{"id":2576,"date":"2021-12-13T10:11:04","date_gmt":"2021-12-13T08:11:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=2576"},"modified":"2021-12-13T16:56:47","modified_gmt":"2021-12-13T14:56:47","slug":"umverteilung-uber-steuern-und-sozialleistungen-in-der-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=2576","title":{"rendered":"Umverteilung \u00fcber Steuern und Sozialleistungen in der Schweiz"},"content":{"rendered":"<h2>Einleitung<\/h2>\n<p>Zur Abfederung von \u00f6konomischen Ungleichheiten nimmt der Wohlfahrtsstaat einen grossen Stellenwert ein. \u00dcber steuerfinanzierte \u00f6ffentliche G\u00fcter wird einerseits eine Grundversorgung sichergestellt. Dazu geh\u00f6ren etwa das Bildungssystem und die Basisinfrastruktur. Andererseits bieten Sozialversicherungen Schutz vor finanziellen Ausf\u00e4llen bei Eintreten sozialer Risiken wie Arbeitslosigkeit, Alter oder Krankheit. Schliesslich werden Menschen mit knappen finanziellen Mitteln durch sogenannte Bedarfsleistungen wie der Sozialhilfe unterst\u00fctzt. \u00dcber Steuern und Sozialtransfers werden also finanzielle Ressourcen innerhalb einer Gesellschaft umverteilt.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie die meisten anderen westlichen L\u00e4nder kennt die Schweiz heute ein ausdifferenziertes System der staatlichen Umverteilung, das die Einkommensungleichheit reduziert und so zu einem gesellschaftlichen Ausgleich beitr\u00e4gt (Caminada et al., 2019a, 2019b). Allerdings galt die Schweiz im internationalen Vergleich der Sozialstaaten lange als Nachz\u00fcglerin (BSV, 2013). Wie sieht es heute aus? Werden in der Schweiz viele oder wenige Ressourcen umverteilt? Den Wohlfahrtsstaat und dessen umverteilende Wirkung in einer Zahl zu bemessen, ist keine einfache Aufgabe. Eine erste Einordnung erm\u00f6glichen Kennzahlen zu den Sozialausgaben und der Fiskalquote. Bei den Sozialausgaben in Prozent des Bruttoinlandprodukt (BIP) liegt die Schweiz (24.6%) ungef\u00e4hr im europ\u00e4ischen Mittelfeld (EU28-Durchschnitt: 26.5%) (BFS, 2021). Die Fiskalquote \u2013 also die Summe der Steuern und Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge im Verh\u00e4ltnis zum BIP \u2013 f\u00e4llt f\u00fcr die Schweiz jedoch vergleichsweise tief aus (28.0% im Jahr 2018; OECD-Durchschnitt: 34.4%) (ESTV, 2021).<\/p>\n<p>Solche makro\u00f6konomischen Kennzahlen geben aber noch keine Auskunft dar\u00fcber, inwieweit Ungleichheiten reduziert werden. Zu den Eigenheiten des schweizerischen Sozialstaats geh\u00f6rt zudem die f\u00f6derale Organisation. Neben dem Bund haben auch die Kantone und Gemeinden Gestaltungspielraum bei der Veranlagung direkter Steuern und der Ausgestaltung von Bedarfsleistungen. Diese f\u00f6derale Organisation l\u00e4sst lokale L\u00f6sungen zu und der Wettbewerb zwischen den Kantonen kann Innovationen f\u00f6rdern. Gleichzeitig besteht aber auch die Gefahr von Nebeneffekten wie etwa einem \u00abRace to the bottom\u00bb bei der Steuerbelastung oder eine Versch\u00e4rfung beim Zugang zu Sozialhilfe (Keller, 2019).<\/p>\n<p>F\u00fcr ein umfassendes Verst\u00e4ndnis des schweizerischen Wohlfahrtsstaates sind deswegen Analysen, die den f\u00f6deralen Elementen Rechnung tragen, ganz entscheidend (Ebbinghaus, 2012). Dank der zunehmenden Verf\u00fcgbarkeit von Administrativdaten ist dies seit Kurzem m\u00f6glich. Mit der im n\u00e4chsten Abschnitt beschriebenen Datengrundlage kann die Umverteilungswirkung von Sozialtransfers und direkten Steuern auf der Ebene der Kantone untersucht und der Frage nachgegangen werden, wie stark die Instrumente des Wohlfahrtsstaates Marktungleichheiten in der f\u00f6deralen Struktur der Schweiz ausgleichen.<\/p>\n<h2>Verteilungsforschung mit Steuerdaten<\/h2>\n<p>F\u00fcr Verteilungsanalysen sind die Anforderungen an die Daten sehr hoch und die Art der verwendeten Datenquelle kann einen substanziellen Einfluss auf die Resultate haben (H\u00fcmbelin &amp; Farys, 2016b; Kuhn &amp; Suter, 2015). Umfragedaten bilden nach wie vor die Grundlage f\u00fcr die meisten Verteilungsstudien. Weil sie die Situation am oberen und unteren Rand der Verteilung \u2013 von Topverdienern und Armutsbetroffenen \u2013 nur eingeschr\u00e4nkt abbilden, werden jedoch Steuerdaten f\u00fcr die Ungleichheitsforschung immer wichtiger (H\u00fcmbelin &amp; Farys, 2016b; Wanner, 2013). Dabei ist es entscheidend, dass diese mit anderen Datenquellen verkn\u00fcpft werden wie etwa der Bev\u00f6lkerungsstatistik, um Haushaltsstrukturen abzubilden, oder der Sozialhilfestatistik, um nicht steuerpflichtige Eink\u00fcnfte zu erfassen.