Der Übergang in die Elternschaft reaktiviert die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern: eine Analyse der Lebensläufe von Männern und Frauen in der Schweiz

N°14, Mai 2018
René Levy, Universität Lausanne

May 24, 2018
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R. Levy (2018), Der Übergang in die Elternschaft reaktiviert die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern: eine Analyse der Lebensläufe von Männern und Frauen in der Schweiz. Social Change in Switzerland N° 14. Retrieved from https://www.socialchangeswitzerland.ch

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Zusammenfassung

Die Zunahme der Frauenerwerbsquote gilt oft als Zeichen zunehmender Geschlechtergleichheit. Bei der Geburt des ersten Kindes wird jedoch die Familienorganisation traditioneller: Die Mutter reduziert ihre Erwerbstätigkeit, unterbricht sie oder gibt sie sogar definitiv auf. Anhand von drei sich ergänzenden Untersuchungen zeigt dieser Artikel zunächst, dass sich die gegenwärtigen Lebensläufe weiterhin stark nach Geschlecht unterscheiden und dass sich diese Geschlechtsspezifität bei der Paarbildung und vor allem beim Übergang zur Elternschaft einstellt. Diese Retraditionalisierung ist eine Folge des sozialen Kontexts und des Sozialstaats, in welchem die Paare leben – und die Rückkehr zur traditionellen Arbeitsteilung erfolgt unabhängig von den ursprünglichen Absichten der Partner vor der Elternschaft. Dieser Artikel zeigt die Wichtigkeit ausserfamiliärer Einrichtungen der Kinderbetreuung und eines echten Eltern- und nicht nur Mutterschaftsurlaubs, um den Paaren – vor allem den einkommensschwachen – ein nicht geschlechtsdiskriminierendes Funktionieren zu ermöglichen.


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Die Lebensläufe sind geschlechterdifferent[1]

Die wissenschaftliche Literatur der vergangenen 40 Jahre hat drei einander widersprechende Thesen über die Standardisierung der Lebensläufe hervorgebracht. Die älteste (Levy, 1977) postuliert, die Verläufe seien geschlechterdifferent, also sozial standardisiert, und zwar für Männer und Frauen unterschiedlich. Die jüngste (Beck & Beck-Gernsheim, 1990) behauptet, dass sich die Standardisierungen in den sogenannt postmodernen Gegenwartsgesellschaften auflösen und dass sich die Lebensläufe deshalb individualisiert hätten. Dazwischen liegt die These von Kohli (1985), der an der Idee der Standardisierung festhält, aber nach dem gleichen Modell für beide Geschlechter, das nach der Jugendzeit durch drei aufeinanderfolgende Phasen gekennzeichnet ist: Ausbildung, Erwerbstätigkeit und Pension, wobei gewisse Abwandlungen vorkommen könnten.[2]

Nach einer ersten empirischen Analyse anhand einer Paarstichprobe, die bereits zu klaren Resultaten führte (Widmer et al., 2003), ermöglichen es die Daten des Schweizer Hauhalt-Panels, die die gesamte Bevölkerung unabhängig vom Zivilstand betreffen, die Feststellung der Geschlechtsspezifität zu bestätigen. Die retrospektiven Angaben aus den Wellen von 2001 und 2002 werden einer Sequenz­analyse unterzogen (siehe Kasten), um Typen von Verläufen zu identifizieren. Diese Analysen zeigen, dass die Lebensläufe in erheblichem Ausmass standardisiert sind und zwar unterschiedlich für Männer und Frauen (Levy et al., 2006; Levy et Widmer, 2013). Sie bringen zwei Typen männlicher Verläufe und vier Typen weiblicher Verläufe zum Vorschein (Grafiken 1 bis 6).[3]

Der Typ “Vollzeit” (Grafik 1) herrscht mit drei Vierteln (72%) der männlichen Verläufe klar vor. Er ent­spricht dem von Kohli für alle Verläufe postulierten dreiteiligen Modell. Dass die zweite Verlaufskategorie wenig profiliert erscheint, unterstreicht noch die Dominanz dieses Typs.

