{"id":3857,"date":"2024-05-23T06:33:23","date_gmt":"2024-05-23T04:33:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=3857"},"modified":"2024-05-23T10:28:40","modified_gmt":"2024-05-23T08:28:40","slug":"wie-lebenshaltungskosten-die-ungleichheit-verscharfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=3857","title":{"rendered":"Wie Lebenshaltungskosten die Ungleichheit versch\u00e4rfen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h2>\n\n\n\n<p>\u00d6konomische Ungleichheitsstudien konzentrieren sich in der Regel auf Unterschiede in der Verteilung von Einkommen und Verm\u00f6gen. Die Lebenshaltungskosten werden dabei h\u00e4ufig vernachl\u00e4ssigt, obwohl letzten Endes die mit Geld verbundenen Konsumm\u00f6glichkeiten den relevanten Massstab f\u00fcr eine wirtschaftliche Wohlfahrtsanalyse darstellen (OECD, 2013; United Nations, 2011). Der Einbezug der Lebenshaltungskosten ist f\u00fcr die Schweiz besonders relevant. Gem\u00e4ss Eurostat ist die Schweiz innerhalb der EU das Land mit den h\u00f6chsten L\u00f6hnen. So bezieht eine Person in der Schweiz im Durchschnitt 107\u2018000 \u20ac Jahresnettolohn und die L\u00fccke zum zweitplatzierten Island ist mit rund 82\u2018000\u20ac betr\u00e4chtlich (Eurostat, 2023a; Lahiri, 2023). Gleichzeitig sind die Lebenshaltungskosten in der Schweiz enorm. Das Preisniveau f\u00fcr Haushaltsausgaben liegt in der Schweiz rund 75 Prozent \u00fcber dem EU-Durchschnitt (Eurostat, 2023b). Auch bez\u00fcglich Lebenshaltungskosten nimmt die Schweiz also einen Spitzenplatz ein, was die hohen Geh\u00e4lter etwas relativiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der schweizerischen Haushaltsbudgeterhebung (HABE) kann weiter entnommen werden, welche Ausgaben die Budgets der Schweizer Bev\u00f6lkerung besonders belasten (BFS, 2023). Den gr\u00f6ssten Teil wendet ein Schweizer Haushalt f\u00fcr Wohnen und Energie auf \u2013 im Durchschnitt 14 Prozent des Bruttoeinkommens. Den zweitgr\u00f6ssten Kostenposten stellen direkte Steuern mit 12 Prozent dar, gefolgt von den Krankenkassenpr\u00e4mien der Grundversicherung (7 Prozent). Danach folgen weitere Ausgaben wie Nahrungsmittel (6.8 Prozent), Verkehr (6.8 Prozent), Unterhaltung und Kultur (4.1 Prozent) sowie Bekleidung (1.5 Prozent). Im Durchschnitt bleiben einem Schweizer Haushalt 17.5 Prozent des Bruttoeinkommens zur freien Verf\u00fcgung. Dieser Durchschnittswert gibt allerdings keinen Aufschluss dar\u00fcber, wie sich die Belastung durch Lebenshaltungskosten und der frei verf\u00fcgbare Betrag nach Einkommensklasse unterscheiden und welche Konsequenzen dies f\u00fcr die \u00f6konomische Ungleichheit in der Schweiz hat.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Lebenshaltungskosten in Ungleichheitsstudien<\/h2>\n\n\n\n<p>Studien aus den USA (Albouy et al., 2016; Argente &amp; Lee, 2021) oder aus Deutschland (Kr\u00f6ger et al., 2022; Priem et al. 2022) zeigen, dass die Lebenshaltungskosten aus einer Ungleichheitsperspektive h\u00f6chst relevant sind. Zudem hat das Interesse an diesen Zusammenh\u00e4ngen aufgrund der ausgepr\u00e4gten Inflation (OECD, 2022) in den letzten Jahren stark zugenommen. So deuten die bislang zur Verf\u00fcgung stehenden Statistiken und Studien darauf hin, dass einkommensschwache Bev\u00f6lkerungsgruppen von der Inflation besonders stark getroffen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Schweiz liegen dazu bisher nur wenig Studien vor. Auch hierzulande ist seit 2021 eine Erh\u00f6hung des Preisniveaus mit j\u00e4hrlichen Wachstumsraten zwischen 1 bis 3.5 Prozent zu beobachten (BFS, 2024a), die im Vergleich zum Euroraum zwar deutlich gem\u00e4ssigter ausfiel, \u00fcber die Jahre kumuliert aber ebenfalls zu einer Steigerung der Lebenshaltungskosten gef\u00fchrt hat. Der Verteilungsbericht des Schweizerischen Gewerkschaftsbund 2023 macht auf zwei weitere Entwicklung aufmerksam (Lampart et al., 2023). Erstens ist gem\u00e4ss der Eidgen\u00f6ssischen Steuerverwaltung die Steuerlast seit 1984 im mittleren Einkommensbereich mit rund 13 Prozent des Jahreseinkommens konstant geblieben, bei den sehr hohen Einkommen (ab einer Million) war jedoch ein R\u00fcckgang von knapp 39 Prozent auf 32.5 Prozent zu