{"id":721,"date":"2016-02-04T09:58:00","date_gmt":"2016-02-04T07:58:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=721"},"modified":"2022-12-23T12:30:18","modified_gmt":"2022-12-23T10:30:18","slug":"der-wahlentscheid-der-arbeiter-in-der-schweiz-1971-2011","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=721","title":{"rendered":"Der Wahlentscheid der Arbeiter in der Schweiz, 1971-2011"},"content":{"rendered":"<h2>Einleitung: Die Wahl der Arbeiter f\u00fcr die Sozialdemokratie als Ausdruck des Klassengegensatzes<\/h2>\n<p>Die Klassenzugeh\u00f6rigkeit galt lange Zeit als entscheidender Faktor der Wahlpr\u00e4ferenz. Lange war selbstverst\u00e4ndlich, dass Arbeiter sozialdemokratische (und kommunistische Parteien) w\u00e4hlen, (h\u00f6here) Angestellte und Selbst\u00e4ndige dagegen liberale und konservative Parteien. Dieses Muster wurde in den letzten Jahrzehnten zunehmend in Frage gestellt: Je mehr Arbeitspl\u00e4tze in der Industrie verloren gingen, desto weniger relevant schienen die sozialen Ungleichheiten f\u00fcr die Wahlforschung und f\u00fcr die sozialwissenschaftliche Analyse \u00fcberhaupt. Allerdings l\u00e4sst sich die These eines allgemeinen und linearen Niedergangs der Unterschiede zwischen sozialen Klassen im Wahlverhalten gem\u00e4ss neueren und pr\u00e4ziseren Forschungen nicht best\u00e4tigen (vgl. z.B. Evans, 1999).<\/p>\n<p>Dieser Beitrag analysiert die Entwicklung des Wahlverhaltens der Arbeiter in der Schweiz im Zeitraum von 1971 bis 2011. Sozialdemokratische Parteien entstanden als politischer Arm der Arbeiterbewegung. Dies schloss aber schon in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts nicht aus, dass sie versuchten, auch W\u00e4hler ausserhalb der klassischen Arbeiterschaft f\u00fcr sich zu gewinnen (Zimmermann 2007). Dabei gilt es umgekehrt nicht zu vergessen, dass sich Arbeiter nie ausschliesslich f\u00fcr linke Parteien entschieden haben. Religi\u00f6se und regionale Zugeh\u00f6rigkeiten spielten vielerorts ebenfalls eine wichtige Rolle f\u00fcr das Wahlverhalten. So gelang es insbesondere christlich-demokratischen Parteien, viele katholische Arbeiter \u00fcber ihre Religionszugeh\u00f6rigkeit zu mobilisieren. In der Schweiz vertrat der christlich-soziale Fl\u00fcgel der CVP durchaus auch die materiellen Interessen der Arbeiter.<\/p>\n<p>Zudem verf\u00fcgte die FDP \u2013 die f\u00fchrende b\u00fcrgerliche Partei bis in die 1990er Jahre \u2013 im Unterschied zu den liberalen Parteien anderer europ\u00e4ischer L\u00e4nder \u00fcber eine Massenbasis, die auch Lohnabh\u00e4ngige umfasste. Der Gegensatz von liberal-radikalen und katholisch-konservativen Kr\u00e4ften bestimmte die fr\u00fche Geschichte des schweizerischen Bundesstaats. Zwar wurde dieser Konflikt seit Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend von der Auseinandersetzung zwischen B\u00fcrgerblock und Arbeiterbewegung verdr\u00e4ngt. Dennoch blieb vor allem in katholischen Kantonen der Gegensatz von FDP und CVP pr\u00e4gend. Auch in der Wahlforschung wird betont, dass die religi\u00f6se Konfliktlinie f\u00fcr das Wahlverhalten in der Schweiz weiterhin relevant ist (Geissb\u00fchler, 1999).