Der zweite Typ (Grafik 2), zu dem immerhin 28% der männlichen Verläufe gehören, zeigt kein klar erkennbares Profil und ist eher eine Restkategorie. Sie fasst sehr unterschiedliche Verläufe zusammen, deren Gemeinsamkeit darin liegt, dass sie dem Hauptmodell nicht entsprechen und atypische Elemente enthalten: verlängerte oder wiederholte Ausbildungsphasen, relative Häufigkeit von Berufsunter­brechungen, frühe Pensionierung und geringe Altersbindung der verschiedenen Übergänge. Deshalb sprechen wir von “erratischen” Verläufen.

Für die weiblichen Verläufe stellt sich die Situation anders dar, hier finden sich vier deutlich profilierte Typen.

Ein erster gleicht dem bei Männern vorherrschenden Typ “Vollzeit” (Grafik 3), ohne aber mit ihm identisch zu sein, denn er enthält im Fall der Frauen auch Phasen, in denen die berufliche Laufbahn – wenn auch nur kurzfristig – zugunsten der Familienarbeit unterbrochen wird. Diese Unterbrechungen können in jedem Alter auftreten und bleiben zahlenmässig gering. Dieser Typ vereint ein Drittel der weiblichen Verläufe.

Ein zweiter Typ (Grafik 4), “Teilzeit” mit einem Viertel der weiblichen Verläufe ist nach der Ausbildungs­phase durch den Übergang von vollzeitlicher zu teilzeitlicher Erwerbstätigkeit gekennzeichnet, bei dem es bis zur Pensionierung bleibt.

Ein dritter Typ (Grafik 5), “Rückkehr”, vereinigt 30% der weiblichen Verläufe und ist durch das Hin-und-Her zwischen beruflichem und familiärem Engagement charakterisiert, wobei die Rückkehr zur Berufs­tätigkeit nur teilzeitlich erfolgt.

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Methodenfragen

Retrospektive Daten : Die Wellen 2001 und 2002 des Schweizer Haushalt-Panels enthielten ein Modul mit biographischen Fragen, die für jedes zurückliegende Lebensjahr gestellt wurden. Dies erlaubte es, das Beobachtungsfenster des erstmals 1999 realisierten Panels nach hinten zu erweitern und die Lebensläufe der Befragten ab ihrem 16. Altersjahr zu rekonstruieren. Die hier analysierten Daten betreffen jene Befragten, die mindestens 30 Jahre alt waren, und decken Lebensläufe bis zu einer Dauer von 49 Jahren ab, also bis zum Alter von 64 Jahren, je nach ihrem Alter im Moment der zwei Befragungswellen. Die Dauer der analysierten Verläufe variiert also zwischen 1972-2002 für die jüngsten und 1938-2002 für die ältesten. Die Stichprobe setzt sich aus 1935 Frauen und 1696 Männern zusammen.

Die individuellen Lebensverläufe werden für jedes Lebensjahr durch einen von sieben “Zuständen” (Hauptaktivitäten) beschrieben: Ausbildung, vollzeitige Erwerbstätigkeit, teilzeitige Erwerbstätigkeit, Familienarbeit, positive Erwerbsunterbrechung (lange Reise, sabbatical), negative Erwerbsunter­brechung (Krankheit, Arbeitslosigkeit), Pension. Die Lebensläufe werden getrennt für Männer und Frauen analysiert, um die typologischen Unterschiede klarer herauszukristallisieren.

Sequenzanalysen : Diese Methode – auch Optimal Matching oder Sequenzalignment genannt – wurde für die Genomik entwickelt und erlaubt es, Abfolgen paarweise zu vergleichen, um Typen von Sequenzen mit ähnlichen Verlaufsprofilen zu ermitteln.

Sequenzgrafiken : Die Grafiken 1 bis 6 stellen die in den männlichen und weiblichen Verläufen gefundenen Verlaufstypen dar. Es handelt sich um Histogramme (Kolonnendiagramme) mit einer Säule pro Altersjahr zwischen 16 und 64 (horizontale Achse), welche die Anteile der sieben Hauptaktivitäten oder vorwiegenden sozialen Beteiligungen wiedergibt, die im betreffenden Altersjahr von den Personen des entsprechenden Verlaufstyps ausgeübt wurden (vertikale Achse). Auf diese Weise stellt jede Grafik synthetisch einen Verlaufstyp dar.

