodemografische und wirtschaftliche Faktoren ber\u00fccksichtigt werden und das die Bestimmung des Nettoeinflusses eines bestimmten Merkmals erm\u00f6glicht. F\u00fcr die grafischen Darstellungen wurden zum Ausgleich eventueller Verzerrungen nur methodische Variablen (Erhebungsweise und Gewichtung) ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>Abbildung&nbsp;1 stellt die Entwicklung von Stress zwischen 2016 und Ende 2020\/Anfang 2021 dar. In den f\u00fcnf untersuchten Jahren erkl\u00e4rte etwa die H\u00e4lfte der in der Schweiz lebenden Bev\u00f6lkerung, dass sie nie oder selten gestresst sei. Der Anteil der Personen, die angaben, sich oft oder sehr oft gestresst zu f\u00fchlen, ist zwischen 2016 und 2019 von 20&nbsp;% auf 24&nbsp;% leicht angestiegen, ist aber \u2013 zu unserer \u00dcberraschung \u2013 im Fr\u00fchjahr 2020 auf 14&nbsp;% gefallen. Mit Beginn der Pandemie ist der Anteil der oft gestressten Personen folglich um 10 Prozentpunkte gesunken. Wenn wir jedoch die Daten der Haushalte analysieren, die an den Erhebungen im Zeitraum der ersten Pandemie-Welle bis Ende 2020\/Anfang 2021 teilgenommen haben, k\u00f6nnen wir sehen, dass der Anteil der Personen, die erkl\u00e4ren, sich oft oder sehr oft gestresst zu f\u00fchlen, wieder gestiegen ist und sich auf ein \u00e4hnliches Niveau wie vor der Pandemie eingependelt hat.<\/p>\n<p>Abbildung 1: Entwicklung des Stresspegels zwischen 2016-2020<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Abb_1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2345\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Abb_1-300x153.png\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"331\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Abb_1-300x153.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Abb_1-1024x522.png 1024w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Abb_1-768x392.png 768w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Abb_1.png 1412w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Quelle: Schweizer Haushalt-Panel<br \/>\n2016: <em>N<\/em> = 9502, 2017: <em>N<\/em> = 9041, 2018: <em>N<\/em> = 8897, 2019: <em>N<\/em> = 8437; Mai\/Juni 2020: <em>N<\/em> = 5598; Ende 2020: <em>N<\/em> = 5462<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen also zwei Tendenzen feststellen: Einen Anstieg, gefolgt von einer vor\u00fcbergehenden Abnahme von Stress. Welche Faktoren erh\u00f6hen den Stress? Menschen, die einer wirtschaftlichen Unsicherheit ausgesetzt sind (z.B. aufgrund von Arbeitslosigkeit, Inaktivit\u00e4t oder Ausbildung), waren vor und w\u00e4hrend der Pandemie gestresster. Ein unsicherer Arbeitsplatz oder ein befristeter Arbeitsvertrag stehen ebenfalls in Verbindung mit mehr Stress. Ausserdem empfinden Personen mehr Stress, wenn sich ihre finanzielle Situation verschlechtert, wenn ihr Haushalt auf die Ersparnisse zur\u00fcckgreifen oder gar Schulden aufnehmen muss. \u00c4nderungen in der wirtschaftlichen Situation von Menschen stellen daher einen wichtigen Faktor dar, um den Anstieg oder die Abnahme des Stresspegels von einem Jahr zum n\u00e4chsten zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<h2>Auswirkungen von Bildung, Geschlecht und Alter auf Stress<\/h2>\n<p>In Abbildung&nbsp;2 ist der Zusammenhang zwischen Stress und Bildungsstand dargestellt. Vor der Pandemie f\u00fchlten sich Menschen mit Hochschulabschluss mehr gestresst als jene, die die obligatorische Schule absolviert haben. Unsere Analysen k\u00f6nnen erkl\u00e4ren, warum Menschen mit h\u00f6herer Bildung und h\u00f6herem Einkommen gestresster sind. Sie arbeiten oft l\u00e4nger und haben gr\u00f6ssere Schwierigkeiten mit der Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben. Zudem haben sie h\u00e4ufiger Arbeitsstellen mit Entscheidungsbefugnissen und einem intensiven Arbeitsrhythmus, was ebenfalls den Stresspegel anhebt.