Die Entwicklung der Berufswünsche von jungen Frauen und Männern in der Schweiz

N°23, Oktober 2020
Irene Kriesi, Ariane Basler , Eidgenössisches Hochschulinstitut für Berufsbildung EHB

October 12, 2020
How to cite this article:

I. Kriesi & A. Basler (2020). Die Entwicklung der Berufswünsche von jungen Frauen und Männern in der Schweiz. Social Change in Switzerland, N°23. doi: 10.22019/SC-2020-00006

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Zusammenfassung

Die Entwicklung von Berufswünschen ist ein wichtiger Schritt im Jugendalter. Berufliche Ziele dienen als Wegweiser für den Bildungsverlauf und beeinflussen die berufliche Position im Erwachsenenalter. Dieser Beitrag untersucht, wie sich der Status der Wunschberufe von Jugendlichen zwischen 15 und 21 Jahren verändert und welche Rolle der Ausbildungstyp auf Sekundarstufe II, die soziale Herkunft und das Geschlecht spielen. Die Analysen anhand des Schweizerischen Kinder- und Jugendsurvey COCON zeigen, dass Jugendliche ihre beruflichen Ziele schon früh den Möglichkeiten anpassen, die sie aufgrund ihrer Schullaufbahn als erreichbar wahrnehmen. Angehende Gymnasiastinnen und Gymnasiasten stecken ihre beruflichen Ziele höher als Berufslernende. Die Unterschiede verringern sich bis 21 Jahre, bleiben aber bestehen. Die beruflichen Aspirationen hängen auch mit dem Geschlecht zusammen. Junge Männer stecken ihre Berufsziele höher als junge Frauen. Dies dürfte dazu beitragen, dass junge Frauen trotz grösserem Schulerfolg im Arbeitsmarkt das Nachsehen haben.


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Einleitung

Die Entwicklung beruflicher Aspirationen und Ziele ist eine wichtige Aufgabe im Jugendalter. Jugendliche mit klaren beruflichen Zielen können sich leichter für eine bestimmte Ausbildung entscheiden und sie sind motivierter, diese erfolgreich abzuschliessen. Berufliche Aspirationen gehören zudem zu den wichtigsten Bestimmungsgründen für den später erreichten Berufsstatus.

Berufliche Aspirationen können nach inhaltlichen Merkmalen wie der Art der gewünschten Tätigkeit definiert werden – oder nach Aspekten des sozialen Status und der Verdienstmöglichkeiten, die ein Beruf bietet. Unser Beitrag konzentriert sich auf die zweite Dimension und untersucht den Berufsstatus der Wunschberufe von Jugendlichen. Er bezieht sich auf die soziale Wertschätzung die einem Beruf entgegengebracht wird und ist eng mit der sozialen Position der Berufsausübenden verknüpft. Berufe mit hohem Status sind prestigereich, gut bezahlt und führen zu gesellschaftlichem Einfluss, während Berufe mit tiefem sozialem Status und geringem Prestige mit sozialer Benachteiligung verknüpft sind (Weeden 2002).

Der vorliegende Artikel untersucht, wie sich die Wunschberufe und deren sozio-ökonomischer Status der Jugendlichen zwischen 15 und 21 Jahren entwickeln und welche Faktoren sie beeinflussen. Im Besonderen interessiert, welche Rolle die Schul- und Ausbildungslaufbahn für die Entwicklung beruflicher Aspirationen spielt (siehe Basler & Kriesi 2019). Diese Frage ist für die Schweiz besonders relevant, weil das Bildungssystem ab der Sekundarstufe sehr stark differenziert und stratifiziert ist (Buchmann et al. 2016). Sowohl die Sekundarstufe I als auch die Sekundarstufe II sind in verschiedene Ausbildungstypen unterteilt, die sich nach dem Anforderungsniveau und den schulischen Anschlussmöglichkeiten unterscheiden. Die Kinder werden in den meisten Kantonen bereits im Alter von 11 oder 12 Jahren einem Sekundarschultyp zugeteilt, der ihre weitere Bildungslaufbahn prägt. In der nachobligatorischen Sekundarstufe II treten die Jugendlichen entweder in eine allgemeinbildende Ausbildung oder in eine berufliche Grundbildung ein, die in über 200 Ausbildungsberufe unterteilt ist und sich nach dem Anforderungsniveau unterscheidet. Es ist naheliegend, dass die Platzierung innerhalb des Ausbildungssystems und die Entwicklung beruflicher Aspirationen eng miteinander verknüpft sind.