Ein vierter Verlaufstyp, (Grafik 6), ”Hausfrau”, entspricht schliesslich ganz dem traditionellen Modell: definitive Aufgabe der Erwerbstätigkeit zugunsten des Familienengagements, allerdings auch hier, wie bei den drei anderen Typen, nach einer anfänglichen Phase des vollzeitlichen Berufsengagements. Dieser Verlaufstyp war vermutlich in der Mitte des 20. Jahrhunderts bei Frauen vorherrschend (wegen fehlenden Verlaufsdaten über diese Zeit kann dies nur vermutet werden), aber inzwischen ist er mit 13% relativ selten geworden.

In den männlichen Lebensläufen findet sich also ein einziger gut identifizierbarer Verlaufstyp, der klar dominiert (“Vollzeit” mit 72%), während die weiblichen Verläufe sich auf vier Typen verteilen, die in differenzierter Weise die parallele Integration ins Familienleben und in die Arbeitswelt ausdrücken. Greift man die drei eingangs erwähnten Thesen wieder auf, so bestätigen diese Resultate deutlich jene der geschlechterdifferenten Standardisierung, wobei ein nicht vernachlässigbarer Anteil männlicher Verläufe (“Erratisch” mit 28%) ausserhalb des Standardtyps liegen, und bei den weiblichen Verläufen eine in vier Typen organisierte Diversität festzustellen ist.

Das Erwerbsengagement herrscht also in den männlichen Verläufen vor, jedenfalls in den drei Vierteln, die dem dominierenden Verlaufstyp entsprechen. Es ist auch in den weiblichen Verläufen vorhanden, die alle nach der Ausbildungsphase eine vollzeitliche Erwerbstätigkeit aufweisen, aber anschliessend in unterschiedlichem Ausmass zugleich durch das Familienengagement – auf Kosten der Erwerbstätigkeit – gekennzeichnet sind. Nur der traditionellste weibliche Verlaufstyp (“Hausfrau” mit 13%) weist den vollständigen Wechsel von der Arbeits- in die Familienwelt auf. Anders als die Männer erweisen sich somit Frauen mehrheitlich als «doppelt vergesellschaftet» (Becker-Schmidt 1987).

Der visuelle Vergleich der Verlaufstypen legt den Schluss nahe, dass die Geschlechterdifferenzierung der Verläufe bei der Paarbildung oder bei der Geburt des ersten Kindes auftritt. Welcher der beiden Übergänge dafür kritisch ist, kann eine Regressionsanalyse klären.

Die Geschlechterdifferenzierung der Lebensläufe wird hauptsächlich durch die Geburt des ersten Kindes ausgelöst

Die Regressionsanalyse der männlichen und weiblichen Verläufe bringt die wichtigsten Einflussgrössen zum Vorschein (siehe Tabelle A.1 im Anhang). Die stärksten Tendenzen in den Resultaten lassen sich in vier Punkten zusammenfassen:

1. Insgesamt ist der Einfluss der sozio-demographischen Faktoren wie Bildung, Einkommen und Alter für die Differenzierung der weiblichen Verlaufstypen folgenreicher als für die männlichen.

2. Die Einflüsse der beiden biographischen Elemente – das Vorhandensein von Kindern und der Zivilstand – auf die Erwerbsintegration sind für Männer und Frauen gegenläufig: Kinder und Heirat verstärken die Berufsintegration der Männer weiter, während sie jene der Frauen reduzieren. Die Präsenz von Kindern erklärt den Unterschied in den weiblichen Verläufen vor allem zwischen dem Typ “Vollzeit” einerseits – eher Frauen ohne Kinder – und den drei anderen Typen andrerseits – eher Frauen mit Kindern. Dies ist also der Hauptfaktor für die Geschlechterdifferenzierung der Lebensläufe. Scheidung oder Trennung beeinflusst die männlichen Verläufe nicht signifikant, verstärkt aber die Berufsintegration der Frauen.

3. Bildung und Einkommen beeinflussen ferner, ob Frauen mit Kindern den Verlaufstyp “Teilzeit”, “Rückkehr” oder “Hausfrau” einschlagen. So verstärkt ein hohes Bildungsniveau der Frau den Typ “Teilzeit”, während eine nur minimale Bildung den Rückzug in die Familie (“Hausfrau”) begünstigt. Ein hohes Einkommen des Haushaltes drückt sich im Verlaufstyp “Vollzeit” der Frauen aus, während ein tiefes Einkommen mit verringertem Berufsengagement der Männer einhergeht.

