{"id":3565,"date":"2023-07-03T16:31:33","date_gmt":"2023-07-03T14:31:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=3565"},"modified":"2023-07-03T16:31:37","modified_gmt":"2023-07-03T14:31:37","slug":"die-entwicklung-der-parteibindungen-in-der-schweiz-1971-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=3565","title":{"rendered":"Die Entwicklung der Parteibindungen in der Schweiz 1971-2019"},"content":{"rendered":"<h2>Einleitung<\/h2>\n<p>Die eidgen\u00f6ssischen Wahlen 2019 waren von historischen W\u00e4hlerverschiebungen gepr\u00e4gt: Die vier Regierungsparteien FDP, CVP, SP und SVP mussten zusammengerechnet ihr schlechtestes Wahlergebnis seit Einf\u00fchrung des Proporzwahlrechts 1919 hinnehmen und erreichten nur 68.9 Prozent der Stimmen. Die SVP verlor gar zw\u00f6lf Sitze im Nationalrat, was den gr\u00f6ssten Sitzverlust einer Partei seit 1919 darstellt. Viele Nicht-Regierungsparteien konnten hingegen Wahlgewinne verbuchen, allen voran die Gr\u00fcnen, die mit +17 Sitzen den gr\u00f6ssten Sitzgewinn einer Partei seit 1919 erreichten und die CVP gemessen am W\u00e4hleranteil erstmals \u00fcberfl\u00fcgelten.<\/p>\n<p>Diese Beispiele sind Ausdruck eines l\u00e4ngerfristigen Wandels der Wahl- und Parteienlandschaft in der Schweiz, der sich seit den 1970er Jahren in einer zunehmenden Fragmentierung des Parteiensystems sowie einer vermehrten W\u00e4hlervolatilit\u00e4t spiegelt (Nabholz, 1998; Ladner et al., 2022). Diese Volatilit\u00e4t l\u00e4sst sich sowohl auf der Aggregatsebene, d.h. den prozentualen Stimmenanteilen der Parteien, als auch auf Ebene des individuellen Wahlentscheids beobachten. In der Politikwissenschaft wird diese neue Instabilit\u00e4t einerseits h\u00e4ufig mit dem Bedeutungsverlust der traditionellen gesellschaftlichen Konfliktlinien wie Klasse oder Religion in Verbindung gebracht (Best, 2011), andererseits aber auch mit der Erosion der langfristigen Parteibindungen (Dalton, 2002). Aus dieser Sicht beruht der individuelle Wahlentscheid immer weniger auf der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder der Identifikation mit einer Partei, sondern zusehends auf kurzfristigen Faktoren wie den Themenpr\u00e4ferenzen oder den Pers\u00f6nlichkeitsmerkmalen der Kandidierenden (z.B. Garzia, 2013). F\u00fcr die Parteien und Kandidierenden bedeutet dies, dass sie sich nicht mehr auf ihre angestammten W\u00e4hlerschichten verlassen k\u00f6nnen, sondern sich stets neu um deren Unterst\u00fctzung bem\u00fchen und gleichzeitig neue und ungebundene W\u00e4hlerschaften f\u00fcr sich erschliessen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>In der Schweiz ist der Einfluss von Klassenunterschieden und Religionszugeh\u00f6rigkeit auf das Wahlverhalten und die Verschiebungen im Parteiensystem gut erforscht (z.B. Goldberg, 2017; Oesch &amp; Rennwald, 2010; Rennwald 2015). \u00dcber die Entwicklung der Parteibindungen ist hingegen wenig bekannt (siehe jedoch Nabholz, 1998). Vor diesem Hintergrund untersucht dieser Beitrag, wie sich die Parteibindungen in der Schweiz seit den 1970er Jahren entwickelt haben. L\u00e4sst sich in der Schweiz tats\u00e4chlich ein Niedergang der langfristigen Parteibindungen feststellen? Welche Parteien sind besonders betroffen? Welche Partei kann bei den Parteiungebundenen die gr\u00f6ssten W\u00e4hleranteile erzielen? Durch welche sozialen und politischen Merkmale zeichnen sich Personen ohne Parteibindungen im Vergleich mit jenen aus, die einer Partei nahestehen? Und gibt es Verschiebungen \u00fcber die Zeit? Diese Fragen werden hier mithilfe von Daten aus Nachwahlbefragungen seit 1971 beantwortet.