Der Wahlentscheid der Arbeiter in der Schweiz, 1971-2011

N°4, Februar 2016
Line Rennwald, University of Amsterdam/ Université de Genève & Adrian Zimmermann, International Institute of Social History, Amsterdam

February 4, 2016
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L. Rennwald & A. Zimmermann (2016), Der Wahlentscheid der Arbeiter in der Schweiz, 1971-2011. Social Change in Switzerland N° 4. Retrieved from http://socialchangeswitzerland.ch

 

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Zusammenfassung

Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Entwicklung des Wahlentscheids der Arbeiter während einer Periode von vierzig Jahren (1971-2011) in der Schweiz. In den 1970er Jahren stimmten Arbeiterinnen und Arbeitern gegenüber der gesamten Wählerschaft weit überdurchschnittlich für die Sozialdemokratische Partei. Diese starke Bindung zwischen Arbeitern und Sozialdemokratie löste sich in den folgenden Jahrzehnten. Dabei sind zwei Prozesse zu unterscheiden. In den 1980er Jahren begann die Unterstützung der Arbeiter für die SP zu erodieren, es kam allerdings noch nicht zu einer klaren Reorientierung auf eine andere Partei. Erst seit Mitte der 1990er Jahre gelang es der SVP mit ihrem neuen rechtspopulistischen Profil die SP als die in dieser Wählerkategorie relativ stärkste Partei abzulösen. Weiter verweist dieser Beitrag auch auf die starke Wahlenthaltung im Arbeitermilieu, die ein prägendes Merkmal des schweizerischen politischen Systems bildet.


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Einleitung: Die Wahl der Arbeiter für die Sozialdemokratie als Ausdruck des Klassengegensatzes

Die Klassenzugehörigkeit galt lange Zeit als entscheidender Faktor der Wahlpräferenz. Lange war selbstverständlich, dass Arbeiter sozialdemokratische (und kommunistische Parteien) wählen, (höhere) Angestellte und Selbständige dagegen liberale und konservative Parteien. Dieses Muster wurde in den letzten Jahrzehnten zunehmend in Frage gestellt: Je mehr Arbeitsplätze in der Industrie verloren gingen, desto weniger relevant schienen die sozialen Ungleichheiten für die Wahlforschung und für die sozialwissenschaftliche Analyse überhaupt. Allerdings lässt sich die These eines allgemeinen und linearen Niedergangs der Unterschiede zwischen sozialen Klassen im Wahlverhalten gemäss neueren und präziseren Forschungen nicht bestätigen (vgl. z.B. Evans, 1999).

Dieser Beitrag analysiert die Entwicklung des Wahlverhaltens der Arbeiter in der Schweiz im Zeitraum von 1971 bis 2011. Sozialdemokratische Parteien entstanden als politischer Arm der Arbeiterbewegung. Dies schloss aber schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht aus, dass sie versuchten, auch Wähler ausserhalb der klassischen Arbeiterschaft für sich zu gewinnen (Zimmermann 2007). Dabei gilt es umgekehrt nicht zu vergessen, dass sich Arbeiter nie ausschliesslich für linke Parteien entschieden haben. Religiöse und regionale Zugehörigkeiten spielten vielerorts ebenfalls eine wichtige Rolle für das Wahlverhalten. So gelang es insbesondere christlich-demokratischen Parteien, viele katholische Arbeiter über ihre Religionszugehörigkeit zu mobilisieren. In der Schweiz vertrat der christlich-soziale Flügel der CVP durchaus auch die materiellen Interessen der Arbeiter.

Zudem verfügte die FDP – die führende bürgerliche Partei bis in die 1990er Jahre – im Unterschied zu den liberalen Parteien anderer europäischer Länder über eine Massenbasis, die auch Lohnabhängige umfasste. Der Gegensatz von liberal-radikalen und katholisch-konservativen Kräften bestimmte die frühe Geschichte des schweizerischen Bundesstaats. Zwar wurde dieser Konflikt seit Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend von der Auseinandersetzung zwischen Bürgerblock und Arbeiterbewegung verdrängt. Dennoch blieb vor allem in katholischen Kantonen der Gegensatz von FDP und CVP prägend. Auch in der Wahlforschung wird betont, dass die religiöse Konfliktlinie für das Wahlverhalten in der Schweiz weiterhin relevant ist (Geissbühler, 1999).