beobachten. Die letzten Jahrzehnte waren also mit einer ungleichen Entlastung bei den Steuern verbunden. Zweitens zeigt die Krankenkassenstatistik des Bundesamts f\u00fcr Gesundheitswesen (BAG) seit 1997 eine Zunahme der Realkosten der durchschnittlichen Krankenkassenpr\u00e4mien von \u00fcber 140 Prozent, w\u00e4hrend die Entlastung durch Pr\u00e4mienverbilligungen nur um 41 Prozent zugenommen hat und somit deutlich hinter der Kostensteigerung der Krankenkassenpr\u00e4mien zur\u00fcckblieb. Dies spiegelt sich auch in der Ungleichheit der verf\u00fcgbaren \u00c4quivalenzeinkommen gem\u00e4ss der HABE-Statistik wider, welche auch die mit direkten Steuern und Krankenkassenpr\u00e4mien verbundenen Ungleichheitseffekte erfasst (BFS, 2024c) und von 2001 bis 2021 eine Zunahme der Ungleichheit von 26 auf 30 Gini-Punkte ausweist.<\/p>\n\n\n\n<p>In der langen Sicht f\u00e4llt zudem das stetige Wachstum der Mietkosten auf (BFS, 2024b), die in der Ungleichheitsberechnung des BFS nicht ber\u00fccksichtigt werden. Von 2016 bis 2023 sind die Mietkosten um rund 8 Prozent gestiegen \u2013 wohlgemerkt in einem Umfeld mit sinkendem Referenzzinssatz, was der Zunahme der Wohnkosten entgegenwirkte (BWO, 2023). Der hypothekarische Referenzzinssatz ist im Jahr 2023 zweimal angestiegen, was sich direkt in weiteren Zunahmen der Mietkosten niederschlagen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere Studien weisen darauf hin, dass sich solche Entwicklungen innerhalb eines Landes erheblich unterscheiden k\u00f6nnen. Beispielsweise haben Azzoni und Servo (2002) f\u00fcr Brasilien und Hillringhaus und Peichl (2010) f\u00fcr Deutschland aufgezeigt, dass die Vernachl\u00e4ssigung von regional unterschiedlichen Lebenshaltungskosten in der Regel mit einer \u00dcbersch\u00e4tzung \u00f6konomischer Ungleichheit verbunden ist, da in wirtschaftlich starken Regionen in der Tendenz h\u00f6here L\u00f6hne bezahlt werden, aber auch h\u00f6here Lebenshaltungskosten anfallen als in wirtschaftlich schwachen Regionen. Solche Zusammenh\u00e4nge wird es auch in der Schweiz geben. Simulationsrechnungen deuten darauf hin, dass in l\u00e4ndlichen Kantonen wie Uri und Glarus die Haushaltsbudgets aufgrund niedriger Wohnkosten und Steuern weniger belastet werden als in st\u00e4dtischen Kantonen wie Genf und Basel-Stadt, wo besonders die Wohnkosten hoch sind (Sch\u00fcpbach et al., 2021). Unterschiede ergeben sich auch bei der Ausgestaltung der f\u00f6deral organisierten Instrumente des Wohlfahrtsstaats, namentlich bei den direkten Steuern und Pr\u00e4mienverbilligungen (H\u00fcmbelin, Farys, Jann, et al., 2021).<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Studien aus anderen L\u00e4ndern auf die Wichtigkeit der Lebenshaltungskosten zur Beurteilung der \u00f6konomischen Unterschiede hinweisen, liegt f\u00fcr die Schweiz bisher keine umfassende Studie vor. Vor diesem Hintergrund leiten wir zun\u00e4chst her, wie Lebenshaltungskosten in eine \u00f6konomische Ungleichheitsanalyse aufgenommen werden k\u00f6nnen und berechnen anschliessend auf der Basis von verkn\u00fcpften Steuerdaten aus sechs gro\u00dfen Schweizer Kantonen die damit verbundenen Auswirkungen auf die Ungleichheit. Ein Vergleich der Einkommensungleichheit vor und nach Abzug der Lebenshaltungskosten zeigt einen Anstieg des Gini-Koeffizienten um 10,9 Punkte. Lebenshaltungskosten sind also mit einer deutlichen Versch\u00e4rfung der \u00f6konomischen Ungleichheit verbunden. Die kantonale Ausgestaltung von Steuern und Pr\u00e4mienverbilligungssystem federn diese Mechanismen zwar ab, verst\u00e4rken aber die regionalen Unterschiede innerhalb der Schweiz.