<\/p>\n<h2>Parteibindung in der Wahlforschung<\/h2>\n<p>Der Begriff der Parteibindungen \u2013 auch Parteineigung oder Parteiidentifikation genannt \u2013 geht auf das sozialpsychologische Erkl\u00e4rungsmodell des Wahlverhaltens zur\u00fcck (Campbell et al., 1960). Dieses versteht die Parteibindung als eine langfristig stabile, affektive Bindung an eine Partei, die w\u00e4hrend der politischen Sozialisierung im Elternhaus erworben wird. Anders als die formale Mitgliedschaft in einer Partei beinhaltet die Parteibindung kein institutionalisiertes Verh\u00e4ltnis zu einer Partei; vielmehr kann sie als \u00abpsychologische Mitgliedschaft\u00bb bezeichnet werden, \u00e4hnlich dem Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl zu einer sozialen Klasse oder einer Konfession. Parteibindungen wirken als Filter und Orientierungshilfe bei der Aufnahme und Verarbeitung politischer Informationen und beeinflussen die politische Meinungsbildung. So f\u00e4rben die Parteibindungen die individuellen Einstellungen zu Sachthemen sowie die Bewertung von Kandidierenden und wirken sich damit direkt und indirekt auf den Wahlentscheid aus. Wer sich mit einer politischen Partei identifiziert, betrachtet Politik eher aus einer parteipolitischen Perspektive und sympathisiert mit den Kandidierenden der bevorzugten Partei und den von ihnen vertretenen Sachpositionen. Umgekehrt begegnen Parteigebundene der Politik der anderen Parteien mit gr\u00f6sserer Skepsis. Parteibindungen sind somit ein stabilisierendes Element des individuellen Wahlverhaltens: Parteigebundene neigen dazu, ihre bevorzugte Partei immer wieder zu w\u00e4hlen. Ausserdem wirkt die Parteibindung politisch integrativ und mobilisierend: Wer sich mit einer Partei identifiziert, hat ein h\u00f6heres politisches Interesse, geht eher w\u00e4hlen, besucht eher Wahlkampfveranstaltungen und beteiligt sich eher als Wahlkampfhelfer\/in als Personen ohne Parteineigung (Campbell et al., 1960; Verba et al., 1978).<\/p>\n<p>Parteibindungen sind somit f\u00fcr die politischen Parteien eine wichtige Ressource. Parteien m\u00fcssen daher bestehende Parteiidentifikationen dauerhaft festigen und verst\u00e4rken. Dazu m\u00fcssen sie klare und ideologisch konsistente Positionen einnehmen (Dassonneville et al., 2023). Dennoch sind Parteibindungen nicht unverr\u00fcckbar, sondern scheinen sich in vielen westlichen Demokratien zu lockern (Dalton, 2002). Dies hat auch damit zu tun, dass in vielen L\u00e4ndern die grossen Traditionsparteien ihre Positionen angeglichen haben und sie f\u00fcr die W\u00e4hlenden weniger unterscheidbar wurden, sodass sie nur noch bedingt als Orientierungshilfen dienen k\u00f6nnen (z.B. Green &amp; Hobolt, 2008). Obwohl die j\u00fcngst zunehmende Polarisierung diesem Trend entgegenwirken k\u00f6nnte (Lupu, 2015), sind umgekehrt viele W\u00e4hlende dank dem generell steigenden Bildungsniveau und der Informationsflut in den Massenmedien weniger auf diese Orientierungshilfen angewiesen. Vielmehr sind die W\u00e4hlenden selbst in der Lage, sich mit komplexen politischen Themen auseinanderzusetzen und sich ihre eigene Meinung zu bilden (Dalton, 1984, 2002). Dies bedeutet, dass der Wahlentscheid einer wachsenden Anzahl W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler weniger vorhersehbar ist und sich die Parteien zunehmend um Parteiungebundene bem\u00fchen m\u00fcssen. Doch wie stark die Parteibindungen tats\u00e4chlich nachlassen, ist in der internationalen Forschung umstritten (Dassonneville, 2023; Holmberg &amp; Oscarsson, 2020; Rahat &amp; Kenig, 2018) und f\u00fcr die Schweiz wenig erforscht.