Die Literatur zur Entwicklung beruflicher Aspirationen

Die Berufswünsche von Jugendlichen in der Schweiz sind schon öfters untersucht worden, wobei die meisten Studien auf einer Momentaufnahme beruhen und sich auf ein bestimmtes Alter oder ein Schuljahr beziehen. So haben eine Reihe von Studien gezeigt, dass sich die Mehrheit der Jugendlichen einen geschlechtstypischen Beruf wünscht (Becker & Glauser 2015; Buchmann & Kriesi, 2012; Gianettoni 2015; Guilley et al. 2019). Darüber hinaus werden die Berufswünsche von Interessen, Persönlichkeitsmerkmalen, dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Werten und dem besuchten Sekundarschultyp beeinflusst (Herzog, Neuenschwander & Wannack 2006; Hirschi 2010). Die wenigen Studien, welche die Entwicklung von Aspirationen untersuchen, beziehen sich auf Länder wie die USA oder Grossbritannien, die ein anderes Schulsystem aufweisen als die Schweiz. In diesen Ländern haben Jugendliche oft hohe berufliche Aspirationen, die über die Zeit entweder recht stabil bleiben oder von einem Teil der Jugendlichen bezüglich des angestrebten Berufsstatus gesenkt werden (Furlong & Biggart 1999; Lee & Rojewski 2009; Shapka, Domene & Keating 2006). Für die Schweiz und Deutschland ist bekannt, dass Jugendliche ihre beruflichen Aspirationen bis zum Alter von etwa 15 Jahren den Möglichkeiten angepasst haben, die ihnen aufgrund des Anforderungsniveaus des besuchten Sekundarschultyps offen stehen (Heckhausen & Tomasik 2002; Hirschi 2010; Hirschi & Vondracek 2009; Tomasik, Hardy, Haase & Heckhausen 2009). Noch kaum untersucht ist hingegen, wie sich die beruflichen Aspirationen von Jugendlichen nach dem Eintritt in die Sekundarschule weiterentwickeln und welche Rolle die nachobligatorische Ausbildung auf Sekundarstufe II und damit die Platzierung innerhalb der Berufsbildung oder in einer Mittelschule spielt.

Aus einer soziologischen Perspektive hängt die Höhe beruflicher Aspirationen von der sozialen Herkunft und von den Schulleistungen der Jugendlichen ab. Sozio-ökonomisch gut gestellte Eltern, die in der Regel auch hohe Bildungsabschlüsse haben, können ihre Kinder schulisch besser unterstützen und wünschen sich für ihre Kinder anspruchsvollere Schulabschlüsse und statushöhere Berufe als sozio-ökonomisch schlechter gestellte Eltern. Folglich erbringen Kinder aus gut gestellten Elternhäusern im Durchschnitt bessere Schulleistungen, besuchen anspruchsvollere Schultypen und entwickeln höhere Aspirationen (Kriesi & Leemann 2020).