<a id=\"post-3857-_Ref159854343\"><\/a>Daten<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Analysen st\u00fctzen wir uns auf verkn\u00fcpfte Steuerdaten. Dies ist eine valide M\u00f6glichkeit, die finanziellen Verh\u00e4ltnisse aller Bev\u00f6lkerungsschichten zu messen (H\u00fcmbelin &amp; Farys, 2016). Konkret nutzen wir Daten der Kantone Aargau, Bern, Genf, Luzern, St. Gallen und Wallis f\u00fcr das Jahr 2015, die im Zuge der WiSiER-Erhebung aufbereitet und harmonisiert wurden (Wanner, 2019). Diese Daten haben wir im inequalities-Projekt<sup><a id=\"post-3857-footnote-ref-1\" href=\"#post-3857-footnote-1\">[1]<\/a><\/sup> mit Individualinformationen zu direkten Steuern, Krankenkassenpr\u00e4mienverbilligungen und weiteren kantonsspezifischen Leistungen erg\u00e4nzt. Die Analysen f\u00fchren wir auf Personen im Erwerbsalter und deren Kinder durch (d.h., Bev\u00f6lkerung im Alter unter 65 Jahren). Wir k\u00f6nnen so die finanzielle Situation von \u00fcber 3 Millionen Personen abbilden, was rund 45% der Bev\u00f6lkerung der Schweiz unter 65 Jahren entspricht. Aufgrund der Verkn\u00fcpfung mit dem Bev\u00f6lkerungsregister ist es m\u00f6glich, Haushaltseinkommen zu bilden. F\u00fcr alle Haushaltsmitglieder liegen s\u00e4mtliche um steuerliche Abz\u00fcge bereinigten Nettoeinkommen aus selbst\u00e4ndiger und unselbst\u00e4ndiger Erwerbst\u00e4tigkeit sowie Verm\u00f6genseink\u00fcnfte vor. Zudem stehen Informationen zu den Auszahlungen aus Sozialversicherungen und privaten Transfers zwischen Haushalten zur Verf\u00fcgung. Auch Bedarfsleistungen wie die wirtschaftliche Sozialhilfe u.\u00e4. sind bekannt.<sup><a id=\"post-3857-footnote-ref-2\" href=\"#post-3857-footnote-2\">[2]<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Mit Ausnahme der bezahlten direkten Steuern liegen die Informationen zu den tats\u00e4chlichen individuellen Lebenshaltungskosten in der Schweiz nicht fl\u00e4chendeckend vor und k\u00f6nnen entsprechend nicht direkt mit den Einkommensdaten verkn\u00fcpft werden. In den nachfolgenden Analysen leiten wir deswegen die <em>minimalen Lebenshaltungskosten <\/em>entsprechend eines Lebensstandards her, der f\u00fcr ein Leben in der Schweiz im Minimum n\u00f6tig ist, und orientieren uns dabei an den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz f\u00fcr Sozialhilfe (SKOS). Das heisst, wir bilden nicht die effektiven Auslagen der Haushalte ab, sondern definieren notwendige Auslagen entsprechend dem Existenzminimum. Zudem bilden die nachfolgend aufgef\u00fchrten minimalen Auslagen die gr\u00f6ssten Kostenposten ab, die f\u00fcr einen Haushalt in der Schweiz anfallen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Alltagsauslagen:<\/em> Hierf\u00fcr st\u00fctzen wir uns auf den Grundbedarf gem\u00e4ss SKOS-Richtlinien, der sich f\u00fcr einen Einpersonenhaushalt auf monatlich CHF 986 bel\u00e4uft (im Jahr 2015). F\u00fcr jede weitere Person im Haushalt verringert sich der Mehrbetrag pro Person, basierend auf der SKOS-\u00c4quivalenzskala. Beispielsweise betr\u00e4gt der Grundbedarf f\u00fcr zwei Personen CHF 1&#8217;509. Der in den SKOS-Richtlinien festgehaltene Grundbedarf soll den gesamten Lebensunterhalt exklusive Kosten f\u00fcr Wohnen und Gesundheit decken. Stutz et al. (2018) haben das Niveau des Grundbedarfs in der Sozialhilfe bewertet und heben hervor, dass die Lebensmittelausgaben und die tats\u00e4chlichen Transportkosten untersch\u00e4tzt werden und dass bei Grundbed\u00fcrfnissen, die weitgehend fixer Natur sind, kaum Einsparpotenziale bestehen, ohne dass starke Einschr\u00e4nkungen wie etwa gesundheitliche Risiken in Kauf genommen werden m\u00fcssen. Das heisst, dass wir von einem absoluten Minimalstandard ausgehen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wohnkosten: <\/em>Die Wohnkosten sch\u00e4tzen wir mit Hilfe der Strukturerhebung, die Teil des Volksz\u00e4hlungssystems und die einzige Quelle zu den in der Schweiz gezahlten Nettomieten ist (BFS, 2024). Besonders hoch sind die Mieten in wirtschaftsstarken Ballungszentren und deren Umland. Dies zeigt sich in Regionen wie dem Grossraum Z\u00fcrich, Genf, dem Kanton Waadt und der Region Basel. Im Gegensatz dazu weisen Gebiete wie der Kanton Jura und einzelne Neuenburger Regionen ein unterdurchschnittliches Mietniveau auf. F\u00fcr die nachfolgenden Analysen stehen uns Informationen von rund 191\u2018000 Beobachtungen zur Verf\u00fcgung (gepoolter Datensatz 2011\u20132015). Auf dieser Basis entwickeln wir ein statistisches Modell, das orts\u00fcbliche Mieten f\u00fcr jede Gemeinde sch\u00e4tzt. Das Modell nutzt die Haushaltsgr\u00f6\u00dfe und das Durchschnittseinkommen jeder Gemeinde, um die in der Strukturerhebung erfassten Mieten vorherzusagen. Mithilfe der Modellparameter bestimmen wir dann den erwarteten 20%-Perzentilswert f\u00fcr die lokale Miete. Das heisst, wir berechnen f\u00fcr jede Gemeinde ein g\u00fcnstiges Wohnniveau, das unter der jeweiligen Durchschnittsmiete liegt. F\u00fcr die Analysen rechnen wir zu den Nettomieten eine Pauschale von 20% f\u00fcr die Nebenkosten an, was gem\u00e4ss HABE-Statistik den durchschnittlichen Ausgaben eines Schweizer Haushaltes entspricht.