Der Aufholprozess der jungen Frauen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt: Geburtsjahrgänge 1960–1998

N°45, Oktober 2026
Daniel Oesch (Universität Lausanne) & Oliver Lipps (FORS),

October 12, 2026
How to cite this article:

Oesch, D. & Lipps, O. (2026). Der Aufholprozess der jungen Frauen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt: Geburtsjahrgänge 1960–1998. Social Change in Switzerland, N°45. doi: 10.22019/SC-2026-00006

Copyright:

© the authors 2026. This work is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC BY 4.0) Creative Commons License


Zusammenfassung

Die Bildungsexpansion hat das Geschlechterverhältnis auf den Kopf gestellt: 2025 hatten mehr junge Frauen als junge Männer in der Schweiz einen Tertiärabschluss. Schlägt sich dieser Vorsprung auch auf dem Arbeitsmarkt nieder? Anhand der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebungen von 1991 bis 2024 vergleichen wir die 25- bis 34-jährigen Männer und Frauen der Geburtsjahrgänge 1960 bis 1998. Über die Kohorten hinweg nähern sich die Geschlechter stetig an: Die Lücke bei der Erwerbstätigenquote sank von rund 22 Prozentpunkten im Jahrgang 1965 auf wenige Punkte im Jahrgang 1995, jene bei der Ar-beitszeit von 17 auf unter vier Wochenstunden, und das Lohnpotenzial der Berufe stieg bei Frauen ra-scher als bei Männern. Am deutlichsten zeigt sich dies beim gesamten Erwerbseinkommen, inklusive Nulleinkommen der Nichterwerbstätigen: Der Rückstand der jungen Frauen sank von 55% auf 14%. Im Vergleich mit Frankreich, Schweden oder den USA hatte die Schweiz im Jahrgang 1965 die grösste Ein-kommenslücke, weist beim Jahrgang 1995 aber die kleinste auf. Der verbleibende Rückstand geht vor allem auf die Elternschaft zurück: Unter Kinderlosen ist die Lücke weitgehend geschlossen, junge Mütter verdienen aber weiterhin deutlich weniger als junge Väter. Doch auch zwischen Müttern und Vätern hat sich die Lücke verringert. Die Aufholjagd der jungen Frauen ist in vollem Gange.


Copyright

© the authors 2026. This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 3.0 Unported License (CC BY-NC-ND 3.0) Creative Commons License


Einleitung

Bis Ende des 20. Jahrhunderts hatten junge Männer in den meisten westlichen Ländern häufiger einen Tertiärabschluss als junge Frauen. Heute ist es umgekehrt – nicht nur in der Schweiz, sondern in allen 38 OECD-Ländern (OECD 2024a). Diese Umkehr des Bildungsvorteils hat viele überrascht: „Niemand hat vorhergesagt, dass Frauen die Männer so schnell, so umfassend und so einheitlich rund um den Globus überholen würden“ (Reeves 2022: 13, unsere Übersetzung).

So beeindruckend die Bildungsfortschritte der Frauen sind, auf dem Arbeitsmarkt scheinen sie sich nur bedingt niederzuschlagen. In allen OECD-Ländern arbeiten Frauen weniger Stunden, sind seltener in gut bezahlten Berufen tätig und verdienen weniger als Männer (OECD 2018). Viele Forschende ziehen daraus den Schluss, die Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt sei ins Stocken geraten (Jaspers et al. 2022). Diese Diagnose stammt allerdings weitgehend aus den USA (England et al. 2020) – und sie ist angesichts des weiblichen Bildungsvorteils erklärungsbedürftig. Die meisten Arbeitnehmenden suchen Stellen, in denen ihre Bildung einen möglichst hohen Ertrag abwirft, und Arbeitgeber wählen die produktivsten Bewerberinnen und Bewerber aus – wobei Produktivität stark von der Ausbildung abhängt (Becker 1994). Junge Frauen müssten demnach gegenüber jungen Männern aufholen.

