{"id":574,"date":"2015-10-07T04:15:27","date_gmt":"2015-10-07T02:15:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=574"},"modified":"2022-12-23T12:37:53","modified_gmt":"2022-12-23T10:37:53","slug":"die-entwicklung-der-einkommensungleichheit-in-der-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=574","title":{"rendered":"Die Entwicklung der Einkommensungleichheit in der Schweiz"},"content":{"rendered":"<h2>Einleitung<\/h2>\n<p>Die Analyse der Einkommensungleichheit ist ein zentrales Forschungsthema der Soziologie und \u00d6konomie. In den meisten L\u00e4ndern hat die Schere zwischen Arm und Reich seit 1970 zugenommen (vgl. insbesondere Salverda et al. 2014, Nolan et al. 2014). Dies f\u00fchrte zu kontroversen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Debatten. \u00dcberraschenderweise ist \u00fcber die Einkommensungleichheit in der Schweiz vergleichsweise wenig bekannt.<\/p>\n<p>In diesem Beitrag betrachten wir die Entwicklung der Einkommensungleichheit in der Schweiz von 1990 bis 2012. Wir fokussieren erstens auf das verf\u00fcgbare Haushaltseinkommen, das den materiellen Lebensstandard misst. Zweitens betrachten wir die individuellen Erwerbseinkommen, da die L\u00f6hne die wichtigste Einkommensquelle darstellen. In vielen L\u00e4ndern hat die Lohnungleichheit in den letzten Jahren zugenommen. Erkl\u00e4rt wird dies u.a. mit der Auslagerung und dem Abbau von Stellen f\u00fcr wenig Qualifizierte im Gefolge der Globalisierung oder wegen des technologischen Fortschritts. Dies habe zu einem Druck auf die Entlohnung von unqualifizierter Arbeit gef\u00fchrt, w\u00e4hrend gleichzeitig die hohen Einkommen \u00fcberdurchschnittlich gewachsen sind. Weniger klar ist in der Forschung hingegen der Einfluss der (De-) Regulierung des Arbeitsmarktes auf die Lohnungleichheit.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Verteilung der Haushaltseinkommen spielen neben den Lohnunterschieden viele weitere Faktoren eine Rolle. Deshalb kann die Ungleichheit der verf\u00fcgbaren Haushaltseinkommen einer anderen Entwicklung folgen als die individuelle Lohnungleichheit. Insbesondere spielt eine grosse Rolle, wer wie lange arbeitet. So hat zum Beispiel die zunehmende Arbeitst\u00e4tigkeit der Frauen meist einen ausgleichenden Effekt auf die Verteilung der Haushaltseinkommen (Harkness 2013). Daneben beeinflussen auch die Alterung der Bev\u00f6lkerung, die Haushaltsstruktur (z.B. mehr Einpersonenhaushalte und Alleinerziehende), sowie die Umverteilung durch Steuern, Renten und Sozialversicherungen die Verteilung der Haushaltseinkommen. Bisher wurde der Einfluss dieser Faktoren in der Schweiz kaum untersucht.<\/p>\n<p>Trotz des weltweiten Trends zu einer h\u00f6heren Einkommensungleichheit gibt es grosse Unterschiede zwischen den verschiedenen L\u00e4ndern. In der Schweiz ist die Ungleichheit sowohl beim Arbeitseinkommen als auch beim Haushaltseinkommen leicht unterdurchschnittlich (OECD 2008 und 2011). Die grossen l\u00e4nder\u00fcbergreifenden Studien enthalten aber keine Angaben zur Ungleichheitsentwicklung in der Schweiz (z.B. OECD 2008 und 2011, Salverda et al. 2014, Nolan et al. 2014). Zwar betrachten verschiedene Beitr\u00e4ge die Ver\u00e4nderungen in der Schweiz, sie beziehen sich aber meist auf kurze Zeitspannen und unterschiedliche Datenquellen, was zu teilweise widerspr\u00fcchlichen Aussagen f\u00fchrt und einen \u00dcberblick erschwert.