<\/p>\n<h2>Daten<\/h2>\n<p>Die Studie beruht auf einem kumulativen Datensatz von Nachwahlbefragungen in der Schweiz zwischen 1971 und 2019, an denen insgesamt \u00fcber 40&#8217;000 Stimmberechtigte teilgenommen haben (Selects, 2021). Die Wahlforschung in der Schweiz war lange Zeit von der Initiative einzelner Forschender abh\u00e4ngig, bevor 1995 die nationale Wahlstudie \u00abSelects\u00bb im Zusammenschluss der politikwissenschaftlichen Institute der Universit\u00e4ten Bern, Genf und Z\u00fcrich gegr\u00fcndet wurde und seither vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert wird (<a href=\"http:\/\/www.selects.ch\/\">www.selects.ch<\/a>). Seit 2008 wird Selects am Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften FORS durchgef\u00fchrt. Trotz stetiger methodischer Erneuerungen (z.B. hinsichtlich Stichprobenziehung und Erhebungsmethode) bleiben viele Messinstrumente \u00fcber die Zeit konstant, um L\u00e4ngsschnittanalysen zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Die Parteibindungen werden in der Schweiz seit den eidgen\u00f6ssischen Wahlen von 1971 erhoben, seit 1995 mittels folgender Fragen: \u00abStehen Sie gew\u00f6hnlich einer politischen Partei nahe?\u00bb, und \u00abUm welche Partei handelt es sich?\u00bb<sup><a id=\"post-3565-footnote-ref-1\" href=\"#post-3565-footnote-1\">[1]<\/a><\/sup>. Personen, die angeben, keiner politischen Partei nahezustehen <em>oder<\/em> die auf die zweite Frage keine bestimmte Partei bezeichnen k\u00f6nnen, werden nachfolgend als Parteiungebundene behandelt. Befragte, die sich gew\u00f6hnlich mit einer Partei verbunden f\u00fchlen <em>und<\/em> diese Partei benennen k\u00f6nnen, werden hingegen als Parteigebundene betrachtet. Es wird somit nur zwischen dem Vorhandensein und der Abwesenheit einer parteipolitischen Verbundenheit unterschieden, unabh\u00e4ngig von der St\u00e4rke dieser Bindung. Die vergleichende Untersuchung von Dassonneville (2023) zeigt, dass die Unterscheidung zwischen starker und schwacher Parteiidentifikation nur wenige Erkenntnisgewinne bringt. Daher beschr\u00e4nken wir uns nachfolgend auf die einfache Unterscheidung zwischen Personen mit und ohne Parteibindung.<\/p>\n<p>Der (retrospektive) Wahlentscheid sowie zentrale soziale Merkmale der Befragten (Alter, Geschlecht, Bildung, Religion) sind f\u00fcr alle Erhebungsjahre verf\u00fcgbar, w\u00e4hrend Fragen zu politischen Einstellungen erst seit 1995 in gr\u00f6sserem Umfang und in vergleichbarer Form gemessen werden. Deshalb beschr\u00e4nkt sich die Untersuchung des sozialen und politischen Profils der Partei(un)gebundenen auf die Jahre 1995 und 2019.<\/p>\n<h2>Sinkende Parteibindungen \u00fcber die Zeit<\/h2>\n<p>Abbildung 1 zeigt die Entwicklung der Parteibindungen in der Schweiz seit 1971. Der Anteil derjenigen, die sich keiner Partei nahe f\u00fchlen, ist in den letzten f\u00fcnf Jahrzehnten gestiegen. Hat sich 1971 noch mehr als die H\u00e4lfte der Befragten mit einer bestimmten Partei identifiziert, waren es bei den letzten eidgen\u00f6ssischen Wahlen von 2019 nur noch rund 30 Prozent. Diese Entwicklung entspricht Beobachtungen in anderen westlichen Demokratien, f\u00fcr die l\u00e4ngere Zeitreihen vorliegen: Der Anteil Parteiungebundener liegt beim letzten Beobachtungszeitpunkt stets einiges h\u00f6her als zu Beginn der Zeitreihe (Dalton, 2002; Dassonneville 2023; Schmitt &amp; Holmberg, 1995). Allerdings verl\u00e4uft die Entwicklung in den verschiedenen L\u00e4ndern weder gleichf\u00f6rmig noch linear. So auch in der Schweiz: zwar stieg der Anteil Parteiungebundener bis 1999 stetig an, jedoch stabilisierte er sich seither auf hohem Niveau (bei rund 70 Prozent). Der Anteil Parteiungebundener f\u00e4llt damit im internationalen Vergleich in der Schweiz hoch aus, ist aber vergleichbar mit den Niederlanden oder Deutschland (Dassonneville, 2023). Zudem ist die Schweiz Teil einer Gruppe von L\u00e4ndern (zusammen mit Nordeuropa oder UK), in denen sich die Erosion der Parteibindungen in den 2000er Jahren nicht fortgesetzt hat (Rahat &amp; Kenig, 2018).