<\/p>\n<p>F\u00fcr den vorliegenden Beitrag nutzen wir den bereits sehr umfassenden WiSiER-Datensatz des Bundesamtes f\u00fcr Sozialversicherungen (BSV, 2021)<sup><a id=\"post-2576-footnote-ref-2\" href=\"#post-2576-footnote-2\">[1]<\/a><\/sup>. Wir haben diese Daten mit den individuellen Pr\u00e4mienverbilligungen, Stipendien und weiteren kantonsspezifischen Bedarfsleistungen erg\u00e4nzt, um die finanzielle Situation von Haushalten mit wenig Einkommen verl\u00e4sslicher abbilden zu k\u00f6nnen (vgl. <a href=\"http:\/\/inequalities.ch\/\">http:\/\/inequalities.ch\/<\/a>). Zudem haben wir zu den Einkommens- und Verm\u00f6gensdaten zus\u00e4tzlich die in den WiSiER-Daten fehlenden Steuerbetr\u00e4ge der kommunalen, kantonalen und direkten Bundessteuern f\u00fcr sechs Kantonen beschafft (Aargau, Bern, Luzern, St. Gallen, Wallis und Genf). Mit dieser Datenbasis liegen umfassende Informationen zur finanziellen Situation der Bev\u00f6lkerung und zu den wohlfahrtsstaatlichen Instrumenten in den sechs Kantonen vor. Damit kann eine Analyse f\u00fcr 3.4 Millionen Personen oder ca. 40% der Schweizer Bev\u00f6lkerung erfolgen.<\/p>\n<p>Die Analysen schr\u00e4nken wir auf die st\u00e4ndige Wohnbev\u00f6lkerung in Privathaushalten ein. Ausgeschlossen werden zudem Grosshaushalte (&gt;10) und Personen in Haushalten, f\u00fcr die nicht ausreichend Informationen zur finanziellen Situation zur Verf\u00fcgung stehen. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn zum Zeitpunkt der Datenerfassung keine definitive Steuerveranlagung vorlag. Die Einkommenssituation ermitteln wir auf der Ebene von Haushalten. Als solche gelten alle Personen, die gem\u00e4ss Geb\u00e4ude- und Wohnungsstatistik die Wohneinheit teilen. Alle Einkommen und Einkommenskomponenten sind f\u00fcr die nachfolgenden Analysen mittels \u00c4quivalenzskala der OECD gewichtet, damit die finanzielle Situation von Haushalten unterschiedlicher Gr\u00f6sse vergleichbar ist.<sup><a id=\"post-2576-footnote-ref-3\" href=\"#post-2576-footnote-3\">[2]<\/a><\/sup> Die Beobachtungseinheit der Analysen ist das Individuum und dessen \u00e4quivalenzskalierte Einkommenssituation. F\u00fcr einige der nachfolgenden Analysen nehmen wir zudem eine Verortung der Personen innerhalb der Einkommensverteilung vor. Diese Einteilung basiert auf der finanziellen Situation aller steuerbaren Eink\u00fcnfte (Erwerbs- und Verm\u00f6genseinkommen, Renten und Versicherungsleistungen).<\/p>\n<h2>Transferleistungen st\u00fctzen die Einkommen breiter Bev\u00f6lkerungsteile<\/h2>\n<p>In der Schweiz existieren grob gefasst zwei Typen von Sozialtransfers, die Menschen vollumf\u00e4nglich oder erg\u00e4nzend zu bestehenden Eink\u00fcnften unterst\u00fctzen. Sozialversicherungsleistungen zielen in der Regel auf die Sicherung der finanziellen Lage bei Eintritt eines Risikos ab (Statuserhalt), w\u00e4hrend Bedarfsleistungen f\u00fcr Menschen mit wenig Einkommen konzipiert sind und ein wichtiges Instrument der Armutsbek\u00e4mpfung darstellen. In Abbildung 1 wird die relative Bedeutung der jeweiligen Transferleistung nach Position in der Einkommensverteilung dargestellt.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Bev\u00f6lkerung in Erwerbshaushalten<sup><a id=\"post-2576-footnote-ref-4\" href=\"#post-2576-footnote-4\">[3]<\/a><\/sup> nehmen die Markteinkommen den gr\u00f6ssten Stellenwert ein. Je \u00e4rmer die Menschen sind, desto wichtiger sind Bedarfsleistungen. Bei den \u00e4rmsten 5% der Bev\u00f6lkerung stammen 71% der Einkommen von Bedarfsleistungen. Dazu z\u00e4hlt besonders die Sozialhilfe. Allerdings entfallen auch bei dieser Gruppe 20% der Einkommen auf Markteinkommen. Dies verweist auf das Working-Poor-Ph\u00e4nomen (Crettaz, 2018). Rentenanteile in der Gruppe der Erwerbsbev\u00f6lkerung sind haupts\u00e4chlich auf Hinterlassenen- und IV-Renten sowie Fr\u00fchpension\u00e4re zur\u00fcckzuf\u00fchren. Sofern Personen im Rentenalter im Haushalt leben, fliessen auch deren Renten in die Rechnung mit ein.