{"id":829,"date":"2016-05-16T20:36:15","date_gmt":"2016-05-16T18:36:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=829"},"modified":"2022-12-23T12:28:25","modified_gmt":"2022-12-23T10:28:25","slug":"soziale-mobilitat-in-der-schweiz-im-20-jahrhundert-zwischen-demokratisierung-der-bildung-und-fortbestand-der-klassenungleichheiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/?p=829","title":{"rendered":"Soziale Mobilit\u00e4t in der Schweiz im 20. Jahrhundert: zwischen Demokratisierung der Bildung und Fortbestand der Klassenungleichheiten"},"content":{"rendered":"<h2>Einleitung<\/h2>\n<p>Im Laufe des 20. Jahrhundert hat sich die schweizerische Gesellschaft insbesondere aufgrund der Demokratisierung des Bildungszugangs, der Tertiarisierung des Arbeitsmarktes und der formalen Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau erheblich gewandelt. Angesichts dieser Entwicklungen sollte sich der Einfluss geburtsbestimmter Merkmale, wie die soziale Herkunft, das Geschlecht oder die Nationalit\u00e4t auf die erreichte Klassenzugeh\u00f6rigkeit abgeschw\u00e4cht haben. Vor allem sollten die Chancen der intergenerationalen sozialen Mobilit\u00e4t \u2013 also der Chance eines Wechsels der sozialen Klasse im Lebensverlauf &#8211; gestiegen sein.<\/p>\n<p>Gem\u00e4ss der Modernisierungstheorie (Kerr et al. 1960) sind westliche Gesellschaften mit zunehmender Industrialisierung leistungsorientierter geworden und zeichnen sich durch eine h\u00f6here soziale Mobilit\u00e4tsrate aus. Die soziale Position w\u00e4re demnach nicht mehr durch geburtsbestimmte Privilegien bedingt, sondern auf erworbene Merkmale wie den Bildungsabschluss zur\u00fcckzuf\u00fchren (Becker 1964). Infolgedessen sollten soziale Vorbestimmung und Klassenunterschiede in westlichen Gesellschaften weitgehend verschwunden sein (Beck 1992).<\/p>\n<p>Zahlreichen Studien verdeutlichen jedoch, dass es in den meisten westlichen Gesellschaften seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts zu keinem nennenswerten Anstieg der gesellschaftlichen Mobilit\u00e4t gekommen ist. Der milieubedingt ungleiche Bildungszugang ist im Allgemeinen das gr\u00f6\u00dfte Hindernis f\u00fcr das Erreichen der Chancengleichheit f\u00fcr Individuen. Der Bildungsabschluss einer Person h\u00e4ngt noch immer entscheidend vom urspr\u00fcnglichen sozialen Milieu ab (Breen et al. 2009). J\u00fcngste Forschungsergebnisse best\u00e4tigen diese internationalen Tendenzen auch f\u00fcr die Schweiz (Falcon 2012, 2013; Falcon und Joye 2015; Jacot 2013; Jann und Combet 2012; Jann und Seiler 2014; Meyer 2009).<\/p>\n<p>Die vorliegende Studie beschreibt zuerst die Entwicklung der sozialen Mobilit\u00e4t in der Schweiz. Danach untersuchen wir, ob die Bedeutung der sozialen Herkunft im Kindesalter f\u00fcr die gesellschaftliche Stellung im Erwachsenenalter seit Beginn des 20. Jahrhunderts nachgelassen hat. Anschlie\u00dfend wenden wir uns dem Ausbau des Bildungssystems zu und untersuchen, ob die gesamte Bev\u00f6lkerung von den erweiterten M\u00f6glichkeiten profitiert hat. Schliesslich fragen wir, ob der Einfluss der geburtsbestimmten Vorteile zur\u00fcckgeht und durch leistungsbedingte Merkmale, wie zum Beispiel die Ausbildung, abgel\u00f6st wird.<\/p>\n<h2>Methoden: Daten und Indikatoren<\/h2>\n<p>Um die Entwicklung der sozialen Mobilit\u00e4t in der Schweiz zu erfassen, haben wir 21 repr\u00e4sentative Umfragen der Schweizer Bev\u00f6lkerung zwischen 1972 und 2013 untersucht (siehe Tabelle A.1 im Anhang). Jede dieser Umfragen enth\u00e4lt detaillierte Informationen zur sozialen Herkunft, zum Bildungsabschluss und zum Beruf der Befragten zum Zeitpunkt der Umfrage.[1]<\/p>\n<p>Diese Daten wurden zusammengefasst und dann in f\u00fcnf Kohorten aufgeteilt: 1908-1934; 1935-1944; 1945-1954; 1955-1964; 1965-1978.