4. Auch das Alter spielt nur bei den Frauen eine Rolle: je jünger sie sind (in unserer Analyse sind die jüngsten Befragten zwischen 30 und 39 Jahren alt, also je grösser die Wahrscheinlichkeit, dass sie aktuell kleine Kinder haben), desto häufiger durchlaufen sie Verläufe vom Typ “Teilzeit” oder “Rückkehr”, während ein höheres Alter eher mit dem Typ “Hausfrau” einhergeht.

Diese Analyse liefert somit starke Hinweise auf die Bedeutung des doppelten Überganges von Paarbildung und Elternschaft für die Abzweigung der weiblichen, nicht aber der männlichen Verläufe in den einen oder anderen Verlaufstyp. Dieses Kippen schafft einen starken Geschlechterunterschied, es verstärkt noch die Erwerbsdominanz in den männlichen Verläufen und die doppelte Einbindung in Beruf und Familie der weiblichen Verläufe. Die Art und Weise, nach der eine Frau diese doppelte Einbindung realisiert, hängt von der gegenwärtigen sozialen Position des Paares und sekundär auch vom Alter der Frau ab. Die soziale Herkunft der Partner spielt dagegen keine Rolle.

Das Auseinanderlaufen der weiblichen und männlichen Verläufe wird also in erster Linie durch den Übergang zur Elternschaft aktiviert und nicht schon durch die Paarbildung. Diese Feststellung führt zu einer weiteren Frage: Entspringt diese Rückkehr des Paares zu einer geschlechterdifferenten Funktions­weise den Absichten der Partner oder eher den Zwängen, die sie aufgrund ihrer gesellschaftlichen Verortung erfahren? Eine Folgestudie soll diese Frage beantworten.

Eltern werden heisst ungleich(er) werden

Anschliessend an die Verlaufsanalyse wurde zwischen 2005 und 2007 eine Panelstudie westschweize­rischer Paare während ihres Übergangs zur Elternschaft durchgeführt.[4]Für diese interdisziplinäre Untersuchung wurden die Partner dreimal separat interviewt: während der Schwangerschaft, während des Mutterschaftsurlaubs und ein Jahr später. Die Studie erlaubt namentlich, die Absichten der Partner mit ihrer tatsächlichen Praxis in den drei Befragungszeitpunkten zu vergleichen. Erfolgt die Retraditiona­lisierung bei der Geburt des Kindes oder nach dem Mutterschaftsurlaub eher in Paaren, die vorher (während der Schwangerschaft) dementsprechende Absichten äussern, und ist sie seltener bei Paaren mit egalitären Absichten?

Die Resultate variieren je nach den betrachteten Komponenten der Familienarbeit. Sie sind besonders deutlich bei den klassischen Hausarbeiten (einkaufen, einräumen, reinigen, abwaschen, waschen, glätten). Unterscheidet man die Praxis der Paare danach, ob diese Arbeiten zwischen den Partnern eher geschlechterdifferent oder gleich verteilt sind, und ihre Absichten ebenfalls danach, ob sie eher geschlechterdifferent oder egalitär sind, ergibt die Kombination eine einfache, aber aussagekräftige Typologie von vier Wert/Praxis-Konstellationen (aufgrund der Mittelwerte beider Partner) gemäss dem Schema 1.

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Die Grafik 7 vergleicht die Befragungswellen 1 (Schwangerschaft) und 3 (ca. ein Jahr nach dem Mutter­schaftsurlaub) und zeigt damit zugleich die Entwicklung der Werte (erfasst als Absichten für die unmittelbar folgende Lebensphase), der Praxis (erfasst als Verteilung der Arbeit zwischen den Partnern) und jene ihrer Konstellationen entsprechend dem Schema 1.

Der Anteil der Paare mit egalitären Absichten (die beiden unteren, dunkleren Teile der Säulen, im Vergleich zu den beiden oberen) ändert zwischen den verglichenen Zeitpunkten nicht: die Paare mit egalitären Werten bleiben auch nach dem Übergang zur Elternschaft in der Mehrheit. Dagegen nimmt der Anteil der Paare mit geschlechterdifferenter Praxis (die beiden Säulenteile mit kleinen Punkten) nach dem Übergang deutlich zu. Insgesamt zeigt deshalb die Grafik, dass die Gewichtsverschiebung zu einer traditionell geschlechterdifferenten Praxis unabhängig von den Werten oder Absichten der Partner erfolgt: Die Paare mit kohärent geschlechterdifferenter Arbeitsteilung werden zwischen den zwei Zeitpunkten zahlreicher, jene mit kohärent egalitärer Verteilung seltener, die inkohärente Konstellation mit egalitären Werten und geschlechterdifferenter Praxis nimmt ebenfalls zu, während jene mit geschlechterdifferenten Werten und egalitärer Praxis abnimmt. Diese Übersicht der Veränderung der Paare belegt, dass die beobachtete Retraditionalisierung der Verhaltensweisen nicht den Absichten der Partner entspricht; sie ist also anderen Faktoren zuzuschreiben. Um welche es sich handelt, klären wir in einem dritten Schritt.