<\/p>\n<p>Die Einkommen der Bev\u00f6lkerung im Rentenalter (M\u00e4nner ab 65 und Frauen ab 64 Jahren) setzen sich sehr unterschiedlich zusammen, da die Markteinkommen nur mehr eine untergeordnete Rolle spielen. Bei den \u00e4rmsten 15% der Rentenbev\u00f6lkerung fallen die tiefen Einkommensanteile aus der beruflichen Vorsorge (BVG) auf. Sie betragen in dieser Gruppe nur zwischen 2% und 4%, w\u00e4hrend 30% bis 75% der Einkommen aus der AHV stammen. In vielen F\u00e4llen reichen die Renten aber nicht aus, wie die hohen Einkommensanteile aus den Erg\u00e4nzungsleistungen zeigen. Mit steigendem Einkommen nimmt der Anteil der AHV-Renten am Gesamteinkommen ab. Daf\u00fcr werden die Renten aus der 2. S\u00e4ule (BVG) immer wichtiger. Allerdings ist f\u00fcr die unteren 70% der Rentenbev\u00f6lkerung der Anteil der Einkommen aus der 1. S\u00e4ule (AHV) gr\u00f6sser als der Anteil der Renten aus der 2. S\u00e4ule, was die zentrale Bedeutung der AHV f\u00fcr die Altersvorsorge veranschaulicht.<\/p>\n<p>Abbildung 1: Einkommenszusammensetzung der Bev\u00f6lkerung in Erwerbshaushalten und im Rentenalter<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2615\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/a-picture-containing-graphical-user-interface-des.png\" alt=\"A picture containing graphical user interface\n\nDescription automatically generated\" width=\"680\" height=\"544\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/a-picture-containing-graphical-user-interface-des.png 2519w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/a-picture-containing-graphical-user-interface-des-300x240.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/a-picture-containing-graphical-user-interface-des-1024x819.png 1024w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/a-picture-containing-graphical-user-interface-des-768x614.png 768w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/a-picture-containing-graphical-user-interface-des-1536x1229.png 1536w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/a-picture-containing-graphical-user-interface-des-2048x1638.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><\/p>\n<p><em>Daten: angereicherte WiSiER-Daten 2015 (AG, BE, LU, SG, VS, GE), eigene Auswertungen<\/em><br \/>\n<em>Anmerkung: F\u00fcr die Auswertung wurden die Personen nach der H\u00f6he der \u00e4quivalenzskalierten steuerbaren Einkommen in zwanzig gleich grosse Gruppen eingeteilt (Lesebeispiel: p0-5 umfasst die einkommensschw\u00e4chsten 5 Prozent, p95-100 die einkommensst\u00e4rksten 5 Prozent).<\/em><\/p>\n<p>In der Schweiz besteht die M\u00f6glichkeit, sich die angesparten Vorsorgeverm\u00f6gen ausbezahlen zu lassen. Die Vorsorgeverm\u00f6gen befinden sich in diesen F\u00e4llen in der Verm\u00f6gensmasse, ohne dass eine Rente ausbezahlt wird, weshalb die finanzielle Situation der Rentenbev\u00f6lkerung in Zusammenhang mit der Verm\u00f6genssituation untersucht werden sollte (Kuhn, 2020). Die Verm\u00f6gen und Verm\u00f6genseink\u00fcnfte bei Rentnern sind auch mit ein Grund, weshalb der Anteil der Markteinkommen selbst nach Erreichen des Rentenalters so hoch ausf\u00e4llt. Zudem arbeiten einige Menschen auch nach Erreichen des Rentenalters weiter (Kuhn et al., 2021). Besonders dominant sind Markteinkommen bei den Wohlhabendsten. Bei den einkommensst\u00e4rksten 10% \u00fcberwiegt der Anteile der Eink\u00fcnfte aus Erwerb und Verm\u00f6gen (73%), w\u00e4hrend die Anteile der Einkommen aus den Renten der 1. S\u00e4ule mit 12% (die AHV-Maximalrente ist gedeckelt) beziehungsweise der 2. S\u00e4ule mit 13% vergleichsweise klein ausfallen.<\/p>\n<h2>Progressive Steuern verteilen die Steuerlast<\/h2>\n<p>Neben den Sozialleistungen sind direkte Steuern ein weiteres zentrales Element des wirtschaftlichen Ausgleichs. Abbildung 2a stellt dar, wie viel der direkten Steuern auf die jeweiligen Einkommensklassen entfallen. Abbildung 2b zeigt, wie stark die Einkommen dadurch belastet werden. Unterschieden wird nach f\u00f6deraler Ebene der Steuer (Bund, Kanton, Gemeinde) sowie nach Einkommens- und Verm\u00f6genssteuern. Letztere fallen nur bei den kantonalen und kommunalen Steuern an.<\/p>\n<p>Abbildung 2a: Verteilung des Steuervolumens<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2616\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-description-automatically-generated-10.png\" alt=\"Chart\n\nDescription automatically generated\" width=\"680\" height=\"544\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-description-automatically-generated-10.png 2519w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-description-automatically-generated-10-300x240.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-description-automatically-generated-10-1024x819.png 1024w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-description-automatically-generated-10-768x614.png 768w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-description-automatically-generated-10-1536x1229.png 1536w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-description-automatically-generated-10-2048x1638.