{"id":651,"date":"2015-11-12T09:38:17","date_gmt":"2015-11-12T07:38:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=651"},"modified":"2022-12-23T12:35:26","modified_gmt":"2022-12-23T10:35:26","slug":"berufswunsche-der-jugendlichen-in-der-schweiz-stereotype-rollenbilder-und-die-vereinbarkeit-von-familie-und-beruf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=651","title":{"rendered":"Berufsw\u00fcnsche der Jugendlichen in der Schweiz: stereotype Rollenbilder und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf"},"content":{"rendered":"<h2>Einleitung<\/h2>\n<p>In den meisten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern w\u00e4hlt nach wie vor nur eine Minderheit einen Bildungsweg, der haupts\u00e4chlich von Vertretern des anderen Geschlechts eingeschlagen wird (Eurostat Statistical Book, 2008). Trotz der politischen Anreize die auf eine Vervielf\u00e4ltigung der beruflichen Orientierungen abzielen, hat sich die Aufteilung letzterer nach Geschlecht in den letzten zwanzig Jahren in der Schweiz sehr wenig weiterentwickelt. Dies bildet den N\u00e4hrboden und die Basis f\u00fcr die Konstruktion der Ungleichstellung der Geschlechter und die geschlechtsspezifische Segregation auf dem Arbeitsmarkt. Zun\u00e4chst l\u00e4sst sich eine horizontale Segregation beobachten: Eine Gro\u00dfzahl von Berufen wird in \u00fcberwiegender Mehrheit von M\u00e4nnern ausge\u00fcbt, andere werden hingegen fast ausschlie\u00dflich von Frauen praktiziert. Diese Aufspaltung tr\u00e4gt zum Fortbestehen der ungleichen Geh\u00e4lter von M\u00e4nnern und Frauen bei: \u201eWeibliche\u201c Berufe werden schlechter bezahlt als \u201em\u00e4nnliche\u201c Berufe (Murphy und Oesch, 2015); bei gleichem Bildungsniveau erhalten Frauen niedrigere Geh\u00e4lter als M\u00e4nner (Guilley et al., 2014). Die vertikale Segregation des Arbeitsmarkts spiegelt sich in der Tatsache, dass M\u00e4nner h\u00e4ufiger F\u00fchrungspositionen und Frauen hierarchisch niedrigere Berufe aus\u00fcben (Kriesi, Buchmann und Sacchi, 2010). Diese Aufteilung ist die Konsequenz mehrerer unbewusster Diskriminierungsvorg\u00e4nge, die eng mit einer Internalisierung von \u00ab&nbsp;Geschlechtsschemata&nbsp;\u00bb in Verbindung stehen und denen Frauen zum Opfer fallen (Valian, 1998).<\/p>\n<p>Eine starke Geschlechteraufteilung in den Berufsw\u00fcnschen stellt ein Problem f\u00fcr unsere Gesellschaft dar, da diese die stereotypen geschlechterspezifischen Rollenbilder beg\u00fcnstigt. Hinzu kommt, dass die Unterbewertung der beruflichen Qualifikationen der Frauen wirtschaftlich einen Verlust darstellt: Frauen m\u00fcssen sich, obwohl sie immer bessere Ausbildungen genie\u00dfen, zumindest teilweise aus dem Arbeitsmarkt zur\u00fcckziehen, um sich um die Familie zu k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>K\u00fcrzlich in der Schweiz durchgef\u00fchrte Studien zeigen, dass institutionelle Faktoren, wie z.B. die Art des Bildungssystems (Imdorf, Sacchi, Wohlgemuth, Cortesi und Schoch, 2014) sowie ideologische Faktoren, wie z.B. der Auspr\u00e4gungsgrad von Sexismus bei Jugendlichen und ihren Familien (Gianettoni und Guilley, 2015) einen Einfluss darauf haben, wie stark die Berufsw\u00fcnsche der Jugendlichen vom Geschlecht abh\u00e4ngen. Genauso wurde aufgezeigt, dass M\u00e4dchen am Ende der obligatorischen Schulzeit h\u00e4ufiger atypische Berufsw\u00fcnsche \u00e4u\u00dfern als Jungen. An der gering ausgepr\u00e4gten und sozial kaum gew\u00fcrdigten Bereitschaft der Jungen sich \u201eweibliche\u201c Berufe auszusuchen, l\u00e4sst sich gut zeigen, dass ein \u00dcberschreiten der Geschlechtsnormen f\u00fcr Jungen mit besonders hohen Einschnitten verbunden ist (Marro und Vouillot, 1991). In diesem Zusammenhang l\u00e4sst sich feststellen, dass sich die Asymmetrie mittelfristig umkehrt: Mit 23 Jahren weisen mehr Jungen als M\u00e4dchen