Keine Erosion, sondern Wachstum der Mittelklasse. Der Wandel der Schweizer Berufsstruktur seit 1970

N°12, Dezember 2017
Daniel Oesch, Universität Lausanne
Emily Murphy, University of Oxford

December 4, 2017
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D. Oesch & E. Murphy (2017), Keine Erosion, sondern Wachstum der Mittelklasse. Der Wandel der Schweizer Berufsstruktur seit 1970. Social Change in Switzerland N° 12. Retrieved from http://socialchangeswitzerland.ch

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Zusammenfassung

In der Wirtschaftswissenschaft wird oft behauptet, der technologische Wandel führe zu einer Polarisierung der Berufsstruktur: Stellen würden vor allem an den Rändern des Arbeitsmarkts geschaffen, während die Mittelklasse ausgehöhlt werde. Die Empirie widerspricht dieser Polarisierungsthese. Die Auswertung der Volkszählungen zwischen 1970 und 2010 sowie der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung zwischen 1991 und 2016 zeigt, dass in den letzten Jahrzehnten vor allem hoch qualifizierte Stellen im Management, der Projektarbeit und den akademischen Berufen geschaffen wurden. Zugleich sind viele niedrig qualifizierte Stellen in der Landwirtschaft, der Industrie und dem Back Office verschwunden – in Berufen, die traditionell der Arbeiterklasse zugerechnet werden. Der Strukturwandel hat daher nicht die Mittelklasse erodiert, sondern die Ränge der Industriearbeiter und Bürohilfskräfte ausgedünnt.


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Einleitung

Seit der industriellen Revolution und Karl Marx sind Beobachter des sozialen Wandels fasziniert von der Frage nach der Entwicklung der Berufsstruktur: Schafft der Arbeitsmarkt vor allem gut qualifizierte und hoch entlohnte Stellen – oder wächst er am unteren Rand in den wenig qualifizierten und schlecht bezahlten Berufen? Dabei geht es um die Frage, ob der Strukturwandel eine breite Mittelklasse schafft, oder ob er sie im Gegenteil aushöhlt und zu einer Polarisierung der Gesellschaft führt.

In der Nachkriegszeit schien die Antwort klar. Überall in Westeuropa nahm die Beschäftigung in wenig qualifizierten Berufen der Landwirtschaft und Industrie ab. Zugleich wurden bei den Unternehmensdienstleistungen, in der Gesundheit und Bildung viele gut qualifizierte Stellen geschaffen. Das Resultat war eine Aufwertung der Berufsstruktur und das Wachstum der Mittelklasse.

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich der Glaube an eine kontinuierliche Aufwertung der Berufsstruktur verflüchtigt. Mit der Digitalisierung der Wirtschaft sind nicht mehr nur Landarbeiterinnen und Maschinenbediener von der Automatisierung betroffen, sondern auch kaufmännische Angestellte und Postbeamte. Amerikanische Soziologen warnen vor einem Szenario, in welchem die Beschäftigung nur noch an den Rändern wächst – in den hochbezahlten akademischen Berufen einerseits und den schlecht entlohnten persönlichen Dienstleistungen (wie Hilfspflegerinnen und Kurierfahrern) andrerseits (Wright and Dwyer 2003).

Der vorliegende Artikel trägt zu dieser Debatte bei, indem er den Wandel der Berufsstruktur in der Schweiz zwischen 1970 und 2016 aufzeigt. Er schliesst damit an  frühere Untersuchungen der schweizerischen Sozialstruktur an (Levy et al. 1997, Levy 2010). Mit Daten der Volkszählung und der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung dokumentiert er, wie sich die Beschäftigung in verschiedenen Berufsklassen verändert hat.

Unsere Resultate widersprechen der Polarisierungsthese. In der Schweiz ist die Aufwertung der Berufsstruktur weiterhin in vollem Gange. Auch in den letzten zwei Jahrzehnten ist die Beschäftigung vor allem in gut bezahlten und hoch qualifizierten Stellen gewachsen, während sie in schlecht entlohnten und wenig qualifizierten Stellen abgenommen hat. Folglich beobachten wir auch keine Erosion der Mittelklasse.