<\/p>\n<p>Abbildung 1: Entwicklung der Parteibindungen von 1971 bis 2019 (in %)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"989\" height=\"717\" class=\"wp-image-3566\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/word-image-3565-1.png\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/word-image-3565-1.png 989w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/word-image-3565-1-300x217.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/word-image-3565-1-768x557.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 989px) 100vw, 989px\" \/><\/p>\n<p>Mit Ausnahme der SVP mussten alle Bundesratsparteien einen R\u00fcckgang der \u00abpsychologischen Parteimitgliedschaft\u00bb hinnehmen. Am st\u00e4rksten betroffen ist die ehemalige CVP mit einem R\u00fcckgang um zwei Drittel (von 9 auf 3 Prozent), gefolgt von der SP mit einer Halbierung ihres Anteils an Parteigebunden (von 14 auf 7 Prozent). Umgekehrt verdoppelte sich der Anteil Personen, die sich mit der SVP identifizieren, zwischen 1999 bis 2019 parallel zum Aufstieg der SVP zur w\u00e4hlerst\u00e4rksten Partei.<\/p>\n<h2>Der Wahlentscheid der Parteiungebundenen<\/h2>\n<p>Gem\u00e4ss dem sozialpsychologischen Modell des Wahlverhaltens hat die Parteibindung eine hohe Voraussagekraft f\u00fcr den Wahlentscheid. Dies ist auch in der Schweiz der Fall. Bei den letzten Wahlen 2019 trafen Personen, die einer Partei zuneigen, ihren Wahlentscheid grossmehrheitlich in Einklang mit ihrer Parteibindung. Bei der FDP, CVP und SVP lag dieser Anteil bei 90 Prozent und mehr. Bei der SP lag er mit 83 Prozent etwas tiefer. Tats\u00e4chlich weisen SP-Sympathisierende generell eine geringere Loyalit\u00e4t auf; ihr Stimmentscheid weicht h\u00e4ufiger von ihrer langfristigen Parteibindung ab, oft zugunsten der Gr\u00fcnen. Dies liegt daran, dass diese beiden linken Parteien ein sehr \u00e4hnliches W\u00e4hlersegment bedienen (Sciarini, 2010).<\/p>\n<p>Interessanter ist das Wahlverhalten der Parteiungebundenen. Diese Personen sind politisch weniger integriert, was sich an ihrer geringeren Wahlbeteiligung zeigt. So liegt die Wahlteilnahme der Parteiungebundenen im Untersuchungszeitraum 1971-2019 bei rund einem Drittel. Ihre hohe Wahlabstinenz macht es f\u00fcr die Parteien schwierig, die Parteiungebundenen zu mobilisieren und f\u00fcr sich zu gewinnen. Aufgrund ihrer grossen Anzahl sind die Parteiungebundenen f\u00fcr die Parteien aber eine wichtige Zielgruppe. Abbildung 2 zeigt die Parteiwahl der Parteiungebundenen zwischen 1971 und 2019.<\/p>\n<p>Abbildung 2: Parteiwahl der Parteiungebundenen (in % <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"981\" height=\"712\" class=\"wp-image-3567\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/word-image-3565-2.png\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/word-image-3565-2.png 981w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/word-image-3565-2-300x218.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/word-image-3565-2-768x557.