<\/p>\n<p>Abbildung&nbsp;2: Stresspegel nach Bildungsstand vor und w\u00e4hrend der Pandemie (Fr\u00fchjahr 2020)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Abb_2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2346\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Abb_2-300x116.png\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"251\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Abb_2-300x116.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Abb_2-1024x395.png 1024w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Abb_2-768x297.png 768w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Abb_2.png 1414w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Quelle: Schweizer Haushalt-Panel; <em>N<\/em> = 5598; Stresspegel: 1 \u00abnie\u00bb bis 5 \u00absehr oft\u00bb<\/p>\n<p>Die Auswirkungen der Pandemie auf den Stress h\u00e4ngen vom Bildungsstand ab (siehe Abbildung&nbsp;2). Menschen mit Hochschulbildung konnten ihren Stresspegel senken, w\u00e4hrend der Stress von Menschen mit obligatorischem Schulabschluss sich nicht ver\u00e4ndert hat. Dies l\u00e4sst sich zum Teil mit dem deutlichen Anstieg der Telearbeit w\u00e4hrend der Pandemie erkl\u00e4ren, die 71&nbsp;% der Menschen mit Hochschulabschluss betraf, aber nur 26&nbsp;% der Menschen mit obligatorischem Schulabschluss (Refle et al., 2020). Unsere Analysen haben ausserdem ergeben, dass Personen mit hohem Bildungsstand w\u00e4hrend der Pandemie Arbeit und Familie besser vereinbaren konnten.<\/p>\n<p>Des Weiteren haben wir festgestellt, dass der Stress in Haushalten mit h\u00f6herem Einkommen ebenfalls zur\u00fcckgegangen ist, genauso wie bei Personen, deren finanzielle Situation sich aufgrund der Pandemie nicht verschlechtert hat. Auch bei Menschen, die am Arbeitsplatz \u00fcber Entscheidungsbefugnisse verf\u00fcgen, nahm der Stress ab. Dies scheint mit der M\u00f6glichkeit zusammenzuh\u00e4ngen, bei der Arbeitsorganisation und der Zeitplanung eigene Entscheidungen treffen zu k\u00f6nnen. Dieselbe Tendenz l\u00e4sst sich bei Personen beobachten, die berichten, dass sie einem intensiven Arbeitsrhythmus unterliegen. W\u00e4hrend der Pandemie senkte sich ihr Stresspegel im Vergleich zu vor der Pandemie. Bei Personen, die hingegen einen weniger intensiven Arbeitsrhythmus hatten, wirkte sich die Pandemie nicht auf den erlebten Stress aus.<\/p>\n<p>In Bezug auf das Geschlecht zeigen die Ergebnisse, dass Frauen sich gestresster f\u00fchlen als M\u00e4nner (siehe Abbildung&nbsp;3). Auch wenn man Lebensbedingungen wie die berufliche oder famili\u00e4re Situation ber\u00fccksichtigt, liegt der Stresspegel von Frauen 11&nbsp;% \u00fcber dem von M\u00e4nnern. Unsere Analysen zeigen, dass sich diese Differenz w\u00e4hrend der Pandemie weder vergr\u00f6ssert noch verringert hat. Auch wenn die Ergebnisse veranschaulichen, dass M\u00e4nner ihren Stresspegel st\u00e4rker gesenkt haben (siehe Abbildung&nbsp;3, rechts), stellt sich diese Differenz in unseren Analysen als unwesentlich heraus.<\/p>\n<p>Abbildung&nbsp;3: Stresspegel nach Geschlecht vor und w\u00e4hrend der Pandemie (Fr\u00fchjahr 2020)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Abb_3.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2347\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Abb_3-300x101.png\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"219\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Abb_3-300x101.