<\/p>\n<p>Kennzeichnend f\u00fcr die Schweiz ist zudem der hohe Anteil ausl\u00e4ndischer Arbeiter ohne Stimm- und Wahlrecht. Einerseits ist die Schweiz bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts ein Einwanderungsland. Anderseits wurde \u2013 auch unter dem Druck rechtsb\u00fcrgerlicher Kampagnen gegen die Arbeiterbewegung \u2013 seit dem Ersten Weltkrieg die M\u00f6glichkeiten, die schweizerische Staatsb\u00fcrgerschaft zu erwerben, stark eingeschr\u00e4nkt (Kury, 2003). Sicher ist der Ausl\u00e4nderanteil auch in den mittleren und oberen Schichten nicht zu untersch\u00e4tzen. Doch Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4nder bleiben weiterhin in den unteren sozialen Schichten klar \u00fcbervertreten und \u00fcben \u00f6fter als Schweizerinnen und Schweizer eine manuelle Erwerbst\u00e4tigkeit aus (BFS, 2015; Levy et al., 1997: 547-549; Oesch, 2006). Damit sind die Arbeiterinnen und Arbeiter unter den Stimmberechtigten schw\u00e4cher vertreten als in der Gesamtbev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Trotz dieser Einschr\u00e4nkungen bleibt die Klassenzugeh\u00f6rigkeit in der Schweiz weiterhin bedeutsam f\u00fcr den Wahlentscheid (Goldberg, 2015; Lachat, 2007). Ver\u00e4ndert haben sich allerdings die Verh\u00e4ltnisse zwischen spezifischen Klassen und Parteien. So betonen verschiedene Beitr\u00e4ge, die jeweils eine oder mehrere Wahlen zwischen 1995 und 2011 untersucht haben, ein neues Muster: Arbeiter unterst\u00fctzen demnach zunehmend die SVP, Teile der neuen Mittelschichten die SP (Kriesi et al., 2005; Nicolet &amp; Sciarini, 2010; Oesch &amp; Rennwald, 2010).<\/p>\n<p>Bei den Nationalratswahlen 2011 haben sich weniger als die H\u00e4lfte der B\u00fcrger beteiligt. Wir gehen in diesem Beitrag deshalb auch der Frage nach, wie stark die Wahlbeteiligung von der sozialen Position beeinflusst wird. Weiter sind auch die regionalen Unterschiede im schweizerischen Parteiensystem zu beachten. Wir konzentrieren uns auf die Gruppe der Arbeiter im engeren Sinn, die vorwiegend in der Industrie, dem Baugewerbe und dem Transportsektor t\u00e4tig sind. Aufgrund der Datenlage k\u00f6nnen wir nur f\u00fcr diese Kategorie von Lohnabh\u00e4ngigen die gesamte Periode 1971-2011 mit einem recht hohen Pr\u00e4zisionsgrad analysieren. Mit dem Zuwachs des Dienstleistungssektors ist auch der Anteil der Dienstleistungsangestellten (z.B. Verkaufspersonal, Reinigungspersonal) an der Arbeiterklasse im weiteren Sinn gestiegen. Soweit in Wahlumfragen ausreichend Daten vorhanden sind, zeigt sich, dass die beiden Komponenten der Arbeiterklasse relativ \u00e4hnliche Parteipr\u00e4ferenzen aufweisen (Rennwald, 2015).<\/p>\n<h2>Daten, Klassenschema und Operationalisierung<\/h2>\n<p>Die Schweiz kennt keine lange Tradition von Wahlstudien. Zwar wurden seit 1971 jeweils Nachwahlbefragungen durchgef\u00fchrt, doch diese waren nicht in den Rahmen eines umfassenden Wahlforschungsprogramms integriert. Zudem sind die Daten l\u00fcckenhaft: 1979 erfasste die Umfrage nur die Deutschschweiz und die Daten der Umfrage von 1983 gingen sogar vollst\u00e4ndig verloren. Erst seit 1995 wird mit dem Projekt Selects (siehe unter <a href=\"http:\/\/www.selects.ch\">www.selects.ch<\/a>) eine hohe Kontinuit\u00e4t in der schweizerischen Wahlforschung garantiert (Lutz, 2012: 79). Insgesamt liegen f\u00fcr die Analyse der Periode 1971-2011 zehn Umfragen vor (siehe Tabelle A.1 im Anhang).<\/p>\n<p>Soziale Klassen werden in der Wahlforschung pragmatisch definiert: Individuen mit einer \u00e4hnlichen Position auf dem Arbeitsmarkt geh\u00f6ren zu derselben sozialen Klasse. Wir verwenden hier das Klassenschema von Daniel Oesch (2006), das es erlaubt, verschiedenen Entwicklungen wie dem R\u00fcckgang der Industrie, dem Zuwachs von Frauen auf dem Arbeitsmarkt und der Zunahme von Berufen mit h\u00f6heren Ausbildungen (<em>occupational upgrading<\/em>) Rechnung zu tragen.