Inwieweit dies auf die Schweiz zutrifft, ist eine offene Frage. Ein Grossteil der Jugendlichen absolviert eine Berufslehre mit stark nach Geschlecht segregierten Fachrichtungen (Kriesi und Imdorf 2019). Auf dem Arbeitsmarkt sind Frauen zwar häufiger erwerbstätig als in den meisten anderen europäischen Ländern, sie arbeiten jedoch auch häufiger Teilzeit. Mehrere Institutionen begünstigen dieses Muster. Anders als alle EU-Staaten kennt die Schweiz weder einen teilbaren Elternurlaub noch für Väter reservierte Monate. Die externe Kinderbetreuung ist teuer und in vielen Regionen noch immer schwach ausgebaut, insbesondere auch bei Tagesschulen (Gromada und Richardson 2021). Entsprechend wird die Schweiz in der Gleichstellungspolitik oft als Nachzüglerin beschrieben (Engeli 2023).

Dazu passt, dass die Bildungsumkehr in der Schweiz später einsetzte als in den meisten OECD-Ländern. Noch bis Anfang der 2010er Jahre lagen die Frauen unter den 25- bis 34-Jährigen bei den Tertiärabschlüssen (Universität, Fachhochschule und höhere Berufsbildung) hinter den Männern. Danach haben die jungen Frauen die jungen Männer innert weniger Jahre nicht nur eingeholt, sondern überholt. 2025 hatten 54% der jungen Frauen, aber nur 48% der jungen Männer einen Abschluss auf Tertiärstufe (BFS 2026a). Unser Beitrag fragt, ob sich dieser Aufholprozess auch auf dem Arbeitsmarkt zeigt. Dazu untersuchen wir, wie sich die Unterschiede zwischen jungen Frauen und Männern bei Erwerbstätigkeit, Arbeitszeit, beruflicher Stellung und Erwerbseinkommen über die Geburtsjahrgänge hinweg entwickelt haben.

Zur Geschlechterungleichheit auf dem Arbeitsmarkt tragen mehrere Faktoren bei: die Segregation der Ausbildungsbereiche (Kriesi und Imdorf 2019), die ungleiche Verteilung von Männern und Frauen auf die Berufe (Murphy und Oesch 2016) sowie Diskriminierung (Auspurg et al. 2017; Combet und Oesch 2019). In den letzten Jahrzehnten ist jedoch die Elternschaft zur dominanten Ursache geworden und erklärt heute über zwei Drittel der geschlechtsspezifischen Einkommenslücke in Europa und den USA (Kleven et al. 2025). Um den Einfluss der Ausbildung zu beobachten, bevor Kinder die Karrieren von Männern und Frauen unterschiedlich prägen, legt unsere Studie den Fokus auf die frühe Erwerbsphase, d. h. das Alter von 25 bis 34 Jahren. In diesem Karriereabschnitt ist ein grosser Teil der Frauen und Männer noch kinderlos: Seit 2010 liegt das Durchschnittsalter der Mütter bei der Geburt des ersten Kindes über 30 Jahren (BFS 2026b). Zudem spielt die formale Bildung in dieser frühen Erwerbsphase die stärkste Rolle. Mit zunehmendem Alter rückt die Berufserfahrung in den Vordergrund, während die Ausbildung an Gewicht verliert (Triventi et al. 2015).

Die meisten Studien, die den Wandel über die Zeit untersuchen, vergleichen Männer und Frauen zwischen Kalenderjahren über alle Altersgruppen hinweg. Die Bildungsexpansion hat jedoch nicht alle Frauen gleichzeitig erfasst, sondern sich von Jahrgang zu Jahrgang vollzogen. In der Schweiz haben ältere Männer im Schnitt eine höhere Ausbildung als ältere Frauen, bei den jüngeren ist es umgekehrt. Studien, die alle Altersgruppen zusammenfassen, vermischen Jahrgänge mit gegenläufigen Bildungsprofilen und lassen den Fortschritt der jungen Frauen im Durchschnitt verschwinden. Dies zeigen Campbell und Pearlman (2013) für die USA: Der Rückgang der Geschlechterlohnlücke zwischen 1975 und 2009 ging dort fast ausschliesslich auf das Nachrücken jüngerer, besser ausgebildeter Frauenkohorten zurück. Wer den Aufholprozess sehen will, muss deshalb Kohorten vergleichen – wie wir es für die Geburtsjahrgänge 1960 bis 1998 tun. Anhand von Daten zu vier weiteren westlichen Ländern ordnen wir die Schweiz zudem international ein.