[2]Diese in der Analyse der sozialen Mobilit\u00e4t g\u00e4ngige Methode erlaubt uns, die sozialen Ver\u00e4nderungen als Ausdruck der Erfahrungen und der Erneuerungen dieser Kohorten zuerfassen. Mit 17\u2018104 Beobachtungen erm\u00f6glichen uns diese Daten eine detaillierte Analyse der Entwicklung der sozialen Mobilit\u00e4t in der Schweiz seit Beginn des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Um die Qualit\u00e4t unserer Analysen zu gew\u00e4hrleisten, haben wir die Daten angepasst und sie m\u00f6glichst vergleichbar gemacht[3].Die soziale Herkunftsklasse und die erreichte Klassenposition der Befragten wurden gem\u00e4\u00df der europ\u00e4ischen sozio-\u00f6konomischen Klassifizierung (Rose und Harrison 2010) konstruiert und in drei Kategorien zusammengefasst: (1) die obere Mittelklasse umfasst F\u00fchrungskr\u00e4fte, Unternehmensf\u00fchrer, Ingenieure, Freiberufler, Akademiker und Lehrer ; (2) die untere Mittelklasse umfasst administrative Hilfsberufe, Kleinunternehmer, Handwerker und Bauern; (3) die Arbeiterklasse umfasst geringqualifizierte Angestellte, vorwiegend aus dem Bereich Verkauf und Dienstleistungen, sowie Arbeiter. Au\u00dferdem haben wir das Bildungsniveau in vier Kategorien unterteilt (Bergman et al. 2009): (1) Sekundarstufe I[4]; (2) Sekundarstufe II[5]; (3) h\u00f6here Berufsbildung und Fachhochschule[6]; (4) Universit\u00e4t.<\/p>\n<h2>Hat die soziale Mobilit\u00e4t in der Schweiz zugenommen?<\/h2>\n<p>Die Abbildung 1 zeigt die Mobilit\u00e4tsrate f\u00fcr jede der untersuchten Gruppen und unterscheidet drei m\u00f6gliche Formen sozialer Mobilit\u00e4t: (1) Mit sozialer Immobilit\u00e4t bezeichnen wir Personen mit dem gleichen sozialen Status wie der Vater; (2) aufsteigende Mobilit\u00e4t umfasst Personen mit einem h\u00f6heren sozialen Status als jenes des Vaters; (3) absteigende Mobilit\u00e4t begreift diejenigen mit einem tieferen gesellschaftlichen Status als der Vater.<\/p>\n<h4><\/h4>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Abb_1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-900\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Abb_1.png\" alt=\"Abb_1\" width=\"691\" height=\"324\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Abb_1.png 691w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Abb_1-300x140.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 691px) 100vw, 691px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Mit Ausnahme der Kohorte 1908-34, bei der mehr als 50% den gleichen gesellschaftlichen Status wie ihr Vater haben, bleibt die soziale Immobilit\u00e4t mit etwa 40% f\u00fcr alle Gruppen relativ konstant. Auffallend ist auch, dass f\u00fcr den gesamten Untersuchungszeitraum der Anteil der Aufsteiger h\u00f6her war als jener der Absteiger. Zudem haben die Chancen, sozial aufzusteigen, historisch zugenommen: Bei den M\u00e4nnern der Kohorte 1908-1934 lagen sie bei 32% und bei den Frauen bei 26%; in den nachfolgenden Kohorten haben sie sich bei 40% eingependelt. Zudem kann man feststellen, dass das Risiko des sozialen Abstiegs f\u00fcr Frauen (21%) h\u00f6her ist als f\u00fcr M\u00e4nner (16%). Dies l\u00e4sst sich damit erkl\u00e4ren, dass die soziale Mobilit\u00e4t der Frauen als Vergleich zwischen der eigenen Klassenposition und jener des Vaters gemessen wird. In der Tat erleben Frauen h\u00e4ufiger einen gesellschaftlichen Abstieg, da heute noch immer eine geschlechtsspezifische Besch\u00e4ftigungsstruktur besteht und Frauen nicht die gleichen Berufe aus\u00fcben und auch weniger in hierarchisch h\u00f6here Positionen aufsteigen als M\u00e4nner. Ferner bleibt der Anteil der Absteiger in allen Kohorten konstant.