ein Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnis auf, welches aus Geschlechterperspektive atypisch[1] ist (Gianettoni, Simon-Vermot und Gauthier, 2010). Bei einem atypischen Berufswunsch aus der Perspektive der M\u00e4dchen handelt es sich um das Anstreben einer hohen Position in der Geschlechterhierarchie. In diesem Zusammenhang brechen M\u00e4dchen mit atypischen Zielen \u00f6fter als gleichgesinnte Jungen ihre eingeschlagene Bildungsrichtung ab, weil sie sich auf ihrem Ausbildungsweg oder bei ihrem Eintritt in die Berufswelt mit ganz spezifischen Schwierigkeiten konfrontiert sehen, die mit verschiedenen Auspr\u00e4gungen von Sexismus in Verbindung stehen (Lemarchant, 2007). Atypische Berufsw\u00fcnsche konkretisieren sich folglich f\u00fcr M\u00e4dchen nicht unbedingt in einem entsprechenden Bildungs- oder Berufsweg.<\/p>\n<p>Im Folgenden werden wir die Ergebnisse einer im Jahr 2011 in der Schweiz durchgef\u00fchrten Studie (Guilley et al., 2014) pr\u00e4sentieren. Sie vermitteln uns einen Eindruck, wie stark die Berufsw\u00fcnsche am Ende der obligatorischen Schulzeit bei Jugendlichen vom Geschlecht abh\u00e4ngen. Im zweiten Schritt m\u00f6chten wir die Art und Weise, in der sich Jungen und M\u00e4dchen in der Schweiz die Vereinbarkeit von Beruf und Familie vorstellen, sowie deren m\u00f6gliche Auswirkung auf die Berufsw\u00fcnsche genauer analysieren. Wir nehmen an, dass die Antizipation der geschlechtsspezifischen Funktionsweise des Arbeitsmarkts sowie die eigene Einbindung in unbezahlte Familienaufgaben bei M\u00e4dchen zu sozial weniger angesehenen und aus einer Geschlechterperspektive typischeren Berufsw\u00fcnschen f\u00fchrt, da in diesen Berufen Beruf und Familie leichter zu vereinbaren sind (siehe auch Duru-Bellat, 2003). Unserer Meinung nach ist es besonders wichtig, dieser Fragestellung in der Schweiz nachzugehen, wo im europ\u00e4ischen Vergleich Institutionen zur F\u00f6rderung der Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familie (Kindertagesst\u00e4tten, Unterst\u00fctzungseinrichtungen neben der Schule, Elternzeit, usw.) am geringsten ausgebaut sind.<\/p>\n<h2>Berufsw\u00fcnsche der Jugendlichen in der Schweiz&nbsp;: unsere Befragung<\/h2>\n<p>Die Daten der Studie, auf denen die hier vorgestellten Ergebnisse beruhen, wurden im Rahmen einer Umfrage bei Sch\u00fclerInnen, deren Eltern und LehrerInnen in f\u00fcnf Schweizer Kantonen (GE, VD, TI, AG, BE) im ersten Halbjahr des Jahres 2011 erhoben. Die M\u00e4dchen und Jungen, die an der Studie teilgenommen haben, kamen aus 20 Schulen, die auf die f\u00fcnf Kantone der Studie verteilt wurden. Die befragten Jugendlichen waren zwischen 13 und 15 Jahre alt und in der Sekundarstufe I (nach dem HarmoS System). Die verschiedenen Schultypen wurden gemeinsam analysiert. Insgesamt wurden 3302 Sch\u00fclerInnen unterschiedlicher Herkunft und verschiedener Milieus befragt. Die Auswahl der Eltern erfolgte auf Basis der Teilnahme der Sch\u00fclerInnen: nur Eltern, deren Kind befragt wurde, wurden zur Teilnahme eingeladen. Insgesamt f\u00fcllten 1688 Eltern den Fragebogen aus (Antwortquote: 53%). Das Besondere an diesen Daten ist, dass sie es erlauben, einen Zusammenhang zwischen den Sichtweisen der Kinder und Eltern herzustellen.<\/p>\n<p>Das Berufsziel der Jugendlichen wird durch die Frage erhoben: \u201eWelchen Beruf w\u00fcrdest du gerne aus\u00fcben, wenn du 30 Jahre alt bist?\u201c. Von diesem ersten Indikator ausgehend wurde das Ausma\u00df der Abh\u00e4ngigkeit des angestrebten Berufs vom Geschlecht berechnet. Als \u201eatypisch\u201c gilt die Art der beruflichen Orientierung, die von weniger als 30% des eigenen Geschlechts gew\u00e4hlt wurde. Als \u201etypisch\u201c wird hingegen ein Berufswunsch in einem Beruf definiert, in dem das eigene Geschlecht zu mindestens 70% repr\u00e4sentiert ist. Alle anderen Berufsw\u00fcnsche wurden als \u201egemischt\u201c eingestuft. In Tabelle 1 finden sich die 10 jeweils von M\u00e4dchen und Jungen am st\u00e4rksten favorisierten Berufe.