Die Retraditionalisierung hängt von der Sozialpolitik ab

Für diese Abklärung wurde eine vergleichende Analyse der internationalen Daten des European Social Survey von 2004 durchgeführt (Bühlmann et al., 2016). Die Autoren vergleichen die Schweiz mit zwanzig anderen europäischen Ländern hinsichtlich derselben Wert/Praxis-Konstellationen und ihrer Veränderung in den frühen Familienphasen. Sie finden, dass

1. das Kippen der Paare in die Geschlechterungleichheit bei der Geburt ihres ersten Kindes durch die Verfügbarkeit von finanzierbaren und ausreichenden ausserfamiliären Betreuungseinrichtungen für Kleinkinder verringert wird, und dass

2. die Rückkehr zur egalitären Erwerbsbeteiligung (wenn die Kinder ins Schulalter kommen) durch ausgedehnte, gesetzlich geregelte Elternurlaube erleichtert wird.

Bühlmann et al. (2016) benützen Esping-Andersens (1999) Sozialstaatstypologie und zeigen, dass zwei entgegengesetzte Verlaufstypen unterschiedlichen Sozialstaatstypen entsprechen, weil sie stark von den Sozialpolitiken in den verglichenen Ländern abhängig sind. Die sozialdemokratischen Sozialstaatsregimes (Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden) stehen den liberalen Regimes gegenüber (Grossbritannien, Irland, Holland und Schweiz). In beiden Fällen finden die Paare nach einiger Zeit wieder zu einer kohärenten Wert/Praxis-Konstellation, spätestens nachdem ihre Kinder das Schulalter erreichen. Doch in sozialdemokratischen Sozialstaaten stellt sich diese neugefundene Kohärenz am egalitären Pol ein, in den liberalen am geschlechterdifferenten. Mit anderen Worten: in Sozialstaatsregimen, deren Massnahmen auf Gendergleichheit ausgerichtet sind, können die meisten Paare nach einer vorübergehenden Retraditionalisierung ihrer Arbeitsteilung zu ihrer ursprünglichen egalitären Wert/Praxis-Konhärenz zurückkehren, während sie in liberalen Sozialstaatsregimen ihre Werte an die andauernde, offenbar nur schwer veränderbare geschlechterdifferente Praxis anpassen müssen.

Dieselben Forscher haben eine analoge Analyse auch auf der Ebene der schweizerischen Mikroregionen (MS)[6] anhand der Daten des Schweizer Haushalt-Panels durchgeführt. Ihre Resultate bestätigen, dass der Übergang zur Elternschaft der Hauptauslöser der Retraditionalisierung der familialen Arbeitsteilung ist und dass sich dabei zuerst die Praxis verändert (bei der Geburt), und anschliessend, mit einer Verzögerung von rund drei Jahren, die Anpassung der Werte erfolgt (Bühlmann et al., 2016, S. 274-275). Sie zeigen auch, dass die Entwicklung der Betreuungseinrichtungen in den 106 MS-Regionen sehr ungleich ist, vor allem entlang der Achse Stadt-Land (vgl. auch Gärtner, 2009), und dass das Angebot solcher Strukturen eine zentrale Rolle spielt beim Umgang mit der Veränderung, welche die Ankunft des ersten Kindes für die Paare mit sich bringt. Nach ihren Resultaten ist das Risiko der Paare, beim Übergang zur Elternschaft von einer kohärent egalitären Konstellation in eine inkohärente Konstellation des Typs geschlechterdifferente Praxis/egalitäre Werte zu geraten, wesentlich kleiner, wenn sie in einer MS-Region mit gut entwickeltem Angebot an Betreuungseinrichtungen leben (S. 277). Sie stellen auch fest, dass Paare, die bereits vor diesem Übergang eine kohärent geschlechterdifferente Konstellation aufweisen, vor allem wenig qualifizierte Berufe haben.