<\/p>\n<p>Die l\u00e4ngste verf\u00fcgbare Zeitreihe zur Einkommensungleichheit in der Schweiz bezieht sich auf den Einkommensanteil der Reichsten 0.1 bis 10 Prozent seit 1933 anhand von Steuerdaten (Dell et al. 2007 und F\u00f6llmi und Martinez 2013). In dieser historischen Perspektive zeigt sich f\u00fcr die Schweiz insgesamt eine hohe und stabile Ungleichheit, da der 2. Weltkrieg die Einkommens- und Verm\u00f6genstruktur relativ wenig ver\u00e4ndert hat, die Steuern wenig progressiv und Erbschaftssteuern von geringer Bedeutung sind. In den 1970er Jahren hat die Einkommenskonzentration leicht abgenommen, aber in den 1980er Jahren wieder leicht zugenommen und im Jahr 2007 den h\u00f6chsten Stand seit 1920 erreicht.<\/p>\n<p>Die meisten Studien zur Einkommensungleichheit in der Schweiz st\u00fctzen sich auf Steuerdaten (z.B. Buchman und Sacchi 1995, Gorgas und Schaltegger 2014), die auf Steuereinheiten und nicht auf Haushalten basieren, was eine Interpretation schwierig macht. Zudem geben die Steuerdaten keinen Aufschluss zum verf\u00fcgbaren Haushaltseinkommen. Seit den 1990er Jahren wird f\u00fcr die Messung des Haushaltseinkommens deshalb vermehrt auf Befragungsdaten zur\u00fcckgegriffen. W\u00e4hrend aber Steuerdaten beinahe die ganze Schweizer Bev\u00f6lkerung abdecken, beruhen Befragungen auf einer Stichprobe von einigen Tausend Haushalten. Insbesondere die sehr hohen Einkommen sind darin ungen\u00fcgend abgebildet. Die wohl ausf\u00fchrlichste Analyse zur Verteilung der Haushaltseinkommen findet sich in der nationalen Armutsstudie von Leu et al. (1997), die eine Zunahme der Ungleichheit zwischen 1982 und 1992 zeigt (\u00e4hnlich auch bei Hischier und Zwicky 1992, Ernst et al. 2000, Z\u00fcrcher 2004). W\u00e4hrend es f\u00fcr die 1990er Jahre kaum Studien gibt (Ausnahme ist Ecoplan 2004), zeigen verschiedene neuere Beitr\u00e4ge eine relativ stabile Einkommensverteilung seit 1998 bzw. 2000 (Ecoplan 2004, Grabka und Kuhn 2012, Bundesamt f\u00fcr Statistik 2014 und2015a).<\/p>\n<p>Verschiedene Forscher haben zudem die Lohnungleichheit in der Schweiz untersucht (z.B. Atkinson 2008, K\u00fcng Gugler und Blank 2000, Z\u00fcrcher 2007). Gem\u00e4ss diesen Studien hat die Lohnungleichheit in der ersten H\u00e4lfte der 1990er Jahre leicht abgenommen, ist in der zweiten H\u00e4lfte aber wieder gestiegen. Seit 2000 sind die L\u00f6hne zunehmend ungleicher verteilt, wof\u00fcr vor allem die hohen Einkommen verantwortlich sind (F\u00f6llmi und Martinez 2013).<\/p>\n<h2>Daten und Methode<\/h2>\n<p>In diesem Beitrag beschr\u00e4nken wir uns im Unterschied zu bisherigen Studien nicht auf eine einzige Datenquelle, sondern vergleichen verschiedene grosse Datens\u00e4tze systematisch und \u00fcber 20 Jahre hinweg. Die acht verwendeten Datens\u00e4tze werden im Anhang kurz beschrieben und verglichen.<\/p>\n<p>Die Datenquellen unterscheiden sich zum Teil stark bez\u00fcglich der Art der Befragung, Zeitspanne, Stichprobengr\u00f6sse, Detaillierungsgrad f\u00fcr Einkommen, Datenaufbereitung und vielem mehr. Deswegen variiert Niveau der Einkommensungleichheit zwischen den Datenquellen kaum verglichen werden. Wenn sich die Einkommensungleichheit in der Schweiz aber verst\u00e4rkt hat, sollte sich dies in den verschiedenen Datenquellen entsprechend niederschlagen.