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 981px) 100vw, 981px\" \/><\/p>\n<p>Die Parteiwahl der Personen, die sich mit keiner Partei identifizieren, bildet die tats\u00e4chlichen Wahlergebnisse \u00fcber den gesamten Zeitraum insgesamt recht zuverl\u00e4ssig ab<sup><a id=\"post-3565-footnote-ref-2\" href=\"#post-3565-footnote-2\">[2]<\/a><\/sup>. So lassen sich sowohl die anhaltenden W\u00e4hlerverluste von FDP, CVP und SP, als auch der Aufstieg der SVP ab Mitte der 1990er Jahre gut ablesen. Allerdings fuhren die Nichtregierungsparteien im gesamten Zeitraum bei den Parteiungebundenen ein leicht \u00fcberdurchschnittliches Ergebnis ein. Dies trifft insbesondere auf die Jahre 1987 und 1991 zu, als die vier Bundesratsparteien von verschiedenen kleinen Parteien auf der linken (z.B. Gr\u00fcne, FGA) und rechten Seite (z.B. FPS, SD) herausgefordert wurden. 1991 sank der W\u00e4hleranteil der vier Bundesratsparteien erstmals in der Geschichte auf unter 70 Prozent \u2013 und bei den Parteiungebundenen schnitten sie gem\u00e4ss unseren Zahlen noch deutlich schlechter ab. Seither widerspiegelt das Wahlverhalten der Parteiungebundenen die parteipolitischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse aber wieder genauer. Insbesondere FDP und CVP erzielten bei den Parteiungebundenen ziemlich genau ihren tats\u00e4chlichen Stimmenanteil, w\u00e4hrend die SP seit 1999 unterdurchschnittlich, die SVP hingegen \u00fcberdurchschnittlich abschloss (2019: SP -3.2 Prozentpunkte, SVP +1 Prozentpunkt).<\/p>\n<h2>Soziales und politisches Profil der Parteiungebundenen<\/h2>\n<p>Welche sozialen und politischen Merkmale beeinflussen die Wahrscheinlichkeit, parteiungebunden zu sein? Wir beantworten diese Frage mithilfe eines Vergleichs der Jahre 1995 und 2019, weil viele politische Einstellungsfragen erst ab 1995 in vergleichbarer Form in den Nachwahlbefragungen gestellt wurden. Wir f\u00fchren eine multivariate Analyse (bin\u00e4re logistische Regression) durch, um zu testen, welche sozialen und politischen Merkmale die Zugeh\u00f6rigkeit zur Gruppe der Parteiungebundenen vorhersagen. Wir beschr\u00e4nken uns hier auf die Unterscheidung zwischen Parteiungebundenen und Personen mit Parteineigung (unabh\u00e4ngig davon, welcher Partei diese Personen zuneigen). Dies, weil Personen, die sich mit einer Partei identifizieren, relativ \u00e4hnliche Profile aufweisen wie die jeweiligen Parteiw\u00e4hlerschaften. Die Profile der Parteiw\u00e4hlerschaften, sowie ihre Ver\u00e4nderungen \u00fcber die Zeit, sind in der Schweiz bereits gut erforscht (z.B. B\u00fctikofer &amp; Seitz, 2023; Freitag &amp; Vatter, 2015; H\u00e4usermann et al., 2022; Kriesi et al., 2005).<\/p>\n<p>Abbildung 3 illustriert den Einfluss von verschiedenen soziostrukturellen Merkmalen (Geschlecht, Alter, Religion, Bildungsgrad, Haushaltseinkommen) und politischen Merkmalen auf die Wahrscheinlichkeit, eine parteiungebundene Person zu sein. Dabei wurden f\u00fcr den zweidimensionalen politischen Raum der Schweiz (Kriesi et al., 2008) repr\u00e4sentative Einstellungen gew\u00e4hlt: zwei Fragen auf der wirtschaftlichen Dimension (Erh\u00f6hung der Steuern auf hohen Einkommen, Erh\u00f6hung der Sozialausgaben), zwei auf der kulturellen Dimension (gleiche Chancen f\u00fcr Ausl\u00e4nder\/innen, EU-Mitgliedschaft), sowie eine Frage zur Priorisierung von Umweltschutz oder Wirtschaftswachstum, welche zwischen den beiden Dimensionen liegt. Um die Effekte vergleichbar zu machen und die Interpretation zu erleichtern, wurden alle Variablen dichotomisiert, d.h. in zwei Gruppen unterteilt (z.B. vor\/nach 1965 geboren). Bei den Einstellungsfragen sind jeweils Personen, die eine Aussage sehr oder eher bef\u00fcrworten, zusammengefasst und in der Abbildung ausgewiesen (und den Antwortkategorien \u00abweder noch\u00bb, \u00abeher dagegen\u00bb, \u00absehr dagegen\u00bb, gegen\u00fcbergestellt). Hinsichtlich der Religionszugeh\u00f6rigkeit wurde zwischen katholisch und protestantisch unterschieden; Konfessionslose und Anh\u00e4nger\/innen einer anderen Religion bilden die Referenzkategorie.