Es zeigt sich somit, dass das institutionelle Umfeld der jungen Paare ihre Möglichkeiten, mit dem Übergang zur Elternschaft umzugehen, massgebend beeinflusst und seinerseits durch das sozio-politische Profil des regionalen Kontexts beeinflusst ist. Der institutionelle Kontext gibt den strukturellen Rahmen vor, welcher die konkreten Optionen der Paare zwischen einem egalitären oder traditionell geschlechterdifferenten Funktionieren bestimmt, und dies unabhängig von ihren Absichten oder Werten.

Langfristige Auswirkungen

Die Auswirkungen der Geschlechterdifferenzierung entwickeln sich auf lange Frist, biographisch wie auch historisch gesehen; ihre verschiedenen Formen folgen oft einer kumulativen Logik. Hinsichtlich der frühen Kindheit ist vor allem an die Vorbildwirkung der Eltern zu denken. Die Eltern wirken nicht als fernes Ideal, sondern leben Verhaltensweisen vor, die für ihre Kinder als selbstverständlich und insofern «normal» gelten; das gilt besonders für die Geschlechterdifferenziertheit dieser Verhaltensweisen. In der Adoleszenz wird die geschlechtsspezifische Verzweigung der Lebensläufe vorwegnehmend schon vor dem Eintritt ins Erwachsenenalter vorbereitet, besonders in Form der meist geschlechtstypisierten Berufswahl. Viele weiblich typisierte Berufe erleichtern Teilzeitarbeit und Unterbrechungen mit späterer Rückkehr (Gianettoni et al., 2015), gewähren aber weniger Aufstiegsmöglichkeiten und Entwicklungs­potential. Hinsichtlich des Erwachsenenalters haben die Berufsunterbrechungen und Phasen von Teilzeitarbeit Langzeitwirkungen, die sich in vielen weiblichen Lebensläufen zeigen.

So entwickeln sich die Unterschiede nach Geschlecht schrittweise im Verlauf der männlichen und weiblichen Biographien, so dass es schliesslich auch zu einer benachteiligten Situation der Frauen im System der Altersvorsorge führt, bis hin zum Fehlen von Ansprüchen in der zweiten und dritten Säule für wesentlich mehr Frauen als Männer (Grafik 8).

Praktische Schlussfolgerungen

Die vorgelegten Analysen belegen, dass die Unterschiede in den Erwerbsbiografien von Männern und Frauen in der Schweiz stark durch die fehlende Verwirklichung entscheidender Gleichstellungsmass­nahmen verursacht wird. Vor allem die Einführung eines gut konzipierten, nicht geschlechterdifferenten Elternurlaubes und die Förderung familienexterner Betreuungseinrichtungen für Kinder im Vorschul- und Schulalter sind zentral. Deren Wirksamkeit hängt von ihrer leichten Zugänglichkeit ab, in finanzieller, aber auch in geographischer und stundenplanmässiger Hinsicht. Ohne solche Massnahmen wirkt die Familie weiterhin als Drehscheibe geschlechterdifferenter Zwänge mit Auswirkungen nicht nur auf die Partner im Paar, sondern ebenso auf ihre Kinder, die dadurch, dass sie in mehr oder weniger traditionell organisierten Familien aufwachsen, selbst eine geschlechterdifferente Identität und entsprechende Berufspräferenzen entwickeln. Und nicht zuletzt auf die Grosseltern, die unter solchen Umständen als kostengünstige Betreuungsform zur Unterstützung der Eltern mobilisiert werden, um deren Erwerbs­tätigkeit – vor allem jene der Mutter – zu erleichtern. Die Übertragung von Geschlechterungleichheiten auf die nächste Generation hängt also wesentlich ab von der gegenwärtigen Familienorganisation und ihrer gesamtgesellschaftlichen Abstützung.

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[1] Mit « geschlechterdifferent » ist hier nicht nur die Andersartigkeit gemeint, sondern auch die darin eingeschlossene Schlechterstellung der Frauen.

[2] Anzufügen ist, dass Kohli (1985) keine lineare und zeitlich unbegrenzte Standardisierung postuliert, sondern nur deren Zunahme während der vergangenen zwei oder drei Jahrhunderte. Seine historische Rekonstruktion ist durchaus mit der Idee vereinbar, dass diese Standardisierung in der Mitte des 20. Jahrhunderts ein Maximum erreicht hat und seither wieder zurückgeht, ohne sich schon völlig aufgelöst zu haben.