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Pr\u00e4mien der obligatorischen Krankenversicherung:<\/em> Um die altersspezifische durchschnittliche Pr\u00e4mienbelastung zu ermitteln, nutzen wir Statistiken des BAG. Die Pr\u00e4mienh\u00f6he h\u00e4ngt neben individuellen Faktoren wie dem Alter und der gew\u00e4hlten Selbstbeteiligung auch vom Wohnort ab. Unter den sechs untersuchten Kantonen weisen die Kantone Bern (durchschnittlich 374 Franken pro Monat) und Genf (420 Franken pro Monat) besonders hohe Ausgaben f\u00fcr Krankenversicherungspr\u00e4mien auf. Deutlich tiefer sind die Kosten in den Kantonen Wallis (CHF 301), Luzern (CHF 313), Aargau (CHF 320) und St. Gallen (CHF 328). Generell sind die Krankenkassenpr\u00e4mien im Tessin und in der Westschweiz h\u00f6her, insbesondere im Vergleich zur Zentralschweiz. Wir verwenden die gemeinde- und altersabh\u00e4ngigen Kosten f\u00fcr die Krankenversicherung gem\u00e4ss BAG, wenden jedoch einen Rabatt von 10 Prozent pro Person an, was die Erwartung der Sozialbeh\u00f6rden an die Leistungsempf\u00e4nger widerspiegelt, sich f\u00fcr eine kosteng\u00fcnstigere Krankenversicherung zu entscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig bietet das Schweizer System eine gezielte Entlastung der Versicherten durch <em>individuelle Pr\u00e4mienverbilligungsbeitr\u00e4ge (IPV)<\/em>, die von den Kantonen ausgesch\u00fcttet werden. Die Kantone legen konkrete Anspruchsvoraussetzungen fest, entscheiden \u00fcber die Betr\u00e4ge und legen die Abl\u00e4ufe und Auszahlungsmodalit\u00e4ten fest. Diese kantonspezifischen Pr\u00e4mienverbilligungen ber\u00fccksichtigen wir anhand der tats\u00e4chlichen Auszahlungsdaten der kantonalen Beh\u00f6rden. Hierbei gibt es kantonale Unterschiede: Bern bietet relativ vielen Menschen Leistungen, allerdings auf vergleichsweise tieferem Niveau, w\u00e4hrend Genf deutlich h\u00f6here Leistungen vorsieht.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Direkte Steuern auf Einkommen und Verm\u00f6gen:<\/em> Um die Auswirkungen direkter Steuern abzusch\u00e4tzen, k\u00f6nnen wir, wie erw\u00e4hnt, direkt auf die tats\u00e4chlich gezahlten Steuerbetr\u00e4ge zur\u00fcckgreifen. Im Kanton Genf f\u00e4llt im Mittel ein Betrag von 24\u2018500 CHF an. Auch im Kanton Bern f\u00e4llt im Mittel ein vergleichsweise hoher Steuerbetrag von 14\u2018400 CHF an, w\u00e4hrend die Steuerbetr\u00e4ge in den Kantonen Wallis (11\u2018800 CHF) und Aargau (11\u2018400 CHF) etwas tiefer ausfallen. Dies ist einerseits auf die unterschiedliche Einkommensstruktur und andererseits auf die unterschiedliche Ausgestaltung des Steuersystems zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die kantonalen Steuers\u00e4tze sowie die zul\u00e4ssigen Steuerabz\u00fcge unterscheiden sich erheblich (H\u00fcmbelin, Farys, Jann, et al., 2021; H\u00fcmbelin, Farys, &amp; Richard, 2021; H\u00fcmbelin &amp; Farys, 2018; SSK CSI &amp; ESTV, 2021).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Methoden und Analysestrategie<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Mit Hilfe zweier Analysetechniken quantifizieren wir die Belastung von Lebenshaltungskosten f\u00fcr Haushalte in unterschiedlichen Einkommensklassen und die damit verbundene Auswirkung auf Ungleichheit der frei verf\u00fcgbaren Einkommen. Dabei f\u00fchren wir die Analysen zun\u00e4chst zusammengefasst \u00fcber die sechs Kantone durch. Ein weiterer Analyseschritt schl\u00fcsselt die Auswertungen nach Kantonen auf.