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Abb_3-1024x345.png 1024w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Abb_3-768x259.png 768w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Abb_3.png 1424w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Quelle: Schweizer Haushalt-Panel; <em>N<\/em> = 5598; Stresspegel: 1 \u00abnie\u00bb bis 5 \u00absehr oft\u00bb<\/p>\n<p>Diese Beobachtung steht im Einklang mit Ergebnissen aus der wissenschaftlichen Forschung, die zeigen, dass Frauen eine schlechtere psychische Gesundheit aufweisen als M\u00e4nner (Schuler et al. 2020). Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind in einer gr\u00f6sseren Arbeitsbelastung der Frauen zu suchen, welche die Organisation des Familienlebens, h\u00e4usliche Aufgaben und ihre Erwerbst\u00e4tigkeit zu bew\u00e4ltigen haben und somit \u00fcber weniger Freizeit verf\u00fcgen. Dar\u00fcber hinaus haben Frauen oft Berufe mit hoher k\u00f6rperlicher und emotionaler Belastung, zum Beispiel im Gesundheitswesen.<\/p>\n<p>Im Hinblick auf die Auswirkungen des Alters auf Stress ist festzustellen, dass man sich im Laufe der Jahre weniger gestresst f\u00fchlt. Wie dem linken Teil von Abbildung&nbsp;4 zu entnehmen ist, f\u00fchlen sich junge Erwachsene gestresster als Personen in der Mitte ihres Berufslebens (36-55 Jahre). Diese Tendenz ist dieselbe vor (dunkelblau) wie w\u00e4hrend (hellblau) der Pandemie. Ein m\u00f6glicher Grund hierf\u00fcr ist eine gr\u00f6ssere Besch\u00e4ftigung mit der Planung und Entscheidung \u00fcber ihre berufliche Karriere (Gesundheitsf\u00f6rderung Schweiz, 2020). Junge Menschen berichten auch vermehrt von einer Intensivierung des Arbeitsrhythmus. F\u00fcr die Zeit der Pandemie ist in allen Altersgruppen unterhalb von 65 Jahren eine Verringerung von Stress festzustellen (siehe Abbildung&nbsp;4, rechts). Bei \u00e4lteren Personen hat der Stress hingegen leicht zugenommen. Dies h\u00e4ngt wahrscheinlich damit zusammen, dass sie als Risikogruppe eingestuft wurden und dass sich einige von ihnen stigmatisiert gef\u00fchlt haben. Es ist darauf hinzuweisen, dass j\u00fcngere Menschen, auch wenn ihr Stressniveau w\u00e4hrend der Pandemie nachgelassen hat, die einzige Altersgruppe sind, deren Lebenszufriedenheit gesunken ist (Kuhn et al., 2020).<\/p>\n<p>Abbildung 4: Stresspegel nach Altersgruppen vor und w\u00e4hrend der Pandemie (Fr\u00fchjahr 2020)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Figure_4_DE.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2375\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Figure_4_DE-300x94.png\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"204\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Figure_4_DE-300x94.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Figure_4_DE-1024x321.png 1024w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Figure_4_DE-768x241.png 768w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Figure_4_DE-1536x482.png 1536w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Figure_4_DE-2048x642.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Quelle: Schweizer Haushalt-Panel; <em>N<\/em> = 5598; Stresspegel: 1 \u00abnie\u00bb bis 5 \u00absehr oft\u00bb<\/p>\n<h2><\/h2>\n<h2>Schlussfolgerungen<\/h2>\n<p>Dank unserer, mit den Daten des Schweizer Haushalt-Panels durchgef\u00fchrten, Analysen kann die Entwicklung und Verteilung von erlebtem Stress in der Schweiz besser nachvollzogen werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Zeitraum 2016-2019 stellen wir einen leichten Anstieg des Stresspegels fest. Drei Aspekte machen deutlich, warum manche Menschen gestresster sind als andere: Erstens erh\u00f6ht wirtschaftliche Unsicherheit den Stress. Menschen, die ein niedriges Einkommen haben oder deren finanzielle Lage sich verschlechtert, sich in Ausbildung befindende Personen und Arbeitslose bzw. Menschen in prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnissen leiden unter mehr Stress. Zweitens erh\u00f6hen die Arbeitsbelastung und die berufliche Verantwortung