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><\/p>\n<p>Abbildung 2b: Verteilung der Steuerbelastung<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2617\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-description-automatically-generated-11.png\" alt=\"Chart\n\nDescription automatically generated\" width=\"680\" height=\"544\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-description-automatically-generated-11.png 2519w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-description-automatically-generated-11-300x240.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-description-automatically-generated-11-1024x819.png 1024w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-description-automatically-generated-11-768x614.png 768w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-description-automatically-generated-11-1536x1229.png 1536w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-description-automatically-generated-11-2048x1638.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><\/p>\n<p><em>Daten: angereicherte WiSiER-Daten 2015 (AG, BE, SG, VS, GE), eigene Auswertungen<\/em><br \/>\n<em>Anmerkung: F\u00fcr die Auswertung wurden die Personen nach der H\u00f6he der \u00e4quivalenzskalierten steuerbaren Einkommen in zwanzig gleich grosse Gruppen eingeteilt (Lesebeispiel: p0-5 umfasst die einkommensschw\u00e4chsten 5 Prozent, p95-100 die einkommensst\u00e4rksten 5 Prozent).<\/em><\/p>\n<p>Der Anteil an der Gesamtsteuersumme der direkten Steuern, der auf die jeweiligen Bev\u00f6lkerungsgruppen entf\u00e4llt, nimmt mit steigendem Einkommen zu (Abbildung 2a). 42.3% der direkten Steuern werden von den reichsten 10% der Bev\u00f6lkerung bezahlt. Gleichzeitig zahlen Menschen mit wenig Einkommen kaum Steuern. Diese \u00abungleiche\u00bb Verteilung der Steuerlast ist eine direkte Folge der ungleichen Einkommen. Sie h\u00e4ngt aber auch mit der Steuerprogression zusammen, wie sie in Abbildung 2b dargestellt ist. So steigt die relative Steuerbelastung mit steigendem Einkommen; besonders bei den reichsten Personen nimmt die Steuerlast deutlich zu. Das ist f\u00fcr die Einkommenssteuern unverkennbar der Fall, nicht aber hinsichtlich der Verm\u00f6genssteuer. Dies ergibt sich aus dem Umstand, dass verm\u00f6gende Haushalte in der ganzen Bandbreite der Einkommensverteilung vertreten sind.<\/p>\n<p>Die Hauptmasse (85.3%) der direkten Steuern auf Einkommen und Verm\u00f6gen wird von den Kantonen und den Gemeinden erhoben. Der kleinere Steuerbetrag (14.7%) wird aus der direkten Bundessteuer generiert, welche aber besonders progressiv ausgestaltet ist. Schliesslich wird ersichtlich, dass haupts\u00e4chlich die Einkommenssteuer zum Steueraufkommen beitr\u00e4gt, w\u00e4hrend die Verm\u00f6genssteuer mit einem Anteil von 9.6% der Steuersumme weniger ins Gewicht f\u00e4llt.<\/p>\n<h2>Auswirkungen von Transfers und Steuern auf die Einkommensverteilung<\/h2>\n<p>\u00dcber das Sozialleistungs- und Steuersystem findet eine Umverteilung von \u00f6konomischen Ressourcen statt, die mit einer unmittelbaren Reduktion der Einkommensungleichheit verbunden ist. Wie ausgepr\u00e4gt ist dieser Ausgleich? Da bei der Bev\u00f6lkerung im Rentenalter die Instrumente der Altersvorsorge eine zentrale Rolle spielen und diese stark durch privates Sparen und entsprechende Umverteilung \u00fcber den Lebenszyklus gepr\u00e4gt sind, schliessen wir nachfolgend Personen im Rentenalter aus.<\/p>\n<p>Abbildung 3a zeigt, wie stark sich die Einkommen durch das Steuer- und Sozialleistungssystem ver\u00e4ndern. Erst ab dem 60%-Perzentil \u00fcberwiegen die Steuern die Sozialleistungen, so dass die unteren 60% im Schnitt profitieren. Der Sprung ist besonders bei der Gruppe mit den tiefsten Einkommen gross. Die \u00c4quivalenzeinkommen der \u00e4rmsten 10% verdoppeln sich von j\u00e4hrlich 10&#8217;045 auf 26\u2019200 CHF. Gleichzeitig werden von den Reichsten absolut gesehen am meisten Ressourcen abgesch\u00f6pft. Die Einkommen der reichsten Gruppe sinken im Mittel von 167&#8217;580 CHF auf 144&#8217;965 CHF. Insgesamt findet dadurch eine Verkleinerung der Einkommensungleichheit nach Steuern und Transfers statt.