<\/p>\n<p>Bei den Arbeitseinkommen sind seit den 1990er Jahren mit der Schweizerischen Arbeitskr\u00e4fteerhebung (SAKE) und der Lohnstrukturerhebung (LSE) relativ konsistente Datenreihen vorhanden. F\u00fcr die verf\u00fcgbaren Haushaltseinkommen gibt es hingegen erst ab Ende der 1990 Jahre verl\u00e4ssliche L\u00e4ngsschnittdaten. Die Haushalt Budget Erhebung (HABE) wird seit 1998 regelm\u00e4ssig erhoben, das Schweizer Haushalt-Panel (SHP) seit 1999 und SILC (Statistics on Income and Living Conditions) seit 2007. Um auch die Entwicklung w\u00e4hrend der 1990er Jahre abzudecken, ber\u00fccksichtigen wir deshalb neben der einmaligen nationalen Armutsstudie (1992), den Steuerdaten und der Verbrauchserhebung 1990 auch die Angaben der SAKE und der Schweizerischen Gesundheitsbefragung, die allerdings beide auf einer einzige Frage zum Netto-Haushaltseinkommen beruhen.<\/p>\n<p>Neben der Datengrundlage spielt auch die Messung der Einkommensungleichheit eine zentrale Rolle. Zum Beispiel kann sich die Ungleichheit vergr\u00f6ssern, wenn das Einkommen von \u00e4rmeren Haushalten sinkt oder von Reichen \u00fcberdurchschnittlich steigt. Die verschiedenen Ungleichheitsindikatoren tragen solchen Ver\u00e4nderungen unterschiedlich Rechnung. Hier verwenden wir erstens den Gini-Koeffizienten, der das wohl bekannteste Mass f\u00fcr Ungleichheit darstellt. Der Gini-Koeffizient kann zwischen 0 und 1 variieren, wobei 0 eine Gesellschaft mit einer perfekt egalit\u00e4ren Verteilung beschreibt, in der alle \u00fcber das gleiche Einkommen verf\u00fcgen und 1 die maximale Ungleichheit angibt. Der Gini-Index ist besonders sensitiv f\u00fcr Ver\u00e4nderungen in der Mitte der Einkommensverteilung. Wenn hingegen die h\u00f6chsten Einkommen besonders stark ansteigen \u2013 was in den letzten Jahren der Fall war \u2013, reagiert der Gini-Index relativ schwach. Zweitens zeigen wir die Einkommensentwicklung f\u00fcr tiefe (niedrigste 10%), mittlere (Median) und hohe Einkommen (top 1%, top 10%), um die Ver\u00e4nderungen besser interpretieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2>Entwicklung der Haushaltseinkommen<\/h2>\n<p>Zuerst betrachten wir die Ungleichheit der verf\u00fcgbaren Haushaltseinkommen. Daf\u00fcr werden zuerst alle Einkommen aller Haushaltsmitglieder (Arbeitseinkommen, Kapitaleinkommen, Renten, Sozialhilfe, Stipendien und private Transfers) addiert, und Steuern, Beitr\u00e4ge f\u00fcr die Sozialversicherungen und obligatorischen Krankenkassenpr\u00e4mien abgezogen. Um die Einkommen unterschiedlich grosser Haushalte besser vergleichen zu k\u00f6nnen, analysieren wir \u00c4quivalenzeinkommen gem\u00e4ss der modifizierten OECD Skala, wie dies in der Ungleichheitsforschung \u00fcblich ist.[1] Abbildung 1 zeigt den Gini-Index der verschiedenen Datenquellen. Dabei fallen zuerst die grossen Unterschiede zwischen den Erhebungen auf. Insbesondere zeigen die SAKE und die Steuerdaten systematisch eine gr\u00f6ssere Ungleichheit als die anderen Datenquellen, was auf verschiedene Gr\u00fcnde zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Beide Erhebungen erfassen die Umverteilungseffekte von Steuern und (subventionierten) Krankenkassenpr\u00e4mien nicht, da sie sich auf das Nettoeinkommen beziehen. Bei der SAKE wurden Messfehler nicht korrigiert und fehlende Werte nicht gesch\u00e4tzt. Die Steuerdaten untersch\u00e4tzen vor allem tiefe und mittlere Einkommen (z.B. das Medianeinkommen in Tabelle 1). Zudem basieren sie auf Steuereinheiten (Ledige oder Verheiratete), die oft nicht Haushalten entsprechen. Die Einkommensteilung innerhalb der Haushalte wird darum in den Steuerdaten nur beschr\u00e4nkt ber\u00fccksichtigt (z.B. bei Konkubinatspaaren oder erwachsenen Kindern).