Kennzeichnend für die Schweiz ist zudem der hohe Anteil ausländischer Arbeiter ohne Stimm- und Wahlrecht. Einerseits ist die Schweiz bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts ein Einwanderungsland. Anderseits wurde – auch unter dem Druck rechtsbürgerlicher Kampagnen gegen die Arbeiterbewegung – seit dem Ersten Weltkrieg die Möglichkeiten, die schweizerische Staatsbürgerschaft zu erwerben, stark eingeschränkt (Kury, 2003). Sicher ist der Ausländeranteil auch in den mittleren und oberen Schichten nicht zu unterschätzen. Doch Ausländerinnen und Ausländer bleiben weiterhin in den unteren sozialen Schichten klar übervertreten und üben öfter als Schweizerinnen und Schweizer eine manuelle Erwerbstätigkeit aus (BFS, 2015; Levy et al., 1997: 547-549; Oesch, 2006). Damit sind die Arbeiterinnen und Arbeiter unter den Stimmberechtigten schwächer vertreten als in der Gesamtbevölkerung.

Trotz dieser Einschränkungen bleibt die Klassenzugehörigkeit in der Schweiz weiterhin bedeutsam für den Wahlentscheid (Goldberg, 2015; Lachat, 2007). Verändert haben sich allerdings die Verhältnisse zwischen spezifischen Klassen und Parteien. So betonen verschiedene Beiträge, die jeweils eine oder mehrere Wahlen zwischen 1995 und 2011 untersucht haben, ein neues Muster: Arbeiter unterstützen demnach zunehmend die SVP, Teile der neuen Mittelschichten die SP (Kriesi et al., 2005; Nicolet & Sciarini, 2010; Oesch & Rennwald, 2010).

Bei den Nationalratswahlen 2011 haben sich weniger als die Hälfte der Bürger beteiligt. Wir gehen in diesem Beitrag deshalb auch der Frage nach, wie stark die Wahlbeteiligung von der sozialen Position beeinflusst wird. Weiter sind auch die regionalen Unterschiede im schweizerischen Parteiensystem zu beachten. Wir konzentrieren uns auf die Gruppe der Arbeiter im engeren Sinn, die vorwiegend in der Industrie, dem Baugewerbe und dem Transportsektor tätig sind. Aufgrund der Datenlage können wir nur für diese Kategorie von Lohnabhängigen die gesamte Periode 1971-2011 mit einem recht hohen Präzisionsgrad analysieren. Mit dem Zuwachs des Dienstleistungssektors ist auch der Anteil der Dienstleistungsangestellten (z.B. Verkaufspersonal, Reinigungspersonal) an der Arbeiterklasse im weiteren Sinn gestiegen. Soweit in Wahlumfragen ausreichend Daten vorhanden sind, zeigt sich, dass die beiden Komponenten der Arbeiterklasse relativ ähnliche Parteipräferenzen aufweisen (Rennwald, 2015).

Daten, Klassenschema und Operationalisierung

Die Schweiz kennt keine lange Tradition von Wahlstudien. Zwar wurden seit 1971 jeweils Nachwahlbefragungen durchgeführt, doch diese waren nicht in den Rahmen eines umfassenden Wahlforschungsprogramms integriert. Zudem sind die Daten lückenhaft: 1979 erfasste die Umfrage nur die Deutschschweiz und die Daten der Umfrage von 1983 gingen sogar vollständig verloren. Erst seit 1995 wird mit dem Projekt Selects (siehe unter www.selects.ch) eine hohe Kontinuität in der schweizerischen Wahlforschung garantiert (Lutz, 2012: 79). Insgesamt liegen für die Analyse der Periode 1971-2011 zehn Umfragen vor (siehe Tabelle A.1 im Anhang).