Die Debatte um die Erosion der Mittelklasse

Bis in die 1990er Jahre herrschte in der sozialwissenschaftlichen Literatur ein Konsens, dass der technologische Fortschritt die Beschäftigung laufend von niedrig zu höher qualifizierten Berufen verlagert. Dieser Konsens über die Aufwertung der Berufsstruktur wurde anfangs der 2000er Jahre von zwei Studien erschüttert, die für die USA und Grossbritannien einen Trend zur Polarisierung aufzeigten (Wright und Dwyer 2003, Goos und Manning 2007). In beiden Ländern wuchs in den 1990er Jahren nicht nur die Anzahl hoch qualifizierter Stellen, sondern auch die Zahl tief entlohnter Arbeitsplätze im Einzelhandel und den persönlichen Diensten.

Zur gleichen Zeit verbreitete sich in den Wirtschaftswissenschaften eine neue These, wonach der technologische Wandel einen polarisierenden Einfluss auf die Berufsstruktur habe (Autor et al. 2003). Die zentrale Idee ist, dass Computer jene Tätigkeiten automatisieren, welche voraussehbar und dadurch programmierbar sind. Dies betrifft insbesondere Arbeitsplätze in der Herstellung von Gütern sowie der Verarbeitung von Daten – und folglich (auch) Berufsleute im mittleren Einkommensbereich wie Maschinenbauer und kaufmännische Angestellte. Im Gegensatz dazu sind Computer nicht in der Lage, Entscheidungsträger und Expertinnen zu ersetzen – und sie scheitern auch an wenig qualifizierten persönlichen Dienstleistungen, die schwer voraussehbar sind. So baut ein Roboter ein Auto zusammen. Eine Villa putzen, eine Patientin waschen oder einen Gast bedienen kann er aber nicht.

Diese neue Theorie des polarisierenden technischen Wandels erfreut sich in den Wirtschaftswissenschaften grosser Beliebtheit. Die empirische Sozialforschung hat jedoch die Polarisierungsthese ausserhalb der zwei grossen angelsächsischen Länder nicht bestätigt. Für Westeuropa im Allgemeinen (Eurofound 2015, Oesch 2013) und die Schweiz im Besonderen (Murphy und Oesch 2017, Sheldon 2005) deuten die Ergebnisse weiterhin auf eine Aufwertung der Beschäftigungsstruktur hin. In den letzten Jahrzehnten wuchs der Arbeitsmarkt vor allem in höher qualifizierten Berufen, die einen Hochschulabschluss voraussetzen. Weniger klar ist, ob die Zahl der Stellen stärker in Berufen mit mittleren oder tiefen Qualifikationsanforderungen zurückgegangen ist.

Was bedeutet der Wandel in der Berufsstruktur für die Mittelklasse? Klären wir dafür vorgängig den Begriff der Mittelklasse. Sie wird in der Schweiz umgangssprachlich auch als Mittelschicht oder Mittelstand bezeichnet und oft als mittlere Einkommensgruppe definiert. Stellvertretend dafür steht das Bundesamt für Statistik, das Personen (und Haushalte) mit Einkommen zwischen 70% und 150% des medianen Einkommens zur Mittelklasse zählt. Nach dieser Definition gehört jenes Fünftel der Bevölkerung nicht zur Mittelklasse, das weniger als 70% des Medianeinkommens verdient. Dieses Fünftel liegt nahe an der Armutsgrenze und lebt mehrheitlich von Sozialleistungen, namentlich der AHV, Arbeitslosenversicherung oder Sozialhilfe. Eine Arbeiterklasse gibt es gemäss dieser Definition nicht: Entweder man ist arm oder Teil der Mittelklasse. Ebenso wenig zur Mittelklasse gehört jenes Fünftel, welches mehr als 150% des medianen Einkommens verdient. Diese Definition führt zu einer aufgeblähten Oberklasse, die auch Gymnasiallehrerinnen, Ingenieure und Apothekerinnen miteinschliesst.