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Einkommensbezogene Belastung durch Lebenshaltungskosten:<\/em> Wir berechnen die anteilige Belastung der Haushaltseinkommen durch die einzelnen Kostenpositionen f\u00fcr unterschiedliche Einkommensklassen. In den nachfolgenden Abbildungen 1 und 3 ist die Belastung durch Lebenshaltungskosten als Prozentwert des gesamten Haushaltseinkommens auf der vertikalen Achse ausgewiesen, w\u00e4hrend die Einkommensklassen auf der horizontalen Achse zu finden sind. Diese sind als Einkommensdezile aus den Haushalts\u00e4quivalenzeinkommen vor Bedarfsleistungen gebildet, weil anhand der Einkommen vor Bedarfsleistungen die wirtschaftliche Leistungsf\u00e4higkeit eines Haushaltes am besten abgebildet wird. Die einkommensschwachen Haushalte befinden sich in der Grafik links, w\u00e4hrend die einkommensst\u00e4rksten Gruppen rechts zu finden sind.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Vergleich von Gini-Koeffizienten: <\/em>Wir verwenden den Gini-Koeffizienten als Mass f\u00fcr die Ungleichheit. Der Gini-Koeffizient nimmt den Wert 100 bei absoluter Ungleichverteilung und den Wert 0 bei einer Gleichverteilung an. Durch die Gegen\u00fcberstellung des Gini-Koeffizienten der Einkommen vor und nach Ber\u00fccksichtigung der einzelnen Kostenpositionen k\u00f6nnen wir die Verschiebung der Ungleichheit als Folge der Lebenshaltungskosten quantifizieren. F\u00e4llt der Gini-Koeffizient (vertikale Achse) h\u00f6her aus, entspricht dies einer Zunahme der Ungleichheit, w\u00e4hrend ein R\u00fcckgang des Gini-Koeffizienten einer Reduktion der Ungleichheit entspricht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ungleichheitseffekte von Lebenshaltungskosten<\/h2>\n\n\n\n<p>Abbildung 1 zeigt, dass die einkommensschw\u00e4chsten 10 % der Bev\u00f6lkerung erheblich durch Ausgaben f\u00fcr den t\u00e4glichen Bedarf sowie durch Wohnkosten belastet sind. Etwa ein Drittel ihres Einkommens wird f\u00fcr G\u00fcter des t\u00e4glichen Bedarfs aufgewendet (Alltagsauslagen), ein weiteres Drittel deckt die Wohnkosten ab. Auf Grund der Steuerprogression, werden tiefe Einkommen durch Steuern kaum belastet. Allerdings besteht in vielen Kantonen keine Steuerbefreiung des Existenzminimums. Die Gruppe mit dem niedrigsten Einkommen wendet 3% ihres Einkommens f\u00fcr Steuern auf. Auch die Krankenversicherungspr\u00e4mien fallen ins Gewicht. Die einkommensschw\u00e4chste Gruppe wendet 21 % daf\u00fcr auf, davon wird ein Drittel durch individuelle Pr\u00e4mienverbilligungen (IPV) aufgefangen. Diese Entlastung nimmt mit steigendem Einkommen ab, erstreckt sich aber auch auf mittlere Einkommensschichten. Insgesamt verwendet die unterste Einkommensgruppe etwa 82% ihres Haushaltseinkommens zur Bestreitung der minimalen Lebenshaltungskosten. Die finanzielle Belastung durch Mindestlebenshaltungskosten nimmt mit steigendem Einkommen ab. Die 10% der Spitzenverdiener wenden etwa 31% ihres Einkommens f\u00fcr Lebenshaltungskosten auf. Davon machen Steuern mit 19% den gr\u00f6\u00dften Anteil aus, w\u00e4hrend die laufenden Ausgaben f\u00fcr den t\u00e4glichen Bedarf (4,5%), Krankenversicherungspr\u00e4mien (3%) und Wohnen (4,5%) \u2013 ausgerichtet an einem Mindestlebensstandard \u2013 nur 12% ausmachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Abbildung 1: Belastung der Haushaltseinkommen durch Lebenshaltungskosten<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1448\" height=\"724\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/word-image-3857-1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3858\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/word-image-3857-1.png 1448w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/word-image-3857-1-300x150.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/word-image-3857-1-1024x512.png 1024w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/word-image-3857-1-768x384.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1448px) 100vw, 1448px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Daten: WiSiER-Daten 2015 (AG, BE, LU, SG, VS, GE) verkn\u00fcpft mit weiteren Informationen, eigene Berechnungen<\/p>\n\n\n\n<p>Der Einbezug der Lebenshaltungskosten f\u00fchrt zu einem deutlichen Anstieg der Ungleichheit der frei verf\u00fcgbaren Einkommen (siehe Abbildung 2). Der Gini-Koeffizient \u00e4ndert sich von 31,3 vor Ber\u00fccksichtigung dieser Ausgaben auf 42,2 nach Ber\u00fccksichtigung der Lebenshaltungskosten. Dabei fallen die Kosten f\u00fcr Alltagsauslagen (+5,7 Punkte) und Wohnen (+ 6,0 Punkte) besonders stark ins Gewicht. Auch die Krankenkassenpr\u00e4mien sind mit einer Zunahme der Ungleichheit verbunden, selbst wenn der ungleichheitsmindernde Effekt der Pr\u00e4mienverbilligungen ber\u00fccksichtigt wird. Direkte Steuern reduzieren die Einkommensungleichheit (-3,7 Punkte).