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Abb-_1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-605\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Abb-_1.png\" alt=\"Abb _1\" width=\"687\" height=\"616\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Abb-_1.png 687w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Abb-_1-300x268.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 687px) 100vw, 687px\" \/><\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr die Entwicklung der Einkommensungleichheit sind aber die Unterschiede zwischen den Datenquellen weniger relevant. Interessanterweise verl\u00e4uft der Gini-Koeffizient parallel zum Wirtschaftszyklus: Die Ungleichheit der verf\u00fcgbaren Haushaltseinkommen steigt Ende der 1990er Jahre an, geht anfangs des neuen Jahrtausends zur\u00fcck, nimmt in der zweiten H\u00e4lfte der 2000er Jahren bis 2007 wieder zu und verl\u00e4uft seit der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 relativ stabil oder leicht r\u00fcckl\u00e4ufig.<\/p>\n<p>Mit Ausnahme der Steuerdaten, zeigt die l\u00e4ngerfristige Entwicklung eine relativ stabile Verteilung des verf\u00fcgbaren Haushaltseinkommens. Das Ausmass der Ungleichheit ist 2012 auf einem \u00e4hnlichen Niveau wie zu Beginn der 1990er Jahre. Demgegen\u00fcber steigt die Einkommensungleichheit in den Steuerdaten klar an und hat seit 2009 sogar weiter zugenommen. Teilweise liegt dies am \u00fcberdurchschnittlichen Anstieg extrem hoher Einkommen, die in anderen Datenquellen weniger gut abgebildet sind. Wie Tabelle 1 illustriert, ist das durchschnittliche reale Einkommen (d. h. bereinigt um die Teuerung) des obersten Einkommensdezils (Top 10%) in den Steuerdaten zwischen 1998-2011 um 20% gewachsen, w\u00e4hrend das Medianeinkommen in der gleichen Zeitperiode nur um 4.4% zugenommen hat. Im Vergleich dazu ist der Median bei der HABE im gleichen Zeitraum um 14.1% angestiegen. Auch seit 2006 w\u00e4chst das Medianeinkommen in den Befragungsdaten st\u00e4rker als in den Steuerdaten.[2] Somit tragen nicht nur die Top-Einkommen, sondern auch die Untersch\u00e4tzung der tiefen Einkommen zur h\u00f6heren Ungleichheit in den Steuerdaten bei. Da das durchschnittliche Einkommen des obersten Dezils stark von einzelnen hohen Betr\u00e4gen beeinflusst wird, entwickelt es sich in den verschiedenen Befragungen unterschiedlich. Auch bei den untersten Einkommen gibt es keinen einheitlichen Verlauf.[3] Bedeutend ist aber, dass insgesamt alle Einkommensklassen ein steigendes Einkommen ausweisen. Weder bei den \u00c4rmsten noch bei der Mittelklasse sind sinkende Einkommen zu beobachten.[4] Auch weitere detaillierte Analysen weisen auf eine stabile Einkommensverteilung am unteren Ende der Einkommensverteilung hin (Suter et al, im Erscheinen).