<\/p>\n<h4><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Tabelle__1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-683\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Tabelle__1.png\" alt=\"Tabelle__1\" width=\"704\" height=\"461\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Tabelle__1.png 704w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Tabelle__1-300x196.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 704px) 100vw, 704px\" \/><\/a><\/h4>\n<p>Zuerst l\u00e4sst sich feststellen, dass die Berufsw\u00fcnsche der Jungendlichen nicht sehr vielf\u00e4ltig sind. So finden sich unter den 10 Wunschberufen der M\u00e4dchen fast die H\u00e4lfte der aufgez\u00e4hlten Berufe und unter denen der Jungen 40%. Zudem l\u00e4sst sich beobachten, dass die Jungen in erster Linie m\u00e4nnliche oder gemischte Berufe w\u00e4hlen, w\u00e4hrend sich die M\u00e4dchen von weiblichen, gemischten, aber auch m\u00e4nnlichen Berufen angesprochen f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Betrachtet man alle Antworten zusammen (siehe Abbildung 1), l\u00e4sst sich feststellen, dass 19% der M\u00e4dchen m\u00e4nnliche Berufe anstreben (Berufe, die von mehr als 70% M\u00e4nnern ausge\u00fcbt werden), w\u00e4hrend nur 7% der Jungen weibliche Berufe anstreben (in denen mehr als 70% Frauen arbeiten). 32% der M\u00e4dchen und 64% der Jungen geben einen typischen Berufswunsch an. Schlie\u00dflich streben 49% der M\u00e4dchen und 29% der Jungen einen gemischten Beruf an.<\/p>\n<p>Dieses Ergebnis legt nahe, dass die Wertsch\u00e4tzung eines m\u00e4nnlichen Berufweges und dessen Status zunehmend M\u00e4dchen f\u00fcr die Berufe motiviert (was au\u00dferdem eine der Zielsetzungen der Kampagnen zur Sensibilisierung f\u00fcr atypische Berufe ist), w\u00e4hrend die Jungen sich st\u00e4rker an m\u00e4nnlichen Berufen orientieren, die ihnen eine privilegierte Position auf dem Arbeitsmarkt bieten.<\/p>\n<h4><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Abbildung_1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-684\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Abbildung_1.png\" alt=\"Abbildung_1\" width=\"688\" height=\"376\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Abbildung_1.png 688w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Abbildung_1-300x163.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 688px) 100vw, 688px\" \/><\/a><\/h4>\n<h2>Erwartungen bez\u00fcglich der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie<\/h2>\n<p>Abbildung 2 zeigt die Prozents\u00e4tze der M\u00e4dchen und Jungen, die im Bezug auf ihre berufliche Zukunft gedenken, entweder Vollzeit zu arbeiten, Teilzeit aus famili\u00e4ren Gr\u00fcnden (d.h., um sich um ihre Familie zu k\u00fcmmern) oder Teilzeit aus anderen Gr\u00fcnden (Freizeit, Hobbies nachgehen, usw.).<\/p>\n<p>Es zeigt sich, dass ein Gro\u00dfteil der M\u00e4dchen traditionelle Familienstrukturen verinnerlicht hat: Eine Mehrheit (62% der M\u00e4dchen) m\u00f6chte Teilzeit statt Vollzeit (nur 25% der M\u00e4dchen) arbeiten, um sich um die Familie zu k\u00fcmmern, oder aber um Zeit f\u00fcr ein Hobby oder eine andere Aktivit\u00e4t au\u00dferhalb des Berufs zu haben (13%). Hingegen sind mehr Jungen unter den Jugendlichen, die Vollzeit arbeiten m\u00f6chten, sobald sie erwachsen sind (46% der Jungen), auch wenn sich ein nicht unerheblicher Prozentsatz der Jungen ebenfalls eine Teilzeitarbeit f\u00fcr die Familie vorstellt (37% der Jungen). Schlie\u00dflich streben Jungen h\u00e4ufiger als M\u00e4dchen eine Zukunft an, die Beruf und Hobby vereint (18% gegen\u00fcber 13%).