<sup><a id=\"post-3565-footnote-ref-3\" href=\"#post-3565-footnote-3\">[3]<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Hinsichtlich des sozialen Profils unterscheiden sich Parteiungebundene von Personen mit einer Parteiidentifikation vornehmlich in Bezug auf ihr Alter, Geschlecht und Bildungsniveau (siehe auch Dassonneville et al., 2012 f\u00fcr Deutschland). M\u00e4nner, \u00e4ltere Generationen (d.h. vor 1965 geborene) und Personen mit Hochschulabschluss weisen eine geringere Wahrscheinlichkeit auf, zu den Parteiungebundenen zu geh\u00f6ren, als Frauen, j\u00fcngere und weniger gebildete Personen. Zudem spielen das Einkommen und die Religionszugeh\u00f6rigkeit eine Rolle, wenngleich eine geringere. Wer mehr verdient oder katholisch ist, neigt eher einer Partei zu als Personen mit geringerem Einkommen, Konfessionslose oder Mitglieder einer anderen Religion. Im Zeitvergleich nehmen diese Unterschiede tendenziell ab, bleiben aber insbesondere in Bezug auf die Geburtskohorte betr\u00e4chtlich: w\u00e4hrend bei den Wahlen 1995 Baby Boomer und zuvor Geborene eine um rund 17 Prozentpunkte tiefere Wahrscheinlichkeit hatten, parteiungebunden zu sein als nachfolgende Generationen, betrug dieser Unterschied bei den Wahlen 2019 noch 11 Prozentpunkte. 2019 zeigt sich ausserdem der Einfluss der Religionszugeh\u00f6rigkeit nicht nur f\u00fcr die Katholikinnen und Katholiken, sondern auch f\u00fcr Protestantinnen und Protestanten. Wer Mitglied einer Landeskirche ist, identifiziert sich eher mit einer politischen Partei (und ist folglich politisch besser integriert, d.h. weniger h\u00e4ufig parteiungebunden).<sup><a id=\"post-3565-footnote-ref-4\" href=\"#post-3565-footnote-4\">[4]<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Abbildung&nbsp;3: Soziale und politische Faktoren zur Erkl\u00e4rung, parteiungebunden zu sein (marginale Effekte)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"990\" height=\"717\" class=\"wp-image-3568\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/word-image-3565-3.png\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/word-image-3565-3.png 990w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/word-image-3565-3-300x217.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/word-image-3565-3-768x556.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 990px) 100vw, 990px\" \/><\/p>\n<p>Parteiungebundene heben sich auch hinsichtlich ihrer politischen Einstellungen von Personen ab, die einer Partei nahestehen. In beiden Untersuchungsjahren zeichnen sich die Parteiungebundenen durch ihre EU-skeptische Haltung aus. Bei den Wahlen 2019 hatten die Bef\u00fcrworter\/innen eines EU-Beitritts eine um rund 10 Prozentpunkte geringere Wahrscheinlichkeit, zu den Parteiungebundenen zu z\u00e4hlen, als die Gegner\/innen einer EU-Mitgliedschaft der Schweiz. In j\u00fcngster Zeit trennen die Parteiungebundenen auch wirtschaftspolitische Pr\u00e4ferenzen von Personen mit einer Parteineigung. Bei den Wahlen 2019 hatten Parteiungebundene eine geringere Wahrscheinlichkeit, f\u00fcr die Erh\u00f6hung der Sozialausgaben einzustehen als Personen, die sich einer Partei nahe f\u00fchlen. Einstellungen zu Steuererh\u00f6hungen f\u00fcr hohe Einkommen, zu gleichen Chancen f\u00fcr Ausl\u00e4nder\/innen oder zum Umweltschutz verm\u00f6gen Parteiungebundene jedoch nicht von Personen mit einer Parteineigung zu unterscheiden.