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Tabelle-_1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-607\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Tabelle-_1.png\" alt=\"Tabelle _1\" width=\"690\" height=\"406\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Tabelle-_1.png 690w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Tabelle-_1-300x176.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 690px) 100vw, 690px\" \/><\/a><\/p>\n<h2>Entwicklung der Erwerbseinkommen<\/h2>\n<p>Nach dem verf\u00fcgbaren Haushaltseinkommen betrachten wir die Ungleichheit von individuellen Arbeitseinkommen. Wir vergleichen in Abbildung 2 die Gini-Koeffizienten der Monatsl\u00f6hne von vier Befragungen: der SAKE, der Lohnstrukturerhebung (LSE), dem SHP und SILC. Bei der LSE zeigen wir zus\u00e4tzlich die Verteilung der Stundenl\u00f6hne.<\/p>\n<p>Auch die Lohnungleichheit wird von der wirtschaftlichen Entwicklung beeinflusst, allerdings ist der Effekt schw\u00e4cher als bei den Haushaltseinkommen. Im Unterschied zu den Haushaltseinkommen zeigen die Datenquellen aber einen unterschiedlichen zeitlichen Verlauf der Ungleichheit. W\u00e4hrend die Personenbefragungen (SAKE, SHP, SILC) eine stabile Entwicklung zeigen, weisen die Daten der LSE eine Zunahme der Lohnungleichheit auf, wie sie auch in vielen anderen L\u00e4ndern beobachtet wurde.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Abb_2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-608\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Abb_2.png\" alt=\"Abb_2\" width=\"661\" height=\"563\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Abb_2.png 661w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Abb_2-300x255.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 661px) 100vw, 661px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wir betrachten zuerst die Lohnverteilung in der LSE genauer. Die LSE ist besonders geeignet um auch die Entwicklung der Stundenl\u00f6hne aufzuzeigen, weil sie auf einer viel gr\u00f6sseren Stichprobe beruht und weniger durch Messfehler beeinflusst wird als die Personenbefragungen. Da die Lohnverteilung sowohl von den Stundenl\u00f6hnen als auch von der Anzahl Stunden beeinflusst wird, f\u00e4llt die Ungleichheit der Stundenl\u00f6hne tiefer aus als die Ungleichheit der ausbezahlten Monatsl\u00f6hne. Zwischen 1994 und 2012 ist die Ungleichheit der Stundenl\u00f6hne fast so stark angestiegen (um 0.03 Punkte des Gini-Indexes oder 16%) wie die Ungleichheit der Monatsl\u00f6hne (um 0.05 Punkte des Gini-Indexes oder um 19%). W\u00e4hrend der Anstieg der Lohnungleichheit zwischen 2000 und 2006 vor allem mit der vermehrten Teilzeit-Arbeit erkl\u00e4rt werden kann, hat zwischen 2010 und 2012 die Varianz der gearbeiteten Stunden zum ersten Mal abgenommen und so zu einer leicht tieferen Ungleichheit bei den Monatsl\u00f6hnen gef\u00fchrt. Demgegen\u00fcber ist die Ungleichheit bei den Stundenl\u00f6hnen vor allem zwischen 2006 und 2008, sowie zwischen 2010 und 2012 stark angestiegen. Da aber die LSE 2012 revidiert wurde, k\u00f6nnen wir methodische Effekte beim Anstieg zwischen 2010 und 2012 nicht ausschliessen. Um die Zunahme der Lohnungleichheit besser interpretieren zu k\u00f6nnen, vergleichen wir wieder die Einkommensentwicklung unten, in der Mitte und oben in der Einkommensverteilung. Dabei wurden die L\u00f6hne auf ein Vollzeitpensum umgerechnet. Tabelle 2 zeigt, dass erstens die h\u00f6chsten L\u00f6hne \u00fcberdurchschnittlich gewachsen sind. Zweitens stagnieren die tiefen L\u00f6hne real seit 2004. Somit sind sowohl Ver\u00e4nderungen unten als auch oben in der Lohnverteilung f\u00fcr den Anstieg in der Ungleichheit der Stundenl\u00f6hne verantwortlich.