<\/p>\n<p>Diese Resultate deuten auf eine grosse Stabilit\u00e4t der Mobilit\u00e4tsraten hin: W\u00e4hrend des gesamten Untersuchungszeitraumes ist die soziale Mobilit\u00e4t nicht wesentlich gestiegen. Der gesellschaftliche Aufstieg betrifft ungef\u00e4hr 40% der Bev\u00f6lkerung, der soziale Abstieg etwa 20% und die soziale Immobilit\u00e4t etwas mehr als 40%. Um diese Tendenzen zu verstehen, muss man sie im Lichte der strukturellen Ver\u00e4nderungen betrachten, die seit Mitte des letzten Jahrhunderts in der Schweiz stattgefunden haben.<\/p>\n<h2>Haben die strukturellen Ver\u00e4nderungen neue M\u00f6glichkeiten geschaffen?<\/h2>\n<p>Genau wie in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern verlagerte sich der wirtschaftliche Schwerpunkt in der Schweiz des 20. Jahrhunderts, insbesondere seit den 1970er Jahren, von der landwirtschaftlichen und industriellen Produktion zu den Dienstleistungst\u00e4tigkeiten (Oesch 2006). Diese Entwicklung, auch Tertiarisierung des Arbeitsmarktes genannt, hatte einen wesentlichen Einfluss auf die Besch\u00e4ftigungsstruktur der Schweiz. Die Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten in der oberen Mittelklasse sind im Laufe der Zeit gestiegen \u2013 und damit auch die Chancen, eine h\u00f6here Position in der gesellschaftlichen Hierarchie einzunehmen. In der j\u00fcngsten Kohorte sind bei den M\u00e4nnern \u00fcber 50% in der oberen Mittelklasse, w\u00e4hrend in der \u00e4ltesten Kohorte nur 27% zu dieser Klasse geh\u00f6ren (siehe Tabelle 1). Die gleiche Tendenz k\u00f6nnen wir bei den Frauen beobachten: Der Anteil in der oberen Mittelklasse ist von der \u00e4ltesten zur j\u00fcngsten Kohorte von 17% auf 41% gestiegen. Die Tertiarisierung beg\u00fcnstigt also den sozialen Aufstieg, insbesondere bei den vor 1950 Geborenen. Die ver\u00e4nderte Sozialstruktur schuf also neue M\u00f6glichkeiten innerhalb der oberen Mittelklasse.<\/p>\n<h4><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Tabelle_1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-874\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Tabelle_1.png\" alt=\"Tabelle_1\" width=\"692\" height=\"339\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Tabelle_1.png 692w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Tabelle_1-300x146.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 692px) 100vw, 692px\" \/><\/a><\/h4>\n<p>Tats\u00e4chlich konnte ein breites Spektrum der Bev\u00f6lkerung in die obere Mittelklasse gelangen, wobei ein erheblicher Teil dieser Klasse nur \u00fcber einen Abschluss der Sekundarstufe II verf\u00fcgt (etwa 35% der M\u00e4nner und 50% der Frauen). Die obere Mittelklasse ist in der Schweiz also nicht ausschlie\u00dflich f\u00fcr Hochschulabsolventen reserviert. Dieser Befund bedarf jedoch einer weiteren Differenzierung: Erstens hat \u00fcber die Kohorten hinweg der Anteil der Absolventen der Sekundarstufe II in der oberen Mittelklasse abgenommen &#8211; und der Anteil der Hochschulabg\u00e4nger hat zugenommen. Aus den Jahrg\u00e4ngen 1965-78 sind nicht mehr als 21% der M\u00e4nner und 34% der Frauen mit einem Abschluss der Sekundarstufe II Teil der oberen Mittelklasse. Umgekehrt haben 78% der M\u00e4nner und 64% der Frauen aus dieser Klasse einen Hochschulabschluss. Zweitens l\u00e4sst sich der erstaunlich hohe Anteil von Personen mit einem Sekundarabschluss II in der oberen Mittelklasse mit dem schweizerischen Bildungssystem erkl\u00e4ren. Dieses zeichnet sich durch die Dominanz der dualen Ausbildung (Berufslehre) und der vergleichsweise geringen Bedeutung universit\u00e4rer Bildung aus. Der hohe Anteil von Sekundarschulabg\u00e4ngern in der oberen Mittelklasse l\u00e4sst sich durch eine Nachfrage des Arbeitsmarktes erkl\u00e4ren, die die Anzahl der Hochschulabsolventen deutlich \u00fcbertraf. Dies bringt uns zur Frage der Expansion des Bildungssystems und dessen Demokratisierung.