Aus historischer und soziologischer Sicht ergibt diese Definition keinerlei Sinn. Der Begriff der Mittelklasse bezeichnete nie die arithmetische, sondern die hierarchische Mitte der Sozialstruktur. Er wurde im 19. Jahrhundert für eine kleine Gruppe von Erwerbstätigen verwendet, die ihr Einkommen nicht mit manuellen, sondern intellektuellen Fertigkeiten verdienten (Hobsbawm 1995: 86). In der Klassenhierarchie war die Mittelklasse unterhalb der noch kleineren Oberklasse von Adligen und Grossgrundbesitzer angesiedelt, welche von ihrem Kapital lebten und nicht zu arbeiten brauchten. Zugleich befand sie sich oberhalb der grossen Masse von Land- und Fabrikarbeitern, Handwerkern und Dienstboten, die von manueller Arbeit lebten.

Zum Kern der Mittelklasse gehörten traditionell Berufe wie Bankiers, Fabrikanten und Unternehmer sowie Ärzte, Anwälte, Professoren und höhere Beamte (Kocka 1995: 784).[1] Die grosse Mehrheit der Werktätigen arbeitete hingegen bis weit ins 20. Jahrhundert in einfachen Landwirtschafts-, Produktions- und Dienstleistungsberufen, die immer der Arbeiterklasse zugerechnet wurden. Die Mittelklasse erstreckte sich folglich gerade nicht über die Mitte der Einkommensverteilung.[2]

Daten und Methode

Wir untersuchen den Wandel der Berufsstruktur, indem wir zuerst mit der Volkszählung 1970, 1980, 1990, 2000, 2010 sowie der Strukturerhebung 2010 die Veränderungen der Beschäftigung in Berufsgruppen erfassen. Danach analysieren wir mit der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE), wie sich der Beschäftigungsanteil einzelner Klassen zwischen 1991 und 2016 entwickelt hat.

Unsere Analyse der Volkszählung umfasst alle Erwerbstätigen – Lohnabhängige und Selbstständige aller Sektoren – im Alter von 22 bis 63 (Frauen) oder 64 Jahren (Männer). Wir unterscheiden deren Berufe so präzise wie möglich (auf der Ebene von ISCO 4-Digit) und bestimmen die Qualität eines Berufes auf der Basis seines Medianlohnes während der 1990er Jahre (auf der Basis der SAKE 1993-98). Unter Aufwertung der Berufsstruktur verstehen wir folglich, dass die Beschäftigung in Berufen mit vergleichsweise hohen Medianeinkommen stärker wächst als in Berufen mit einem geringen Medianeinkommen. Andere Indikatoren wie das Ausbildungsniveau eines Berufs korrelieren mit dem Arbeitseinkommen und führen zu ähnlichen Schlussfolgerungen (siehe Murphy und Oesch 2017).

Wir sortieren die Berufe von jenem mit dem niedrigsten zu jenem mit dem höchsten Median­einkommen und gruppieren sie auf der Basis dieser Rangordnung in fünf gleich grosse Quintile. Zu Beginn der Untersuchungsperiode umfasst jedes Quintil 20 Prozent der Gesamtbeschäftigung. Das unterste Quintil 1 enthält jene 20 Prozent der Beschäftigten, die in den Berufen mit dem niedrigsten Medianeinkommen arbeiten (z. B. Kellner, Haushaltshilfen und Reinigungsangestellte), während das oberste Quintil 5 jene 20 Prozent umfasst, die in Berufen mit dem höchsten Medianeinkommen tätig sind (z. B. Anwälte, Ärztinnen und Unternehmensberater).

Diese Vorgehensweise verschafft uns fünf hierarchisch geordnete Berufsgruppen (nicht zu ver­wechseln mit Einkommenskategorien). Die zwei Quintile 1 und 2 entsprechen der Arbeiterklasse. Im Quintil 3 finden wir Berufe der Arbeiterklasse und der unteren Mittelklasse. Quintil 4 gehört zur Mittelklasse, und Quintil 5 vereint die obere Mittelklasse und eine kleine Oberklasse.