<\/p>\n<p>Wie ausgepr\u00e4gt diese Reduktion ist, l\u00e4sst sich mit Hilfe einer einfachen Masszahl der Umverteilung beziffern (Reynolds &amp; Smolensky, 1977)<sup><a id=\"post-2576-footnote-ref-5\" href=\"#post-2576-footnote-5\">[4]<\/a><\/sup>. In Abbildung 3b ist zu erkennen, dass Steuern und Sozialleistungen zu einer erheblichen Reduktion der Einkommensungleichheit f\u00fchren. Der Gini-Koeffizient sinkt von 37.4 auf 27.7. Es besteht also ein Umverteilungseffekt von 9.7 Punkten, der einer Reduktion des Gini-Koeffizienten um 26% entspricht.<\/p>\n<p>70% des gesamten Umverteilungseffektes (6.8 Punkte des Gini-Koeffizienten) sind auf die Transferleistungen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Dabei f\u00e4llt die Ungleichheitsreduktion \u00fcber die AHV-IV-Renten mit 2.8 Punkten besonders stark ins Gewicht, gefolgt von den Bedarfsleistungen mit 2.6 Punkten. \u00dcber beide Instrumente erh\u00e4lt ein Teil der Bev\u00f6lkerung ein Einkommen, der \u2013 ohne diese Leistungen \u2013 kaum \u00fcber Einkommen verf\u00fcgen w\u00fcrde (Hinterbliebene, Invalide und Armutsbetroffene). Entsprechend ist der ungleichheitsreduzierende Effekt stark. Weniger gross ist der Effekt von Taggeldern der Arbeitslosenversicherung, des Erwerbsersatzes und der Unfallversicherung sowie von privaten Transfers, die Personen zugutekommen, die gleichm\u00e4ssiger \u00fcber die Einkommensverteilung verteilt sind.<\/p>\n<p>Abbildung 3a: Einkommensverteilung vor und nach Steuern und Transfers<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2618\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-scatter-chart-description-automatically-ge-5.png\" alt=\"Chart, scatter chart\n\nDescription automatically generated\" width=\"680\" height=\"544\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-scatter-chart-description-automatically-ge-5.png 2519w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-scatter-chart-description-automatically-ge-5-300x240.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-scatter-chart-description-automatically-ge-5-1024x819.png 1024w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-scatter-chart-description-automatically-ge-5-768x614.png 768w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-scatter-chart-description-automatically-ge-5-1536x1229.png 1536w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-scatter-chart-description-automatically-ge-5-2048x1638.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><\/p>\n<p>Abbildung 3b: Reduktion der Einkommensungleichheitsreduktion durch Steuern und Transfers<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2619\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-waterfall-chart-description-automatically-10.png\" alt=\"Chart, waterfall chart\n\nDescription automatically generated\" width=\"680\" height=\"544\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-waterfall-chart-description-automatically-10.png 1085w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-waterfall-chart-description-automatically-10-300x240.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-waterfall-chart-description-automatically-10-1024x819.png 1024w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/chart-waterfall-chart-description-automatically-10-768x614.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><\/p>\n<p>Daten: angereicherte WiSiER-Daten 2015 (AG, BE, LU, SG, VS, GE), ohne Personen im Rentenalter.<\/p>\n<p>Anmerkung zu Abbildung 3a: F\u00fcr die Auswertung wurden die Personen nach der H\u00f6he der \u00e4quivalenzskalierten steuerbaren Einkommen in zehn gleich grosse Gruppen eingeteilt (Lesebeispiel: p0-10 umfasst die einkommensschw\u00e4chsten 10 Prozent, p90-100 die einkommensst\u00e4rksten 10 Prozent).<\/p>\n<p>Die verbleibenden 30% (2.9 Punkte) des Umverteilungseffekts entfallen auf Steuern und Sozialversicherungsbetr\u00e4ge. Durch die Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge wird die Einkommensverteilung kaum tangiert (0.2 Punkte), da es sich um einen proportionalen Abzug handelt, der alle Erwerbseinkommen gleichermassen betrifft. St\u00e4rker ins Gewicht fallen die direkten Steuern (2.7 Punkte). Nicht ausgewiesen ist hier der Effekt von Steuerabz\u00fcgen. Abz\u00fcge schw\u00e4chen die Steuerprogression insgesamt aber etwas ab (vgl. H\u00fcmbelin et al., 2021; H\u00fcmbelin &amp; Farys, 2018). Das heisst, ohne Abz\u00fcge w\u00fcrde der Umverteilungseffekt der Steuern etwas gr\u00f6sser ausfallen.