<\/p>\n<h2>Ist der Bildungszugang demokratischer geworden?<\/h2>\n<p>Wie die meisten westlichen L\u00e4nder hat die Schweiz ihr Bildungssystem in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts reformiert, um einem gr\u00f6\u00dferen Anteil der Bev\u00f6lkerung den Zugang zu einem Ausbildungsniveau zu erm\u00f6glichen, der fr\u00fcher nur f\u00fcr eine kleine Elite reserviert war (Buchmann et al. 2007). Der Zugang zu terti\u00e4ren Ausbildungsstufen hat im Laufe der Zeit zugenommen: In der Kohorte 1965-1978 haben 19% der M\u00e4nner und 14% der Frauen einen Hochschulabschluss; 31% der M\u00e4nner sowie 21% der Frauen haben eine h\u00f6here Berufsbildung. In der Kohorte 1908-1934 lag dieses Verh\u00e4ltnis im Vergleich dazu bei 8% und 3% f\u00fcr ein Universit\u00e4tsstudium sowie bei 8% und 6% f\u00fcr die h\u00f6here Berufsbildung. In der gleichen Zeit ging der Bev\u00f6lkerungsanteil mit einem Bildungsabschluss der Sekundarstufe I stetig zur\u00fcck. Was den Sekundarabschluss II anbelangt, so zeigt sich ein R\u00fcckgang in der j\u00fcngsten Gruppe \u2013 er stellt aber noch immer den h\u00e4ufigsten Abschluss der Schweiz dar.<\/p>\n<p>Wenn die Chancen ein Hochschulstudium zu absolvieren im Laufe der Zeit gestiegen sind, dann kann man sich fragen, ob die gesamte Bev\u00f6lkerung von diesen neuen M\u00f6glichkeiten profitiert hat oder nur bestimmte gesellschaftliche Gruppen. Um diese Frage zu beantworten, haben wir die Zugangschancen f\u00fcr jede Bildungsstufe in Abh\u00e4ngigkeit der sozialen Herkunftsklasse untersucht (Tabelle 2). Das soziale Milieu hat einen erheblichen Einfluss auf den Bildungszugang: Kinder aus der oberen Mittelklasse haben eine weit h\u00f6here Chance an einer Universit\u00e4t zu studieren, Jugendliche aus der unteren Mittelklasse und der Arbeiterklasse sind in der Sekundarstufe II \u00fcberrepr\u00e4sentiert. Im \u00dcbrigen erkl\u00e4rt sich die Zunahme an Hochschulabsolventen in der Gesamtbev\u00f6lkerung in erster Linie durch das Wachstum innerhalb der oberen Mittelklasse: In der Kohorte 1965-78 haben 39% der M\u00e4nner und 29% der Frauen der oberen Mittelklasse einen Universit\u00e4tsabschluss, verglichen mit 14% und 11% aus der unteren Mittelklasse sowie 9% und 5% aus der Arbeiterklasse. Im Vergleich dazu sind die Unterschiede der sozialen Klassen bei einer h\u00f6heren Berufsbildung (Terti\u00e4r B) deutlich weniger stark ausgepr\u00e4gt; die gesellschaftliche Vielfalt ist in diesem Bereich wesentlich h\u00f6her.<\/p>\n<p>Alles in allem bleibt die Demokratisierung des schweizerischen Bildungssystems unvollendet. Auch wenn heute mehr Jugendliche studieren, so haben davon in erster Linie die gesellschaftlich h\u00f6herhergestellten Schichten profitiert. Weil die Erlangung eines Universit\u00e4tsabschlusses wichtiger f\u00fcr die Erlangung einer h\u00f6heren gesellschaftlichen Position geworden ist und es Mitglieder der oberen Mittelklasse sind, die in gr\u00f6\u00dferer Zahl ein Hochschulstudium absolvieren, hat die soziale Herkunft weiterhin einen wesentlichen Einfluss auf die Klassenzugeh\u00f6rigkeit. Es ist folglich fraglich, ob die gesellschaftliche Position ausschlie\u00dflich von der schulischen Leistung abh\u00e4ngt \u2013 oder nicht vorgelagert vom sozialen Milieu mitbestimmt wird.<\/p>\n<h2>Bietet ein gleicher Bildungsabschluss gleiche Chancen f\u00fcr den sozialen Aufstieg?<\/h2>\n<p>In einem \u201cidealen\u201d leistungs- und verdienstbasierten System haben alle Individuen unabh\u00e4ngig von ihrer sozialen Herkunft die gleichen sozialen Chancen. So sollten zum Beispiel die Chancen, eine F\u00fchrungsposition einzunehmen, f\u00fcr den Sohn eines leitenden Angestellten und den Sohn eines Arbeiters identisch sein. Wenn eine Meritokratie durch ein Bildungswesen garantiert wird, dass die Individuen nach ihren Verdiensten und Talenten ausw\u00e4hlt, dann sollten die Chancen eine h\u00f6here soziale Position zu erreichen identisch sein zwischen Absolventen mit gleichem Bildungsabschluss \u2013 unabh\u00e4ngig ihrer sozialen Herkunft.