Wandel in der Beschäftigungsstruktur der Schweiz, 1970-2010

Grafik 1 zeigt die Veränderung in der Berufsstruktur für die Periode zwischen 1970 und 2010.[3] In jedem Jahrzehnt nahm die Beschäftigung in Quintil 5 – und damit in den am höchsten bezahlten Berufen – stark zu. Das Wachstum im obersten Quintil verstärkte sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, mit einer Zunahme von 136‘000 Beschäftigten in den 1970er Jahren, 261‘000 in den 1980er, 325‘000 in den 1990er und 348‘000 in den 2000er Jahren.

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Während im obersten Quintil 5 viele Stellen geschaffen wurden, schrumpfte die Beschäftigung in Quintil 1. Der Beschäftigungsrückgang am unteren Ende des Arbeitsmarkts war besonders ausgeprägt in den Krisenperioden der 1970er (mit der Ölkrise nach 1973) und 1990er Jahren (mit der langen Rezession 1991-96). Während des Bau- und Konsumbooms der 1980er Jahre nahm die Beschäftigung in den niedrig entlohnten Berufen des Quintils 1 nochmals stark zu. Die 1980er Jahre waren damit das einzige Jahrzehnt, für welches wir eine Polarisierung der Beschäftigungsstruktur beobachten. In den zwei folgenden Jahrzehnten wurden hingegen in keinem anderen Quintil so wenige Stellen geschaffen wie im untersten Quintil 1. Seit 1990 finden wir denn auch keinerlei Anzeichen für einen polarisierten Wandel der Berufsstruktur. Im Gegenteil: in den 1990er und 2000er Jahren wuchs die Beschäftigung am deutlichsten im obersten Quintil 5, gefolgt von Quintil 4, und nahm im untersten Quintil 1 am stärksten ab, gefolgt von Quintil 2.

In den letzten zwei Jahrzehnten hat der schweizerische Arbeitsmarkt vor allem Stellen in höher bezahlten Berufen geschaffen und Stellen in niedrig bezahlten Berufen verloren. Zugleich lag die Erwerbsquote in der Schweiz zwischen 1991 und 2010 konstant bei 82%. Die Arbeitslosenquote, wiederum, betrug zwischen 1991 und 2000 durchschnittlich 3.5% und 3.1% zwischen 2001 und 2010 (siehe Korber und Oesch 2016).

Wie ist eine Aufwertung der Berufsstruktur möglich, ohne zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit oder einem Rückgang der Erwerbsquote zu führen? Die Antwort liegt in der Veränderung des Qualifikationsprofils der Arbeitnehmenden in der Schweiz. Es gab nicht nur einen Beschäftigungs­rückgang in wenig qualifizierten Berufen, sondern dank der Bildungsexpansion auch weniger Personen im Erwerbsalter mit niedriger Ausbildung. Während der technologische Wandel die Nachfrage der Unternehmen nach qualifizierten Mitarbeitern erhöht, vergrössert die Bildungsexpansion das Angebot an qualifizierten Stellensuchenden.

Grafik 2 deutet darauf hin, dass die Bildungsexpansion in der Schweiz mit dem technologischen Wandel Schritt gehalten hat. Der Stellenzuwachs im obersten Quintil 5 ging fast ausschliesslich auf das Konto von Beschäftigten mit einem Tertiärabschluss – einer Gruppe, die erheblich grösser wurde. Parallel dazu betraf der Stellenrückgang in den unteren Quintilen vor allem die schrumpfende Kategorie von Personen ohne post-obligatorischen Abschluss und nach 2000 zunehmend auch Personen mit einer Sekundär II Ausbildung (Berufslehre).

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In der Schweiz wird das Arbeitsangebot – das Profil der Beschäftigten – nicht nur vom Bildungssystem geprägt, sondern entscheidend auch von der Migrationspolitik und der zunehmenden Erwerbstätigkeit der Frauen. Wir schlüsseln daher in Grafik 3 den Wandel der Berufsstruktur nach Nationalität und Geschlecht auf.