<\/p>\n<h2>Ungleichheit und Umverteilung im f\u00f6deralen Kontext<\/h2>\n<p>In einer letzten Analyse untersuchen wir die kantonalen Unterschiede. National geregelte Instrumente wie die Sozialversicherungsleistungen und -beitr\u00e4ge sowie private Transfers (Alimente) fassen wir in einer Sammelkategorie zusammen, um die Effekte der Bedarfsleistungen und Steuern, bei denen die Kantone mehr Gestaltungsspielraum haben, besser sichtbar zu machen.<\/p>\n<p>Aus Abbildung 4 l\u00e4sst sich entnehmen, dass die Gini-Koeffizienten der Markteinkommen der meisten Kantone und auch die allgemeinen umverteilenden Effekte \u00e4hnlich sind. Besonders zwischen den Kantonen Aargau, Luzern, St. Gallen und Wallis bestehen nur geringe Unterschiede. In diesen Kantonen liegt die Marktungleichheit zwischen 32 (Wallis) und 34 Punkten (St. Gallen). \u00dcber direkte Steuern, Sozialversicherungen, Pr\u00e4mienverbilligungen, Stipendien, Sozialhilfe im engeren Sinne, Erg\u00e4nzungsleistungen und weitere kantonale Bedarfsleistungen findet eine Reduktion der Einkommensungleichheit um 8.9 (St. Gallen), 8.5 (Wallis), 7.7 (Aargau) bzw. 7.6 (Luzern) Punkte statt.<\/p>\n<p>Abbildung 4: Ungleichheit und Umverteilung in ausgew\u00e4hlten CH-Kantonen<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2620\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/word-image.png\" alt=\"\" width=\"680\" height=\"494\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/word-image.png 2771w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/word-image-300x218.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/word-image-1024x745.png 1024w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/word-image-768x558.png 768w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/word-image-1536x1117.png 1536w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/word-image-2048x1489.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><\/p>\n<p><em>Daten: angereicherte WiSiER-Daten 2015 (AG, BE, LU, SG, VS, GE), ohne Personen im Rentenalter<\/em><br \/>\n<em>Anmerkung: Zur besseren Lesbarkeit werden die Effekte auf einem Ausschnitt der X-Achsen Skala gezeigt.<\/em><\/p>\n<p>Auff\u00e4llig ist der st\u00e4dtische Kanton Genf. In diesem Kanton ist die Ungleichheit der Markteinkommen sehr hoch (48.6 Punkte), aber es findet vergleichsweise viel Umverteilung \u00fcber Steuern und Bedarfsleistungen statt. Genf ist der Kanton mit dem h\u00f6chsten Grenzsteuersatz in der Schweiz (PricewaterhouseCoopers AG, 2019). Als Besonderheit kennt Genf zudem spezifische Bedarfsleistungen wie kantonale Beihilfen zu Erg\u00e4nzungsleistungen sowie Familien- und Wohnbeihilfen, die mit einem ungleichheitsreduzierenden Effekt \u00e4hnlich jenem der Erg\u00e4nzungsleistungen zu Buche schlagen. Dieser Kanton ist also mit einer ausgepr\u00e4gten Marktungleichheit konfrontiert und begegnet dieser mit einer vergleichsweise starken Umverteilung. Aber auch nach Steuern und Transfers verbleibt die Ungleichheit auf hohem Niveau.<\/p>\n<p>Ebenfalls auff\u00e4llig ist der Kanton Bern mit einer deutlich h\u00f6heren Ungleichheit der Markteinkommen (37.5 Punkte) als in den anderen Deutschschweizer Kantonen, jedoch einer vergleichbaren Ungleichheit nach Steuern und Transfers. Der umverteilende Effekt von Steuern ist im Kanton Bern relativ gross, was auf die vergleichsweise hohen Steuern zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, aber auch mit der Verteilungsform der Markteinkommen zu tun hat (zu den Einkommensverteilungen in den einzelnen Kantonen siehe <a href=\"http:\/\/inequalities.ch\/data-visualization\/income-distribution-charting-tool\/\">http:\/\/inequalities.ch\/data-visualization\/income-distribution-charting-tool\/<\/a>). Zur Unterst\u00fctzung der tieferen Einkommen f\u00e4llt zudem der grosse Effekt bei der Sozialhilfe auf. Innerhalb der hier untersuchten Kantone ist der Kanton Bern auch derjenige mit der zweith\u00f6chsten Sozialhilfe-Quote (hinter Genf).<\/p>\n<p>Die Kantone haben also unterschiedlich starke Systeme der Umverteilung, aber sie haben auch unterschiedliche Ausgangslagen (beispielsweise die Zusammensetzung der Bev\u00f6lkerung) und andere Rahmenbedingungen (beispielsweise die Lage an der Grenze oder innerhalb der Schweiz), die sich in der Ungleichheit der Markteinkommen wie auch in der Wirkung einzelner Instrumente niederschlagen. Werden die relativen Umverteilungseffekte betrachtet (prozentuale Gesamtreduktion des Gini-Koeffizienten ausgehend von den Markteinkommen), so f\u00fchrt der Kanton Bern das Umverteilungsranking an (30.9%), gefolgt von den Kantonen St. Gallen (26.5%), Wallis (26.3%) und Genf (25.3%). Etwas weniger stark ausgepr\u00e4gt ist die Umverteilung in Aargau (23.1%) und Luzern (22.8%).