Im Schweizerischen Bildungssystem kommt dem Sekundarschultyp besondere Bedeutung zu. Kinder werden schon früh verschiedenen Leistungsniveaus zugeteilt. Das Leistungsniveau des besuchten Sekundarschultyps beeinflusst sowohl die Zugangschancen zum Gymnasium als auch die Auswahl an Ausbildungsberufen, die für Jugendliche in der beruflichen Grundbildung zugänglich sind. Die gewählte berufliche Grundbildung, Fachmittelschule oder gymnasiale Mittelschule bestimmen wiederum, welche weiterführenden Ausbildungen und Berufe problemlos erreichbar sind (Buchmann et al. 2016). Jugendliche nehmen wahr, welche sozialen Rollen und Positionen mit der Platzierung im Bildungssystem einhergehen und welche Möglichkeiten ihnen offenstehen. Folglich passen sie ihre beruflichen Aspirationen den wahrgenommenen Möglichkeiten an (Heckhausen & Buchmann 2018). Gleichzeitig sind sie aber auch aufgefordert, ihre beruflichen Ziele innerhalb der Optionen, die als realistisch definiert werden, möglichst hoch zu stecken und den erreichbaren sozialen Status zu optimieren (Tomasik et al. 2009).

Die Entwicklung beruflicher Ziele ist ein dynamischer Prozess, und Wunschberufe können sich über die Zeit verändern. Heckhausen (2002) postuliert, dass sich der Prozess der beruflichen Zielsetzung vor und nach wichtigen Übergängen im Ausbildungsverlauf unterscheidet. Vor einem Übergang, beispielsweise in die Berufslehre oder Mittelschule, stecken Jugendliche ihre beruflichen Ziele innerhalb der als erreichbar wahrgenommenen Optionen möglichst hoch. Wurde der Übergang nicht erfolgreich gemeistert – beispielsweise, weil Jugendliche keine Lehrstelle im Wunschberuf gefunden haben – werden Kompromisse gemacht und die Aspirationen gesenkt. Erfolgreiche Übergänge stärken hingegen die Handlungsressourcen Jugendlicher und verändern ihren sozialen Erfahrungsraum (Tomasik et al. 2009). Dies schafft günstige Voraussetzungen, um die beruflichen Statuswünsche beizubehalten oder sogar zu erhöhen. Davon dürften vor allem Jugendliche profitieren, die einen Sekundarschultyp mit Grundanforderungen und eine Berufslehre mit eher tiefem oder mittlerem Anforderungsniveau absolviert haben. Der Kontakt mit der Arbeitswelt und ein erfolgreicher Ausbildungsabschluss erweitern die Perspektive und rücken die beruflichen Möglichkeiten ins Bewusstsein, welche oft auch an die Absolvierung einer weiteren Ausbildung auf Tertiärstufe geknüpft sind (Basler & Kriesi 2019).

Daten und Analysemethode

Wir verwenden Daten des Kinder- und Jugendsurvey COCON[1]. Diese interdisziplinäre Längsschnittstudie untersucht die sozialen Bedingungen, die psychosoziale Entwicklung und die Bildungsverläufe von Kindern und Jugendlichen aus einer Lebenslaufperspektive. Sie ist repräsentativ für die deutsch- und französischsprachige Schweiz und umfasst drei Kohorten, die 1984/85, 1990/91 und 1999/2000 geboren wurden. Neben den Kindern und Jugendlichen selber sind auch die Eltern und Lehrpersonen befragt worden.

Für unsere Analysen haben wir die Daten der Jugendlichen benutzt, die zwischen September 1990 und April 1991 geboren wurden. Sie wurden im Jahr 2006 im Alter von 15 Jahren vor Abschluss der obligatorischen Schule das erste Mal anhand von persönlichen Interviews befragt. Die Folgebefragungen haben in den Jahren 2007, 2009 und 2012 stattgefunden, als die Jugendlichen 16, 18 und 21 Jahre alt waren. Für die Analysen stützen wir uns auf 1011 Jugendliche, die bis zum Alter von 18 Jahren mit einer nachobligatorischen Ausbildung begonnen und für die wir Informationen zum Wunschberuf haben. In jeder Befragungswelle sind die Jugendlichen gefragt worden, welchen Beruf sie erlernen würden, wenn sie frei wählen könnten. Die Berufsnennungen sind nach der Schweizer Berufsnomenklatur 2000 des Bundesamtes für Statistik (SBN 2000) codiert worden.