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Abbildung-_2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-685\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Abbildung-_2.png\" alt=\"Abbildung _2\" width=\"690\" height=\"391\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Abbildung-_2.png 690w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Abbildung-_2-300x170.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 690px) 100vw, 690px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Im Folgenden wird die erwartete Aufteilung der Arbeitszeit im Zusammenhang mit der Art des Berufswunsches (atypisch, gemischt oder typisch) f\u00fcr M\u00e4dchen und Jungen analysiert. Geht eine erwartete Vereinbarkeit von Beruf und Familie (Teilzeitarbeit, um sich um die Familie zu k\u00fcmmern), wie sie eine Mehrzahl der M\u00e4dchen und ein Drittel der Jungen angibt, mit \u201eweiblichen\u201c Berufsw\u00fcnschen einher? Im Wissen darum, dass weibliche Berufe zwar de facto weniger Ansehen genie\u00dfen und schlechter bezahlt sind, daf\u00fcr jedoch die Teilzeitarbeit eher m\u00f6glich machen und folglich f\u00fcr diese Art der Arbeitsaufteilung weit verbreitet sind? Deutet die Tatsache, dass 37% der Jungen sich f\u00fcr die eigene Zukunft eine \u201eVereinbarkeit\u201c vorstellen auf eine Wende und eine neue Generation von Jungen hin, die in st\u00e4rkerem Ausma\u00df auf eine Aufteilung der Hausarbeit achtet, oder bedeutet dies nur, dass die Jungen bevorstehende Einschr\u00e4nkungen des Arbeitsmarkts in geringerem Ausma\u00df antizipieren?<\/p>\n<p>Um diese Fragen zu beantworten, haben wir die antizipierte Arbeitszeit getrennt nach Art des Berufswunsches (atypisch, gemischt oder typisch) f\u00fcr M\u00e4dchen und Jungen berechnet (Abbildung 3).<\/p>\n<p>Bei den M\u00e4dchen findet man einen statistisch signikanten Zusammenhang zwischen der Geschlechtsabh\u00e4ngigkeit der Berufsw\u00fcnsche und der gew\u00fcnschten k\u00fcnftigen Arbeitszeit: M\u00e4dchen, die einen typischen Beruf anstreben, m\u00f6chten h\u00e4ufiger Teilzeit arbeiten, um sich um die Familie zu k\u00fcmmern (67%) als M\u00e4dchen, die einen atypischen Beruf anstreben (56%). Letztere tendieren folglich weniger dazu, dem Familienleben Zeit einzur\u00e4umen. Zudem geben diese verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig h\u00e4ufiger an, Zeit anderen Aktivit\u00e4ten ohne Bezug zum h\u00e4uslichen Leben widmen zu wollen (18% bei M\u00e4dchen mit atypischen gegen\u00fcber 9% bei M\u00e4dchen mit typischen Berufsw\u00fcnschen). Bei den Jungen besteht kein Zusammenhang zwischen der Geschlechtsabh\u00e4ngigkeit des Berufswunsches und der gew\u00fcnschten k\u00fcnftigen Arbeitszeit. Letzere scheinen sich also im geringerem Ausma\u00df als die M\u00e4dchen der Tatsache bewusst zu sein, dass es nicht in allen Berufen ohne Weiteres m\u00f6glich ist, Teilzeit arbeiten zu k\u00f6nnen, und dass dies in sehr \u201em\u00e4nnlichen\u201c und h\u00f6heren Positionen besondere Schwierigkeiten mit sich bringt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Abbildung_3.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-686\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Abbildung_3.png\" alt=\"Abbildung_3\" width=\"689\" height=\"394\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Abbildung_3.png 689w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Abbildung_3-300x171.