Unsere Ergebnisse widersprechen der Stagnationsthese. Junge Frauenkohorten schliessen bei Erwerbstätigkeit, Arbeitszeit, beruflicher Stellung und Erwerbseinkommen schrittweise zu den gleichaltrigen Männern auf. Am deutlichsten ist die Angleichung unter den Kinderlosen. Bei Eltern verringert sich die Lücke ebenfalls, bleibt aber gross. Die schnelle Entwicklung sticht auch im internationalen Vergleich hervor und stellt das Bild der Schweiz als Nachzüglerin infrage.

Daten und Methode

Unsere Analyse beruht auf der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) des Bundesamts für Statistik (BFS), welche für die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz repräsentativ ist. Wir führen alle 34 Erhebungsjahre von 1991 bis 2024 zusammen und erhalten eine Stichprobe von 218’770 Männern und Frauen im Alter von 25 bis 34 Jahren, geboren zwischen 1960 und 1998. Die Analyse des Erwerbseinkommens replizieren wir mit einer zweiten Datenbasis, dem Schweizer Haushalt-Panel (SHP, 1999–2024). Für den internationalen Vergleich verwenden wir Daten zu den Erwerbseinkommen für Frankreich (Enquête Emploi 1990–2023), Schweden (Steuerregister 1980–2021), das Vereinigte Königreich (Labour Force Survey 1993–2024) und die USA (Current Population Survey 1962–2024).

Wir untersuchen vier Indikatoren des Arbeitsmarkterfolgs:

(i) Erwerbstätigenquote: Wir unterscheiden binär zwischen bezahlter Erwerbstätigkeit (als Arbeitnehmende, Arbeitgebende oder Selbstständige) und Nichterwerbstätigkeit/Erwerbslosigkeit.

(ii) Arbeitszeit: Wir messen die wöchentliche Erwerbsarbeitszeit aller 25- bis 34-Jährigen und weisen Nichterwerbstätigen null Stunden zu.

(iii) Berufliches Lohnpotenzial: Wir erfassen dies mit dem Indikator des Occupational Earning Potential (OEP), welcher das Medianeinkommen eines Berufs als Perzentil der gesamten Einkommensverteilung ausdrückt (Oesch et al. 2026).[1] Da sich das OEP nur Personen mit einer Berufsangabe zuordnen lässt, beschränkt sich diese Teilanalyse auf die Erwerbstätigen.

(iv) Gesamtes Erwerbseinkommen: Statt des Stunden- oder standardisierten Monatslohns betrachten wir das tatsächliche Bruttoerwerbseinkommen, inklusive der Nulleinkommen von Nichterwerbstätigen und Einkommen von kleinen Teilzeitstellen. Dieses Mass fasst Unterschiede bei Erwerbsbeteiligung, Arbeitszeit und Stundenlohn in einer einzigen Zahl zusammen. Es zeichnet somit ein umfassenderes Bild der Geschlechterlücke als die konventionelle Lohnlücke, die Nichterwerbstätige ausschliesst und damit die geschlechtsspezifische Selektion in die Erwerbsbeteiligung übersieht (Olivetti und Petrongolo 2016). Zum Vergleich zeigen wir jedoch auch, wie sich die Lücke im Stundenlohn der Erwerbstätigen über die Jahrgänge hinweg entwickelt hat. Alle Einkommen sind inflationsbereinigt.

Für jeden der vier Indikatoren schätzen wir eine lineare Regression mit drei erklärenden Variablen: dem Geschlecht, dem Geburtsjahr (ein Dummy pro Jahrgang von 1960 bis 1998) und der Interaktion zwischen Geschlecht und Geburtsjahr. Als einzige Kontrollvariable berücksichtigen wir das Alter. Der Interaktionsterm ist für uns entscheidend: Er zeigt, wie sich der Unterschied zwischen Männern und Frauen über die Geburtsjahrgänge hinweg verändert. Wir zeigen alle Ergebnisse grafisch als vorhergesagte Werte (predictive margins). Eine ausführlichere Diskussion unserer Methode findet sich in Lipps et al. (2026).