<\/p>\n\n\n\n<p>Abbildung 2: Ver\u00e4nderung der Einkommensungleichheit durch Einbezug der Lebenshaltungskosten<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1448\" height=\"724\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/word-image-3857-2.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3859\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/word-image-3857-2.png 1448w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/word-image-3857-2-300x150.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/word-image-3857-2-1024x512.png 1024w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/word-image-3857-2-768x384.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1448px) 100vw, 1448px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Daten: WiSiER-Daten 2015 (AG, BE, LU, SG, VS, GE) verkn\u00fcpft mit weiteren Informationen, eigene Berechnungen<\/p>\n\n\n\n<p>In einem letzten Analyseschritt werden die Unterschiede innerhalb der Schweiz untersucht. Abbildung 3 geht auf kantonale Unterschiede ein. Haushalte in den Kantonen Wallis und Genf sind etwas ungleicher belastet. In diesen Kantonen sind die Lebenshaltungskosten, insbesondere die Wohnkosten, f\u00fcr die einkommensschw\u00e4chste Gruppe schwer zu bew\u00e4ltigen. Auch bei der Wirksamkeit der sozialstaatlichen Massnahmen gibt es Unterschiede. Beispielsweise wird im Kanton Luzern die einkommensschw\u00e4chste Gruppe durch Pr\u00e4mienverbilligungen sehr gezielt entlastet. Auffallend ist zudem die erh\u00f6hte Gesamtsteuerbelastung im Kanton Bern. Im Kanton Genf hingegen belastet die Steuerprogression die h\u00f6chsten Einkommensgruppen stark.<\/p>\n\n\n\n<p>Abbildung 3: Belastung des Haushaltseinkommens durch die Lebenshaltungskosten nach Kantonen<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1448\" height=\"724\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/word-image-3857-3.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3860\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/word-image-3857-3.png 1448w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/word-image-3857-3-300x150.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/word-image-3857-3-1024x512.png 1024w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/word-image-3857-3-768x384.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1448px) 100vw, 1448px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Daten: angereicherte WiSiER-Daten 2015 (AG, BE, LU, SG, VS, GE), eigene Auswertungen<\/p>\n\n\n\n<p>Wie aus Tabelle 1 hervorgeht, starten die Kantone von einem jeweils anderen Niveau der Ungleichheit, aber in allen Kantonen sind in Bezug auf die Lebenshaltungskosten \u00e4hnliche Effekte auf die Ungleichheit der frei verf\u00fcgbaren Einkommen zu beobachten. Die gr\u00f6ssten Unterschiede zwischen den Kantonen bestehen in Bezug auf die Pr\u00e4mienlast und die direkten Steuern. Die Krankenkassenpr\u00e4mien f\u00fchren zu einem wesentlich st\u00e4rkeren Anstieg der Ungleichheit im Kanton Genf (+4.8) als in den Kantonen Luzern (+3.1) und Wallis (+3.0). In Genf tragen Steuern zu einer st\u00e4rkeren Abnahme der Einkommensungleichheit bei (-6.1) als in den zwei grossen Deutschschweizer Kantonen Aargau (-2.5) und Bern (-3.1).