[3] Die Grafiken 1 bis 6 entstammen Levy et al. (2006). Jede wiedergibt das zeitliche Profil eines Verlaufstyps (siehe auch das Kästchen).

[4] Die Einzelheiten der Stichprobenbildung und andere Aspekte der Realisierung dieser komplexen Studie sind im Anhang des Bandes von Le Goff et Levy (2016) dokumentiert.

[5] Daten von Devenir parent, Bühlmann et al. 2016 (S. 278-279).

[6] Es handelt sich um die 106 MS-Regionen, die das Bundesamt für Statistik vor allem aufgrund der Muster räumlicher Mobilität unterscheidet (Joye und Schuler, 1995). Als Indikator für den Ausbaugrad der Betreuungseinrichtungen in jeder MS-Region steht die Zahl der Stellen (Vollzeitäquivalente) in solchen Einrichtungen auf 1000 Einwohner (Grundlage: Eidgenössische Betriebserhebung 2001).

Annexe

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Bibliographie

Beck, U. und Beck-Gernsheim, E. (1990). Das ganz normale Chaos der Liebe. Suhrkamp, Frankfurt/Main.

Becker-Schmidt, R. (1987). Die doppelte Vergesellschaftung – die doppelte Unterdrückung: Besonderheiten der Frauenforschung in den Sozialwissenschaften. in: Unterkirchner, L. et Wagner, I. (Hrsg.), Die andere Hälfte der Gesellschaft. Soziologische Befunde zu geschlechtsspezifischen Formen der Lebensbewältigung. Österreichischer Soziologentag 1985. Verlag des österreichischen Gewerkschaftsbundes, Wien.

Bühlmann, F., Elcheroth, G. und Tettamanti, M. (2016). Le premier enfant en contexte – institutionnalisation du conflit? in: Le Goff, J.-M. et Levy, R. (dir.). Devenir parents, devenir inégaux. Transition à la parentalité et inégalités de genre. Seismo, Zurich, 262-284.

Esping-Andersen, G. (1999). Social Foundations of Postindustrial Economics. Oxford University Press, New York.

Gärtner, L. (2009). Familienergänzende Kinderbetreuung – die Rolle des Bundes, der Kantone und der Gemeinden. in: Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (Hrsg.), Familienergänzende Betreuung, Erziehung und Bildung von Kindern – ein Generationenprojekt in privater und staatlicher Verantwortung. Bern,

Gianettoni, L., Carvalho Arruda, C., Gauthier, J.-A., Gross, D. und Joye, D. (2015). Aspirations professionnelles des jeunes en Suisse: rôles sexués et conciliation travail/famille. Social Change in Switzerland 3.

Joye, D. und Schuler, M. (1995). Sozialstruktur der Schweiz. Sozio-professionelle Kategorien. Bundesamt für Statistik, Bern.

Kohli, M. (1985). Die Institutionalisierung des Lebenslaufs. Historische Befunde und theoretische Argumente. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 37(1), 1-29.

Krüger, H. et Levy, R. (2000). Masterstatus, Familie und Geschlecht. Vergessene Verknüpfungslogiken zwi­schen Institutionen des Lebenslaufs. Berliner Jour­nal für Soziologie 10(3), 379-401.

Le Goff, J.-M. und Levy, R. (dir., 2016). Devenir parents, devenir inégaux. Transition à la parentalité et inégalités de genre. Seismo, Zurich.

Levy, R. (1977). Der Lebenslauf als Statusbiographie. Die weibliche Normalbiographie in ma­kro-so­ziologischer Perspektive. Enke, Stuttgart.

Levy, R. und Widmer, E. D. (dir., 2013). Gendered life courses between individualization and standardization – A European approach applied to Switzerland. LIT Verlag, Wien.

Levy, R., Gauthier, J.-A. und Widmer, E. (2006). Entre contraintes institution­nelle et domestique : les parcours de vie masculins et féminins en Suisse. Cahiers canadiens de sociologie 31(4), 461-489.

Widmer, E., Levy, R., Pollien, A., Ham­mer, R. und Gauthier, J.-A. (2003). Entre standardisation, individualisation et sexuation : une analyse des trajectoires personnelles en Suisse. Revue suisse de sociologie 29(1), 35-67.



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