[1] (Produktions-) Arbeiter werden in diesem Schema als Lohnabh\u00e4ngige definiert, die in einer technischen Arbeitslogik t\u00e4tig sind und eine qualifizierte, semi- oder nicht qualifizierte T\u00e4tigkeit aus\u00fcben. Vertikal sind sie von Technikern und Ingenieuren, horizontal vom neuen Dienstleistungsproletariat abzugrenzen.<\/p>\n<p>Die Gruppe der in der Produktion besch\u00e4ftigten Lohnabh\u00e4ngigen ist im Lauf der Zeit viel kleiner geworden. In den 1970er Jahren bildeten sie noch ungef\u00e4hr 30%, im letzten Jahrzehnt dagegen weniger als 15% der schweizerischen Stimmberechtigten. Zusammen mit dem Dienstleistungspersonal bilden die Arbeiter im weiteren Sinn auch heute noch knapp 30% der Stimmbev\u00f6lkerung (40% wenn man die B\u00fcroangestellten ebenfalls dazu z\u00e4hlt). Der Anteil der Erwerbst\u00e4tigen mit h\u00f6heren Bildungsniveau, die man zu den lohnabh\u00e4ngigen Mittelschichten z\u00e4hlen kann, liegt heute bei 40%.<\/p>\n<h2>Ergebnisse<\/h2>\n<p>In einem ersten Schritt beschreiben wir in der Graphik 1 die Entwicklung des Wahlverhaltens der Arbeiter zwischen 1971 und 2011[2]. Graphik 1a zeigt, wie viele Arbeiter jeweils f\u00fcr die SP und ihre traditionellen Konkurrenten, die CVP und die FDP (bis zur Fusion der beiden Parteien 2009 inkl. LPS), gestimmt haben, Graphik 1b wie viele sich f\u00fcr die \u201eneuen\u201c Konkurrenten im Parteiensystem, die SVP und die Gr\u00fcnen entschieden. Alle \u00fcbrigen Parteien werden in der Kategorie \u201eAndere\u201c zusammengefasst. Daraus wird klar, dass die Unterst\u00fctzung der Arbeiter f\u00fcr die SP nach 1979 sank. Davon profitierten vorerst, vor allem 1991, die unter \u201eAnderen\u201c zusammengefassten kleineren Parteien. Erst danach, ab 1995, wies die SVP einen starken Zuwachs bei den Arbeiterstimmen auf.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Grafik-1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-740\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Grafik-1.png\" alt=\"Grafik 1\" width=\"676\" height=\"670\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Grafik-1.png 676w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Grafik-1-150x150.png 150w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Grafik-1-300x297.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 676px) 100vw, 676px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Anzahl Beobachtungen (Arbeiter, gesamte W\u00e4hlerschaft): 1971: 254, 1006; 1975: 143, 584, 1979: 104, 525; 1987: 45, 266; 1991: 54, 307; 1995: 595, 3788; 1999: 182, 1195; 2003: 429, 3505; 2007: 350, 2606; 2011: 304; 2807.<\/p>\n<p>In einem zweiten Schritt vergleichen wir systematisch die Wahl der Arbeiter mit dem jeweils durchschnittlichen Anteil der Parteien in allen sozialen Gruppen. Erst dadurch wird die Spezifizit\u00e4t der Wahlentscheidung der Arbeiter fassbar. In den 1970er Jahren entschieden sie sich noch deutlich \u00fcberdurchschnittlich f\u00fcr die SP. Ende der 80er Jahren war ihr Wahlverhalten bereits deutlich weniger spezifisch. Ab Mitte der 1990er Jahren fand sich unter Arbeitern sogar ein geringerer Anteil von SP-W\u00e4hlern als in der gesamten W\u00e4hlerschaft. Daf\u00fcr erhielt nun die SVP eine im Vergleich zur gesamten W\u00e4hlerschaft \u00fcberdurchschnittlich starke Unterst\u00fctzung aus dieser sozialen Gruppe.