Für die Bestimmung des sozialen Status der Berufswünsche stützen wir uns auf den sozio-ökonomischen Berufsstatusindex ISEI (Ganzeboom, De Graaf & Treiman 1992). Der Index verortet die Berufe auf einem Kontinuum zwischen 16 und 90 Punkten, wobei Berufe mit tiefem Status – beispielsweise Erntehelfer –  eine geringe Punktzahl und solche mit hohem sozialem Status – beispielsweise Ärzte – eine hohe Punktezahl erhalten. Die Verortung eines Berufes auf diesem Kontinuum hängt von der Höhe der benötigten Ausbildung und vom Einkommen ab, das in diesem Beruf erzielt werden kann.

Um die Frage zu beantworten, ob die Entwicklung beruflicher Aspirationen mit der Schul- und Ausbildungslaufbahn sowie anderen möglichen Einflussgrössen zusammenhängt, haben wir lineare Mehrebenenmodelle mit Messwiederholung geschätzt.[2]

Seitens der möglichen Einflussgrössen stehen der besuchte Sekundarschultyp und Typ der nachobligatorischen Ausbildung im Zentrum. Wir unterscheiden zwischen Sekundarschultypen mit umfassenden Anforderungen (bspw. Langzeitgymnasium, Progymnasium), erweiterten Anforderungen (bspw. Typ E), Grundanforderungen (bspw. Typ C, Oberschule) sowie dem ungegliederten Typ, welcher nicht nach Leistungsniveaus unterscheidet (bspw. cycle d’orientation).[3] Bei der ersten nach-obligatorischen Ausbildung unterscheiden wir zwischen beruflichen Grundbildungen (BGB) mit tiefem oder mittlerem intellektuellem Anforderungsniveau (siehe Stalder 2011, Niveaus 1-4), beruflichen Grundbildungen mit hohem intellektuellem Anforderungsniveau (Stalder 2011, Niveaus 5-6), der Fachmittelschule sowie dem Gymnasium.

Im Weiteren kontrollieren die Modelle den Bildungsstand der Eltern (mindestens ein Elternteil Tertiärausbildung ja/nein), die Schulleistungen am Ende der Sekundarschule (Durchschnitt der Mathematik und Deutsch- bzw. Französischnote), die kognitiven Grundfähigkeiten, das Geschlecht, den Migrationshintergrund und den Erwerbsstatus im Alter von 21 Jahren.

Wunschberufe im Alter von 15 und 21 Jahren

Abbildung 1 stellt die zehn häufigsten Wunschberufe junger Frauen und Männer und den Berufsstatus im Alter von 15 und 21 Jahren dar. Junge Frauen wollen am Ende der obligatorischen Schulzeit am liebsten kaufmännische Angestellte werden. Danach folgen die Berufe Ärztin, Kleinkindererzieherin, Fachfrau Gesundheit, Primarlehrerin, Kindergärtnerin, Rechtsanwältin, Detailhandelsangestellte, Modedesignerin und Tierärztin. Obwohl sich die Reihenfolge dieser zehn Berufe später ändert, gehören sieben davon auch im Alter von 21 Jahren zu den bevorzugten Berufen junger Frauen. Neu kommen mit 21 Jahren Physiotherapeutin, Polizistin und Innenarchitektin dazu. Kaufmännische Angestellte, Detailhandelsangestellte und Tierärztin verschwinden hingegen aus den Top Ten.