Kinder nehmen wir bewusst nicht als erklärende Variable ins Modell, da Zeitpunkt und Zahl der Geburten selbst von den Bildungs- und Erwerbschancen der jungen Frauen und Männer abhängen. Damit sind sie eher Folge als Ursache des Wandels über die Geburtskohorten hinweg. In Zusatzanalysen zeigen wir jedoch die Einkommenslücke getrennt für Personen mit und ohne Kinder.

Resultate

In einem ersten Schritt vergleichen wir die Erwerbsbeteiligung über die Geburtskohorten hinweg (Abbildung 1, links). In der Geburtskohorte von 1965 lag die Erwerbstätigenquote junger Frauen in der Schweiz rund 22 Prozentpunkte unter jener junger Männer: knapp 75% gegenüber über 90%. In den nachfolgenden Jahrgängen stieg die Erwerbstätigenquote der Frauen kontinuierlich an und erreichte im Jahrgang 1995 gut 85%. Zugleich ging jene der jungen Männer um 5 Prozentpunkte zurück. Die Geschlechterlücke bei der Erwerbsbeteiligung schloss sich damit fast vollständig.

Allerdings überzeichnen Erwerbstätigenquoten die Konvergenz zwischen den Geschlechtern, da Frauen häufiger Teilzeit arbeiten als Männer. Dies gilt insbesondere für die Schweiz mit der zweithöchsten weiblichen Teilzeitquote aller OECD-Länder nach den Niederlanden (OECD 2024b). Wir verwenden deshalb in Abbildung 1 (rechts) die Arbeitsstunden – einschliesslich null Stunden für Nichterwerbstätige – als genaueres Mass für die Erwerbsbeteiligung. Die wöchentliche Arbeitszeit der jungen Männer ging zwischen den Geburtskohorten von 1965 und 1995 von rund 40 auf 35 Stunden zurück. Zugleich stieg die Arbeitszeit der Frauen von rund 23 auf 31 Stunden. Der Unterschied verringerte sich damit von 17 auf weniger als 5 Stunden.

Abbildung 1: Erwerbstätigenquote (links) und wöchentliche Arbeitsstunden (rechts) in der Schweiz, 25- bis 34-Jährige nach Geburtsjahr

Daten: SAKE 1991–2024.

Anmerkung: Für die Jahrgänge an den Rändern sind nicht alle Altersjahre erfasst: Transparente Linien beruhen auf zwei bis neun der Altersjahre 25–34, opake Linien auf allen zehn.

Wir verlagern den Fokus in Abbildung 2 von der Quantität auf die Qualität der Arbeit und zeigen, wie sich das Lohnpotenzial der ausgeübten Berufe (Occupational Earning Potential, OEP) von jungen Männern und Frauen über die Kohorten hinweg entwickelt hat. Im Jahrgang 1965 lag das OEP bei den Männern bei 50 und entsprach also genau dem Median der gesamten Erwerbsbevölkerung. Bei den Frauen lag es bei 41 – sie arbeiteten folglich in Berufen, deren Medianlohn jenen von 41% der Erwerbsbevölkerung übertraf. Seither hat sich die berufliche Position der jungen Frauen kontinuierlich verbessert, doch auch die jungen Männer profitierten von der Aufwertung der Berufsstruktur: Im Jahrgang 1995 lag ihr OEP bei 55, jenes der Frauen bei 50. Der Geschlechterunterschied verringerte sich damit zwischen den Jahrgängen 1965 und 1995 von 9 auf 5.7 Perzentilpunkte. Anders als bei Erwerbsbeteiligung und Arbeitszeit beruht die Annäherung hier nicht auf einem Rückgang bei den Männern, sondern darauf, dass die Frauen rascher aufsteigen.

Abbildung 2: Berufliches Lohnpotenzial, gemessen mit der OEP-Skala, 25- bis 34-Jährige nach Geburtsjahr

Daten: SAKE 1991–2024.