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung vollzog sich somit in zwei Schritten: Zuerst wandten sich Arbeiter zunehmend von der Sozialdemokratie ab, was bei den Wahlen von 1987 und 1991 bereits klar erkennbar ist. Damals war aber noch keine klare Umorientierung der Parteipr\u00e4ferenzen der Arbeiter zu beobachten. Erst ab den Wahlen 1995 wandten sie sich vermehrt der SVP zu. Ihre Sympathie f\u00fcr diese Partei erreicht aber nicht ganz dasselbe Niveau wie die fr\u00fchere Pr\u00e4ferenz f\u00fcr die SP (dies im Verh\u00e4ltnis zum Durchschnitt der W\u00e4hlerschaft).<\/p>\n<p>Des weiteren entspricht der W\u00e4hleranteil der CVP unter den Arbeitern \u00fcber den ganzen untersuchten Zeitraum \u2013 angesichts des klassen\u00fcbergreifenden konfessionellen Charakters dieser Partei erwartungsgem\u00e4ss \u2013 mehr oder weniger dem Durchschnitt. Dagegen zeigt sich das klar b\u00fcrgerliche Profil der FDP darin, dass sie von den Arbeitern mit Ausnahme der Nationalratswahlen von 1987 immer unterdurchschnittlich gew\u00e4hlt wurde. Auch die Gr\u00fcnen stiessen bei den Arbeitern, mit Ausnahme der Nationalratswahlen von 1991, jeweils nur unterdurchschnittlich auf Sympathien. Die in der Kategorie \u201eAndere\u201c zusammengefassten Parteien (unter anderem die kleinen Rechtsaussengruppierungen, der Landesring der Unabh\u00e4ngigen und die Partei der Arbeit) erhielten in der Periode der Abwendung von der SP (1987-1995) \u00fcberdurchschnittlich viele Arbeiterstimmen.<\/p>\n<p>Langfristig gesehen erscheint damit die SP als die grosse Verliererin, die SVP als die grosse Gewinnerin im Kampf um Arbeiterstimmen. Die zwei deutlich zu unterscheidenden Prozesse einer Abl\u00f6sung von der SP und einer Hinwendung zur SVP erstreckten sich \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum. Es ist daher unklar, ob dieselben Individuen in den 1970er Jahren SP und am Ende der 1990er Jahre SVP w\u00e4hlten.<\/p>\n<p>Welche Rolle spielte bei diesen Umbr\u00fcchen die Wahlbeteiligung? Graphik 2 zeigt die Wahlbeteiligung jeweils f\u00fcr die Arbeiter, die mittleren und h\u00f6heren Angestellten und die gesamte W\u00e4hlerschaft. Daraus wird deutlich, dass Arbeiter w\u00e4hrend der ganzen Periode weniger zur Urne gingen. Schon 1971 lag die Wahlbeteiligung der h\u00f6heren und mittleren Angestellten um 13 Prozentpunkte h\u00f6her als diejenige von Arbeitern. Zwar nahm die Wahlbeteiligung \u00fcber den ganzen Zeitraum 1971-2011 generell um knapp einen F\u00fcnftel ab. Mit \u00fcber einem Drittel ging die Wahlbeteiligung bei Arbeitern aber deutlich st\u00e4rker zur\u00fcck als bei mittleren und h\u00f6heren Angestellten (ein Viertel) und den Selbstst\u00e4ndigen (knapp ein Sechstel). Besonders wenig beteiligten sich Arbeiter an den Nationalratswahlen von 1987 und 1991, die wir weiter oben als Phase der Abl\u00f6sung von der SP identifiziert haben. Zwischen 1995 und 2007, also der Periode der Hinwendung zur SVP, nahm die Wahlbeteiligung von Arbeitern dagegen leicht zu. In den 1980er Jahren ging ein Teil der Verluste der SP unter Arbeitern somit wahrscheinlich auf eine Zunahme der Wahlabstinenz dieser Gruppe zur\u00fcck. Umgekehrt konnte die SVP ab 1995 wohl auch von einer leichten Zunahme der Wahlbeteiligung von Arbeitern profitieren.<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Grafik-2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-741\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Grafik-2.png\" alt=\"Grafik 2\" width=\"684\" height=\"332\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Grafik-2.png 684w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Grafik-2-300x145.