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu den Daten der LSE, ist die Lohnungleichheit in den Personenbefragungen (SAKE, SHP, SILC) seit Mitte der 1990er Jahre relativ stabil.Seit 2007 sind die Lohnunterschiede sogar leicht r\u00fcckl\u00e4ufig. Auch die Stundenl\u00f6hne sind in den Personenbefragungen relativ stabil. Eine Zunahme der Lohnungleichheit zwischen 2010 und 2012 wie in der LSE ist nicht festzustellen.<\/p>\n<p>Es gibt verschiedene m\u00f6gliche Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die unterschiedlichen Muster in der LSE einerseits und den Personenbefragungen andererseits, und es ist a priori schwierig zu sagen, welche Datenquelle genauer bzw. weniger fehlerbehaftet ist. Erstens sind Personen, die in der Landwirtschaft, inPrivathaushalten oder in Unternehmen mit weniger als drei Besch\u00e4ftigten arbeiten, nicht in der LSE enthalten. Zweitens wird der Lohn einer Person mit zwei (Teilzeit-) Jobs als zwei unabh\u00e4ngige L\u00f6hne behandelt, was beim Monatslohn zu einer \u00dcbersch\u00e4tzung der Lohnungleichheit f\u00fchrt. Durch die Zunahme von Teilzeitarbeit und tempor\u00e4ren Besch\u00e4ftigungen k\u00f6nnte sich dieser Effekt verst\u00e4rkt haben. Drittens sind in der LSE die extrem hohen L\u00f6hne besser abgebildet (grosse Stichprobe, weniger Messfehler, Erfassung von Boni und nicht-monet\u00e4ren Lohnkomponenten).<\/p>\n<p>Tabelle 2 zeigt, dass die steigende Lohnungleichheit in der LSE in der Tat zu einem grossen Teil auf die Entwicklung der Top-Sal\u00e4re zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Zwar sind auch die tiefen und mittleren Reall\u00f6hne zwischen 1994 und 2012 um 14-18% angestiegen, bei den Top 10% hat der Reallohn aber um 41% zugenommen und sich f\u00fcr das h\u00f6chste Prozent sogar mehr als verdoppelt.[5] Zugleich stagnieren die tiefsten L\u00f6hne seit 2006.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Tab_2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-609\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Tab_2.png\" alt=\"Tab_2\" width=\"689\" height=\"429\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Tab_2.png 689w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Tab_2-300x186.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 689px) 100vw, 689px\" \/><\/a><\/p>\n<h2>Schlussfolgerung<\/h2>\n<p>Dieser Beitrag vergleicht die Entwicklung der Einkommensungleichheit in der Schweiz von 1990 bis 2012 anhand acht unterschiedlicher Datenquellen. Beim verf\u00fcgbaren Haushalts\u00e4quivalenzeinkommen zeigen die verschiedenen Befragungen grosse Unterschiede in der H\u00f6he der Einkommensungleichheit. Die Entwicklung \u00fcber 20 Jahre ergibt hingegen ein koh\u00e4rentes Bild. Insgesamt ist die Haushaltseinkommensungleichheit aktuell etwa gleich hoch wie Anfang der 1990er Jahre. Allerdings steigt die Einkommensungleichheit in Boomjahren (1998-2001, 2004-2007) an und bleibt in \u00f6konomischen Rezessionen stabil oder geht leicht zur\u00fcck (Anfangs der 1990er Jahre, 2002-2003, 