Der Blick auf die ausländischen Arbeitnehmenden zeigt, dass deren Beschäftigung im Krisenjahrzehnt der 1970er vor allem im untersten Quintil abnahm, als während der Ölkrise viele italienische Gastarbeiter ihre Stelle verloren. Der Immobilienboom der 1980er Jahre führte hingegen wieder zu einem starken Wachstum in wenig qualifizierten Berufen im Quintil 1, wofür mehrheitlich ausländische Männer eingestellt wurden. In der Rezession der 1990er Jahre wiederholte sich das Szenario der Ölkrise mit einer starken Beschäftigungseinbusse in Quintil 1, die zur Hälfte ausländische Erwerbstätige betraf.

Für die letzte Periode 2000-2010 beobachten wir eine Trendwende. Ausländische Arbeitnehmende tragen erstmals substantiell zum Beschäftigungswachstum in den gut bezahlten Berufen von Quintil 5 bei, wobei ausländische Frauen auch zu einem schwachen Stellenwachstum in den untersten zwei Quintilen 1 und 2 beisteuern. Die zunehmend höhere Ausbildung der Einwandernden zeigt sich folglich auch beim Wandel der Berufsstruktur seit 2000. Bei der ausländischen Erwerbsbevölkerung beobachten wir am ehesten eine Polarisierung: Ihr Anteil wächst schwach am unteren Ende der Berufshierarchie (wo die einheimische Beschäftigung schrumpft) und stark am oberen Ende (wo die einheimische Beschäftigung ebenfalls wächst).

Der Beitrag der Schweizer Frauen zum Strukturwandel verändert sich über die Jahrzehnte hinweg und konzentriert sich in den wachsenden Berufen von Quintil 5. Nach 2000 trägt keine andere Kategorie so stark zum Beschäftigungswachstum in den höher qualifizierten Berufen des Quintils 5 bei wie einheimische Frauen. Sie haben nicht nur in Bezug auf die Bildungsabschlüsse Boden gut gemacht, sondern sind auch zunehmend in höher qualifizierten Berufen beschäftigt. Zugleich haben auch Schweizer Männer vom Strukturwandel profitiert und arbeiten verstärkt im obersten Quintil 5.

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Welche Wirtschaftssektoren verbergen sich hinter den schrumpfenden und wachsenden Quintilen? In den 1970er und 1980er Jahren ging der Rückgang in den unteren drei Quintilen vor allem auf das Konto der Industrie, des Baus und der Landwirtschaft (siehe Grafik A.1 im Anhang). In den 1990er und vor allem in den 2000er Jahren trugen auch die wenig qualifizierten Dienstleistungen zum Stellenabbau in Quintil 1 bei. Für das Beschäftigungswachstum am oberen Ende der Berufsstruktur, in Quintil 5, waren über den gesamten Zeitraum zwei Sektoren verantwortlich: die öffentliche Verwaltung (mit Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen) und die Unternehmensdienstleistungen (mit Finanz- und Rechtsdienstleistungen, Immobilien, Forschung und Informatik).

Wandel in der Klassenstruktur der Schweiz, 1991-2016

Für eine letzte Analyse wechseln wir die Datenquelle und untersuchen mit der schweizerischen Arbeitskräfteerhebung, wie sich der Beschäftigungswandel zwischen 1991 und 2016 auf die Klassenstruktur ausgewirkt hat. Wir verwenden dafür ein Klassenschema, das auf zwei Dimensionen beruht (siehe Oesch 2006). Ein vertikales Kriterium bezieht sich auf das Anforderungsniveau eines Berufs, sprich der dafür nötigen Ausbildung, und korreliert eng mit mehr oder weniger vorteilhaften Beschäftigungsverhältnissen. Ein horizontales Kriterium unterscheidet vier verschiedene Arbeitslogiken: eine interpersonelle, technische, administrative und selbstständige Logik. Die Kombination der zwei Kriterien resultiert im Klassenschema, das in Tabelle 1 gezeigt wird.