Die Unterschiede in Erwerbstätigkeit, Arbeitszeit und Beruf lassen sich in einem einzigen Indikator zusammenfassen, dem gesamten Erwerbseinkommen junger Männer und Frauen (Abbildung 3, links).[2] In der Geburtskohorte von 1965 war das Erwerbseinkommen junger Frauen in der Schweiz nicht einmal halb so hoch wie jenes junger Männer. Mit der zunehmenden Erwerbsbeteiligung der Frauen stiegen deren Einkommen in den nachfolgenden Kohorten kontinuierlich an und erreichten im Jahrgang 1995 einen Indexwert von 78, während jene der Männer parallel zur fallenden Arbeitszeit auf 90 Punkte zurückgingen. Die geschlechtsspezifische Lücke beim Erwerbseinkommen sank damit von 55% auf 14%. Die Annäherung ist weiterhin im Gange und verlief in den jüngsten Jahrgängen 1997 und 1998 besonders rasch. Diese beiden Jahrgänge beobachten wir jedoch erst im Alter von 25 bis 27 Jahren.[3]

Abbildung 3 (rechts) zeigt zum Vergleich den Stundenlohn der erwerbstätigen 25- bis 34-Jährigen. Auch dieser Indikator, der für die Arbeitszeit standardisiert ist, zeigt eine Annäherung über die Kohorten hinweg: Die Lücke schrumpfte von fast 20% im Jahrgang 1965 auf unter 5% im Jahrgang 1995.

Abbildung 3: Gesamtes Erwerbseinkommen aller 25- bis 34-Jährigen inkl. Nulleinkommen (links)
Erwerbseinkommen pro Stunde – nur erwerbstätige 25- bis 34-Jährige (rechts)
Alle Werte sind auf die Männer des Geburtsjahrgangs 1980 indexiert (= 100).

Daten: SAKE 1991–2024.

Lesebeispiel zur Indexierung: Das durchschnittliche Erwerbseinkommen der 1980 geborenen Männer ist auf 100 gesetzt; ein Wert von 47 für 1965 geborene Frauen bedeutet, dass sie 47% davon erzielen.

Verläuft die Annäherung der Erwerbseinkommen junger Frauen und Männer in der Schweiz ähnlich wie anderswo? Wir beantworten diese Frage anhand von Arbeitsmarkt- und Steuerdaten aus vier weiteren westlichen Ländern: Frankreich, Schweden, dem Vereinigten Königreich und den USA. Abbildung 4 zeigt, dass der Rückstand der Frauen beim gesamten Erwerbseinkommen in der Schweiz mit 55% in der Geburtskohorte von 1965 der zweitgrösste war; nur im Vereinigten Königreich fiel er mit 59% noch höher aus. In Frankreich, Schweden und den USA lag er bei knapp 40%. Anschliessend holten die jungen Frauen in allen Ländern auf, besonders stark in der Schweiz. Bei den 1995 Geborenen weist die Schweiz mit 14% die kleinste Lücke aller fünf Länder auf, gefolgt von Frankreich (16%), Schweden (18%), den USA (21%) und dem Vereinigten Königreich (23%). Eine Dekompositionsanalyse zeigt, dass die Annäherung der Erwerbseinkommen zum grösseren Teil auf einen Anstieg der Arbeitsstunden von Frauen und zum kleineren Teil auf geringere Unterschiede bei den Stundenlöhnen zurückgeht (siehe Lipps et al. 2026).

Abbildung 4: Rückstand der Frauen gegenüber den Männern beim gesamten Erwerbseinkommen (inkl. Nulleinkommen der Nichterwerbstätigen), 25- bis 34-Jährige, Geburtsjahrgänge 1965 und 1995

Abbildung 4: Rückstand der Frauen beim gesamten Erwerbseinkommen, Geburtsjahrgänge 1965 und 1995

Daten: Enquête Emploi 1990–2023 (Frankreich), Steuerregister 1980–2021 (Schweden), SAKE 1991–2024 (Schweiz), LFS 1993–2024 (UK), CPS 1962–2024 (USA).