2008-2009). Dieser Einfluss der Wirtschaftsentwicklung liegt einerseits am ausgleichenden Effekt der Sozialpolitik, die die Einkommen der \u00e4rmeren Haushalte in Krisenjahren stabilisiert (durch Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe, aber auch durch Altersrenten, deren H\u00f6he weitgehend unabh\u00e4ngig vom Wirtschaftswachstum ist). Andererseits reagieren sehr hohe Einkommen sensibler auf das Wirtschaftswachstum als tiefe und mittlere Einkommen, da sie st\u00e4rker von Kapitaleinkommen und Boni bestimmt sind, die direkt mit den Einbr\u00fcchen der Aktienm\u00e4rkte (2002 und 2008) zur\u00fcckgehen. Zudem gleichen staatliche Sozialleistungen (Sozialhilfe, Arbeitslosenversicherung) Einbussen bei hohen Einkommen nur beschr\u00e4nkt aus.<\/p>\n<p>Anhand der Lohnstrukturerhebung zeigt sich ein klarer Anstieg der Lohnungleichheit von 1994 bis 2008, wozu sowohl mehr Teilzeitarbeit als auch eine gr\u00f6ssere Ungleichheit bei den Stundenl\u00f6hnen beigetragen haben.<\/p>\n<p>Eine detailliertere Betrachtung zeigt, dass die Verteilung der L\u00f6hne und des Haushaltseinkommens am unteren Rand und in der Mitte der Einkommensverteilung relativ stabil geblieben ist. Alle Einkommensklassen konnten ihr Einkommensniveau seit Ende der 1990er Jahren erh\u00f6hen. Die Steuerdaten und die Lohnstrukturerhebung illustrieren aber, dass vor allem die hohen Einkommen vom Wirtschaftswachstum profitiert haben und \u00fcberdurchschnittlich gewachsen sind. Die LSE deutet zudem auf eine Stagnation bei den tiefsten L\u00f6hnen seit 2006 hin.<\/p>\n<p>Zugleich zeigen weitere Untersuchungen, dass in den vergangenen Jahren verschiedene Kr\u00e4fte der steigenden Ungleichheit bei L\u00f6hnen und Kapitaleinkommen entgegengewirkt haben. Erstens reduziert die gestiegene Erwerbst\u00e4tigkeit der Frauen leicht die Ungleichheit der Haushaltseinkommen in der Schweiz (Kuhn et al. 2015). Da zudem Frauen mit gutverdienenden Partnern durchschnittlich ein geringeres Arbeitsvolumen aufweisen als andere Frauen, wird die Ungleichheit der Haushaltseinkommen weiter ged\u00e4mpft. Zweitens ist die durchschnittliche Haushaltsgr\u00f6sse in der Schweiz seit 2000 stabil geblieben, w\u00e4hrend in anderen L\u00e4ndern (z.B. in Deutschland oder in den USA) Einpersonen- und Alleinerziehendenhaushalte zahlreicher geworden sind (z.B. Daly und Valletta 2006, Peichl et al. 2010). Kleinere Haushalte verst\u00e4rken die Ungleichheit zwischen den Haushalten, da Einkommen weniger stark zwischen Haushaltsmitgliedern umverteilt werden. Drittens hat die Umverteilung durch Renten, \u00f6ffentliche Transfers und Steuern \u00fcber die Zeit leicht zugenommen (BFS 2015, Grabka und Kuhn 2011). Insgesamt f\u00fchren diese Faktoren zu einer relativ stabilen Ungleichheit der verf\u00fcgbaren Haushaltseinkommen in der Schweiz und zu einer leicht unterdurchschnittlichen Einkommensungleichheit im internationalen Vergleich. Trotzdem ist zu beachten, dass dieses Urteil anders ausf\u00e4llt, wenn sehr hohe Einkommen oder Verm\u00f6gen betrachtet werden, da hier die Schweiz eine hohe Ungleichheit aufweist, die sich im letzten Jahrzehnt weiter verst\u00e4rkt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1]Die erste erwachsene Person erh\u00e4lt ein Gewicht von 1, Kinder bis 14 Jahre ein Gewicht von 0.3 und alle weiteren erwachsenen Haushaltsmitglieder ein Gewicht von 0.5.