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 684px) 100vw, 684px\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<p>Anzahl Beobachtungen (total): 1971: 1813; 1975: 1287; 1979: 769; 1987: 558; 1991: 617; 1995: 7020; 1999: 1886; 2003: 5365; 2007: 3806; 2011: 3955.<\/p>\n<p>Generell zeigen unsere Ergebnisse Durchschnittswerte f\u00fcr die ganze Schweiz. Bekanntlich gibt es in der Schweiz aber grosse regionale Unterschiede im Parteiensystem. In Graphik 3 gliedern wir die Wahl von Arbeitern in folgende drei regionale Parteiensysteme (Kriesi, 1998): Konfessionell gemischte Kantone in der Deutschschweiz (z.B. Bern und Z\u00fcrich), der Westschweiz (z.B. Waadt) sowie alle katholischen Kantone (z.B. Wallis und Luzern). Um eine gen\u00fcgend hohe Fallzahl zu erreichen, kumulieren wir jeweils zwei Umfragen am Anfang (1971 und 1975) und Ende (2007 und 2011) des untersuchten Zeitraums[3].<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Grafik-3.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-742\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Grafik-3.png\" alt=\"Grafik 3\" width=\"692\" height=\"374\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Grafik-3.png 692w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Grafik-3-300x162.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 692px) 100vw, 692px\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<p>Legende: DEUT: Konfessionell gemischte Kantone Deutschschweiz, WEST: Konfessionell gemischte Kantone Westschweiz, KATH: Katholische Kantone.<\/p>\n<p>Die Gruppen bestehen aus folgenden Kantonen: DEUT: SH, GL, AR, AG, SO, BL, GR, TG, ZH, BE; WEST: GE, VD, NE, BS; KATH: VS, UR, SZ, OW, NW, ZG, AI, JU, LU, TI, SG, FR.<\/p>\n<p>Anzahl Beobachtungen (gesamte W\u00e4hlerschaft f\u00fcr die zwei Perioden): CH 1576, 5267; DEUT 901, 2250; WEST 254, 1093; KATH 421, 1924. N (Arbeiter f\u00fcr die zwei Perioden): CH 405, 592; DEUT 233, 257; WEST: 49, 76; KATH: 123, 259.<\/p>\n<p>Generell sind die konfessionell gemischten Kantone der Deutschschweiz dabei jeweils aufgrund ihrer Gr\u00f6sse nahe am gesamtschweizerischen Ergebnis. Die Reihenfolge blieb dabei stabil: Am Anfang und Ende der untersuchten Periode entschieden sich die Arbeiter in den gemischtkonfessionellen Kantonen der Westschweiz am st\u00e4rksten f\u00fcr die Sozialdemokratie, darauf folgten die gemischtkonfessionellen Kanton der Deutschschweiz und die katholischen Kantone bildeten jeweils das Schlusslicht. Die Unterst\u00fctzung von Arbeitern f\u00fcr die Sozialdemokratie nahm in allen Regionen ab, doch in den gemischtkonfessionellen Kantonen zeigt sich ein besonders starker R\u00fcckgang (52% gegen\u00fcber 42% beziehungsweise 43% in den anderen beiden Kantonstypen). 2007 und 2011 entschieden sich nur noch in den konfessionell gemischten Kantonen der Westschweiz Arbeiter mit 36 % weiterhin st\u00e4rker als der Durchschnitt der gesamten W\u00e4hlerschaft (31 %) f\u00fcr die SP.