<\/p>\n<h2>Schlussfolgerungen<\/h2>\n<p>Das wohlfahrtsstaatliche System der Schweiz ist aufgrund der Vielzahl an Instrumenten komplex und die Umverteilungswirkungen sind entsprechend nicht einfach zu beziffern. F\u00fcr die Politik und die Gesellschafft ist dies aber relevant, damit beurteilt werden kann, ob die Instrumente einer Anpassung bed\u00fcrfen oder ob sie den gew\u00fcnschten Ausgleich schaffen.<\/p>\n<p>Unser Beitrag zeigt, dass Steuern und Sozialleistung die Ungleichheit der Einkommen erheblich reduzieren. In den betrachteten Kantonen (AG, BE, LU, SG, VS, GE) reduzieren diese Instrumente den Gini-Koeffizienten der \u00c4quivalenzeinkommen in der Bev\u00f6lkerung in Erwerbshaushalten um etwas mehr als ein Viertel. Rund drei Viertel der Ungleichheitsreduktion ist dabei auf Sozialleistungen zur\u00fcckzuf\u00fchren, ein Viertel auf die Steuern. Ob dies insgesamt viel oder wenig ist, l\u00e4sst sich isoliert kaum beantworten. Daf\u00fcr sind vergleichende Studien und Erhebungen hilfreich, die konzeptionelle Unterschiede zwischen L\u00e4ndern bereinigen und so eine vergleichende Einordnung erm\u00f6glichen (BFS, 2021; Caminada et al., 2019a, 2019b). Daraus l\u00e4sst sich etwa entnehmen, dass die Schweiz international gesehen ein Land mit unterdurchschnittlicher Ungleichheit und Umverteilung ist:<\/p>\n<ul>\n<li>Auf Seiten der <em>Sozialtransfers<\/em> fallen dabei die Leistungen in Zusammenhang der Absicherung im Alter auf. Sie stellen mit rund 10.6% des BIP wie auch in anderen L\u00e4ndern Europas den gr\u00f6ssten Posten der Gesamtrechnung der sozialen Sicherheit dar. Unser Beitrag zeigt, wie wichtig insbesondere die AHV f\u00fcr den wirtschaftlichen Ausgleich ist. F\u00fcr die weniger wohlhabenden 70% der Bev\u00f6lkerung im Rentenalter stammt der gr\u00f6sste Anteil des Einkommens aus der AHV. Die AHV wirkt dabei stark umverteilend, weil die Beitr\u00e4ge mittels Lohn-Prozenten des Einkommens berechnet werden, aber die Auszahlung bei einer maximalen Rente gedeckelt ist. Reichere B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger tragen so st\u00e4rker zur Finanzierung der AHV bei, als dass sie von ihr profitieren. F\u00fcr den reicheren Teil der Bev\u00f6lkerung spielen dagegen die Renten der 2. S\u00e4ule relativ gesehen eine wichtigere Rolle. Bei den reichsten 5% \u00fcberwiegen die Einkommen aus Verm\u00f6gen.<\/li>\n<li>In komparativen Studien fallen die direkten <em>Steuern<\/em> durch einen unterdurchschnittlichen umverteilenden Effekt auf. Direkte Steuern sind zwar auch in der Schweiz progressiv ausgestaltet. Gem\u00e4ss unseren Auswertungen entfallen 42.3% der Gesamtsteuersumme auf die reichsten 10% der Bev\u00f6lkerung. Dadurch reduziert sich die Einkommensungleichheit nach Steuern. Dieser Effekt ist im Vergleich zu anderen L\u00e4ndern aber schw\u00e4cher. Caminada et al. (2019b) erkl\u00e4ren dies mit dem Steuerwettbewerb, der \u00fcber die Jahre zu einer Abschw\u00e4chung der Steuerprogression gef\u00fchrt habe. Dadurch, dass sich Steuers\u00e4tze nach Kanton und Gemeinden unterscheiden und Gutverdienende den Wohnort aussuchen k\u00f6nnen, kann das Steuersystem als Ganzes sogar regressiv werden (Schmidheiny, 2006). Caminada et al. (2019b) stellen fest: \u00abIn diesem Land scheint es schwierig zu sein, von den Reichen und mobilen Personen Umverteilungssteuern zu erheben. Infolgedessen ist der Betrag der von den Reichen gezahlten Steuern relativ niedrig\u00bb.<sup><sup><a id=\"post-2576-footnote-ref-6\" href=\"#post-2576-footnote-6\">[5]<\/a><\/sup><\/sup><\/li>\n<\/ul>\n<p>International gesehen ist die f\u00f6derale Organisation der Schweiz eine Besonderheit. Damit sind Gestaltungsspielr\u00e4ume bei der Festlegung der direkten Steuern und der Ausgestaltung von Bedarfsleistungen verbunden, die sich potentiell auf die Ungleichheit auswirken. Die Steuerbelastung kann sich in der Schweiz von Kanton zu Kanton und auch von Gemeinde zu Gemeinde erheblich unterscheiden, und in Bezug auf die Bedarfsleistungen gibt es Unterschiede bei der Grossz\u00fcgigkeit der Ausgestaltung der Sozialhilfe im engeren Sinne, bei der Schaffung von weiteren vorgelagerten Bedarfsleistungen wie Familien- und Wohnbeihilfen oder bei der Ausgestaltung von Pr\u00e4mienverbilligungen. Unser Beitrag zeigt, dass es bei der Ungleichheit der Markteinkommen und beim Ausmass der Umverteilung durchaus kantonale Unterschiede gibt.