Soziale Klassen werden in der Wahlforschung pragmatisch definiert: Individuen mit einer ähnlichen Position auf dem Arbeitsmarkt gehören zu derselben sozialen Klasse. Wir verwenden hier das Klassenschema von Daniel Oesch (2006), das es erlaubt, verschiedenen Entwicklungen wie dem Rückgang der Industrie, dem Zuwachs von Frauen auf dem Arbeitsmarkt und der Zunahme von Berufen mit höheren Ausbildungen (occupational upgrading) Rechnung zu tragen.[1] (Produktions-) Arbeiter werden in diesem Schema als Lohnabhängige definiert, die in einer technischen Arbeitslogik tätig sind und eine qualifizierte, semi- oder nicht qualifizierte Tätigkeit ausüben. Vertikal sind sie von Technikern und Ingenieuren, horizontal vom neuen Dienstleistungsproletariat abzugrenzen.

Die Gruppe der in der Produktion beschäftigten Lohnabhängigen ist im Lauf der Zeit viel kleiner geworden. In den 1970er Jahren bildeten sie noch ungefähr 30%, im letzten Jahrzehnt dagegen weniger als 15% der schweizerischen Stimmberechtigten. Zusammen mit dem Dienstleistungspersonal bilden die Arbeiter im weiteren Sinn auch heute noch knapp 30% der Stimmbevölkerung (40% wenn man die Büroangestellten ebenfalls dazu zählt). Der Anteil der Erwerbstätigen mit höheren Bildungsniveau, die man zu den lohnabhängigen Mittelschichten zählen kann, liegt heute bei 40%.

Ergebnisse

In einem ersten Schritt beschreiben wir in der Graphik 1 die Entwicklung des Wahlverhaltens der Arbeiter zwischen 1971 und 2011[2]. Graphik 1a zeigt, wie viele Arbeiter jeweils für die SP und ihre traditionellen Konkurrenten, die CVP und die FDP (bis zur Fusion der beiden Parteien 2009 inkl. LPS), gestimmt haben, Graphik 1b wie viele sich für die „neuen“ Konkurrenten im Parteiensystem, die SVP und die Grünen entschieden. Alle übrigen Parteien werden in der Kategorie „Andere“ zusammengefasst. Daraus wird klar, dass die Unterstützung der Arbeiter für die SP nach 1979 sank. Davon profitierten vorerst, vor allem 1991, die unter „Anderen“ zusammengefassten kleineren Parteien. Erst danach, ab 1995, wies die SVP einen starken Zuwachs bei den Arbeiterstimmen auf.

Grafik 1

Anzahl Beobachtungen (Arbeiter, gesamte Wählerschaft): 1971: 254, 1006; 1975: 143, 584, 1979: 104, 525; 1987: 45, 266; 1991: 54, 307; 1995: 595, 3788; 1999: 182, 1195; 2003: 429, 3505; 2007: 350, 2606; 2011: 304; 2807.

In einem zweiten Schritt vergleichen wir systematisch die Wahl der Arbeiter mit dem jeweils durchschnittlichen Anteil der Parteien in allen sozialen Gruppen. Erst dadurch wird die Spezifizität der Wahlentscheidung der Arbeiter fassbar. In den 1970er Jahren entschieden sie sich noch deutlich überdurchschnittlich für die SP. Ende der 80er Jahren war ihr Wahlverhalten bereits deutlich weniger spezifisch. Ab Mitte der 1990er Jahren fand sich unter Arbeitern sogar ein geringerer Anteil von SP-Wählern als in der gesamten Wählerschaft. Dafür erhielt nun die SVP eine im Vergleich zur gesamten Wählerschaft überdurchschnittlich starke Unterstützung aus dieser sozialen Gruppe.

Diese Entwicklung vollzog sich somit in zwei Schritten: Zuerst wandten sich Arbeiter zunehmend von der Sozialdemokratie ab, was bei den Wahlen von 1987 und 1991 bereits klar erkennbar ist. Damals war aber noch keine klare Umorientierung der Parteipräferenzen der Arbeiter zu beobachten. Erst ab den Wahlen 1995 wandten sie sich vermehrt der SVP zu. Ihre Sympathie für diese Partei erreicht aber nicht ganz dasselbe Niveau wie die frühere Präferenz für die SP (dies im Verhältnis zum Durchschnitt der Wählerschaft).