 

Die geschlechtsspezifische Lücke beim gesamten Erwerbseinkommen fällt bei Eltern weit grösser aus als bei Kinderlosen. Mit der Geburt von Kindern gehen die Erwerbsverläufe von Männern und Frauen auseinander. Doch auch hier hat sich die Lücke über die Jahrgänge hinweg verringert. Abbildung 5 zeigt für die Schweiz, dass die Einkommenslücke im Jahrgang 1965 bei Kinderlosen bei 27% und bei Eltern bei 78% lag. Bis zum Jahrgang 1995 sank sie auf 7% bei den Kinderlosen und 51% bei den Eltern. Damit ist die Einkommenslücke bei den Eltern im Jahrgang 1995 in der Schweiz ähnlich gross wie in Schweden (55%), den USA (47%) und dem Vereinigten Königreich (51%), aber grösser als in Frankreich (37%; siehe Lipps et al. 2026).

Sinkende Geburtenzahlen und ein höheres Alter bei der ersten Geburt können die Geschlechterlücke im Kohortenvergleich verringern, weil der Anteil der Kinderlosen in den jüngeren Jahrgängen steigt. Die Einkommenslücke ist jedoch in beiden Gruppen deutlich zurückgegangen. Dies spricht gegen die These, dass dieser Kompositionseffekt die Hauptursache der Konvergenz ist.

Abbildung 5: Erwerbseinkommen der 25- bis 34-Jährigen mit Kindern (links) und ohne Kinder (rechts) nach Geburtsjahr (Index: 1980 geborene Männer = 100)

Daten: SAKE 1991–2024.

Schlussfolgerungen

Ausgangspunkt dieses Beitrags war die Frage, ob die grossen Bildungsfortschritte von Frauen auch mit besserem Arbeitsmarkterfolg einhergehen. Anhand aller SAKE-Erhebungen zwischen 1991 und 2024 haben wir diese Frage für junge Frauen und Männer aus einer Kohortenperspektive untersucht.

Für die 25- bis 34-Jährigen in der Schweiz zeigt sich über die Geburtsjahrgänge hinweg eine Angleichung. Die Geschlechterlücke bei der Erwerbstätigenquote verringerte sich von rund 22 Prozentpunkten im Jahrgang 1965 auf wenige Punkte im Jahrgang 1995, wobei die Quote der Frauen stieg und jene der Männer leicht zurückging. Bei der Arbeitszeit erhöhten junge Frauen ihr Pensum um acht Wochenstunden, während junge Männer ihres um fünf Stunden reduzierten; der Abstand schrumpfte von 17 auf unter vier Stunden. Das Lohnpotenzial der ausgeübten Berufe stieg für beide Geschlechter, für Frauen jedoch rascher. Am deutlichsten zeigt sich die Entwicklung beim umfassendsten Indikator, dem gesamten Erwerbseinkommen inklusive der Nulleinkommen: Der Rückstand junger Frauen sank von 55% im Jahrgang 1965 auf 14% im Jahrgang 1995. Eine Replikation mit dem Schweizer Haushalt-Panel bestätigt diesen Befund.

Im Vergleich der fünf Länder hatte die Schweiz im Jahrgang 1965 nach dem Vereinigten Königreich die zweitgrösste Einkommenslücke. Danach verlief der Aufholprozess in der Schweiz am schnellsten, sodass sie heute die kleinste Lücke aller fünf Länder aufweist – wenn auch die Unterschiede zwischen den Ländern gering sind. Die sozialwissenschaftliche Literatur hebt oft die institutionellen Unterschiede in Arbeitsmarkt und Sozialstaat hervor. Demgegenüber werden gemeinsame Triebfedern – Bildungsexpansion und Wandel der Geschlechternormen – möglicherweise unterschätzt. Für die Rolle der Bildungsexpansion spricht, dass sich die Angleichung kontinuierlich von Jahrgang zu Jahrgang vollzieht – und nicht sprunghaft wie nach institutionellen Reformen, die alle Altersgruppen gleichzeitig erfassen.

Die Elternschaft bleibt die entscheidende Trennlinie: Junge Mütter erzielen weit geringere Erwerbseinkommen als gleichaltrige Väter, während der Abstand unter Kinderlosen von Anfang an deutlich kleiner war und weiter geschrumpft ist. Doch auch zwischen Müttern und Vätern hat sich die Lücke über die Kohorten hinweg erheblich verringert.