<\/p>\n<h2>Schlussfolgerungen<\/h2>\n<p>In den 1970er Jahren stiess die Sozialdemokratie in der schweizerischen Arbeiterschaft noch auf deutlich h\u00f6here Sympathien als im Durchschnitt der W\u00e4hlerschaft. Somit votierten damals Arbeiterinnen und Arbeiter auch in der Schweiz, trotz der grossen Bedeutung anderer Konfliktlinien, deutlich \u00fcberdurchschnittlich f\u00fcr die Linke. In den 1980er Jahren begannen die Sympathien der Arbeiterschaft f\u00fcr die Sozialdemokraten zu erodieren. Ab Mitte der 1990er Jahren entschieden sich Arbeiterinnen und Arbeiter nur noch unterdurchschnittlich f\u00fcr die SP. \u00dcbervertreten war in dieser W\u00e4hlerkategorie dagegen die sich nun zunehmend rechtspopulistisch positionierende SVP. Nicht zu vergessen ist dabei auch, dass Arbeiter sich jeweils weniger an den Wahlen beteiligten als die sozial bessergestellten Bev\u00f6lkerungsschichten.<\/p>\n<p>Kann man noch von einem klassenspezifisches Wahlverhalten der Arbeiterinnen und Arbeiter sprechen, wenn eine relative Mehrheit von ihnen die rechtsb\u00fcrgerliche SVP w\u00e4hlt? Wenn man davon ausgeht, dass Klassen \u00fcber ihre Wahlpr\u00e4ferenzen bewusst ihre \u00f6konomischen Interessen verteidigen, muss die Frage verneint werden. Die SVP vertritt auch in der Wirtschaftspolitik klar rechte Positionen. Wie Umfrageergebnisse zeigen, bef\u00fcrworten die Arbeiter und unteren Angestellten aber auch nach der Jahrtausendwende klassisch sozialdemokratische Positionen in der Steuer- und Sozialpolitik (Umverteilung des Reichtums von oben nach unten). Zudem gibt es in der SVP keinen Arbeitnehmerfl\u00fcgel, im Unterschied zur CVP, deren den christlichen Gewerkschaften nahestehender Fl\u00fcgel in wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen eher linke Positionen vertritt. Unter den gewerkschaftlich organisierten Arbeitern ist denn auch nach wie vor die SP die mit Abstand st\u00e4rkste Kraft (Rennwald, 2015). Regionale Unterschiede zeigen zudem, dass es der SP in Kantonen, wo die Arbeiterbewegung traditionell st\u00e4rker organisiert war, besser gelingt, die Hinwendung von Arbeitern zur SVP zu bremsen.<\/p>\n<p>Die ver\u00e4nderten Parteipr\u00e4ferenzen der Arbeiter lassen sich nicht mit ihren politischen Einstellungen erkl\u00e4ren. Bis heute stehen Arbeiter in der Sozial- und Wirtschaftspolitik links. Umgekehrt nahmen sie in der Migrationspolitik bereits in den 1970er Jahren h\u00e4ufig von den SP-Parteiparolen abweichende restriktivere Positionen ein. Dies \u00e4nderte damals aber noch nichts an ihrer \u00fcberdurchschnittlichen Sympathie f\u00fcr die SP. Eine viel entscheidendere Rolle spielte das politische \u201eAngebot\u201c der Parteien (Rennwald, 2015; Rennwald &amp; Evans, 2014): Einerseits nahm die SP Schweiz in den letzten Jahrzehnten vermehrt auch die Themen der \u201eneuen sozialen Bewegungen\u201c &#8211; zum Beispiel die Umwelt-, Friedens- und Frauenbewegung \u2013 auf ihre politische Tagesordnung (Zimmermann, 2007). Andrerseits hat die SVP die Migrations- und Europapolitik zu ihrem Kerngesch\u00e4ft gemacht und verschaffte diesen Themen damit einen zentralen Platz in der schweizerischen Politik. Diese \u00c4nderungen in der Programmatik der beiden Parteien erschwerte es, die wirtschaftlichen und sozialen Konflikte in der schweizerischen Politik zu thematisieren.<\/p>\n<p>Schliesslich weist auch die SVP ein sozial heterogenes Elektorat auf. \u00dcbervertreten sind unter den SVP-W\u00e4hlern auch Kaderangestellte und vor allem die traditionelle Basis aus Selbst\u00e4ndigerwerbenden in Landwirtschaft, Handel und Gewerbe. Diese (klein-) b\u00fcrgerlichen Schichten pr\u00e4gen den klassenpolitischen Charakter der Partei weit st\u00e4rker als die neuen SVP-W\u00e4hler aus der Arbeiterschaft. Noch bestimmender in der rechtspopulistisch gewendeten SVP ist zudem eine wahlsoziologisch kaum zu erfassende