Des weiteren entspricht der Wähleranteil der CVP unter den Arbeitern über den ganzen untersuchten Zeitraum – angesichts des klassenübergreifenden konfessionellen Charakters dieser Partei erwartungsgemäss – mehr oder weniger dem Durchschnitt. Dagegen zeigt sich das klar bürgerliche Profil der FDP darin, dass sie von den Arbeitern mit Ausnahme der Nationalratswahlen von 1987 immer unterdurchschnittlich gewählt wurde. Auch die Grünen stiessen bei den Arbeitern, mit Ausnahme der Nationalratswahlen von 1991, jeweils nur unterdurchschnittlich auf Sympathien. Die in der Kategorie „Andere“ zusammengefassten Parteien (unter anderem die kleinen Rechtsaussengruppierungen, der Landesring der Unabhängigen und die Partei der Arbeit) erhielten in der Periode der Abwendung von der SP (1987-1995) überdurchschnittlich viele Arbeiterstimmen.

Langfristig gesehen erscheint damit die SP als die grosse Verliererin, die SVP als die grosse Gewinnerin im Kampf um Arbeiterstimmen. Die zwei deutlich zu unterscheidenden Prozesse einer Ablösung von der SP und einer Hinwendung zur SVP erstreckten sich über einen längeren Zeitraum. Es ist daher unklar, ob dieselben Individuen in den 1970er Jahren SP und am Ende der 1990er Jahre SVP wählten.

Welche Rolle spielte bei diesen Umbrüchen die Wahlbeteiligung? Graphik 2 zeigt die Wahlbeteiligung jeweils für die Arbeiter, die mittleren und höheren Angestellten und die gesamte Wählerschaft. Daraus wird deutlich, dass Arbeiter während der ganzen Periode weniger zur Urne gingen. Schon 1971 lag die Wahlbeteiligung der höheren und mittleren Angestellten um 13 Prozentpunkte höher als diejenige von Arbeitern. Zwar nahm die Wahlbeteiligung über den ganzen Zeitraum 1971-2011 generell um knapp einen Fünftel ab. Mit über einem Drittel ging die Wahlbeteiligung bei Arbeitern aber deutlich stärker zurück als bei mittleren und höheren Angestellten (ein Viertel) und den Selbstständigen (knapp ein Sechstel). Besonders wenig beteiligten sich Arbeiter an den Nationalratswahlen von 1987 und 1991, die wir weiter oben als Phase der Ablösung von der SP identifiziert haben. Zwischen 1995 und 2007, also der Periode der Hinwendung zur SVP, nahm die Wahlbeteiligung von Arbeitern dagegen leicht zu. In den 1980er Jahren ging ein Teil der Verluste der SP unter Arbeitern somit wahrscheinlich auf eine Zunahme der Wahlabstinenz dieser Gruppe zurück. Umgekehrt konnte die SVP ab 1995 wohl auch von einer leichten Zunahme der Wahlbeteiligung von Arbeitern profitieren.

Grafik 2

Anzahl Beobachtungen (total): 1971: 1813; 1975: 1287; 1979: 769; 1987: 558; 1991: 617; 1995: 7020; 1999: 1886; 2003: 5365; 2007: 3806; 2011: 3955.

Generell zeigen unsere Ergebnisse Durchschnittswerte für die ganze Schweiz. Bekanntlich gibt es in der Schweiz aber grosse regionale Unterschiede im Parteiensystem. In Graphik 3 gliedern wir die Wahl von Arbeitern in folgende drei regionale Parteiensysteme (Kriesi, 1998): Konfessionell gemischte Kantone in der Deutschschweiz (z.B. Bern und Zürich), der Westschweiz (z.B. Waadt) sowie alle katholischen Kantone (z.B. Wallis und Luzern). Um eine genügend hohe Fallzahl zu erreichen, kumulieren wir jeweils zwei Umfragen am Anfang (1971 und 1975) und Ende (2007 und 2011) des untersuchten Zeitraums[3].