Junge Frauen bleiben somit beim gesamten Erwerbseinkommen weiterhin hinter jungen Männern zurück, obwohl sie diese im Bildungsbereich überholt haben; beim Stundenlohn der Erwerbstätigen ist der Geschlechterunterschied in den jüngsten Jahrgängen dagegen nahezu verschwunden. Noch liegen die jungen Männer vorn, doch die Entwicklung läuft zugunsten der jungen Frauen.

Analysen, die Kalenderjahre über die gesamte Erwerbsbevölkerung vergleichen, unterschätzen die Konvergenz. Sie fassen Geburtskohorten mit stark unterschiedlichen Bildungsprofilen zusammen – und die Kohorten sind der Motor des sozialen Wandels. Die Jahrgänge, die in den 1990er Jahren geboren wurden, weisen bei Erwerbsbeteiligung, Arbeitszeit, beruflicher Stellung und Erwerbseinkommen deutlich geringere Geschlechterunterschiede auf als die Jahrgänge der 1980er Jahre und diese wiederum geringere als die Jahrgänge der 1970er und 1960er Jahre. Allerdings beobachten wir nur die ersten Jahre auf dem Arbeitsmarkt. Möglicherweise öffnet sich die Schere auch bei den heute jungen Frauen und Männern mit der Elternschaft wieder stärker. Die Gleichstellung der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt ist noch nicht erreicht – insbesondere bei Eltern nicht. Der Prozess ist jedoch in vollem Gange.

Anhang

Abbildung A.1: Erwerbseinkommen der 25- bis 34-Jährigen nach Geburtsjahr (Index: 1980 geborene Männer = 100), Haushalt-Panel (SHP) 1999-2024 Schweizer 

 

Endnoten

  1. Ein OEP von 80 (Ingenieurinnen) bzw. 35 (Sekretärinnen) bedeutet, dass das Medianeinkommen dieses Berufs höher ist als das Einkommen von 80% bzw. 35% der Erwerbsbevölkerung. Die Skala beruht auf Arbeitsmarktdaten aus Deutschland, Schweden, der Schweiz, dem Vereinigten Königreich und den USA für die Jahre 2000–2021 (Oesch et al. 2026). ↑
  2. Die OECD (2018: 242) zerlegt die Geschlechterlücke beim gesamten Erwerbseinkommen pro Kopf analog in einen Erwerbsanteil, einen Arbeitszeitanteil und einen Stundenlohnanteil, wobei letzterer vom Beruf beeinflusst wird. ↑
  3. Abbildung A.1 im Anhang repliziert die Entwicklung der Erwerbseinkommen von 25- bis 34-Jährigen mit dem Schweizer Haushalts-Panel (SHP, 1999–2024) und zeigt denselben Trend: leicht fallende Männer- und stark steigende Fraueneinkommen, die beim letzten beobachteten Jahrgang 1996 überlappen. ↑

Bibliographie

Auspurg, K., Hinz, T., & Sauer, C. (2017). Why should women get less? Evidence on the gender pay gap from multifactorial survey experiments. American Sociological Review, 82(1), 179-210. https://doi.org/10.1177/0003122416683393

Becker, G. S. (1994). Human capital revisited. In: Becker, G. S. (ed.) Human capital: A theoretical and empirical analysis with special reference to education. Chicago: University of Chicago Press, 15-28. https://doi.org/10.7208/chicago/9780226041223.001.0001

BFS (2026a). Bildungsstand der Bevölkerung – Daten des Indikators, 30. 4. 2026. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home.assetdetail.36520039.html

BFS (2026b). Durchschnittsalter von Müttern und Vätern bei Geburt des Kindes nach Staatsangehörigkeitskategorie, 1971-2025 – Daten des Indikators, 24. 9. 2026. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/geburten-todesfaelle/fruchtbarkeit.assetdetail.36837657.html

Campbell, C., & Pearlman, J. (2013). Period effects, cohort effects, and the narrowing gender wage gap. Social Science Research, 42(6), 1693-1711. https://doi.org/10.1016/j.ssresearch.2013.07.014