<\/p>\n<h2>Schlussfolgerungen<\/h2>\n<p>Der Anteil Personen, die sich keiner Partei nahe f\u00fchlen, hat in der Schweiz seit den 1970er Jahren zugenommen. Seit Ende der 1990er Jahre hat er sich auf einem im internationalen Vergleich hohen Niveau stabilisiert. Ausser der SVP sind alle Parteien von der Lockerung der Parteibindungen betroffen.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung hat politische Folgen. Einerseits zeichnen sich Parteiungebundene durch ein tieferes politisches Interesse aus und beteiligen sich weniger oft an eidgen\u00f6ssischen Wahlen. Sie sind damit f\u00fcr die politischen Parteien schwieriger zu mobilisieren. Gleichzeitig sind die Parteiungebundenen eine grosse Gruppe, sodass es andererseits f\u00fcr die Parteien wichtig ist, diese ungebundenen W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler zu gewinnen, um ihre W\u00e4hleranteile zumindest zu halten. Neben den Nichtregierungsparteien ist das seit Mitte der 1990er Jahre der SVP am besten gelungen. Demgegen\u00fcber erzielt die SP bei den Parteiungebundenen unterdurchschnittliche Wahlergebnisse. Zwar entspricht die durchschnittliche Parteiungebundene \u2013 weiblich, j\u00fcnger, konfessionslos \u2013 nur bedingt dem sozialen Profil des typischen SVP-W\u00e4hlers (m\u00e4nnlich, \u00e4lter, protestantisch), doch hinsichtlich ihrer sozio\u00f6konomischen Merkmale (ohne Hochschulabschluss, tiefes bis mittleres Einkommen) und politischen Einstellungen (gegen EU-Beitritt, gegen Erh\u00f6hung der Sozialausgaben) gibt es klare \u00dcberschneidungen zwischen den Parteiungebundenen und der SVP-W\u00e4hlerschaft. Somit pr\u00e4sentiert sich f\u00fcr die SVP die Ausgangslage im Kampf um die Stimmen der wachsenden Zahl von Parteiungebundenen vor den eidgen\u00f6ssischen Wahlen 2023 am aussichtsreichsten. Mit klaren Forderungen zum Wohle von Frauen und j\u00fcngeren Generationen k\u00f6nnten aber auch die anderen Parteien unter den Parteiunabh\u00e4ngigen punkten.<\/p>\n<ol>\n<li id=\"post-3565-footnote-1\">Zwischen 1979 und 1991 wurden die Befragten direkt danach gefragt, welcher Partei sie nahestehen. <a href=\"#post-3565-footnote-ref-1\">\u2191<\/a><\/li>\n<li id=\"post-3565-footnote-2\">Dies trifft aufgrund der h\u00f6heren Fallzahlen v.a. seit Einf\u00fchrung der Wahlstudie Selects 1995 zu. <a href=\"#post-3565-footnote-ref-2\">\u2191<\/a><\/li>\n<li id=\"post-3565-footnote-3\">Das Regressionsmodell wurde in zwei Schritten gesch\u00e4tzt: zun\u00e4chst nur mit den sozialen Merkmalen, danach inklusive der politischen Merkmale. Der Einfluss der sozialen Merkmale bleibt im vollst\u00e4ndigen Modell in beiden Jahren praktisch unver\u00e4ndert. <a href=\"#post-3565-footnote-ref-3\">\u2191<\/a><\/li>\n<li id=\"post-3565-footnote-4\">Kontrolliert man f\u00fcr das politische Interesse, spielt das Einkommen in beiden Jahren keine Rolle mehr. Das Geschlecht, die Bildung und der Protestantismus verlieren bei den Wahlen 2019 ebenfalls ihren Einfluss. <a href=\"#post-3565-footnote-ref-4\">\u2191<\/a><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung Die eidgen\u00f6ssischen Wahlen 2019 waren von historischen W\u00e4hlerverschiebungen gepr\u00e4gt: Die vier Regierungsparteien FDP, CVP, SP und SVP mussten zusammengerechnet ihr schlechtestes Wahlergebnis seit Einf\u00fchrung des Proporzwahlrechts 1919 hinnehmen und erreichten nur 68.9 Prozent der Stimmen. Die SVP verlor gar zw\u00f6lf Sitze im Nationalrat, was den gr\u00f6ssten Sitzverlust einer Partei seit 1919 darstellt. 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