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Tabelle_2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-876\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Tabelle_2.png\" alt=\"Tabelle_2\" width=\"1067\" height=\"689\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Tabelle_2.png 1067w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Tabelle_2-300x193.png 300w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Tabelle_2-1024x661.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1067px) 100vw, 1067px\" \/><\/a><\/p>\n<p>In Abbildung 2 haben wir f\u00fcr die Kohorte 1955-1978 den Anteil der Individuen aus der oberen Mittelklasse entsprechend ihres Bildungsstandes und ihrer sozialen Herkunft aufgezeigt. Auch wenn der Abschluss die eingenommene Stellung in der Gesellschaft erheblich bestimmt, kann man erkennen, dass bei gleichem Bildungsniveau die soziale Herkunft weiterhin Einfluss auf den gesellschaftlichen Erfolg hat. W\u00e4hrend weniger als 10% der Personen mit Wurzeln in der unteren Mittelklasse und der Arbeiterklasse mit einem Abschluss der Sekundarstufe I in die obere Mittelklasse aufsteigen, so betr\u00e4gt dieser Anteil mehr als 15% f\u00fcr Spr\u00f6sslinge der oberen Mittelklasse. 78% der M\u00e4nner mit einer h\u00f6heren Berufsausbildung und mit Herkunft aus der oberen Mittelklasse treten in die obere Mittelklasse ein \u2013 nur 65% der M\u00e4nner aus anderen sozialen Milieus. Die gleichen Tendenzen lassen sich auch f\u00fcr Frauen beobachten, wobei die Unterschiede etwas geringer sind. Der Einfluss des sozialen Herkunftsmilieus auf den gesellschaftlichen Erfolg ist bei den Universit\u00e4tsabsolventen etwas schw\u00e4cher ausgepr\u00e4gt: Mit einem Universit\u00e4tsabschluss haben Personen mit Wurzeln in der unteren Mittelklasse \u00e4hnliche Chancen in die obere Mittelklasse zu gelangen wie diejenigen mit Wurzeln in der oberen Mittelklasse. Gleichwohl haben die wenigen Arbeiterkinder, die ein Hochschulstudium absolvieren, im Durchschnitt um f\u00fcnf Prozentpunkte geringere Erfolgsaussichten, in die obere Mittelklasse aufzusteigen.<\/p>\n<p>Ein Diplom allein garantiert noch nicht den gesellschaftlichen Erfolg. Bei gleichem Bildungsniveau hat die soziale Herkunft weiterhin einen nicht zu untersch\u00e4tzenden Einfluss auf das Erreichen einer besseren sozialen Stellung. Unsere Daten erlauben uns jedoch nicht, diese Ungleichheiten zu erkl\u00e4ren: Sie k\u00f6nnten das Resultat unterschiedlicher Bildungsstrategien sein oder ungleicher wirtschaftlicher, kultureller und sozialer Ressourcen.<\/p>\n<h4><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Abb_2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-877\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Abb_2.png\" alt=\"Abb_2\" width=\"694\" height=\"532\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Abb_2.png 694w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Abb_2-300x229.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 694px) 100vw, 694px\" \/><\/a><\/h4>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<h2>Schlussfolgerung: Alles neu, alles gleich?