den Stress, auch wenn sich die Betroffenen in keiner prek\u00e4ren wirtschaftlichen Lage befinden. Menschen mit hohem Bildungsstand, hohem Haushaltseinkommen, vielen Arbeitsstunden, einem intensiven Arbeitsrhythmus oder die in ihrem Beruf Jahr f\u00fcr Jahr mehr Entscheidungsbefugnisse \u00fcbernehmen, f\u00fchlen sich st\u00e4rker gestresst. Diese Kategorie von Personen berichtet h\u00e4ufiger von Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben, die wiederum stark mit erlebtem Stress in Zusammenhang stehen. Drittens zeigt unsere Analyse, dass junge Erwachsene und Frauen sich im Allgemeinen gestresster f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Die erste Welle der COVID-19-Pandemie hat jedoch nicht nur Verlierer hervorgebracht. Der Anteil der gestressten Personen ist in der Schweiz kurzfristig von 24&nbsp;% auf 14&nbsp;% gesunken, was eine erhebliche Abnahme darstellt. Der erste Mini-Lockdown scheint Personen mit Hochschulabschluss, hohem Einkommen, intensivem Arbeitsrhythmus oder Entscheidungsbefugnissen auf ihrer Arbeitsstelle beg\u00fcnstigt zu haben. Gewinner waren jene, die von einer gr\u00f6sseren Flexibilit\u00e4t bei der Organisation ihrer Arbeit, zum Beispiel durch das Arbeiten von zu Hause aus, profitieren konnten und die \u00fcber gr\u00f6ssere wirtschaftliche und finanzielle Ressourcen zur Anpassung an die Situation verf\u00fcgten und somit Arbeit und Privatleben einfacher in Einklang bringen konnten. Der Stress wurde vor allem in den Gruppen geringer, deren Berufsleben sich verlangsamte und deren Einkommen gleichzeitig gesichert war.<\/p>\n<p>Ende 2020 stieg das Stressniveau hingegen wieder an. Eine erste Erkl\u00e4rung hierf\u00fcr ist der aussergew\u00f6hnliche Charakter des ersten Mini-Lockdowns, der eine Verlangsamung der Aktivit\u00e4ten nach sich zog und somit den Stress f\u00fcr einen Teil der Bev\u00f6lkerung verringerte. Danach haben sich die Aktivit\u00e4ten wieder beschleunigt oder die Menschen haben sich an einen weniger intensiven Arbeitsrhythmus gew\u00f6hnt. In der Psychologie ist dieser Anpassungseffekt l\u00e4ngst bekannt. Er hat zur Folge, dass die Menschen nach einem Ereignis wie dem Mini-Lockdown zeitnah wieder so viel Stress empfinden wie davor. In der Tat scheinen sich Menschen schneller an positive Folgen eines Ereignisses (in diesem Fall die Verlangsamung des Lebensrhythmus) zu gew\u00f6hnen als an negative (Luhmann et al., 2012).<\/p>\n<p>Die Pandemie scheint folglich die Dynamik von Stress nicht ver\u00e4ndert zu haben. Eine hohe Arbeitsbelastung, wirtschaftliche Unsicherheit, Schwierigkeiten mit der Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben \u2013 dies alles sind Faktoren, die in Bezug auf Stress ein hohes Risiko darstellen. Soweit sich externe Arbeitsbedingungen w\u00e4hrend der ersten Welle der Pandemie ge\u00e4ndert haben, konnten einige Gruppen ihre berufliche und psychologische Belastung und damit die Stressfaktoren verringern. Sofern die finanzielle Sicherheit nicht gef\u00e4hrdet war, scheinen gr\u00f6ssere Flexibilit\u00e4t und die M\u00f6glichkeit zur Vereinbarung von Privat- und Berufsleben ein entscheidender Vorteil in der Erfahrung mit der Pandemie gewesen zu sein. Es bleibt abzuwarten, wie dieser Vorteil in die Zeit nach der Pandemie \u00fcbertragen werden kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung Im letzten Jahrzehnt ist der Anstieg von Stress in der Schweiz immer mehr zu einem Thema f\u00fcr das Gesundheitssystem und die Wirtschaft geworden. Erh\u00f6hter Stress beg\u00fcnstigt viele k\u00f6rperliche chronische Gesundheitsprobleme, wie kardiovaskul\u00e4re Erkrankungen und \u00dcbergewicht, sowie psychische Erkrankungen wie Depression und Burnout (Thoits, 2010). 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