Junge Männer wollen mit 15 Jahren am häufigsten Informatiker, Profisportler, Automechaniker, kaufmännischer Angestellter oder Rechtsanwalt werden. Auch Koch, Architekt, Elektromonteur, Schreiner oder Pilot stehen hoch im Kurs. Sechs Jahre später haben sich die häufigsten Aspirationen verändert und erhöht. Anstatt der eher statustiefen Lehrberufe wünschen sich junge Männer nun häufiger die prestigereicheren Berufe Manager, Primarlehrer, Ingenieur, Polizist, Sportlehrer oder Arzt.

Dass sich Jugendliche, und vor allem junge Männer, mit 21 Jahren eher statushöhere Berufe wünschen als mit 15 Jahren, macht auch Abbildung 2 deutlich. Sie zeigt die Entwicklung des durchschnittlichen sozialen Status der Wunschberufe für Frauen und Männer. Junge Männer haben ab etwa 18 Jahren deutlich höhere Berufsaspirationen als junge Frauen (+ 3.4 Punkte). Im Alter von 15 Jahren war dieser Unterschied noch weniger ausgeprägt, obwohl der durchschnittliche Status der Wunschberufe junger Frauen schon in diesem Alter mit 1.75 Punkten unter demjenigen gleichaltriger Knaben lag.

 

Die Art der nachobligatorischen Ausbildung ist entscheidend

Die Entwicklung beruflicher Statusaspirationen ist eng mit der Art der postobligatorischen Ausbildung verknüpft, wie Abbildung 3 verdeutlicht. Jugendliche, die nach der obligatorischen Schule in eine berufliche Grundbildung mit tiefem oder mittlerem Anforderungsniveau eintreten, wünschen sich während der ganzen Beobachtungsphase Berufe mit deutlich tieferem sozialem Status als Jugendliche, die das Gymnasium absolvieren. Wechseln Jugendliche nach dem Eintritt in der Sekundarstufe II in einen Ausbildungstyp mit tieferen Anforderungen – beispielsweise vom Gymnasium in eine Berufslehre – passen sie ihre Berufswünsche an und senken die Aspirationen.

Die Aspirationsunterschiede verringern sich zwischen den drei Ausbildungsgruppen mit zunehmendem Alter. Mit 15 Jahren betrug der durchschnittliche Unterschied zwischen angehenden Gymnasiastinnen und Gymnasiasten einerseits und Berufsschülerinnen und –schülern in Ausbildungen mit tiefem/mittlerem Anforderungsniveau andererseits 18 Statuspunkte. Sechs Jahre später hat sich der Unterschied auf 12 Punkte verkleinert. Dies hängt damit zusammen, dass Gymnasiastinnen und Gymnasiasten ihre Statusaspirationen im Durchschnitt leicht senken, während Absolvierende, die eine Berufsausbildung begonnen haben – und besonders junge Männer aus Lehrberufen mit tiefen und mittleren Anforderungen – ihre beruflichen Ziele deutlich erhöhen. Ein möglicher Grund für diese unterschiedliche Entwicklung besteht darin, dass Gymnasiastinnen und Gymnasiasten erst mit etwa 18 Jahren berufliche Ausbildungsentscheide fällen müssen und deshalb in diesem Alter realistischer werden. Lernende in beruflichen Grundbildungen sammeln nach dem Eintritt in die Berufsausbildung wertvolle Erfahrung und erweitern ihr Wissen über weitere Ausbildungsmöglichkeiten, die mit ihrer Berufsausbildung gut zugänglich sind.

Abbildungen 4 und 5 illustrieren die Entwicklung der Statusaspirationen anhand der fünf häufigsten Wunschberufe von jungen Frauen und Männern mit unterschiedlichen Ausbildungstypen. Langzeitgymnasiastinnen und angehende Kurzzeitgymnasiastinnen möchten im Alter von 15 am häufigsten Ärztin oder Tierärztin, Rechtsanwältin, Primarlehrerin oder Physiotherapeutin werden. Sechs Jahre später gehören Physiotherapeutin und Tierärztin nicht mehr zu den fünf häufigsten Wunschberufen, dafür kommen die statushohen Berufe Apothekerin und Psychologin dazu.