Grafik 3

Legende: DEUT: Konfessionell gemischte Kantone Deutschschweiz, WEST: Konfessionell gemischte Kantone Westschweiz, KATH: Katholische Kantone.

Die Gruppen bestehen aus folgenden Kantonen: DEUT: SH, GL, AR, AG, SO, BL, GR, TG, ZH, BE; WEST: GE, VD, NE, BS; KATH: VS, UR, SZ, OW, NW, ZG, AI, JU, LU, TI, SG, FR.

Anzahl Beobachtungen (gesamte Wählerschaft für die zwei Perioden): CH 1576, 5267; DEUT 901, 2250; WEST 254, 1093; KATH 421, 1924. N (Arbeiter für die zwei Perioden): CH 405, 592; DEUT 233, 257; WEST: 49, 76; KATH: 123, 259.

Generell sind die konfessionell gemischten Kantone der Deutschschweiz dabei jeweils aufgrund ihrer Grösse nahe am gesamtschweizerischen Ergebnis. Die Reihenfolge blieb dabei stabil: Am Anfang und Ende der untersuchten Periode entschieden sich die Arbeiter in den gemischtkonfessionellen Kantonen der Westschweiz am stärksten für die Sozialdemokratie, darauf folgten die gemischtkonfessionellen Kanton der Deutschschweiz und die katholischen Kantone bildeten jeweils das Schlusslicht. Die Unterstützung von Arbeitern für die Sozialdemokratie nahm in allen Regionen ab, doch in den gemischtkonfessionellen Kantonen zeigt sich ein besonders starker Rückgang (52% gegenüber 42% beziehungsweise 43% in den anderen beiden Kantonstypen). 2007 und 2011 entschieden sich nur noch in den konfessionell gemischten Kantonen der Westschweiz Arbeiter mit 36 % weiterhin stärker als der Durchschnitt der gesamten Wählerschaft (31 %) für die SP.

Schlussfolgerungen

In den 1970er Jahren stiess die Sozialdemokratie in der schweizerischen Arbeiterschaft noch auf deutlich höhere Sympathien als im Durchschnitt der Wählerschaft. Somit votierten damals Arbeiterinnen und Arbeiter auch in der Schweiz, trotz der grossen Bedeutung anderer Konfliktlinien, deutlich überdurchschnittlich für die Linke. In den 1980er Jahren begannen die Sympathien der Arbeiterschaft für die Sozialdemokraten zu erodieren. Ab Mitte der 1990er Jahren entschieden sich Arbeiterinnen und Arbeiter nur noch unterdurchschnittlich für die SP. Übervertreten war in dieser Wählerkategorie dagegen die sich nun zunehmend rechtspopulistisch positionierende SVP. Nicht zu vergessen ist dabei auch, dass Arbeiter sich jeweils weniger an den Wahlen beteiligten als die sozial bessergestellten Bevölkerungsschichten.

Kann man noch von einem klassenspezifisches Wahlverhalten der Arbeiterinnen und Arbeiter sprechen, wenn eine relative Mehrheit von ihnen die rechtsbürgerliche SVP wählt? Wenn man davon ausgeht, dass Klassen über ihre Wahlpräferenzen bewusst ihre ökonomischen Interessen verteidigen, muss die Frage verneint werden. Die SVP vertritt auch in der Wirtschaftspolitik klar rechte Positionen. Wie Umfrageergebnisse zeigen, befürworten die Arbeiter und unteren Angestellten aber auch nach der Jahrtausendwende klassisch sozialdemokratische Positionen in der Steuer- und Sozialpolitik (Umverteilung des Reichtums von oben nach unten). Zudem gibt es in der SVP keinen Arbeitnehmerflügel, im Unterschied zur CVP, deren den christlichen Gewerkschaften nahestehender Flügel in wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen eher linke Positionen vertritt. Unter den gewerkschaftlich organisierten Arbeitern ist denn auch nach wie vor die SP die mit Abstand stärkste Kraft (Rennwald, 2015). Regionale Unterschiede zeigen zudem, dass es der SP in Kantonen, wo die Arbeiterbewegung traditionell stärker organisiert war, besser gelingt, die Hinwendung von Arbeitern zur SVP zu bremsen.