sehr kleine Gruppe von Besitzern grosser Verm\u00f6gen und Unternehmen. Zu dieser Gruppe geh\u00f6ren auch viele der \u00f6ffentlich bekanntesten Exponenten der Partei \u2013 allen voran Christoph Blocher (Mach, 2015). Es sind diese Kreise, die argumentativ und finanziell die permanente migrations- und europapolitische Kampagne der SVP erst erm\u00f6glichen. Wie lange wird es ihnen gelingen, damit gerade in denjenigen W\u00e4hlerschichten zu punkten, die unter ihrer neoliberalen Wirtschaftspolitik am meisten zu leiden haben?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] Das Klassenschema von Daniel Oesch beruht auf der <em>International Standard Classification of Occupations<\/em> (ISCO), einer detaillierten, von der ILO ausgearbeiteten Kategorisierung der Berufe. Die ISCO wurde meistens auch in den schweizerischen Wahlumfragen verwendet, aber bedauerlicherweise nicht in denjenigen von 1979, 1987 und 1991. Wie bereits erw\u00e4hnt, ist es damit zwar f\u00fcr die uns hier besonders interessierende Gruppe der Produktionsarbeiter m\u00f6glich, eine \u00fcber den ganzen untersuchten Zeitraum einigermassen kontinuierliche Datenreihe zu rekonstruieren, nicht aber f\u00fcr die Dienstleistungsangestellten.<\/p>\n<p>[2] Die Daten wurden gewichtet um die Aufstockung der kantonalen Stichproben von mehreren Selects Umfragen zu korrigieren. Der Anteil der verschiedenen Parteien wurde aufgrund ihres effektiven Wahlanteils gewichtet (zur Methode, vgl. Lutz, 2012: 84-86). F\u00fcr die Analyse der Wahlbeteiligung (Graphik 2) wurden die Daten auf der Basis der offiziellen Wahlbeteiligung gewichtet.<\/p>\n<p>[3] Da die Fallzahl trotz der Kumulierung klein bleibt, insbesondere f\u00fcr die Westschweiz, m\u00fcssen die Ergebnisse zur\u00fcckhaltend interpretiert werden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Anhang_neu.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-773\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Anhang_neu.png\" alt=\"Anhang_neu\" width=\"711\" height=\"424\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Anhang_neu.png 711w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Anhang_neu-300x178.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 711px) 100vw, 711px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung: Die Wahl der Arbeiter f\u00fcr die Sozialdemokratie als Ausdruck des Klassengegensatzes Die Klassenzugeh\u00f6rigkeit galt lange Zeit als entscheidender Faktor der Wahlpr\u00e4ferenz. Lange war selbstverst\u00e4ndlich, dass Arbeiter sozialdemokratische (und kommunistische Parteien) w\u00e4hlen, (h\u00f6here) Angestellte und Selbst\u00e4ndige dagegen liberale und konservative Parteien. Dieses Muster wurde in den letzten Jahrzehnten zunehmend in Frage gestellt: Je mehr Arbeitspl\u00e4tze [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[19],"tags":[],"class_list":["post-721","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-travail"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/721","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=721"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/721\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3415,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/721\/revisions\/3415"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=721"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=721"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=721"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}