<\/p>\n<p>Mit Ausnahme des st\u00e4dtischen Kantons Genf handelt es sich bei den hier untersuchten Kantonen um Kantone mit mittlerer Einkommensungleichheit. Es w\u00e4re wichtig, die Analysen auf m\u00f6glichst alle Kantone auszuweiten, was bisher aufgrund der Datenlage nicht m\u00f6glich ist. Auswertungen der Kennzahlen der Eidgen\u00f6ssischen Steuerverwaltungen deuten aber darauf hin, dass die Unterschiede zwischen und innerhalb der Kantone betr\u00e4chtlich sein k\u00f6nnen (H\u00fcmbelin, 2019a, 2019b; H\u00fcmbelin &amp; Farys, 2016a). Besonders ungleich ist die Einkommensverteilung vor Steuern und Bedarfsleistungen in der Zentralschweiz (Zug, Schwyz, Obwalden) und in den Grenzkantonen Basel-Stadt und Tessin. Inwiefern die Instrumente des Wohlfahrtsstaates in diesen Kantonen einen Ausgleich schaffen, ist nicht bekannt. Durch Ausweitung der Datenbasis auf alle Kantone sowie Ber\u00fccksichtigung von zeitlichen Ver\u00e4nderungen liessen sich Reformen und Marktentwicklungen untersuchen. Dies w\u00fcrde es erm\u00f6glichen, die Rolle des Schweizer Wohlfahrtsstaates als Ganzes und in Bezug auf kantonale Eigenheiten besser zu verstehen.<\/p>\n<ol>\n<li id=\"post-2576-footnote-2\">WiSiER steht f\u00fcr \u00ab Wirtschaftliche Situation von Personen im Erwerbs- und Rentenalter\u00bb, f\u00fcr mehr Informationen: <a href=\"https:\/\/www.bsv.admin.ch\/bsv\/de\/home\/publikationen-und-service\/forschung\/forschungsbereiche\/WiSiER.html\">https:\/\/www.bsv.admin.ch\/bsv\/de\/home\/publikationen-und-service\/forschung\/forschungsbereiche\/WiSiER.html<\/a> <a href=\"#post-2576-footnote-ref-2\">\u2191<\/a><\/li>\n<li id=\"post-2576-footnote-3\">In dieser Skala wird die erste erwachsene Person im Haushalt mit dem Faktor&nbsp;1.0 gewichtet, die weiteren Haushaltsmitglieder im Alter von&nbsp;14 und \u00e4lter mit Faktor&nbsp;0.5, die Mitglieder unter 14 Jahren mit Faktor&nbsp;0.3. <a href=\"#post-2576-footnote-ref-3\">\u2191<\/a><\/li>\n<li id=\"post-2576-footnote-4\">Dies umfasst alle Personen, die nicht im Rentenalter sind (M\u00e4nner unter 65 und Frauen unter 64 Jahren). <a href=\"#post-2576-footnote-ref-4\">\u2191<\/a><\/li>\n<li id=\"post-2576-footnote-5\">Die Umverteilung wird anhand der Ver\u00e4nderung des Gini-Koeffizienten gemessen, der einen Wertebereich von 0 (Gleichverteilung) bis 100 (maximale Ungleichheit) hat. Die Differenz zwischen dem Gini-Koeffizienten der Markteinkommen und der Einkommen nach Transfers und Steuern entspricht dem Gesamtumverteilungseffekt (37.4 \u2013 27.7 = 9.7). Um die Beitr\u00e4ge der einzelnen Instrumente zu bestimmen, wird der Gini-Koeffizient der Einkommen nach Transfers und Steuern mit einem Szenario verglichen, bei dem das jeweilige Instrument ausgeklammert wird (zudem werden die einzelnen Beitr\u00e4ge so reskaliert, dass ihre Summe dem Gesamteffekt entspricht). <a href=\"#post-2576-footnote-ref-5\">\u2191<\/a><\/li>\n<li id=\"post-2576-footnote-6\">In der Originalversion auf Englisch: \u201cIn this country, it appears to be difficult to levy redistributive taxes from the rich and mobile persons. As a result, the amount of taxes paid by rich people is relatively low.\u201d <a href=\"#post-2576-footnote-ref-6\">\u2191<\/a><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung Zur Abfederung von \u00f6konomischen Ungleichheiten nimmt der Wohlfahrtsstaat einen grossen Stellenwert ein. \u00dcber steuerfinanzierte \u00f6ffentliche G\u00fcter wird einerseits eine Grundversorgung sichergestellt. Dazu geh\u00f6ren etwa das Bildungssystem und die Basisinfrastruktur. Andererseits bieten Sozialversicherungen Schutz vor finanziellen Ausf\u00e4llen bei Eintreten sozialer Risiken wie Arbeitslosigkeit, Alter oder Krankheit. Schliesslich werden Menschen mit knappen finanziellen Mitteln durch sogenannte [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[19,18],"tags":[],"class_list":["post-2576","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-travail","category-inegalite"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2576","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2576"}],"version-history":[{"count":24,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2576\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2663,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2576\/revisions\/2663"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2576"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2576"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2576"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}