Combet, B., & Oesch, D. (2019). Die Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern beginnt lange vor der Familiengründung. Social Change in Switzerland, N°18. https://doi.org/10.22019/SC-2019-00004

Engeli, I. (2023). Gender and equality+ policy. In P. Emmenegger, F. Fossati, S. Häusermann, Y. Papadopoulos, P. Sciarini, & A. Vatter (Eds.), The Oxford handbook of Swiss politics. Oxford University Press. https://doi.org/10.1093/oxfordhb/9780192871787.013.39

England, P., Levine, A., & Mishel, E. (2020). Progress toward gender equality in the United States has slowed or stalled. Proceedings of the National Academy of Sciences, 117(13), 6990-6997. https://doi.org/10.1073/pnas.1918891117

Gromada, A., & Richardson, D. (2021). Where do rich countries stand on childcare? UNICEF Office of Research–Innocenti. https://www.unicef.org/innocenti/reports/where-do-rich-countries-stand-childcare

Jaspers, E., Van der Lippe, T., & Evertsson, M. (2022). Gender inequality, households, and work. In K. Gërxhani, N. D. de Graaf, & W. Raub (Eds.), Handbook of sociological science: Contributions to rigorous sociology (pp. 176–195). Edward Elgar Publishing. https://doi.org/10.4337/9781789909432.00018

Kleven, H., Landais, C., & Leite-Mariante, G. (2025). The child penalty atlas. Review of Economic Studies, 92(5), 3174-3207. https://doi.org/10.1093/restud/rdae104

Kriesi, I., & Imdorf, C. (2019). Gender segregation in education. In: Becker, R. (ed.) Research Handbook on the Sociology of Education. Cheltenham: Edward Elgar, 193-212. https://doi.org/10.4337/9781788110426.00020

Lipps, O., Oesch, D., & Shahbazian, R. (2026). No stalled revolution: The closing gender gap in early careers in Europe and the United States. Sociological Science, 13, 1159–1178. https://doi.org/10.15195/v13.a44

Murphy, E., & Oesch, D. (2016). The feminization of occupations and change in wages: A panel analysis of Britain, Germany, and Switzerland. Social Forces, 94(3), 1221-1255. https://doi.org/10.1093/sf/sov099

OECD (2018). Starting close, growing apart: Why the gender gap in labour income widens over the working life. OECD Employment Outlook, Chap. 6, 211-260. Paris:
OECD Publishing. https://doi.org/10.1787/empl_outlook-2018-en

OECD (2024a). Education at a Glance 2024: OECD Indicators. Paris: OECD Publishing. https://doi.org/10.1787/c00cad36-en

OECD (2024b). Part-time employment rate. OECD Data Explorer. https://www.oecd.org/en/data/indicators/part-time-employment-rate.html

Oesch, D., Lipps, O., Shahbazian, R., Bihagen, E., & Morris, K. (2026). Occupational earning potential: a new measure of social hierarchy in Europe and the US. European Sociological Review, 42(3), 421-441. https://doi.org/10.1093/esr/jcaf035

Olivetti, C., & Petrongolo, B. (2016). The evolution of gender gaps in industrialized countries. Annual Review of Economics, 8(1), 405-434. https://doi.org/10.1146/annurev-economics-080614-115329

Reeves, R. V. (2022). Of boys and men: Why the modern male is struggling, why it matters, and what to do about it. Washington D.C.: Brookings Institution Press. https://doi.org/10.5771/9780815739883

Triventi, M., Skopek, J., Kosyakova, Y., Buchholz, S., & Blossfeld, H.-P. (2015). Gender Inequalities at Labor Market Entry: A Comparative View from the eduLIFE Project. Comparative Social Research, 31, 25-51. https://doi.org/10.1108/S0195-631020150000031001



Except where otherwise noted, content on this site is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License. Creative Commons License ISSN: 2297-5047

2015 © - Powered by FORS | Privacy Policy [PDF]

FORS | Bâtiment Géopolis, 5th floor | Reception desk - room 5614 | CH-1015 Lausanne | +41 (0)21 692 37 30 | info@forscenter.ch