Drei Kategorien bilden das Rückgrat der neuen Mittelklasse von Lohnbezügern: soziokulturelle Experten, technische Experten, Manager und Projektmitarbeitende. Eine vierte Kategorie von Selbstständigen vereint die beiden traditionellen Komponenten der alten Mittel-und Oberklasse: Unternehmer und die freien Berufe. Zwei Kategorien werden eher der unteren Mittelklasse zugerechnet: Kleingewerbler und Bauern sowie Bürohilfskräfte. In den zwei letzten Kategorien finden wir jene Berufe, die traditionell der Arbeiterklasse zugeordnet werden: Produktionsarbeiter und persönliche Dienstleistungsangestellte.

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Tabelle 1 zeigt den Anteil jeder Klasse an der Erwerbsbevölkerung. Die Aufwertung der Berufsstruktur wurde vom starken Wachstum der lohnabhängigen Mittelklasse angetrieben. So ist der Beschäftigungsanteil von Managern und Projektmitarbeitern zwischen 1991 und 2016 um 8.5 Prozentpunkte gewachsen, jener von soziokulturellen und technischen Experten um 3.3, bzw. 2.1 Prozentpunkte. Folglich hat sich die neue Mittelklasse in den letzten 25 Jahren von 34 auf 48 Prozent der Beschäftigten vergrössert.

Im Gegensatz dazu haben zwei Berufsgruppen zwischen 1991 und 2016 an Gewicht verloren. Der Beschäftigungsanteil von Produktionsarbeitern hat sich um 7 Prozentpunkte verringert und jener von Bürohilfskräften ging um 8 Punkte zurück. Bei diesen schrumpfenden Berufsgruppen handelt es sich nicht um den Kern der Mittelschicht, sondern um die traditionelle Arbeiterklasse einerseits sowie die wenig gesicherte untere Mittelklasse andererseits.

Nur eine Kategorie der Arbeiterklasse konnte nach 1991 zulegen, jene der persönlichen Dienstleistungsangestellten um 2 Prozentpunkte. Dieses Wachstum war jedoch zu schwach, um den Abbau in wenig qualifizierten Stellen der Landwirtschaft, Industrie und des Back Office zu kompensieren. Anders als von der Polarisierungsthese erwartet, wurden in der Schweiz die Stellen vor allem in den hoch qualifizierten Dienstleistungsberufen geschaffen: bei Programmieren, Ärztinnen und Beratern – und nicht bei Haushaltshilfen, Verkäuferinnen oder Barkeepern.

Schlussfolgerungen

In Debatten über die Beschäftigung im 21. Jahrhunderts beherrschen zwei Thesen die öffentliche Meinung: die Polarisierung des Arbeitsmarktes und das Ende der Mittelklasse. Beide Thesen greifen wichtige Probleme auf, nämlich die stagnierenden Löhne der Normalverdiener sowie die Zunahme der Einkommensungleichheit in vielen Ländern. Allerdings hat eine weitere Entwicklung des Arbeitsmarktes die Gesellschaft wohl noch stärker geprägt, nämlich die massive Aufwertung der Berufsstruktur.

In den letzten Jahrzehnten wurden in der Schweiz viel mehr Stellen in gut bezahlten Berufen geschaffen – im Management, der Projektarbeit sowie dem Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen – als in geringfügig bezahlten Berufen. Anders als in den USA gibt es für die Schweiz keine Anzeichen für eine zunehmende Polarisierung der Beschäftigungsstruktur. Der technologische Wandel der letzten zwei Jahrzehnte hat nicht die Mittelklasse erodiert, sondern die Ränge der Industriearbeiter und Bürohilfskräfte ausgedünnt. Die Arbeiterklasse wurde kleiner, ist aber keineswegs verschwunden. Auch heute noch finden wir beim Medianlohn typische Arbeiterberufe wie Maurer, Maschinen­mechaniker, städtische Reiniger und Lastwagenfahrer.

Es ist bemerkenswert, dass die Aufwertung der Berufsstruktur nicht zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit oder einem Rückgang der Erwerbsquote geführt hat. Der Grund dafür ist, dass das Bildungssystem in den letzten Jahrzehnten eine wachsende Anzahl von Schulabgängerinnen und -abgägern mit höheren Bildungsabschlüssen hervorgebracht und dadurch die zunehmende Qualifikationsnachfrage der Unternehmen befriedigt hat. Unsere Ergebnisse widersprechen folglich der Annahme, wonach post-industrielle Volkswirtschaften nur Vollbeschäftigung erreichen können, wenn sie ihr Lohngefüge nach unten hin öffnen und viele geringbezahlte Dienstleistungsstellen schaffen.