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 689px) 100vw, 689px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Schlussfolgerungen<\/h2>\n<p>Die Ergebnisse unserer Befragung verdeutlichen eine Realit\u00e4t in der Schweiz, in der die Berufsw\u00fcnsche der Jungendlichen am Ende der obligatorischen Schulzeit immer noch stark vom Geschlecht abh\u00e4ngen. Die \u00fcberwiegende Mehrheit der Jungen strebt Berufe an, die haupts\u00e4chlich von M\u00e4nnern ausge\u00fcbt werden. Auch die M\u00e4dchen \u00e4u\u00dfern Berufsw\u00fcnsche, die insgesamt geschlechtsrollenkonform sind. Allerdings streben sie trotzdem \u00f6fter als Junge gemischte, wenn nicht sogar atypische Berufe an. Die dargestellte Abh\u00e4ngigkeit der Berufsw\u00fcnsche von Geschlechtsnormen stellt insofern ein Problem dar, indem sie zur (Re)produktion der vertikalen und horizontalen Segregation des Arbeitsmarkts beitr\u00e4gt und somit zur Aufrechterhaltung der Ungleichheit der Chancen zwischen den Geschlechtern. Zudem k\u00f6nnen hierdurch die beruflichen Kompetenzen der Frauen nicht voll zur Geltung kommen, was aus \u00f6konomischer Sicht nicht sinnvoll ist.<\/p>\n<p>Unsere Ergebnisse haben ebenso aufgezeigt, dass M\u00e4dchen dahingehend sozialisiert werden, dass sie die Schwierigkeiten vorhersehen, die eine Vereinbarung von Berufs- und Familienleben mit sich zieht. Diejenigen M\u00e4dchen, die eine Familie gr\u00fcnden und Teilzeit arbeiten m\u00f6chten, streben \u201eweibliche\u201c Berufe an, welche de facto eine Teilzeitarbeit beg\u00fcnstigen. Die Ergebnisse der Befragung der Jungen scheinen auf den ersten Blick vielversprechend bez\u00fcglich des sozialen Wandels: Hier gibt tats\u00e4chlich ein Drittel an, sp\u00e4ter Teilzeit arbeiten zu wollen, um sich um die eigene Familie k\u00fcmmern zu k\u00f6nnen. Die Ergebnisse bez\u00fcglich der Koh\u00e4renz zwischen diesen Vorhaben und der Berufswahl schw\u00e4chen jedoch diese Interpretation ab. W\u00e4hrend sich M\u00e4dchen dar\u00fcber im Klaren zu sein scheinen, dass eine stark \u201em\u00e4nnliche\u201c Stelle nur schwierig mit einem bezahlten Teilzeitengagement zu vereinen ist, ist dies f\u00fcr Jungen deutlich weniger der Fall. Zum jetzigen Zeitpunkt fehlen L\u00e4ngsschnittdaten, die genauer beleuchten k\u00f6nnten, in welchem Ausma\u00df die in der Jugend ge\u00e4u\u00dferte Absicht, Teilzeit zu arbeiten, konkret in die Tat umgesetzt wird, sobald die jungen Menschen in den Arbeitsmarkt integriert werden und sich konkret zwischen Karriere und Familie entscheiden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die Ergebnisse unserer Studie legen nahe, dass es notwendig ist, sowohl auf institutioneller als auch auf ideologischer Ebene zu intervenieren, m\u00f6chte man eine Unabh\u00e4ngigkeit der Berufsw\u00fcnsche von Geschlechternormen erreichen. Das bedeutet einerseits, dass die Geschlechtersegregation des Arbeitsmarkts verringert, die Lohngleichheit f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen endlich durchgesetzt und die Arbeitsorganisation dahingehend ver\u00e4ndert werden sollte, um eine Vereinbarkeit zwischen Arbeit und Familie zu erleichern. Das Ziel ist es, den M\u00e4dchen im selben Ausma\u00df wie den Jungen eine erfolgreiche Berufslaufbahn zu erm\u00f6glichen. Andrerseits ist es wichtig, so fr\u00fch wie m\u00f6glich auf die Sozialisierung der Kinder zu setzen (in den Kindertagesst\u00e4tten, den Schulen, usw.), um die Ideologien zu hinterfragen, die Geschlechterrollen zu normalisieren und zu legitimieren (wie z.B. die Annahme, dass es in der Natur der Frau liege, die Kinder zu versorgen und es die Rolle des Mannes sei, Geld zu verdienen). In diesem Sinne w\u00e4re es m\u00f6glich, sich eine Gesellschaft vorzustellen, in welchem sich die M\u00e4nner vor allem im \u00f6ffentlichen und die Frauen vor allem im privaten Raum bewegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] Es handelt sich hier um Berufe, die in der Schweiz von mehr als 70% Personen des anderen Geschlechts ausge\u00fcbt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung In den meisten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern w\u00e4hlt nach wie vor nur eine Minderheit einen Bildungsweg, der haupts\u00e4chlich von Vertretern des anderen Geschlechts eingeschlagen wird (Eurostat Statistical Book, 2008). 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