<\/p>\n\n\n\n<p>Tabelle 1: Einkommmensungleichheit vor und nach Lebenshaltungskosten<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table><tbody><tr><td>&nbsp;<\/td><td>Gini-Pre<\/td><td>Alltags-auslagen<\/td><td>Wohnen<\/td><td>Brutto-KK-Pr\u00e4mien<\/td><td>Pr\u00e4mienver-<br>billigung<\/td><td>Steuern<\/td><td>Gini-Post<\/td><\/tr><tr><td>BE<\/td><td>29.2<\/td><td>6<\/td><td>6.5<\/td><td>4.1<\/td><td>-0.7<\/td><td>-3.1<\/td><td>42<\/td><\/tr><tr><td>LU<\/td><td>29.2<\/td><td>5.4<\/td><td>5.5<\/td><td>3.1<\/td><td>-0.8<\/td><td>-3.3<\/td><td>39.1<\/td><\/tr><tr><td>SG<\/td><td>28.7<\/td><td>6.1<\/td><td>6.2<\/td><td>3.5<\/td><td>-0.7<\/td><td>-4.1<\/td><td>39.8<\/td><\/tr><tr><td>AG<\/td><td>28.9<\/td><td>4.5<\/td><td>5.1<\/td><td>3.1<\/td><td>-0.8<\/td><td>-2.5<\/td><td>38.3<\/td><\/tr><tr><td>VS<\/td><td>27.6<\/td><td>5.9<\/td><td>5.8<\/td><td>3<\/td><td>-0.8<\/td><td>-3.9<\/td><td>37.6<\/td><\/tr><tr><td>GE<\/td><td>41.7<\/td><td>5.7<\/td><td>6.1<\/td><td>4.8<\/td><td>-0.9<\/td><td>-6.1<\/td><td>51.3<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Schlussfolgerungen<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Analyse der Lebenshaltungskosten ist wichtig \u2013 insbesondere in einem teuren Land wie der Schweiz. Zudem gibt es innerhalb der Schweiz erhebliche Unterschiede, insbesondere bez\u00fcglich der Wohnkosten. So geh\u00f6ren Genf und Z\u00fcrich zu den teuersten St\u00e4dten der Welt, w\u00e4hrend das Wohnen in peripheren Gebieten deutlich g\u00fcnstiger ist. Schliesslich gibt es aufgrund der f\u00f6deralen Struktur der Schweiz weitere kantonale Unterschiede, etwa bei den direkten Steuern auf Einkommen und Verm\u00f6gen sowie der Umsetzung der Pr\u00e4mienverbilligung, wodurch die Einkommen der Bev\u00f6lkerung gezielt ent- bzw. belastet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Analysen zeigen, dass die Lebenshaltungskosten die Ungleichheit erheblich versch\u00e4rfen (+10,9 Gini-Punkte). Der Hauptgrund f\u00fcr diesen Effekt sind die hohen Kosten f\u00fcr Wohnen, Krankenkassenpr\u00e4mien und G\u00fcter f\u00fcr den t\u00e4glichen Bedarf, wodurch die niedrigen Einkommen im Vergleich zu den mittleren Einkommen und den Wohlhabenden \u00fcberproportional belastet werden. Nach unseren Berechnungen muss das einkommensschw\u00e4chste Dezil der Bev\u00f6lkerung 82% ihres Einkommens f\u00fcr Grundbed\u00fcrfnisse aufwenden. Dass Lebenshaltungskosten in der Schweiz f\u00fcr manche Gruppen hoch sind, wird auch dadurch veranschaulicht, dass durchschnittlichen Kosten f\u00fcr Alltagsauslagen, Wohnkosten und Krankenkassenpr\u00e4mien, von den 20% einkommensschw\u00e4chsten der Bev\u00f6lkerung nicht getragen werden k\u00f6nnten<sup><a id=\"post-3857-footnote-ref-3\" href=\"#post-3857-footnote-3\">[3]<\/a><\/sup>. Im Gegensatz dazu ist das einkommensst\u00e4rkste Dezil weit weniger von den notwendigen Lebenshaltungskosten belastet. W\u00e4hrend dieses Segment einen betr\u00e4chtlichen Betrag an Steuern zahlt, stellen die Ausgaben f\u00fcr Krankenversicherungspr\u00e4mien, Wohnraum und G\u00fcter des t\u00e4glichen Bedarfs nur ein geringes Problem dar, so dass ein grosser Teil ihres Einkommens zur freien Verf\u00fcgung f\u00fcr Konsum oder Verm\u00f6gensbildung steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Pr\u00e4mienverbilligungen tragen geringf\u00fcgig zu einem Ausgleich bei (-0,8 Gini-Koeffizientenpunkte). Sie entlasten die einkommensschw\u00e4chsten Gruppen. Dennoch \u00fcberwiegt der ungleichheitsverst\u00e4rkende Aspekt der Krankenversicherungspr\u00e4mien (+3,7 Gini-Punkte), da mittlere und hohe Einkommensgruppen gleich viel bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der ausgleichende Einfluss der Steuern (-3.7 Gini-Punkte) steigt mit zunehmender Progression und f\u00f6rdert einen unmittelbaren wirtschaftlichen Ausgleich. Dar\u00fcber hinaus sind Steuern die Grundlage \u00f6ffentlicher G\u00fcter, die allen gesellschaftlichen Schichten zugutekommen. Obwohl Steuern zwar die Ungleichheit der frei verf\u00fcgbaren Einkommen verringern, ist der damit verbundene Effekt im Vergleich zu anderen Komponenten der Lebenshaltungskosten relativ gering. Die Steuerquote<sup><a id=\"post-3857-footnote-ref-4\" href=\"#post-3857-footnote-4\">[4]<\/a><\/sup> der Schweiz liegt mit 21,4% unterhalb des OECD-Durchschnitts (25,3%). L\u00e4nder wie D\u00e4nemark (44,4%) und Schweden (34,3%) weisen deutlich h\u00f6here Steuerquoten auf (ESTV, 2021).