Die Aufwertung der Berufsstruktur ist jedoch kein Selbstläufer. Soll sie weitergeführt werden, sind Massnahmen an beiden Enden des Arbeitsmarktes nötig. Am oberen Ende helfen öffentliche Investitionen in die Hochschulen und höhere Berufsbildung, um gut qualifizierte Arbeitnehmende in ausreichender Zahl auszubilden und so in vollem Umfang vom technologischen Fortschritt zu profitieren. Am unteren Ende schaffen die Stärkung der Berufsbildung sowie kollektivvertragliche Mindestlöhne Anreize für die Unternehmen, in die Produktivität ihrer Angestellten zu investieren, statt auf einen stagnierenden Niedriglohnsektor zu setzen.

 

[1]Die breiteste Definition der englischen Mittelklasse im 19. Jahrhundert umfasst nach Eric Hobsbawm jene Personen, die Dienstboten (Hauspersonal) angestellt hatten.

[2] Thomas Piketty (2015) definiert deshalb die Mittelklasse als jene Gruppe, die in der Einkommensverteilung unter den 10% höchsten Einkommen und über den 50% tiefsten Einkommen liegt. Während die Personen in der unteren Hälfte der Einkommensverteilung (0 bis 50%) über praktisch kein Nettovermögen verfügen, verfügt die Mittelklasse (50 bis 90%) über gewisse Ersparnisse, die sie vor Marktkrisen und Schicksalsschlägen schützen.

[3]Zu Beginn jeder Periode sind alle fünf Quintile gleich gross und umfassen 20% der Gesamtbeschäftigung. Unsere Resultate zeigen folglich für jedes Jahrzehnt die Nettoveränderung in der Beschäftigung.

 

Anhang

FigA1_d

Bibliographie

Autor, D., Levy, F. und Murnane, R. J. 2003. The skill content of recent technological change: an empirical exploration. Quarterly Journal of Economics 118(4): 1279-1333.

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Goos, M. und Manning, A. 2007.Lousy and lovely jobs: the rising polarisation of work in Britain. Review of Economics and Statistics 89(1): 118-133.

Hobsbawm, E. 1995. Die englische middle class 1780-1920. S.  85-112 in Bürgertum im 19. Jahrhundert. Band I: Einheit und Vielfalt Europas, hrsg. von Kocka, J. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Kocka, J. 1995. The Middle Classes in Europe. Journal of Modern History 67(4): 783-806.

Korber, M. und Oesch, D. 2016. L’évolution de l’emploi, du chômage et du PIB dans le canton de Vaud depuis 1990. Une étude comparative avec la Suisse, LIVES Working Paper 51, Universität Lausanne.

Levy, R. 2010. La structure sociale de la Suisse. Radiographie d’une société. Lausanne : Presses polytechniques et universitaires romandes.

Levy, R., Joye, D., Guye, O., & Kaufmann, V. 1997. Tous égaux? De la stratification aux représentations.Zurich : Seismo.

Murphy, E. und Oesch, D. 2017. Is employment polarization inevitable? Occupational change in Ireland and Switzerland, 1970-2010. Work, Employment and Society, im Erscheinen.

Oesch, D. (2006), Redrawing the Class Map. Stratification and Institutions in Britain, Germany, Sweden and Switzerland, Basingstoke: Palgrave Macmillan

Oesch, D. 2013. Occupational Change in Europe. How Technology and Education Transform the Job Structure. Oxford: Oxford University Press.

Piketty, T. 2014. Das Kapital im 21. Jahrhundert. München, Beck C. H.

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Wright, E. O. und Dwyer, R. 2003. The patterns of job expansions in the USA: a comparison of the 1960s and 1990s. Socio-Economic Review 1(3): 289-325.



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