<\/p>\n<p>[2] Bei den Steuerdaten wurden die Daten inklusive Einheiten ohne steuerbares Einkommen verwendet, da der Median durch die Untersch\u00e4tzung der tiefsten Einkommen nicht beeinflusst wird. Bei Ausschluss der Einheiten ohne steuerbares Einkommen, steigt der Median von 1998 bis 2012 um 11.3%.<\/p>\n<p>[3] Das unterste Einkommensdezil ist in der Tabelle 1 aus Platzgr\u00fcnden und aufgrund der teilweise unplausiblen Einkommensentwicklung nicht abgebildet.<\/p>\n<p>[4]Eine Ausnahme sind die \u00c4rmsten 10% in der HABE, deren Einkommen zwischen 2000 und 2006 r\u00fcckl\u00e4ufig waren (nach einem starken Anstieg zwischen 1998 und 2000).<\/p>\n<p>[5] Die LSE 2012 erfasst die Lohnzus\u00e4tze detaillierter als in vorhergehenden Jahren, was einen Teil des Anstiegs bei den Top-L\u00f6hnen zwischen 2010 und 2012 erkl\u00e4ren kann.<\/p>\n<p>*Dieser Beitrag wurde im Rahmen des Nationalfonds-Projekts \u201cIncome and wealth inequality, deprivation and wellbeing in Switzerland, 1990-2013\u201d erarbeitet (Projekt 100017_143320). Wir m\u00f6chten dem Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) f\u00fcr die Bereitstellung der Daten danken. Diese Studie wurde auch mit den Daten des Schweizer Haushalt-Panels (SHP), das vom Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften FORS geleitet wird, durchgef\u00fchrt. Zu einem grossen Teil basiert dieser Beitrag auf der umfassenderen Publikation \u201eConsidering the various data sources, survey types and indicators: To what extent do conclusions regarding the evolution of income inequality in Switzerland since the early 1990s converge?\u201c, die wir zusammen mit unseren KollegInnen Pascale Gazareth, Eric Crettaz und Laura Ravazzini verfasst haben (Suter et al., im Erscheinen). Wir danken Ihnen sowie Jehane Simona und Gian-Andrea Monsch herzlich f\u00fcr ihre Unterst\u00fctzung und hilfreichen Kommentare.<\/p>\n<h3><strong><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Annexe-.pdf\">Anhang<br \/>\n\u00dcbersicht untersuchter Befragungen und Datens\u00e4tze<\/a><\/strong><\/h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung Die Analyse der Einkommensungleichheit ist ein zentrales Forschungsthema der Soziologie und \u00d6konomie. In den meisten L\u00e4ndern hat die Schere zwischen Arm und Reich seit 1970 zugenommen (vgl. insbesondere Salverda et al. 2014, Nolan et al. 2014). Dies f\u00fchrte zu kontroversen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Debatten. \u00dcberraschenderweise ist \u00fcber die Einkommensungleichheit in der Schweiz vergleichsweise wenig [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[19,18],"tags":[],"class_list":["post-574","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-travail","category-inegalite"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/574","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=574"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/574\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3422,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/574\/revisions\/3422"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=574"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=574"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=574"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}