<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Analysen zeigen zudem, dass es erhebliche Unterschiede zwischen den untersuchten Kantonen gibt, sowohl was die Einkommensverteilung als auch die Lebenshaltungskosten betrifft. Im st\u00e4dtischen Grenzkanton Genf sind die Einkommensunterschiede deutlich gr\u00f6sser, was teilweise auf die urbane Natur des Kantons zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Auch die Lebenshaltungskosten sind vergleichsweise hoch, was eine zus\u00e4tzliche Versch\u00e4rfung der Ungleichheit mit sich bringt. Die gr\u00f6ssten kantonalen Unterschiede sind beim Effekt der Krankenkassenpr\u00e4mien und den direkten Steuern zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Verpflichtende Kosten, welche direkt \u00fcber die Haushaltseinkommen getragen werden, f\u00fchren also zu einer starken Zunahme der \u00f6konomischen Ungleichheit. In die offiziellen Ungleichheitsstatistiken des Bundes fliessen insbesondere die Auslagen f\u00fcr den t\u00e4glichen Bedarf (Nahrungsmittel, Hygiene, Mobilit\u00e4t etc.) sowie die Wohnkosten nicht mit ein. Gem\u00e4ss BFS (2024c) lag im Jahr 2015 die Einkommensungleichheit (abzgl. Steuern und KK-Pr\u00e4mien) bei 29 Gini-Punkten. In unseren Daten resultiert mit einer analogen Definition ein \u00e4hnlicher Wert von 30.5 Gini-Punkten. Ziehen wir nun aber Alltagsauslagen und Wohnkosten in die Ungleichheitsberechnung mit ein, ist allein damit eine Zunahme der Ungleichheit von 11.7 Gini-Punkten verbunden, was einer Zunahme von 38% entspricht. W\u00fcrden in offiziellen Statistiken Lebenshaltungskosten umfassender einbezogen, w\u00e4re die ausgewiesene Ungleichheit also wesentlich ausgepr\u00e4gter. Zudem gilt es festzuhalten, dass die eingangs erw\u00e4hnten Entwicklungen am Wohnungsmarkt und der j\u00fcngste Inflationsschub, der mit einem Reallohnr\u00fcckgang verbunden war, in unseren Daten nicht abgebildet sind. Heute d\u00fcrften die aufgezeigten Mechanismen noch st\u00e4rker wirken und die mit Lebenshaltungskosten verbundene \u00f6konomische Ungleichheit weiter versch\u00e4rft haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es erstaunt entsprechend nicht, dass aktuelle politische Vorst\u00f6sse auf eine allgemeine St\u00e4rkung der Kaufkraft (13-AHV-Rente) bzw. auf eine gezielte Entlastung bei grossen Kostenposten wie den Krankenkassenpr\u00e4mien abzielen. Konkret fordert die Pr\u00e4mienentlastungsinitiative, dass die Krankenkassenpr\u00e4mien abz\u00fcglich Pr\u00e4mienverbilligungen nicht mehr als 10% der Haushaltseinkommen ausmachen d\u00fcrfen. Diese Forderung w\u00e4re in unseren Daten einzig im Kanton Luzern bereits weitgehend erf\u00fcllt. Gem\u00e4ss unseren Berechnungen wendeten im Jahr 2015 40% der Bev\u00f6lkerung mehr als 10% f\u00fcr Pr\u00e4mien auf, trotz Pr\u00e4mienverbilligungen wohlgemerkt. Eine gezielte Ausweitung bzw. eine st\u00e4rkere einkommensabh\u00e4ngige Finanzierung der Pr\u00e4mien w\u00e4re auf jeden Fall mit einer Reduktion der \u00f6konomischen Ungleichheit verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt zeigen die Analysen, dass Lebenshaltungskosten aus der Perspektive der Ungleichheit ein \u00e4usserst relevantes Thema sind und sowohl in der Forschung als auch in der Politik mehr Aufmerksamkeit erhalten sollten.<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>https:\/\/inequalities.unibe.ch\/ <a href=\"#post-3857-footnote-ref-1\">\u2191<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Weiterf\u00fchrende Informationen zur Datenbasis und den relevanten Einkommensdefinitionen finden sich in H\u00fcmbelin et al. (2023) <a href=\"#post-3857-footnote-ref-2\">\u2191<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Vgl. H\u00fcmbelin et al. (forthcoming) <a href=\"#post-3857-footnote-ref-3\">\u2191<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Steuern im Verh\u00e4ltnis zum BIP ohne Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge. <a href=\"#post-3857-footnote-ref-4\">\u2191<\/a><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung \u00d6konomische Ungleichheitsstudien konzentrieren sich in der Regel auf Unterschiede in der Verteilung von Einkommen und Verm\u00f6gen. Die Lebenshaltungskosten werden dabei h\u00e4ufig vernachl\u00e4ssigt, obwohl letzten Endes die mit Geld verbundenen Konsumm\u00f6glichkeiten den relevanten Massstab f\u00fcr eine wirtschaftliche Wohlfahrtsanalyse darstellen (OECD, 2013; United Nations, 2011). Der Einbezug der Lebenshaltungskosten ist f\u00fcr die Schweiz besonders relevant. 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