Junge Frauen, die in eine anforderungsreiche Berufsausbildung oder eine Fachmittelschule übertreten, haben etwas statustiefere Berufswünsche als angehende Gymnasiastinnen. Sie geben als häufigste Wunschberufe kaufmännische Angestellte, Kindergärtnerin, Modedesignerin, Primarlehrerin und Fachfrau Gesundheit an. Sechs Jahre später kommen Ärztin und Sozialarbeiterin dazu.

Schülerinnen, die eine berufliche Grundbildung mit tiefen oder mittleren Anforderungen beginnen, haben deutlich tiefere Statusaspirationen als die beiden anderen Gruppen. Sie nennen als Wunschziele Fachfrau Gesundheit, Detailhandelsangestellte, Kleinkindererzieherin, medizinische Praxisassistentin oder Floristin. Sechs Jahre später dominieren neben den eher statustiefen Berufen Coiffeuse, Kosmetikerin und Fachfrau Gesundheit die statushöheren Wunschberufe Polizistin und Ärztin.

Bei den Männern wünschen sich angehende Maturanden unabhängig von ihrem Alter eher statushohe Berufe, die mehrheitlich eine Matura erfordern. Mit 15 Jahren gehören Profisportler, Rechtsanwalt, Architekt, Informatiker oder Ingenieur zu den bevorzugten Berufen. Im Alter von 21 Jahren wird die Liste von den Berufen Pilot, Arzt und Musiker angeführt (siehe Abbildung 5). Junge Männer, die in eine berufliche Grundbildung mit hohen Anforderungen eintreten, streben neben dem Beruf des Informatikers etwas statushöhere Lehrberufe wie kaufmännischer Angestellter, Chemielaborant oder Hochbauzeichner an. Sechs Jahre später stecken sie ihre Ziele deutlich höher und möchten, ähnlich wie die Gymnasiasten, häufig Pilot oder Architekt werden. Auch Informatiker oder Industriedesigner wird oft gewünscht. Junge Männer, die in eine berufliche Grundbildung mit tiefen oder mittleren Anforderungen eintreten werden, möchten mit 15 Jahren am häufigsten Informatiker werden oder einen eher statustiefen Handwerksberuf ergreifen. Mit 21 Jahren wünschen sie sich Berufe mit deutlich höherem Status, wie beispielsweise Pilot, Polizist, Profisportler, Techniker oder Manager.

Neben dem Geschlecht und dem Ausbildungstyp der Sekundarstufe II spielen auch Schulleistungen, das Anforderungsniveau des Sekundarschultyps und die soziale Herkunft eine Rolle für Statusaspirationen. Jugendliche, die in der Sekundarschule gute Noten hatten und ein Schulniveau mit hohen Anforderungen besucht haben, wünschen sich unabhängig vom weiteren Bildungsverlauf statushöhere Berufe als Jugendliche mit schlechteren Noten und aus Sekundarschultypen mit geringeren Anforderungen.

Auch die soziale Herkunft in Form der elterlichen Bildung ist prägend. Jugendliche, deren Eltern über einen tertiären Bildungsabschluss verfügen, wünschen sich – auch bei vergleichbarem Schultyp und vergleichbaren Schulleistungen – Berufe mit etwas höherem Status als Jugendliche, deren Eltern höchstens die Sekundarstufe II abgeschlossen haben. Eine hohe Bildung der Eltern führt also dazu, dass sich die Jugendlichen höhere berufliche Ziele setzen.

Schlussfolgerungen

Zusammenfassend zeigen unsere Ergebnisse, dass die beruflichen Statusaspirationen Jugendlicher stark mit der Schullaufbahn und dem Geschlecht zusammenhängen. Junge Frauen stecken ihre beruflichen Ziele weniger hoch als junge Männer. Dies dürfte dazu beitragen, dass junge Frauen – trotz grösserem Schulerfolg – im Arbeitsmarkt schnell ins Hintertreffen geraten und von ihren gleichaltrigen Kollegen bezüglich der Berufsposition und dem Einkommen überflügelt werden (Bertschy 2016; Combet & Oesch 2019; Grønning, Kriesi & Sacchi 2020).