<\/h2>\n<p>Trotz der zahlreichen strukturellen Ver\u00e4nderungen, welche die Schweiz seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts umgepfl\u00fcgt haben, sind die gesellschaftlichen Hierarchien kaum schw\u00e4cher geworden. Auch wenn die Tertiarisierung des Arbeitsmarktes einem wichtigen Teil der Bev\u00f6lkerung den Zugang zur oberen Mittelklasse ebnete, zeigen unsere Analysen, dass das soziale Herkunftsmilieu die erreichte Klassenzugeh\u00f6rigkeit des Individuums weiterhin massgeblich beeinflusst. Die soziale Mobilit\u00e4tsrate ist im untersuchten Zeitraum relativ konstant geblieben. Diese Resultate lassen sich vor allem vor dem Hintergrund erkl\u00e4ren, dass der strukturelle Wandel die gesellschaftlichen Hierarchien nicht verschoben hat. Der Einfluss der sozialen Herkunft zeigt sich indirekt \u00fcber die Rolle der Bildung, im Prozess der generations\u00fcbergreifenden Weitergabe von Vorteilen: Ein Hochschulabschluss ist immer wichtiger geworden ist, um in die obere Mittelklasse aufgenommen zu werden \u2013 und diese Abschl\u00fcsse sind in der oberen Mittelklasse am st\u00e4rksten verbreitet. Zudem bleibt die soziale Herkunft bei gleichem Bildungsabschuss von gro\u00dfer Bedeutung f\u00fcr den gesellschaftlichen Erfolg. Auf gleichem Bildungsniveau haben Personen mit Herkunft aus der oberen Mittelklasse eine wesentlich gr\u00f6\u00dfere Chance in die obere Mittelklasse zu gelangen als Angeh\u00f6rigen anderer sozialer Klassen.<\/p>\n<p>Seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts hat die soziale Mobilit\u00e4t zwischen den Klassen in der Schweizer Gesellschaft nicht wesentlich zugenommen. Die Schranken der sozialen Mobilit\u00e4t im Land sind weiterhin hoch und die erreichte Klassenzugeh\u00f6rigkeit bleibt stark abh\u00e4ngig von der sozialen Herkunft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1]Aus theoretischen und praktischen \u00dcberlegungen lassen wir die Situation der Mutter unber\u00fccksichtigt. Die M\u00fctter der untersuchten Jahrgangsgruppen sind in der Regel nur schwach im Arbeitsmarkt integriert. Zudem enthalten die verwendeten Umfragen nicht alle Indikatoren bez\u00fcglich des Berufs- oder des Bildungsstandes der Mutter des Befragten.<\/p>\n<p>[2] Unsere Analysen beschr\u00e4nken sich auf Personen, die zum Zeitpunkt der jeweiligen Umfrage zwischen 35 und 64 Jahre alt waren. Dabei ber\u00fccksichtigen wir nur die zum Zeitpunkt der Umfrage erwerbst\u00e4tigen Frauen. Da eine feinere Aufteilung uns keine zufriedenstellende Stichprobengr\u00f6\u00dfe erm\u00f6glicht, haben wir aus diesen Gr\u00fcnden die \u00e4lteste Kohorte (1908-1934) in ein gr\u00f6\u00dferes Spektrum von Geburtenjahrg\u00e4ngen zusammengefasst.<\/p>\n<p>[3]F\u00fcr Details hinsichtlich des Vorgehens und etwaiger Verzerrungen im Zusammenhang mit diesem Ansatz, siehe Kapitel 4 in Falcon 2013.<\/p>\n<p>[4]Diese Kategorie bezieht sich auf die Schulpflichtzeit.<\/p>\n<p>[5] Diese Kategorie umfasst allgemeine und berufsbildende Schultypen der weiterf\u00fchrenden Bildung. Die berufsbildenden Schulzweige, sprich die Berufslehren, repr\u00e4sentieren mehr als dreiviertel der F\u00e4lle in dieser Kategorie.<\/p>\n<p>[6]Diese Kategorie beinhaltet eine h\u00f6here Berufsausbildung mit Meisterzertifikat oder eidgen\u00f6ssischem Fachausweis, technische Hochschulen, Techniker- und Berufsfachschulen sowie p\u00e4dagogische Hochschulen und Fachhochschulen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 class=\"Titrebibliographie\"><span lang=\"DE-CH\">Anhang<\/span><\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Anhang.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-879\" src=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Anhang.png\" alt=\"Anhang\" width=\"640\" height=\"687\" srcset=\"https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Anhang.png 640w, https:\/\/www.socialchangeswitzerland.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Anhang-279x300.png 279w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung Im Laufe des 20. 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