Die veränderten Parteipräferenzen der Arbeiter lassen sich nicht mit ihren politischen Einstellungen erklären. Bis heute stehen Arbeiter in der Sozial- und Wirtschaftspolitik links. Umgekehrt nahmen sie in der Migrationspolitik bereits in den 1970er Jahren häufig von den SP-Parteiparolen abweichende restriktivere Positionen ein. Dies änderte damals aber noch nichts an ihrer überdurchschnittlichen Sympathie für die SP. Eine viel entscheidendere Rolle spielte das politische „Angebot“ der Parteien (Rennwald, 2015; Rennwald & Evans, 2014): Einerseits nahm die SP Schweiz in den letzten Jahrzehnten vermehrt auch die Themen der „neuen sozialen Bewegungen“ – zum Beispiel die Umwelt-, Friedens- und Frauenbewegung – auf ihre politische Tagesordnung (Zimmermann, 2007). Andrerseits hat die SVP die Migrations- und Europapolitik zu ihrem Kerngeschäft gemacht und verschaffte diesen Themen damit einen zentralen Platz in der schweizerischen Politik. Diese Änderungen in der Programmatik der beiden Parteien erschwerte es, die wirtschaftlichen und sozialen Konflikte in der schweizerischen Politik zu thematisieren.

Schliesslich weist auch die SVP ein sozial heterogenes Elektorat auf. Übervertreten sind unter den SVP-Wählern auch Kaderangestellte und vor allem die traditionelle Basis aus Selbständigerwerbenden in Landwirtschaft, Handel und Gewerbe. Diese (klein-) bürgerlichen Schichten prägen den klassenpolitischen Charakter der Partei weit stärker als die neuen SVP-Wähler aus der Arbeiterschaft. Noch bestimmender in der rechtspopulistisch gewendeten SVP ist zudem eine wahlsoziologisch kaum zu erfassende sehr kleine Gruppe von Besitzern grosser Vermögen und Unternehmen. Zu dieser Gruppe gehören auch viele der öffentlich bekanntesten Exponenten der Partei – allen voran Christoph Blocher (Mach, 2015). Es sind diese Kreise, die argumentativ und finanziell die permanente migrations- und europapolitische Kampagne der SVP erst ermöglichen. Wie lange wird es ihnen gelingen, damit gerade in denjenigen Wählerschichten zu punkten, die unter ihrer neoliberalen Wirtschaftspolitik am meisten zu leiden haben?

 

[1] Das Klassenschema von Daniel Oesch beruht auf der International Standard Classification of Occupations (ISCO), einer detaillierten, von der ILO ausgearbeiteten Kategorisierung der Berufe. Die ISCO wurde meistens auch in den schweizerischen Wahlumfragen verwendet, aber bedauerlicherweise nicht in denjenigen von 1979, 1987 und 1991. Wie bereits erwähnt, ist es damit zwar für die uns hier besonders interessierende Gruppe der Produktionsarbeiter möglich, eine über den ganzen untersuchten Zeitraum einigermassen kontinuierliche Datenreihe zu rekonstruieren, nicht aber für die Dienstleistungsangestellten.

[2] Die Daten wurden gewichtet um die Aufstockung der kantonalen Stichproben von mehreren Selects Umfragen zu korrigieren. Der Anteil der verschiedenen Parteien wurde aufgrund ihres effektiven Wahlanteils gewichtet (zur Methode, vgl. Lutz, 2012: 84-86). Für die Analyse der Wahlbeteiligung (Graphik 2) wurden die Daten auf der Basis der offiziellen Wahlbeteiligung gewichtet.

[3] Da die Fallzahl trotz der Kumulierung klein bleibt, insbesondere für die Westschweiz, müssen die Ergebnisse zurückhaltend interpretiert werden.

Anhang_neu

 

Bibliographie

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