Bedeutend ist zudem der Befund, wonach die Einteilung in einen Sekundarschultyp mit eher tiefem Leistungsniveau und der Eintritt in eine berufliche Grundbildung mit tiefen oder mittleren Anforderungen mit viel bescheideneren Statusaspirationen einhergehen als die Einteilung in einen Sekundarschultyp mit hohem Leistungsniveau und der Eintritt ins Gymnasium. Das bedeutet mit anderen Worten, dass Jugendliche ihre beruflichen Ziele schon früh den Möglichkeiten anpassen, die sie aufgrund ihrer Schullaufbahn als erreichbar wahrnehmen. Denkbar wäre auch, dass berufliche Aspirationen die Wahl des Sekundarschultyps beeinflussen. Wir erachten dies aber als wenig wahrscheinlich. Die Einteilung in die Sekundarstufe I erfolgt in den meisten Kantonen bereits im Alter von 11 oder 12 Jahren und wird stark von den Schulnoten gesteuert (Buchmann et al. 2016). In diesem Alter sind die Berufswünsche von Kindern noch vage und wenig realitätsbezogen. Plausibel ist hingegen die Interpretation, wonach Jugendliche, die in Ausbildungstypen mit tiefen schulischen Anforderungen eingeteilt werden, die zugänglichen statustiefen Ausbildungsberufe als Referenzpunkt für die Entwicklung der beruflichen Ziele nutzen. Erst der erfolgreiche Eintritt in eine Berufsausbildung und die damit verknüpften neuen Erfahrungen ermöglichen es den Jugendlichen, ihre beruflichen Ziele neu zu definieren und deutlich höherzustecken. Ob diese erreicht werden können, hängt von der Durchlässigkeit des Bildungssystems ab.

Die Schaffung der Berufsmaturität und der Fachhochschulen in den 1990er Jahren hat die vertikale Durchlässigkeit von der Berufsbildung in die Hochschulen deutlich verbessert. Die Hürden an die Hochschulen, aber auch in die höhere Berufsbildung, sind für einen Teil der Lernenden im Berufsbildungssystem aber immer noch beträchtlich (Kriesi & Leemann 2020; Trede et al. 2020; Sander & Kriesi in Druck). Dies lässt vermuten, dass ein Teil der Jugendlichen aufgrund institutioneller Barrieren wenig Möglichkeiten hat, ihre im Laufe der Erstausbildung gestiegenen beruflichen Aspirationen zu verwirklichen. Ein Abbau dieser Barrieren könnte deshalb dazu beitragen, die vom Bildungssystem geförderte frühe Selbstbeschränkung der Jugendlichen abzumildern und Richtungsänderungen in der Bildungs- und Berufslaufbahn zu vereinfachen.

[1]     Siehe https://www.jacobscenter.uzh.ch/de/research/cocon.html (letzter Zugriff am 5. Juni 2020).

[2]     Dieses regressionsanalytische Vorgehen ermöglich es, Veränderungen über die Zeit zu untersuchen. Zudem können wir mit dieser Methode die Bedeutung verschiedener Einflussgrössen gleichzeitig bestimmen. Die Modelle berücksichtigen die Befragungswelle auf der ersten und die befragten Jugendlichen auf der zweiten Ebene. Um die unterschiedliche Entwicklung der Aspirationen je nach Ausbildungstyp zu modellieren, haben wir Wachstumskurvenmodelle mit Zeitinteraktionen geschätzt.

[3]     Für eine detaillierte Übersicht über die Sekundarschulsysteme der einzelnen Kantone siehe https://www.edk.ch/dyn/12318.php (letzter Zugriff am 12.8.20).

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